Eine Hupe. Laut. Viel zu nah. Ren wollte die Augen öffnen, doch sein Körper reagierte nicht. Für einen kurzen Moment glaubte er, irgendwo ein Bellen zu hören. Erst leise, dann deutlicher. Das Geräusch vermischte sich mit dem Dröhnen der Hup
Eine Hupe.
Laut. Viel zu nah.
Ren wollte die Augen öffnen, doch sein Körper reagierte nicht.
Für einen kurzen Moment glaubte er, irgendwo ein Bellen zu hören. Erst leise, dann deutlicher. Das Geräusch vermischte sich mit dem Dröhnen der Hupe, bis er nicht mehr sagen konnte, was davon wirklich da war.
Dann war da nichts mehr.
Keine Hupe. Kein Bellen. Nur Stille.
Nein. Keine wirkliche Stille.
Blätter raschelten im Wind. Irgendwo zwitscherten Vögel, und etwas Kaltes strich über seine Wange.
Ren verzog das Gesicht. Sein Schädel brummte.
Was zum...?
Langsam öffnete er die Augen. Grelles Licht zwang ihn sofort dazu, sie wieder zusammenzukneifen. Erst beim zweiten Versuch gelang es ihm, sie offen zu halten.
Über ihm erstreckte sich ein strahlend blauer Himmel. Sonnenlicht fiel durch die Äste eines gewaltigen Baumes, dessen Blätter sich sanft im Wind bewegten.
Ren blinzelte. Einmal. Noch einmal.
Wo bin ich?
Er blieb liegen. Sein Blick folgte den Ästen über ihm, während sein Kopf verzweifelt versuchte, aus den wenigen Bildern irgendeinen Sinn zu ergeben.
Ein Himmel. Ein Baum. Gras unter seinem Rücken.
Das war definitiv keine Straße.
Ren riss die Augen auf.
Straße...?
Für einen Moment blitzte etwas in seinem Kopf auf.
Dunkelheit. Lichter. Eine Hupe.
Dann war es wieder weg.
Er presste eine Hand gegen seine Stirn.
„Was ist passiert...?"
Seine eigene Stimme klang seltsam laut in der ruhigen Umgebung.
Langsam richtete er sich auf. Erst jetzt sah er, wo er tatsächlich gelandet war.
Bäume.
Überall.
Dichtes Grün erstreckte sich in alle Richtungen. Zwischen den hohen Bäumen wuchsen Sträucher und kleinere Pflanzen, während das Sonnenlicht durch die Äste fiel. Von einer Straße, einem Gebäude oder auch nur einem anderen Menschen war nichts zu sehen.
„Ein Wald...?"
Einige Sekunden starrte Ren einfach nur vor sich hin.
Wie zur Hölle bin ich in einem Wald gelandet?
Er versuchte sich zu erinnern. Er war in einer Stadt gewesen. Daran bestand kein Zweifel. Menschen, Straßen, Lichter...
Und dann?
Wieder dieses grelle Licht.
Die Hupe.
Ren schüttelte den Kopf. Je mehr er versuchte, die einzelnen Bilder zusammenzusetzen, desto weniger schienen sie zusammenzupassen.
Okay. Erst mal ruhig bleiben.
Er setzte eine Hand auf den Boden und wollte aufstehen, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne.
Seine Kleidung.
Eine einfache dunkle Hose. Dazu ein schlichtes weißes Oberteil. Keine Jacke. Überhaupt sah nichts davon aus wie das, was er zuletzt getragen hatte.
„Was zum...?"
Er griff an seine Hosentasche.
Leer.
Die andere ebenfalls.
Diesmal tastete er beide Seiten hastiger ab.
„Mein Handy..."
Nichts.
Auch sein Geldbeutel war verschwunden.
Langsam richtete er sich vollständig auf und sah erneut an sich hinunter. Keine Tasche. Kein Rucksack. Nichts.
Dafür stellte er etwas anderes fest.
Keine Schmerzen.
Ren bewegte erst die Arme, dann die Beine. Er tastete seinen Oberkörper ab und fuhr sich über den Kopf. Keine Wunde. Kein Blut. Nicht einmal eine Schürfwunde. Bis auf das dumpfe Gefühl in seinem Schädel fühlte er sich vollkommen normal.
Was die Sache nicht gerade verständlicher machte.
Wurde ich überfallen?
Der Gedanke erschien ihm für einen Moment beinahe logisch. Jemand hatte ihm Handy und Geld abgenommen. Vielleicht hatte man ihn bewusstlos geschlagen und—
Er blickte um sich.
Mitten in einen Wald gebracht?
„Warum sollte jemand so etwas machen?"
Seine Stimme verlor sich zwischen den Bäumen.
Eine Entführung?
Aber warum sollte ein Entführer ihm andere Kleidung anziehen und ihn anschließend allein irgendwo liegen lassen? Und wenn er entführt worden war – warum war dann niemand hier?
Ren fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar.
„Okay..."
Er atmete tief durch.
„Keine Ahnung, wo ich bin. Keine Ahnung, wie ich hergekommen bin. Und ich hab nichts bei mir."
Ausgesprochen klang die Situation noch beschissener.
Für einige Sekunden stand er einfach nur da. Dann sah er nach oben. Zwischen den Baumkronen war noch immer der blaue Himmel zu erkennen. Die Sonne stand hoch genug, dass es vermutlich noch einige Stunden hell bleiben würde.
Herumstehen würde ihm keine Antworten liefern.
Irgendwo muss es doch eine Straße geben. Oder ein Haus. Irgendwas.
Er entschied sich für die Richtung, in der die Bäume etwas weniger dicht standen, und setzte sich in Bewegung.
Anfangs ging er langsam. Der Boden war uneben. Wurzeln zogen sich durch das Gras, niedrige Äste ragten zwischen den Bäumen hervor, und mehr als einmal musste er einem dichten Gebüsch ausweichen.
Je weiter er ging, desto mehr fiel ihm die Ruhe auf.
Nicht die unangenehme Art von Ruhe. Der Wald war alles andere als still. Vögel zwitscherten irgendwo zwischen den Bäumen, Blätter raschelten im Wind und in der Ferne knackte hin und wieder ein Ast. Geräusche, die Ren kannte – und trotzdem fühlte sich irgendetwas an diesem Ort fremd an.
Er konnte nur nicht sagen, was.
Unterwegs fielen ihm immer wieder Pflanzen auf, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Einige hatten ungewöhnlich breite Blätter, andere kleine Blüten in Farben, an die er sich nicht erinnern konnte.
Vor einer davon blieb er kurz stehen.
Ist die hier überhaupt ungewöhnlich?
Er betrachtete sie noch einen Moment. Wenn er ehrlich war, hätte er vermutlich auch in seiner alten Umgebung keine drei Pflanzen beim Namen nennen können.
Hilfreich.
Er ging weiter.
Nach einer Weile begann Ren sich zu fragen, wie groß dieser verdammte Wald eigentlich war. Er wusste nicht, wie lange er inzwischen unterwegs war. Lange genug jedenfalls, dass seine anfängliche Hoffnung, nach wenigen Minuten auf irgendein Zeichen von Zivilisation zu stoßen, langsam verschwand.
Dann blieb er stehen.
Zwischen den Bäumen vor ihm war etwas Helles zu erkennen.
Ren kniff die Augen zusammen.
War das—
Er setzte sich wieder in Bewegung. Diesmal schneller.
Mit jedem Schritt standen die Bäume weiter auseinander, bis er schließlich zwischen den letzten Stämmen hindurchsehen konnte.
Eine Straße.
„Endlich."
Er atmete erleichtert aus.
Sie war nicht asphaltiert und sah eher wie ein breiter, festgetretener Weg aus, aber das war ihm in diesem Moment vollkommen egal.
Eine Straße bedeutete Menschen.
Zumindest hoffte er das.
Ren wollte gerade auf sie zugehen, als sein Magen sich bemerkbar machte. Er blieb stehen und legte eine Hand auf seinen Bauch.
„Stimmt ja..."
Keine Ahnung, wann er zuletzt etwas gegessen hatte.
Sein Blick fiel auf einen Strauch wenige Schritte von ihm entfernt. Zwischen den Blättern hingen kleine, dunkelrote Beeren.
Er ging in die Hocke und betrachtete sie.
Natürlich.
Mitten in einem unbekannten Wald, ohne Handy, ohne Geld und ohne irgendeine Ahnung, wo er war.
Und das Erste, was er zu essen fand, waren irgendwelche Beeren, bei denen er nicht einmal wusste, ob sie essbar waren.
Ren nahm eine davon zwischen zwei Finger.
„Sehen zumindest normal aus."
Was vermutlich die dümmstmögliche Begründung dafür war, etwas zu essen.
Er ließ die Beere deshalb zunächst in seiner Hand liegen. Trotzdem pflückte er einige weitere. Wenn er nichts anderes fand, konnte er später immer noch überlegen, ob er das Risiko eingehen wollte.
Die gesammelten Beeren verschwanden in seiner Hosentasche.
Gerade als er sich wieder aufrichten wollte, hielt er inne.
Da war ein Geräusch gewesen.
Ren lauschte.
Nichts.
Er wollte sich wieder dem Strauch zuwenden.
„Miau."
Seine Hand blieb mitten in der Bewegung stehen.
Ren blinzelte.
...Miau?
Langsam hob er den Kopf.
Das Geräusch war aus dem Gebüsch direkt neben dem Strauch gekommen.
Für einen Moment bewegte sich nichts.
Dann raschelten die Blätter.
Etwas sprang aus dem Gebüsch.
Ren taumelte einen Schritt zurück.
Das Wesen landete nur wenige Meter vor ihm im Gras. Für einen Moment konnte er lediglich darauf starren.
Sechs Beine. Ein gedrungener Körper. Große Augen, die ihn regungslos ansahen.
Es erinnerte ihn an einen Grashüpfer.
Nur dass Grashüpfer normalerweise in eine Hand passten.
Dieses Ding war ungefähr so groß wie ein mittelgroßer Hund.
Ren spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht wich.
Was zur Hölle ist das?!
Das Wesen legte den Kopf leicht schief.
„Miau."
Ren erstarrte.
Ein Monster.
Dieser Gedanke genügte.
Er wusste nicht, ob es gefährlich war. Er wusste nicht einmal, was es überhaupt war. Aber sein Körper hatte diese Entscheidung längst für ihn getroffen.
Langsam wich er zurück.
Das Wesen machte eine kleine Bewegung nach vorne.
Ren zuckte zusammen.
Scheiße.
Sein Blick schoss zur Straße.
Vielleicht konnte er einfach—
Das Monster sprang.
Ren riss instinktiv die Arme hoch.
Ein scharfes Surren durchschnitt die Luft.
Ein Pfeil traf das Wesen mitten in der Bewegung. Es wurde zur Seite gerissen und schlug wenige Meter vor Ren im Gras auf.
Regungslos blieb es liegen.
Ren starrte es an.
„Was...?"
Schritte näherten sich von der Straße.
Langsam hob er den Kopf.
Drei Gestalten kamen auf ihn zu.
Eine Frau ging voraus. In ihrer Hand hielt sie einen Bogen. Hinter ihr folgten zwei Männer, an deren Hüften Schwerter hingen.
Die Frau betrachtete erst das reglose Monster und dann Ren. Eine ihrer Augenbrauen wanderte nach oben.
„Sag bloß ..."
Sie deutete mit dem Bogen auf das tote Wesen.
„... du hattest vor einem Waldhüpfer Angst?"
Ren blinzelte.
Waldhüpfer also...
Sein Blick wanderte noch einmal zu dem Wesen. Für die drei schien sein Anblick jedenfalls nichts Besonderes zu sein.
Für Ren dagegen schon.
Sehr sogar.
Er sah wieder zu den Fremden.
Was zum Teufel ist hier eigentlich los?
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