Der Waldhüpfer lag regungslos im Gras. Ren starrte das Wesen noch einen Moment an, bevor er langsam zu den drei Fremden sah. Die Frau senkte ihren Bogen. „Der hätte dir übrigens nichts getan." Ren sah sie an. Dann das tote Wesen. Dann wiede
Der Waldhüpfer lag regungslos im Gras.
Ren starrte das Wesen noch einen Moment an, bevor er langsam zu den drei Fremden sah. Die Frau senkte ihren Bogen.
„Der hätte dir übrigens nichts getan."
Ren sah sie an. Dann das tote Wesen. Dann wieder sie.
„Der ist riesig!"
Die Frau warf einen kurzen Blick darauf.
„Der?"
„Ja, der!"
Sie musterte Ren einen Moment.
„Das ist ein ganz normaler Waldhüpfer."
Ren schwieg.
Natürlich. Ganz normal.
Sein Blick fiel auf den Bogen in ihrer Hand und danach auf die beiden Männer und die Schwerter an ihren Hüften. Die Kleidung der drei war ihm bereits aufgefallen: Leder, feste Stiefel, Taschen und Ausrüstung, die er eher aus einem Film oder einem Videospiel erwartet hätte.
Und jetzt standen sie mitten im Wald mit Bogen und Schwertern vor ihm.
„Seid ihr... Jäger?"
Die drei sahen einander kurz an. Dann lachte einer der Männer.
„Jäger? Nein."
Er legte eine Hand auf den Griff seines Schwertes.
„Abenteurer."
Ren blinzelte.
Abenteurer? Was ist das hier? Ein Videospiel?
Einer der Männer musterte ihn erneut.
„Aber mal was anderes. Was hast du eigentlich ohne Ausrüstung allein hier draußen verloren?"
Darauf hatte Ren keine besonders gute Antwort.
„Wenn ich das wüsste."
Die drei sahen ihn an.
„Wie meinst du das?"
Ren fuhr sich mit einer Hand durch die Haare.
„Ich bin hier aufgewacht."
„Hier?"
„Im Wald."
Die Frau zog die Augenbrauen zusammen.
„Und du weißt nicht, wie du hergekommen bist?"
Ren schüttelte den Kopf.
„Das Letzte, woran ich mich richtig erinnern kann, ist..."
Er stockte.
Lichter. Eine Hupe. Dieses grelle Licht.
„Keine Ahnung. Danach bin ich hier aufgewacht. Mein Handy ist weg, mein Geldbeutel auch. Ich hab gar nichts mehr."
„Dein was?"
Ren erstarrte.
„...mein Geld."
Für einen kurzen Moment sagte niemand etwas. Fast niemand.
Die Frau betrachtete ihn noch einmal genauer.
„Vielleicht wurdest du ausgeraubt."
„Hab ich auch schon überlegt."
Einer der Männer sah an Ren vorbei in Richtung Wald.
„Wäre aber ein ziemlich seltsamer Ort, um jemanden danach liegen zulassen."
„Danke", murmelte Ren. „So weit war ich auch schon."
Der Mann grinste.
Die Frau deutete mit dem Kopf in Richtung Straße.
„Naja. Egal, was passiert ist – hier draußen solltest du jedenfalls nicht bleiben. Wir sind auf dem Rückweg nach Fendell. Wenn du willst, kannst du mitkommen."
„Fendell?"
Der Name sagte ihm überhaupt nichts.
„Die Stadt", ergänzte einer der Männer.
Eine Stadt.
Ren musste nicht lange überlegen. Alles war besser, als weiter ziellos durch diesen Wald zu laufen.
„Ja. Danke."
Die drei wandten sich wieder der Straße zu und Ren folgte ihnen. Schon nach wenigen Schritten konnte er zwischen den Bäumen zwei Pferde erkennen. Hinter ihnen stand ein einfacher hölzerner Wagen am Straßenrand.
Ren wurde langsamer.
Eine Kutsche?
Er sah an dem Wagen vorbei die Straße entlang.
Leer.
Keine Autos. Keine Motorräder. Nicht einmal irgendwo in der Ferne war ein Motor zu hören. Nur zwei Pferde und ein hölzerner Wagen.
Keiner der drei Fremden schien daran irgendetwas ungewöhnlich zu finden.
Okay...
Ren beschloss, vorerst nichts zu sagen.
Einer der Männer setzte sich nach vorne und nahm die Zügel, während die anderen beiden auf den Wagen stiegen. Ren folgte ihnen und setzte sich auf eine der einfachen Holzbänke.
Kurz darauf setzte sich der Wagen ruckelnd in Bewegung. Ren musste sich an der Seite festhalten.
Bequem ist anders.
Die Frau bemerkte es und grinste.
„Noch nie mit einer Kutsche gefahren?"
„Nicht wirklich."
Das war zumindest nicht gelogen.
Sie zuckte mit den Schultern und lehnte sich zurück, als wäre damit alles geklärt. Ren dagegen hatte mittlerweile mehr Fragen als noch vor wenigen Minuten.
Er wandte den Blick nach draußen. Der Wald zog langsam an ihnen vorbei. Nach einiger Zeit wurden die Bäume weniger und machten weiten Wiesen und Feldern Platz. Vereinzelt waren in der Ferne kleine Gebäude zuerkennen.
Aber etwas fehlte.
Keine Strommasten. Keine Straßenlaternen. Nicht einmal die Straße unter ihnen war befestigt.
Ren lehnte sich etwas zurück.
Ein riesiger Grashüpfer. Leute mit Schwertern. Abenteurer. Und eine Kutsche.
Wo zur Hölle bin ich hier gelandet?
„Du bist ziemlich still."
Ren blickte auf. Einer der Männer sah zu ihm herüber.
„Ich versuche nur gerade, das alles irgendwie zu verstehen."
„Was gibt's da zu verstehen?"
Ren sah ihn einige Sekunden an.
Wo soll ich anfangen?
Stattdessen fiel sein Blick auf das Schwert an dessen Hüfte.
„Ihr habt gesagt, ihr seid Abenteurer."
„Sind wir."
„Und was genau macht ihr?"
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Kommt auf den Auftrag an. Monster beseitigen, Händler begleiten, vermisste Leute suchen. Manchmal sammelt man auch irgendwas, das jemand braucht."
Das klang verdächtig vertraut.
„Also nehmt ihr Aufträge an und bekommt dafür Geld?"
Der Mann sah ihn an.
„Natürlich."
Der andere, der vorne die Zügel hielt, lachte.
„Wäre ziemlich dämlich, das kostenlos zu machen."
Das ist wirklich wie in einem Videospiel.
Nur dass Ren bisher keinen Bildschirm, keine Lebensanzeige und ganz sicher keinen Knopf zum Ausloggen gefunden hatte.
Sein Blick fiel wieder auf den Bogen der Frau. Dann erinnerte er sich an das Wesen im Wald.
„Dieser... Waldhüpfer."
Die Frau sah zu ihm.
„Was ist mit ihm?"
„Ihr habt gesagt, der wäre ungefährlich."
„Ist er auch."
Ren dachte an das Wesen zurück.
Ungefährlich.
„Warum habt ihr ihn dann getötet?"
Die Frau hob kurz eine Schulter.
„Du sahst aus, als würdest du gleich vor Angst umfallen."
Ren verzog das Gesicht.
„So schlimm war's auch wieder nicht."
Die beiden Männer lachten.
„Schade eigentlich", sagte einer von ihnen.
Ren sah ihn fragend an.
„Was?"
„Dass es kein goldener war."
Die Frau stöhnte leise.
„Fängst du schon wieder damit an?"
„Was denn? Bei einem goldenen hätte sich das wenigstens gelohnt."
Ren blickte zwischen ihnen hin und her.
Ein goldener?
Er wollte gerade fragen, was an einem goldenen Waldhüpfer so besonders war, ließ es dann aber bleiben. Auf seiner Liste standen mittlerweile wichtigere Fragen.
Stattdessen hörte er den drei Fremden jetzt bewusster zu.
Jedes einzelne Wort ergab für ihn Sinn. Und trotzdem hätte er nicht sagen können, welche Sprache sie überhaupt sprachen. Noch seltsamer war, dass er selbst sie offenbar genauso selbstverständlich benutzte.
Warum kann ich eine Sprache sprechen, die ich nicht einmal kenne?
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen breitete sich ein wirklich unangenehmes Gefühl in ihm aus.
Ein Wald, den er nicht kannte. Ein riesiges Wesen, das angeblich vollkommen normal war. Menschen, die sich Abenteurer nannten und mit Schwertern durch die Gegend liefen. Eine Kutsche. Und jetzt eine Sprache, die er nicht kannte und trotzdem verstand.
Einzeln hätte er für fast alles irgendeine Erklärung finden können.
Zusammen wurde es langsam schwierig.
„Da vorne."
Ren wurde aus seinen Gedanken gerissen.
Der Mann mit den Zügeln deutete nach vorne.
„Fendell."
In einiger Entfernung tauchten zwischen den Feldern die ersten Gebäude auf. Je näher sie kamen, desto deutlicher konnte Ren die Stadt erkennen.
Die Häuser standen dicht beieinander. Viele bestanden aus Stein und Holz, mit schrägen Dächern und kleinen Fenstern. Über einigen Schornsteinen stieg dünner Rauch auf. Menschen bewegten sich auf den Wegen vor der Stadt, Händler führten beladene Wagen mit sich, andere trugen Körbe oder Säcke, und vor einem der Gebäude lud gerade jemand Kisten ab.
Ren ließ seinen Blick über Fendell wandern.
Alles wirkte...
alt.
Nein. Das war nicht ganz das richtige Wort.
Die Gebäude sahen gepflegt aus. Die Straßen waren belebt. Überall herrschte Bewegung. Es war nicht verlassen oder heruntergekommen.
Es wirkte einfach wie ein Ort aus einer anderen Zeit.
Was ist das hier für eine Stadt...?
Je näher sie Fendell kamen, desto langsamer wurde der Wagen. Schließlich zog der Mann an den Zügeln und brachte die Pferde nahe dem Stadteingang zum Stehen.
„So. Da wären wir."
Die Frau sprang als Erste vom Wagen. Die beiden Männer folgten ihr.
Ren stieg ebenfalls herunter und sah noch einmal zurück auf die Strecke, die sie gerade hinter sich gebracht hatten. Ohne die drei wäre er vermutlich immer noch irgendwo in diesem Wald unterwegs.
„Danke übrigens."
Die Frau sah zu ihm.
„Wofür?"
Ren blinzelte.
„Naja... dafür, dass ihr mich mitgenommen habt. Und für vorhin."
„Ach das."
Sie winkte ab.
„War doch kein großes Ding."
Ren schwieg kurz.
Kein großes Ding...
Seine Hand wanderte beinahe automatisch zu seiner Hosentasche.
Geld hatte er keines.
Aber...
„Wartet mal."
Er holte die Beeren hervor, die er im Wald gesammelt hatte.
„Ich hab zwar sonst nichts, aber vielleicht könnt ihr damit etwas anfangen."
Die drei sahen auf seine Hand. Für einen Moment sagte niemand etwas.
Dann sah einer der Männer zu ihm.
„Du willst uns die geben?"
„Ja."
„Als Dank?"
Ren nickte.
Der Mann sah wieder auf die Beeren.
„Hast du davon welche gegessen?"
Ren hielt inne.
„...Nein."
„Gut."
Die Frau musste grinsen.
„Die sind für Menschen ziemlich unverträglich."
Ren sah erst auf seine Hand und dann wieder zu ihr.
„Unverträglich?"
„Nicht giftig", erklärte sie. „Aber wenn du die isst, wirst du es wahrscheinlich ziemlich schnell bereuen."
Einer der Männer verzog das Gesicht.
„Und selbst wenn nicht – die schmecken grauenhaft."
Ren betrachtete die Beeren.
Und die wollte ich essen.
Langsam steckte er sie wieder ein.
Die Frau lachte.
„Behalt sie ruhig."
„Wofür?"
Sie zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung."
Großartig.
Sein gesamter Besitz bestand damit aus einer Handvoll Beeren, die er nicht einmal essen konnte.
„Und was machst du jetzt?"
Ren sah auf.
„Was ich jetzt mache?"
Einer der Männer deutete in Richtung Stadt.
„Naja. Du weißt nicht, wie du im Wald gelandet bist. Du hast keine Ausrüstung und offenbar kein Geld."
Wenn er es so aufzählte, klang die Situation noch beschissener als ohnehin schon.
„Ich wollte mich erstmal in der Stadt umsehen."
„Und danach?"
Darüber hatte Ren tatsächlich noch nicht nachgedacht.
Selbst wenn er herausfand, wo er hier überhaupt gelandet war – spätestens heute Abend brauchte er einen Ort zum Schlafen.
Und Essen.
Beides kostete vermutlich Geld.
Geld, das er nicht hatte.
Die Frau sah ihn einen Moment lang an.
„Du hast wirklich keinen Plan, oder?"
Ren atmete aus.
„Nicht den geringsten."
Die drei wechselten einen kurzen Blick.
Einer der Männer zuckte schließlich mit den Schultern.
„Dann komm erstmal mit zur Gilde."
„Zur Gilde?"
„Wir müssen sowieso hin."
Die Frau nickte.
„Wenn du nicht weißt, was du machen sollst, ist das wahrscheinlich der beste Ort für dich. Dort kannst du dich als Abenteurer registrieren lassen und Aufträge annehmen."
„Und damit Geld verdienen."
„Das ist normalerweise der Sinn davon", sagte einer der Männer.
Ren ignorierte den Kommentar.
„Und wegen heute Nacht", fuhr die Frau fort. „Die Gilde hat ein paar einfache Zimmer für Abenteurer. Vielleicht können sie dir dort erstmal weiterhelfen."
Aufträge. Geld. Eine Unterkunft.
Das löste zwar keines seiner eigentlichen Probleme, aber zumindest die dringendsten.
„Okay. Dann komme ich mit."
„Gut."
Gemeinsam gingen sie weiter.
Sobald Ren den eigentlichen Stadtbereich betrat, wusste er kaum, wohin er zuerst schauen sollte. Aus der Nähe wirkte Fendell noch fremder. Händler standen vor offenen Läden, Menschen trugen Körbe und Kisten durch die Straßen, und aus einem Gebäude drang der regelmäßige Klang von Metall auf Metall.
Ren versuchte, mit den drei Abenteurern Schritt zu halten, während sein Blick von einer Seite zur anderen wanderte.
Dann stockte er.
Zwischen den Menschen lief eine Frau mit zwei deutlich sichtbaren Tierohren auf dem Kopf. Hinter ihr bewegte sich ein Schweif.
Ren sah ihr nach.
Was...?
„Kommst du?"
Er drehte den Kopf. Die anderen waren bereits einige Schritte weiter.
„Ja."
Ren holte auf und warf noch einen kurzen Blick zurück.
Niemand sonst schien der Frau auch nur besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
Okay.
Seine Liste an Fragen war für heute bereits lang genug.
Nach einigen Minuten blieb die Frau mit dem Bogen vor einem größeren Gebäude stehen.
„Da wären wir."
Das Gebäude war größer als die meisten Häuser, an denen sie bisher vorbeigekommen waren. Das Erdgeschoss bestand größtenteils aus Stein, während das obere Stockwerk aus dunklem Holz gefertigt war. Über dem breiten Eingang hing ein schlichtes Schild mit einem Symbol, das Ren nicht kannte.
An beiden Seiten bewegten sich längliche Flaggen leicht im Wind. Auf ihnen war dasselbe Wappen zu sehen, das ihm bereits am Stadteingang aufgefallen war.
Das Stadtwappen?
Vermutlich.
„Das ist die Gilde?"
„Eine davon", antwortete einer der Männer.
Ren sah ihn an.
„Eine davon?"
„Die Abenteurergilde von Fendell."
Die Frage, wie viele verschiedene Gilden es gab, konnte warten.
Als Ren das Gebäude betrat, war sein erster Gedanke, dass „Gilde" offenbar mehr bedeutete, als er erwartet hatte.
Direkt gegenüber befand sich ein langer Tresen, hinter dem mehrere Regale und Türen zu sehen waren. An einer Wand hing eine große Tafel mit zahlreichen Zetteln. Einige Menschen standen davor und unterhielten sich leise.
Auf der anderen Seite des Raumes standen mehrere Holztische und Bänke. Der Geruch von gebratenem Fleisch und etwas, das Ren nicht kannte, lag in der Luft. Hinter einem zweiten, kleineren Tresen wurden Teller und Getränke ausgegeben.
Eine Treppe führte ins obere Stockwerk.
Aufträge. Essen. Zimmer.
Langsam verstand er, warum die drei ihn ausgerechnet hierhergebracht hatten.
„Komm."
Die Frau mit dem Bogen ging voraus zum langen Tresen. Ren folgte ihr, während die beiden Männer hinter ihnen blieben.
Dort standen zwei Mitarbeiterinnen. Eine ältere Frau sprach gerade mit einem Abenteurer. Einige Schritte daneben sortierte eine jüngere mehrere Papiere.
Als sie die Gruppe bemerkte, sah sie auf.
„Schon zurück?"
„Für heute reicht's", antwortete die Bogenschützin.
Die Mitarbeiterin nickte und wollte sich gerade wieder ihren Papieren zuwenden, als ihr Blick auf Ren fiel.
Sie musterte seine einfache Kleidung. Keine Waffe. Keine Tasche. Nicht einmal irgendeine erkennbare Ausrüstung.
„Und wen habt ihr da mitgebracht?"
Ren wollte gerade antworten, doch einer der Männer kam ihm zuvor.
„Den haben wir draußen im Wald gefunden."
Die Mitarbeiterin sah wieder zu Ren.
„Im Wald?"
„Ohne Ausrüstung", ergänzte die Frau.
„Und ohne Geld", sagte der andere Mann.
Ren drehte sich zu ihm.
„Danke. Das hätte ich auch selbst sagen können."
„Gern geschehen."
Die Mitarbeiterin musste kurz lächeln.
„Und was genau soll ich jetzt mit dir machen?"
„Wir dachten, er könnte sich registrieren lassen", erklärte die Bogenschützin. „Er braucht Arbeit. Und wahrscheinlich einen Platz für heute Nacht."
Die Mitarbeiterin sah Ren erneut an.
„Stimmt das?"
„Sieht wohl so aus."
„Dann komm erstmal her."
Ren trat an den Tresen.
„Du möchtest dich also als Abenteurer registrieren lassen?"
Er warf noch einmal einen kurzen Blick zu den dreien.
Vor wenigen Stunden hatte er nicht einmal gewusst, wo er war. Jetzt stand er in einer Gilde und war offenbar kurz davor, Abenteurer zu werden.
Was für ein Tag.
„Ja."
Die Mitarbeiterin zog ein Formular zu sich.
„Dann brauche ich zunächst deinen vollständigen Namen."
„Ren Arden."
„Ren Arden", wiederholte sie und notierte den Namen. „Gut. Dann leg bitte deine Hand hier auf."
Sie stellte einen flachen, dunkelgrauen Stein auf den Tresen. In seine Oberfläche waren mehrere dünne Linien eingelassen, die zusammen ein kreisförmiges Muster bildeten.
Ren betrachtete ihn.
„Einfach drauflegen?"
„Einfach drauflegen."
Nach allem, was heute passiert war, waren die Worteeinfach drauflegenerstaunlich wenig beruhigend.
Trotzdem tat er es.
Einen Moment geschah nichts. Dann begannen die Linien unter seiner Hand schwach zu leuchten.
Ren zog überrascht die Finger zurück.
„Was war das?"
Die Mitarbeiterin reagierte überhaupt nicht.
„Die Registrierung."
„Das war's?"
„Das war's."
Sie nahm eine leere Karte und legte sie auf eine dafür vorgesehene Stelle des Steins. Die Linien leuchteten ein weiteres Mal auf und langsam erschien Schrift auf der Karte.
Schließlich schob sie Ren die Karte über den Tresen.
„Damit bist du offiziell registriert."
Ren nahm sie vorsichtig entgegen.
Ren Arden
Darunter stand sein Rang:
Anfänger
Er drehte die Karte zwischen seinen Fingern. Die Schrift sah nicht aufgedruckt aus. Sie war einfach da.
„Und wenn ich einen Auftrag annehme, erscheint der auch hier?"
„Genau. Angenommene Aufträge werden auf der Karte vermerkt. Dein Rang passt sich ebenfalls an, sobald du aufsteigst."
Eine Karte, die sich selbst aktualisierte.
Vor ein paar Stunden hätte Ren vermutlich noch behauptet, dass so etwas unmöglich war.
Mittlerweile war er sich bei gar nichts mehr sicher.
„Die Registrierung selbst ist kostenlos", erklärte die Mitarbeiterin. „Ab jetzt kannst du alle Aufträge annehmen, die für deinen Rang freigegeben sind."
Ren steckte die Karte vorsichtig ein.
Immerhin besaß er jetzt neben einer Handvoll ungenießbarer Beeren noch etwas anderes.
Ein Fortschritt.
Die Mitarbeiterin sah wieder zu den drei Abenteurern.
„Und ihr meintet, er braucht auch ein Zimmer?"
„Zumindest für heute Nacht", antwortete die Frau mit dem Bogen.
„Du hast wirklich überhaupt kein Geld bei dir?"
Ren schüttelte den Kopf.
„Gar nichts."
Sie musterte ihn einen Moment.
„Na schön. Wir haben oben noch ein einfaches Zimmer frei."
Bevor Ren etwas sagen konnte, hob sie einen Finger.
„Aber hör gut zu: Das Zimmer ist nicht kostenlos."
Seine gerade aufkommende Erleichterung bekam sofort einen kleinen Dämpfer.
„Du kannst heute dort schlafen", fuhr sie fort. „Aber spätestens morgen will ich die Bezahlung dafür haben."
Ren sah kurz zur Auftragstafel.
„Also sollte ich morgen besser einen Auftrag annehmen."
„Das würde ich dir dringend empfehlen. Du bist jetzt registriert. Such dir morgen etwas aus, das du dir als Anfänger zutraust. Wenn du unsicher bist, frag vorher."
Ren nickte.
Es war kein Geschenk. Im Grunde hatte sie ihm lediglich erlaubt, eine Nacht auf Rechnung zu schlafen.
Aber in seiner momentanen Lage war selbst das mehr, als er hatte.
„Verstanden."
„Gut. Dann haben wir kein Problem."
Ren atmete erleichtert aus. Zumindest musste er diese Nacht nicht irgendwo draußen verbringen.
Und morgen würde er sich eben irgendwie Geld verdienen müssen.
In genau diesem Moment durchbrach ein deutliches Knurren die kurze Stille.
Ren erstarrte.
Die Mitarbeiterin sah ihn an. Die drei Abenteurer ebenfalls.
Langsam senkte er den Blick auf seinen Bauch.
...Nicht dein Ernst.
Einer der Männer fing als Erster an zu lachen.
„Lass mich raten. Geld fürs Essen hast du auch nicht."
Ren sah ihn ausdruckslos an.
„Sehr witzig."
„War eine ernst gemeinte Frage."
„Natürlich war sie das."
Die Frau mit dem Bogen lachte und deutete in Richtung der Tische.
„Komm schon. Nachdem wir dich jetzt bis hierhergeschleppt haben, lassen wir dich nicht hungrig aufs Zimmer gehen."
„Ihr müsst nicht—"
„Wissen wir."
Sie ging bereits los.
Ren blieb einen Moment stehen.
Schon wieder.
Er kannte diese Leute seit vielleicht ein paar Stunden. Sie hatten ihn aus dem Wald mitgenommen, zur Gilde gebracht und jetzt wollten sie ihm auch noch Essen ausgeben.
„Na los", rief einer der Männer. „Bevor dein Bauch noch die ganze Gilde unterhält."
Ren verzog das Gesicht.
„Ich komme ja schon."
Er folgte den dreien zu einem freien Tisch.
Kaum hatten sie sich gesetzt, bestellte die Frau mit dem Bogen etwas zu essen. Ren verstand nicht jeden Namen der Gerichte, und nachdem sie ohnehin darauf bestanden hatte, ihn einzuladen, überließ er die Auswahl einfach ihr.
Wenig später wurden mehrere Teller auf den Tisch gestellt.
Auf den ersten Blick wirkte Rens Portion erstaunlich normal. Ein Stück gebratenes Fleisch, etwas Gemüse, eine dunkle Soße und dazu ein Stück Brot.
Nach allem, was er heute gesehen hatte, hatte er beinahe mit etwas deutlich Seltsamerem gerechnet.
Dann sah er genauer hin.
Das Fleisch erinnerte ihn an Schwein oder vielleicht Rind, aber ganz sicher war er sich nicht. Zwischen dem Gemüse erkannte er etwas, das einer Kartoffel ähnelte. Daneben lagen jedoch kleine violette Stücke und längliche grüne Schoten, die ihm überhaupt nichts sagten.
Ren nahm vorsichtig einen Bissen vom Fleisch und hielt beim Kauen kurz inne.
„Und?"
Einer der Männer beobachtete ihn grinsend.
„Was?"
„Du hast gerade geguckt, als würdest du zum ersten Mal in deinem Leben Fleisch essen."
„Ich hab nur... mit etwas anderem gerechnet."
„Schmeckt's nicht?"
„Doch."
Ren nahm noch einen Bissen.
Sogar ziemlich gut.
Die Frau mit dem Bogen grinste.
„Dann ist doch alles in Ordnung."
Anschließend probierte er eines der violetten Stücke. Es war leicht süßlich, aber gleichzeitig würziger, als er erwartet hatte. Die Konsistenz erinnerte ihn entfernt an eine gekochte Kartoffel.
Keine Ahnung, was das ist.
Er nahm noch eines.
Aber schlecht ist es nicht.
Zum ersten Mal an diesem Tag konnte Ren einfach dasitzen und essen.
Die drei unterhielten sich nebenbei über ihren heutigen Auftrag. Nichts, was Ren vollständig verstand – irgendwelche Orte und Namen, die ihm nichts sagten –, aber zum ersten Mal musste er auch nicht versuchen, sofort auf alles eine Antwort zu finden.
Er hörte einfach zu.
Und währenddessen fiel ihm etwas auf.
Diese drei kannten ihn nicht. Sie hatten ihn zufällig im Wald gefunden. Trotzdem hatten sie ihn mitgenommen, ihm geholfen, sich in der Gilde zurechtzufinden, und jetzt saß er hier und aß auf ihre Kosten.
Niemand hatte ihn um etwas gebeten. Niemand hatte gesagt, dass er ihnen später etwas schuldete.
Sie hatten es einfach getan.
Hilfe anzunehmen, ohne sich sofort zu fragen, was dafür von ihm erwartet wurde, fühlte sich ungewohnt an.
Als Ren schließlich den letzten Bissen nahm, lehnte er sich zufrieden zurück. Der Teller vor ihm war vollkommen leer.
Entweder hatte er einfach viel zu großen Hunger gehabt oder das Essen war tatsächlich besser gewesen, als er anfangs erwartet hatte.
Wahrscheinlich beides.
„Na also", sagte einer der Männer und blickte auf Rens leeren Teller. „Scheint ja doch geschmeckt zu haben."
Ren musste leicht grinsen.
„Ich hab mich nicht beschwert."
„Du hast auch kaum aufgehört zu essen."
„Ich hatte Hunger."
„Das haben wir gehört."
Ren sah ihn an.
„Wirst du mich damit jetzt den ganzen Abend aufziehen?"
Der Mann grinste.
„Vielleicht."
Die Frau mit dem Bogen schüttelte amüsiert den Kopf und stand auf.
„Wir sollten langsam los."
Die beiden Männer erhoben sich ebenfalls.
Für einen kurzen Moment wusste Ren nicht recht, was er sagen sollte.
Er kannte nicht einmal ihre Namen. Und trotzdem hatten sie heute mehr für ihn getan als irgendjemand sonst seit seinem Erwachen.
Ren stand ebenfalls auf.
„Hey."
Die drei sahen zu ihm.
„Danke."
Die Frau lächelte.
„Hast du doch schon gesagt."
„Ich weiß."
Er zögerte kurz.
„Aber... für alles. Wirklich."
Einer der Männer hob die Hand.
„Mach dir keinen Kopf."
„Und sieh zu, dass du morgen einen vernünftigen Auftrag findest", ergänzte die Frau.
Der andere grinste.
„Vielleicht erstmal einen ohne Waldhüpfer."
Ren verzog das Gesicht.
„Sehr witzig."
Die drei lachten, verabschiedeten sich und gingen Richtung Ausgang.
Ren blieb noch einen Moment neben dem Tisch stehen und sah ihnen nach, bis die Tür hinter ihnen zufiel.
Seltsame Leute.
Aber...
Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
Keine schlechten.
Er wandte sich wieder dem Tresen zu. Die Mitarbeiterin bemerkte ihn und griff darunter.
„Ren, richtig?"
„Ja."
Sie legte einen einfachen Schlüssel vor ihm ab.
„Oben. Den Gang entlang, eines der letzten Zimmer auf der rechten Seite."
„Danke."
„Und vergiss morgen nicht—"
„Das Zimmer zu bezahlen."
Sie nickte zufrieden.
„Dann verstehen wir uns ja."
Mit jedem Schritt die Treppe hinauf wurde der Lärm aus dem Schankraum leiser. Ren ging den schmalen Flur entlang, bis er vor der richtigen Tür stehen blieb.
Das Zimmer dahinter war klein. Ein Bett stand an der Wand, daneben ein einfacher Holztisch mit einem Stuhl. Unter dem Fenster befand sich eine schmale Kommode.
Mehr gab es eigentlich nicht.
Ren trat hinein und schloss die Tür hinter sich.
Stille.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen war er wirklich allein.
„Was für ein Tag..."
Er legte den Schlüssel auf den Tisch und sah sich noch einmal um. Einfach, aber für diese Nacht war es mehr als genug.
Ren wollte gerade zum Bett gehen, als sein Blick auf einen kleinen Spiegel neben der Kommode fiel.
Er ging daran vorbei.
Dann blieb er stehen.
Langsam machte er einen Schritt zurück.
Im Spiegel stand jemand.
Ren drehte sich um.
Hinter ihm war niemand.
Er sah wieder in den Spiegel.
Der junge Mann darin tat dasselbe.
Ren bewegte eine Hand.
Der Fremde ebenfalls.
Einige Sekunden sagte Ren überhaupt nichts.
Dann trat er näher.
„...Was?"
Er hob eine Hand an sein Gesicht. Die Person im Spiegel machte dieselbe Bewegung.
Nein.
Das war nicht irgendeine Person.
Das war er.
Ren kannte dieses Gesicht.
Natürlich kannte er es.
Nur hatte er es seit Jahren nicht mehr so gesehen.
Seine Gesichtszüge wirkten jünger. Seine Haut glatter. Selbst sein Körper sah anders aus als noch in seiner Erinnerung.
„Was zum..."
Er beugte sich näher zum Spiegel.
Vielleicht bildete er es sich nur ein. Vielleicht war das irgendein verdammt seltsamer Traum.
Aber das Gesicht vor ihm veränderte sich nicht.
Ren schätzte, dass er kaum älter als Anfang zwanzig aussah.
Dabei war er...
Er hielt inne.
Mitte dreißig.
Er war Mitte dreißig gewesen.
Gewesen?
Langsam ließ er die Hände sinken.
Ren starrte sein Spiegelbild noch einige Sekunden an, bevor er rückwärts ging, bis seine Beine gegen das Bett stießen. Dann setzte er sich.
Zum ersten Mal seit seinem Erwachen hatte er nichts zu tun.
Kein Monster stand vor ihm. Niemand stellte ihm Fragen. Keine fremde Stadt forderte seine Aufmerksamkeit.
Nur Stille.
Und plötzlich hatte Ren Zeit, über alles nachzudenken.
Er beugte sich nach vorne und stützte die Arme auf seine Beine.
Okay. Denk nach.
Die Kleidung der drei Abenteurer?
Seltsam, aber erklärbar. Menschen liefen auch in seiner Welt mit Schwertern herum. Nicht unbedingt im Alltag, aber unmöglich war es nicht.
Die Kutsche?
Ungewöhnlich. Aber Kutschen gab es schließlich noch.
Fendell?
Eine Stadt, die aussah, als wäre sie aus einer anderen Zeit gefallen. Vielleicht irgendein abgelegener Ort. Vielleicht—
Ren schüttelte den Kopf.
Nein.
Er versuchte gerade selbst, Ausreden zu finden.
Das Essen? Fremde Zutaten. Auch das bedeutete nichts. Er kannte schließlich nicht jedes verdammte Lebensmittel auf der Welt.
Aber dann war da dieses Wesen im Wald.
Ein Grashüpfer, so groß, dass Ren ihn für ein Monster gehalten hatte.
Ein Waldhüpfer, wie die drei ihn genannt hatten.
Und für sie war dieses Ding vollkommen normal gewesen.
Dann die Sprache.
Ren verstand jedes Wort. Er konnte antworten. Und trotzdem wusste er nicht einmal, welche Sprache er überhaupt sprach.
Sein Herz begann schneller zu schlagen.
Und dann ...
Die Frau in Fendell.
Die Ohren auf ihrem Kopf. Der Schweif hinter ihr.
Ren hatte sie gesehen.
Ganz deutlich.
Und niemand sonst hatte auch nur reagiert.
Als wäre es das Normalste der Welt.
„Nein..."
Er stand wieder auf und ging zum Spiegel.
Sein eigenes Gesicht blickte ihm entgegen.
Jünger.
Viel jünger.
Ren legte eine Hand auf die kalte Oberfläche.
„Das ergibt doch keinen Sinn."
Doch.
Genau das war das Problem.
Wenn er aufhörte, für jedes einzelne Detail irgendeine Erklärung zu suchen...
...ergab plötzlich alles zusammen Sinn.
Die letzten Sekunden vor seinem Erwachen kamen wieder hoch.
Dunkelheit.
Eine Hupe.
Grelles Licht.
Dann dieses Bellen, das irgendwie nicht dazu gepasst hatte.
Und danach—
Der Wald.
Ren wurde blass.
„Bin ich..."
Er brachte den Satz nicht zu Ende.
Bin ich gestorben?
Die Frage fühlte sich absurd an. Vollkommen verrückt.
Und trotzdem konnte er sie nicht mehr aus seinem Kopf verdrängen.
„Bin ich wiedergeboren worden?"
Stille.
Natürlich antwortete niemand.
Ren ließ sich erneut auf das Bett sinken. Seine Hände zitterten leicht.
Eine mittelalterlich wirkende Stadt. Monster. Abenteurer. Menschen mit Tierohren und Schweifen. Eine Sprache, die er nie gelernt hatte. Und ein Körper, der plötzlich wieder aussah wie Anfang zwanzig.
Er schloss für einen Moment die Augen.
Er wollte es nicht glauben.
Eigentlich konnte er es nicht glauben.
Aber welche Erklärung blieb ihm noch?
Langsam öffnete er die Augen wieder.
„Das hier..."
Sein Blick wanderte zum Fenster. Draußen lagen die fremden Dächer Fendells.
„...ist nicht meine Welt."
Zum ersten Mal sprach er den Gedanken laut aus.
Und in diesem Moment fühlte er sich plötzlich erschreckend real an.
Ren Arden war in einer anderen Welt.
Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht. Warum er hier war, wusste er noch weniger. Und ob er tatsächlich gestorben und wiedergeboren worden war...
Das wusste er ebenfalls nicht.
Aber eines wusste er inzwischen.
Er war nicht mehr zu Hause.
Eine ganze Weile saß Ren einfach auf dem Bett. Sein Blick ruhte auf dem Boden, ohne ihn wirklich wahrzunehmen.
Eine andere Welt.
Selbst nachdem er es ausgesprochen hatte, klang es vollkommen verrückt. Und trotzdem war es im Moment die einzige Erklärung, die all die Dinge dieses Tages überhaupt miteinander verband.
Seine Gedanken wanderten zurück zu den drei Abenteurern.
Sie hatten ihm geholfen, obwohl sie ihn nicht kannten. Einfach so. Ohne vorher auszuhandeln, was sie dafür bekommen würden.
Genau das beschäftigte ihn fast genauso sehr wie manches andere an diesem Tag.
Früher war es oft anders gewesen. Ren hatte Freunden geholfen, wenn sie ihn brauchten. Fahrten, Arbeiten, irgendwelche Probleme – meistens hatte er nicht lange darüber nachgedacht.
Wenn er selbst jemanden brauchte, war die Sache häufig komplizierter gewesen.
Nicht immer.
Aber oft genug, dass er irgendwann aufgehört hatte, selbstverständlich mit derselben Hilfe zu rechnen.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ihm die drei so seltsam vorkamen.
Weil er nicht daran gewöhnt war, etwas anzunehmen, ohne sich sofort zu fragen, was die andere Person dafür erwartete.
Ren schwieg.
Vielleicht...
Vielleicht waren die Menschen hier anders.
Er verzog leicht den Mund.
Nach einem Tag sollte ich damit vielleicht noch vorsichtig sein.
Aber zum ersten Mal seit langer Zeit ließ er zumindest den Gedanken zu, dass jemand ihm geholfen haben könnte...
einfach, weil er Hilfe gebraucht hatte.
Ren wusste nicht, wie lange er noch auf dem Bett gesessen hatte. Irgendwann richtete er sich wieder auf.
Sein Kopf fühlte sich immer noch voll an, aber zumindest drehten sich seine Gedanken nicht mehr ganz so wild im Kreis.
Er stand auf und ging zum Fenster.
Draußen war es inzwischen dunkel geworden.
Fendell hatte sich verändert. Aus einigen Fenstern fiel warmes Licht auf die Straßen. Vor einzelnen Gebäuden hingen Laternen, und obwohl deutlich weniger Menschen unterwegs waren als noch bei seiner Ankunft, war die Stadt noch lange nicht vollkommen still.
Ren stützte die Arme auf das Fensterbrett.
Eine andere Welt.
Er musste bei dem Gedanken beinahe lachen.
Heute Morgen war er in einem Wald aufgewacht und hatte geglaubt, vielleicht entführt oder ausgeraubt worden zu sein.
Jetzt stand er in einer Gilde, war offiziell als Abenteurer registriert und schuldete ihnen bereits Geld für ein Zimmer.
„Läuft ja hervorragend."
Unten auf der Straße bewegte sich jemand durch das Licht einer Laterne.
Ren sah genauer hin.
Ein Mann.
Zumindest größtenteils.
Auf seinem Kopf ragten zwei Tierohren hervor, und hinter ihm bewegte sich ein Schweif, während er vollkommen selbstverständlich die Straße entlangging.
Diesmal blieb der Schock aus.
Stattdessen musste Ren leicht grinsen.
„Das ist also wirklich normal hier..."
Der Tiermensch verschwand zwischen den Häusern.
Rens Blick blieb noch einen Moment auf der Straße.
Was gab es hier noch?
Wenn solche Wesen einfach durch die Stadt liefen...
Wenn Monster wie dieser Waldhüpfer völlig gewöhnlich waren...
Wenn es Menschen gab, die sich tatsächlich Abenteurer nannten...
Was würde ihn außerhalb Fendells erwarten?
Was gab es überhaupt in dieser Welt?
Zwischen all den Fragen machte sich zum ersten Mal etwas anderes bemerkbar.
Neugier.
Ren hatte keine Ahnung, warum er hier war. Er wusste nicht, wie er hierhergekommen war. Und er wusste erst recht nicht, ob es überhaupt einen Weg zurückgab.
Aber morgen musste er irgendwie weitermachen.
Sein Blick wanderte kurz zu seiner Tasche.
Darin steckten seine Gildenkarte und eine Handvoll Beeren, die er nicht essen konnte.
Sein gesamter Besitz in dieser Welt.
Ren atmete aus.
„Ich muss morgen Geld verdienen."
Daran führte kein Weg vorbei. Das Zimmer musste bezahlt werden. Danach brauchte er etwas zu essen. Und wenn er wirklich Aufträge annehmen sollte, wäre etwas Ausrüstung vermutlich auch keine schlechte Idee.
Aber bevor er sich darum kümmerte...
Ren sah wieder hinaus auf die fremden Straßen Fendells.
„...will ich mir das hier erstmal in Ruhe ansehen."
Er blieb noch einen Moment am Fenster stehen. Heute hatte er genug Fragen gesammelt.
Morgen würde er vielleicht anfangen, ein paar Antworten zu finden.
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