WORLDDIVIDE - Jenseits der Grenze · Kapitel 5

Was nicht zusammenpasst

Runa blieb einige Schritte vor dem Eingang von Fendell stehen und betrachtete die Stadt. Nach mehreren Tagen unterwegs hatte sie sich ihr Ziel irgendwie größer vorgestellt. Nicht unbedingt eindrucksvoller. In den Aufzeichnungen, denen sie g

High Fantasy, IsekaiVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-10-146.050 Wörterca. 25 Min.

Runa blieb einige Schritte vor dem Eingang von Fendell stehen und betrachtete die Stadt. Nach mehreren Tagen unterwegs hatte sie sich ihr Ziel irgendwie größer vorgestellt. Nicht unbedingt eindrucksvoller. In den Aufzeichnungen, denen sie g

Runa blieb einige Schritte vor dem Eingang von Fendell stehen und betrachtete die Stadt.

Nach mehreren Tagen unterwegs hatte sie sich ihr Ziel irgendwie größer vorgestellt.

Nicht unbedingt eindrucksvoller. In den Aufzeichnungen, denen sie gefolgt war, hatte schließlich nichts darauf hingedeutet, dass Fendell eine besonders bedeutende Stadt war.

Trotzdem hatte ein Teil von ihr wohl mehr erwartet.

Hinter dem Stadteingang reihten sich niedrige Häuser aneinander. Händlerkarren bewegten sich langsam durch die Straßen, Reisende kamen und gingen, und zwischen ihnen liefen einige Abenteurer mit Waffen und Ausrüstung umher.

Alles wirkte ruhig.

Gewöhnlich.

Runa zog den Riemen ihrer Tasche etwas höher auf die Schulter und ging weiter.

Bevor sie mit ihrer eigentlichen Suche begann, kümmerte sie sich um das Nötigste. In einem kleinen Gasthaus unweit des Marktplatzes nahm sie sich für die nächsten Tage ein einfaches Zimmer und ließ dort den größten Teil ihres Gepäcks zurück.

Viel Zeit wollte sie damit nicht verlieren.

Kurze Zeit später saß sie auf einer Bank am Rand des Marktplatzes.

Vor ihr liefen Menschen zwischen den Ständen hin und her. Händler riefen ihre Angebote aus, irgendwo klapperten Holzkisten aufeinander, und aus einer nahen Seitenstraße drang der Geruch von frisch gebackenem Brot herüber.

Runa nahm davon kaum etwas wahr.

Auf ihrem Schoß lag ein kleines, abgegriffenes Notizbuch.

Das Leder des Einbands war an mehreren Stellen abgenutzt. Einige Seiten waren leicht geknickt, andere mit kleinen Markierungen versehen.

Sie blätterte darin, bis sie die gesuchte Stelle fand.

Nur wenige Zeilen.

Runa las sie noch einmal.

Fendell – Ruine in der Umgebung.

Weitere Untersuchung notwendig.

Das war alles.

Keine genaue Wegbeschreibung.

Keine Erklärung, was dort gefunden worden war.

Nicht einmal ein Hinweis darauf, weshalb eine weitere Untersuchung notwendig sein sollte.

Runa strich mit dem Daumen über den Rand der Seite, klappte das Buch zu und steckte es wieder in ihre Tasche.

Wenn die Aufzeichnungen ihr schon keine genaueren Antworten gaben, musste sie eben anders anfangen.

Zum Glück war eine Ruine nichts, das man besonders leicht übersehen konnte.

Zumindest hoffte sie das.

Der erste Händler, den sie danach ansprach, musste nicht lange überlegen.

„Die alte Ruine?"

Runa nickte.

„Genau."

Der Mann deutete aus der Stadt hinaus.

„Ein Stück außerhalb. Wenn du dem westlichen Weg folgst und später Richtung Wald abbiegst, kommst du irgendwann hin."

Das ging einfacher als erwartet.

„Ist dort irgendetwas Besonderes?"

„Besonders?"

„Irgendetwas Auffälliges. Alte Räume, ungewöhnliche Bauwerke, vielleicht etwas, das erst später entdeckt wurde."

Nun wirkte der Händler eher verwirrt.

„Nicht dass ich wüsste. Sind halt ein paar alte Mauern."

Das war nicht ganz die Antwort, die Runa erwartet hatte.

Sie bedankte sich trotzdem und ging weiter.

Vielleicht wusste jemand anderes mehr.

Bei einer älteren Frau einige Straßen weiter bekam sie allerdings eine ähnliche Antwort.

„Die Ruine kenne ich."

„Waren Sie schon einmal dort?"

„Vorl anger Zeit."

Die Frau überlegte kurz.

„Viel gibt es da nicht zu sehen."

„Was genau ist dort?"

„Steine."

Runa schwieg.

Die Frau lächelte entschuldigend.

„Tut mir leid. Mehr fällt mir wirklich nicht dazu ein."

„Schon gut."

Nach dem dritten Gespräch begann Runa, ein Muster zu erkennen.

Die Ruine war keineswegs unbekannt.

Ganz im Gegenteil.

Fast jeder, den sie fragte, wusste zumindest ungefähr, wo sie lag.

Nur schien niemand einen Grund zu sehen, sich näher mit ihr zu beschäftigen.

Ein Mann, der gerade mehrere Säcke von einem Karren lud, bezeichnete sie sogar als „alte Übungsstelle".

„Übungsstelle?"

„Für Abenteurer."

„Weshalb gerade dort?"

„Da treiben sich immer wieder Grimlinge herum. Für erfahrene Leute nichts Besonderes, aber Anfänger können dort ganz gut erste Kampferfahrung sammeln."

Das erklärte zumindest, warum die Ruine bei den Abenteurern bekannt war.

Viel näher an eine Antwort brachte es Runa trotzdem nicht.

Etwas später hatte sie mehr Glück.

Vor einem kleinen Stand in der Nähe des Marktplatzes entdeckte sie zwei Abenteurer, die gerade ihre Ausrüstung überprüften. Einer von ihnen trug ein Schwert, der andere einen kurzen Speer.

Wenn jemand wusste, wie die Ruine tatsächlich aussah, dann wahrscheinlich jemand, der selbst dort gewesen war.

Runa wartete, bis sie ihr Gespräch beendet hatten.

„Entschuldigung."

Der Mann mit dem Speer wandte sich ihr zu.

„Ja?"

„Kennt ihr die alte Ruine außerhalb von Fendell?"

Beide nickten beinahe gleichzeitig.

„Klar", sagte der Schwertträger.

„Warst du schon dort?"

„Ein paarmal."

Jetzt wurde es interessant.

„Und?"

„Und was?"

„Wie sieht sie aus?"

Er dachte kurz darüber nach.

„Klein."

Sein Begleiter lachte.

„Das ist eine ziemlich gute Beschreibung."

Der Schwertträger ignorierte ihn.

„Ein paar alte Mauern. Teilweise eingestürzt. Viel mehr ist da nicht."

„Gibt es Räume?"

„Nicht wirklich."

„Unterirdische Bereiche?"

„Noch nie gesehen."

„Habt ihr versucht, die Ruine genauer zu untersuchen?"

Jetzt sahen beide sie an.

„Untersuchen?", wiederholte der Speerträger.

„Ja."

„Was willst du da untersuchen?"

Darauf hatte Runa keine gute Antwort, ohne deutlich mehr erklären zu müssen, als sie wollte.

„Ich interessiere mich einfach für alte Ruinen."

„Dann bist du in Fendell wahrscheinlich falsch."

Der Schwertträger grinste.

„Die dort ist wirklich nichts Besonderes."

„Warum geht ihr dann hin?"

„Gerade für Anfänger ist sie ganz praktisch", erklärte er. „Die Grimlinge dort sind normalerweise keine große Gefahr, wenn man nicht völlig unvorbereitet auftaucht."

Sein Begleiter nickte.

„Deshalb gehen viele am Anfang dorthin. Man kann gegen echte Monster kämpfen, ohne gleich irgendeinen schwierigen Auftrag anzunehmen."

„Und ihr habt dort nie etwas Auffälliges bemerkt?"

Beide schüttelten den Kopf.

„Nein."

„Gar nichts?"

„Wenn du auf besonders alte Steine stehst, vielleicht."

Der Speerträger grinste.

„Danke."

„Gern."

Runa ließ die beiden zurück und ging weiter.

Je mehr Antworten sie bekam, desto weniger verstand sie die kurze Notiz.

Die Ruine existierte.

Sie war bekannt.

Abenteurer gingen sogar regelmäßig dorthin.

Und trotzdem wurde sie in dem Notizbuch ausdrücklich erwähnt.

Weitere Untersuchung notwendig.

Warum?

Was sollte dort noch untersucht werden?

Unbewusst griff Runa nach der Tasche an ihrer Seite.

Vielleicht war die Aufzeichnung schlicht veraltet.

Vielleicht hatte sich jemand mehr von der Ruine versprochen und später festgestellt, dass es dort nichts gab.

Das wäre die einfachste Erklärung.

Und aus irgendeinem Grund gefiel sie Runa nicht.

Während sie weiterging, fiel ihr eine kleine Gruppe auf der anderen Straßenseite auf.

Drei Abenteurer bewegten sich gemeinsam durch die Stadt.

Zumindest dachte Runa das zuerst.

Dann bemerkte sie den vierten Mann.

Er lief einige Schritte hinter ihnen.

Keine erkennbare Waffe.

Kaum Ausrüstung.

Und seine Kleidung passte ebenfalls nicht wirklich zu den anderen.

Runa verlangsamte unwillkürlich ihren Schritt.

Der Fremde sah nicht so aus, als würde er zu ihrer Gruppe gehören.

Vielleicht hatten sie ihn irgendwo auf dem Weg aufgegriffen.

Noch einen Moment sah sie ihnen hinterher.

Seltsam.

Dann wandte sie sich wieder ihrer Suche zu.

Sie hatte gerade größere Probleme als einen unbekannten Mann, der drei Abenteurern hinterherlief.

Runa verbrachte noch eine Weile damit, weitere Bewohner zu befragen.

Viel Neues erfuhr sie nicht.

Die Antworten blieben beinahe immer gleich.

Ja, die Ruine existierte.

Ja, man konnte sie leicht finden.

Nein, dort gab es nichts Besonderes.

Erst gegen späten Nachmittag bekam sie schließlich einen Hinweis, mit dem sie tatsächlich etwas anfangen konnte.

Ein älterer Händler, der seit Jahren in Fendell lebte, hörte sich ihre Fragen geduldig an.

„Du willst also wissen, was früher dort war?"

„Wenn möglich."

Der Mann rieb sich nachdenklich über das Kinn.

„Dann fragst du die falschen Leute."

„Wen sollte ich stattdessen fragen?"

„Niemanden."

Runa schwieg.

Der Händler grinste.

„Zumindest niemanden auf der Straße."

Dann deutete er in Richtung einer Seitenstraße.

„Versuches in der Bibliothek."

„Die Bibliothek?"

„Dort liegen alte Aufzeichnungen über Fendell und die Umgebung. Karten, Berichte, so etwas."

Das klang deutlich vielversprechender.

„Danke."

„Kein Problem."

Für heute war es allerdings spät genug geworden.

Nach mehreren Stunden voller Gespräche, die ihr hauptsächlich bestätigt hatten, wie uninteressant die Ruine angeblich war, hatte Runa vorerst genug.

Später saß sie in ihrem kleinen Zimmer.

Das Notizbuch lag geöffnet auf dem Tisch vor ihr.

Wieder fiel ihr Blick auf dieselben zwei Zeilen.

Fendell – Ruine in der Umgebung.

Weitere Untersuchung notwendig.

Niemand hier hielt diesen Ort für besonders.

Abenteurer nutzten ihn zum Trainieren.

Einige Bewohner schienen ihn kaum mehr als eine Ansammlung alter Steine zu betrachten.

Und trotzdem stand die Ruine ausdrücklich in dem Notizbuch.

Runa lehnte sich etwas zurück.

Vielleicht fand sie morgen heraus, warum.

Die Bibliothek war zumindest ein besserer Anfang als noch ein weiteres Gespräch darüber, wie langweilig alte Mauern sein konnten.

Sie klappte das Notizbuch zu.

Morgen würde sie nachsehen, was Fendells eigene Aufzeichnungen über die Ruine wussten.

Und hoffentlich waren sie etwas gesprächiger als seine Bewohner.

Am nächsten Morgen führte Runas erster Weg zur Bibliothek.

Nach den Gesprächen vom Vortag setzte sie deutlich mehr Hoffnung in alte Aufzeichnungen als in weitere Befragungen auf der Straße.

Das Gebäude lag nicht weit vom Marktplatz entfernt und war von außen unscheinbarer, als sie erwartet hatte. Im Inneren standen mehrere hohe Regale dicht nebeneinander. Bücher, gebundene Aufzeichnungen und zusammengerollte Karten füllten fast jeden freien Platz.

Hinter einem kleinen Tisch nahe des Eingangs saß ein älterer Mann, der gerade etwas in ein Buch eintrug.

Als Runa näherkam, blickte er auf.

„Kann ich dir helfen?"

„Das hoffe ich doch."

Sie stellte ihre Tasche neben sich ab.

„Ich suche Informationen über die alte Ruine außerhalb von Fendell."

Der Mann musste nicht lange überlegen.

„Die Ruine westlich der Stadt?"

„Genau."

Schon wieder diese Selbstverständlichkeit.

Jeder kannte den Ort.

Nur niemand schien ihn besonders interessant zu finden.

„Was möchtest du darüber wissen?"

„Alles, was Sie haben."

„Das könnte eine Weile dauern."

„Das ist in Ordnung."

Der Bibliothekar musterte sie kurz, stand dann auf und ging zwischen den Regalen hindurch.

Runa folgte ihm.

„Besonders viel gibt es über die Ruine nicht", erklärte er unterwegs. „Zumindest nichts, von dem ich wüsste."

„Das habe ich gestern tatsächlich auch schon öfter gehört."

„Dann waren die Leute ausnahmsweise gut informiert."

Ein kleines Lächeln lag in seiner Stimme.

Vor einem der Regale blieb er stehen und zog zwei ältere Bücher heraus.

„Hier findest du Berichte über die Umgebung von Fendell. Außerdem müsste irgendwo noch eine Sammlung alter Karten liegen."

Er sah sich zwischen den Regalen um.

„Wo genau, ist eine andere Frage."

Runa nahm die Bücher entgegen.

„Ich fange erst einmal damit an."

„Wenn du etwas brauchst, sag Bescheid."

Sie setzte sich an einen freien Tisch und schlug das erste Buch auf.

Anfangs war sie noch zuversichtlich.

Die Aufzeichnungen waren alt genug, dass zumindest die Chance bestand, etwas zu finden, das den heutigen Bewohnern von Fendell nicht mehr bekannt war.

Nach einer Weile begann diese Hoffnung allerdings zu schwinden.

Die Ruine wurde tatsächlich erwähnt.

Mehrfach sogar.

Nur stand dort nichts, was Runa nicht bereits wusste.

Alte Mauerreste.

Teilweise eingestürzt.

Grimlinge in der Umgebung.

Abenteurer aus Fendell nutzten den Ort gelegentlich, um Kampferfahrung zu sammeln.

Sie blätterte weiter.

Ein Bericht erwähnte Reparaturen an einem nahe gelegenen Weg.

Ein anderer beschrieb einen Angriff mehrerer Grimlinge auf zwei Reisende.

Die Ruine selbst bekam gerade einmal wenige Sätze.

Runa legte das Buch beiseite und griff nach dem nächsten.

Vielleicht war die entscheidende Information einfach nur älter.

Eine Stunde später hatte sie gelernt, dass Fendell vor vielen Jahren andere Handelswege benutzt hatte.

Zwei Stunden später wusste sie deutlich mehr über ehemalige Felder, alte Grenzsteine und längst verschwundene Wege, als sie jemals hatte wissen wollen.

Über die Ruine wusste sie immer noch kaum mehr als am Vortag.

Runa lehnte sich zurück und rieb sich kurz über die Augen.

Vielleicht hatte sie wirklich zu viel erwartet.

Das Notizbuch erwähnte die Ruine.

Das bedeutete nicht zwangsläufig, dass dort noch etwas zu finden war.

Möglicherweise hatte sich jemand den Ort angesehen, etwas Interessantes vermutet und später festgestellt, dass es nichts gab.

Der Gedanke gefiel ihr nicht besonders.

Aber nach mehreren Stunden ohne einen einzigen brauchbaren Hinweis musste sie zumindest damit rechnen.

Sie schlug das nächste Buch auf.

Schon nach wenigen Seiten war klar, dass auch dort nichts Neues zu finden war.

Langsam wurde es frustrierend.

Vielleicht sollte sie es für heute gut sein lassen.

Oder direkt zur Ruine gehen.

Der Gedanke war nicht neu.

Seit gestern wusste sie, wo der Ort lag. Sie könnte Fendell verlassen und selbst nachsehen, weshalb offenbar niemand etwas Besonderes darin sah.

Doch genauso wusste sie, dass dort Grimlinge lebten.

Für einen erfahrenen Abenteurer mochten sie keine große Bedrohung darstellen.

Das machte es trotzdem nicht vernünftig, allein und ohne genaue Vorbereitung durch eine Ruine zu laufen, nur um am Ende festzustellen, dass ihr eine Information fehlte, die sie vorher problemlos hätte beschaffen können.

Runa konnte sich verteidigen.

Das hieß nicht, dass sie jedes unnötige Risiko eingehen musste.

Erst wollte sie wissen, wonach sie überhaupt suchte.

Danach konnte sie immer noch entscheiden, ob sie die Ruine selbst untersuchte.

Sie brachte die Bücher zurück zum Bibliothekar.

„Nichts gefunden?"

„Nichts, was ich nicht gestern schon gehört hätte."

„Hab ich dich ja gewarnt."

Runa sah ihn an.

Der Mann hob beschwichtigend die Hände.

„Ich wollte nur ehrlich sein."

„Die alten Karten haben wir noch nicht versucht."

„Stimmt."

Er legte die Blätter vor sich beiseite.

„Warte hier."

Diesmal verschwand er weiter hinten zwischen den Regalen.

Es dauerte überraschend lange.

Runa wartete.

Dann noch etwas länger.

Gerade als sie sich fragte, ob er inzwischen selbst vergessen hatte, wonach er suchte, tauchte er wieder auf.

Unter einem Arm trug er mehrere zusammengerollte Karten.

„Ich wusste doch, dass wir sie noch haben."

Er legte die Rollen auf einen freien Tisch.

„Keine Ahnung, ob dir davon irgendetwas hilft."

„Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert."

Der Bibliothekar überließ sie wieder ihrer Suche.

Runa rollte die erste Karte vorsichtig aus.

Fendell und die unmittelbare Umgebung.

Zu neu.

Die Ruine war lediglich mit einem kleinen Symbol eingezeichnet.

Sie legte die nächste daneben.

Ähnlich.

Danach kam eine deutlich ältere Karte.

Mehrere Straßen fehlten. Einige Wege verliefen anders als heute, und auch die Felder um Fendell waren noch anders aufgeteilt.

Runa suchte die Stelle, an der die Ruine liegen musste.

Da war sie.

Wieder nur eine kleine Markierung.

Noch eine Karte.

Und noch eine.

Langsam glaubte sie nicht mehr daran, hier etwas zu finden.

Die letzte Rolle lag etwas abseits von den anderen.

Das Papier war stärker vergilbt und an den Rändern mehrfach eingerissen.

Runa zog sie näher heran und rollte sie vorsichtig aus.

Eine alte Karte der Umgebung von Fendell.

Auf den ersten Blick unterschied sie sich kaum von den anderen.

Dann blieb ihr Blick hängen.

Die Ruine.

Runa legte einen Finger neben die eingezeichnete Stelle.

Das war keine einfache Markierung.

Mehrere Linien bildeten einen Grundriss.

Sie beugte sich näher über den Tisch.

Dann zog sie eine der neueren Karten heran und legte beide nebeneinander.

Auf der aktuellen Karte war die Ruine klein.

Kaum mehr als ein einzelner Punkt.

Auf der alten Karte nahm sie deutlich mehr Raum ein.

Mehrere Mauerzüge.

Vielleicht einzelne Bereiche.

Jedenfalls mehr, als die Bewohner gestern beschrieben hatten.

Und mehr, als die beiden Abenteurer dort gesehen haben wollten.

Die Müdigkeit der letzten Stunden war mit einem Schlag verschwunden.

„Das passt nicht."

Der Bibliothekar blickte von seinem Tisch auf.

„Was?"

„Können Sie sich das ansehen?"

Er kam zu ihr und beugte sich über die Karten.

„Was genau?"

Runa zeigte auf die Ruine.

„Wie groß ist sie heute?"

„Nicht besonders groß."

Sie schob ihm die neuere Karte etwas näher.

„So wurde sie mir gestern auch beschrieben. Aber sehen Sie mal hier."

Der Bibliothekar verglich die beiden Darstellungen.

„Hm."

„Auf dieser Karte sieht die Anlage deutlich größer aus."

„Sieht so aus."

„Warum?"

„Weil alte Karten manchmal falsch sind."

Runa schwieg.

Der Mann betrachtete die vergilbte Karte noch einmal.

„Ich weiß nicht einmal genau, wer sie angefertigt hat", fuhr er schließlich fort. „Vielleicht wurden Maße falsch übertragen. Vielleicht hat jemand etwas eingezeichnet, das nie dort war."

Das war möglich.

Sogar sehr gut möglich.

Trotzdem blieb Runas Aufmerksamkeit an dem Grundriss hängen.

„Gibt es noch ältere Aufzeichnungen dazu?"

„Nicht, dass ich wüsste."

Der Bibliothekar dachte kurz nach.

„Aber wenn du unbedingt wissen willst, ob die Karte stimmt, könntest du Halven fragen."

„Halven?"

„Ehemaliger Abenteurer. Lebt schon seit Ewigkeiten in Fendell."

Er deutete mit dem Kopf in Richtung der Fenster.

„Der war früher ziemlich oft an dieser Ruine. Zum Trainieren, soweit ich weiß."

Das war deutlich hilfreicher.

„Wo finde ich ihn?"

Der Bibliothekar erklärte ihr, in welchem Teil der Stadt Halven wohnte.

Runa prägte sich den Weg ein.

Für heute würde sie ihn allerdings nicht mehr aufsuchen.

Sie wollte zuerst noch versuchen, mehr aus der Karte herauszulesen.

Außerdem war der Fund selbst schon mehr, als sie vor einer halben Stunde noch erwartet hatte.

Vielleicht war die Karte tatsächlich falsch.

Aber zum ersten Mal seit ihrer Ankunft hatte sie etwas gefunden, das nicht zu den bisherigen Aussagen passte.

Und genau deswegen konnte sie es nicht einfach ignorieren.

Eine Weile später rollte Runa die Karte vorsichtig wieder zusammen.

Der Bibliothekar erlaubte ihr nicht, sie mitzunehmen, aber sie durfte sich einige Notizen dazu machen.

Damit musste es vorerst reichen.

Sie verstaute ihre Sachen in der Tasche und ging zum Ausgang.

Ihre Gedanken waren noch immer bei der Karte.

Wenn Halven die Ruine wirklich gut kannte, würde sie morgen vielleicht endlich herausfinden, welche Darstellung stimmte.

Runa öffnete die Tür.

Und blieb stehen.

Direkt vor ihr stand jemand.

Ein junger Mann hielt eine schwere Kiste voller Bücher in beiden Armen und hatte offenbar gerade nach der Türklinke greifen wollen.

Für einen kurzen Moment standen sie sich gegenüber.

Ihre Blicke trafen sich.

Dann machte er einen Schritt zur Seite.

Runa ging an ihm vorbei.

Erst als sie dicht aneinander vorbeikamen, bemerkte sie es.

Mana.

Ihr Schritt wurde kaum merklich langsamer.

Es war nur ein kurzer Eindruck.

Doch sie hatte sich nicht getäuscht.

Sein Mana war kräftig.

Nicht überwältigend.

Nicht so, dass sie deswegen stehen geblieben wäre.

Aber deutlich genug, um ihr aufzufallen.

Vor allem, weil der junge Mann überhaupt nicht danach aussah.

Keine typische Kleidung eines Magiers.

Kein Stab.

Keine andere erkennbare magische Ausrüstung.

Eigentlich trug er außer der Bücherkiste kaum etwas bei sich.

Runa ging weiter.

Hinter ihr schloss sich die Tür der Bibliothek.

Kurz überlegte sie, sich noch einmal umzudrehen.

Sie ließ es bleiben.

Vielleicht war er trotzdem ein Magier.

Ein ungewöhnlicher Anblick bedeutete schließlich nicht viel.

Und sie hatte gerade ein deutlich wichtigeres Problem.

Die alte Karte.

Später am Abend lag das Notizbuch wieder geöffnet vor ihr.

Daneben hatte Runa eine grobe Skizze der Karte angefertigt.

Keine genaue Kopie.

Nur genug, um sich die Unterschiede einprägen zu können.

Ihr Blick wechselte zwischen beiden Seiten hin und her.

Fendell – Ruine in der Umgebung.

Weitere Untersuchung notwendig.

Gestern hatte dieser Satz noch kaum einen Sinn ergeben.

Heute war sie sich nicht mehr ganz so sicher.

Wenn die alte Karte stimmte, war die Ruine zumindest irgendwann größer dargestellt worden, als sie heute bekannt war.

Warum, wusste sie noch immer nicht.

Vielleicht wusste Halven mehr.

Runa schloss das Notizbuch und legte es neben ihre Skizze.

Damit war der nächste Tag zumindest geplant.

Dann kam ihr der junge Mann vor der Bibliothek wieder in den Sinn.

Das kräftige Mana.

Seine fehlende Ausrüstung.

Irgendetwas an ihm war ihr außerdem bekannt vorgekommen.

Runa dachte einen Moment darüber nach.

Moment.

Sie hatte ihn schon einmal gesehen.

Gestern.

Auf der Straße.

Der Mann, der zusammen mit den drei Abenteurern durch Fendell gekommen war.

Damals war er ihr nur aufgefallen, weil er nicht wirklich zu ihnen gepasst hatte.

Und heute trug er Bücher zur Bibliothek.

Wer war er?

Die Frage blieb einen Moment in ihrem Kopf.

Dann fiel ihr Blick wieder auf die Skizze der alten Karte.

Morgen würde sie Halven aufsuchen.

Vielleicht konnte er ihr endlich sagen, warum die Ruine auf der Karte so anders aussah als die, von der ihr bisher jeder erzählt hatte.

Am nächsten Mittag saß Runa in der Abenteurergilde und wartete auf ihr Essen.

Halven wohnte nicht weit von hier entfernt. Bevor sie ihn aufsuchte, wollte sie allerdings noch etwas essen.

Mehr aus Gewohnheit ließ sie den Blick durch den Raum schweifen.

Dann entdeckte sie ein bekanntes Gesicht.

Der junge Mann von gestern stand einige Meter entfernt bei der Auftragstafel.

Und diesmal war er nicht allein.

Neben ihm stand ein anderer junger Mann, den Runa nicht kannte.

Noch schneller fiel ihr allerdings das Kurzschwert an seiner Hüfte auf.

Runa sah einen Moment länger hin.

Ein Schwert?

Gestern hatte sie sein Mana deutlich gespürt. Kräftiger, als sie bei jemandem erwartet hätte, der weder wie ein Magier gekleidet war noch irgendeine erkennbare magische Ausrüstung bei sich trug.

Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob sie sich vielleicht doch getäuscht hatte.

Der Gedanke hielt nicht lange.

Bei Mana irrte sie sich selten.

Also was war er dann?

Ein Schwertkämpfer mit ungewöhnlich kräftigem Mana?

Der junge Mann neben ihm sagte etwas, woraufhin beide sich von der Auftragstafel entfernten.

Runa sah ihnen kurz nach.

Vielleicht war das sein Partner.

Allerdings passte auch das nicht so recht zu dem Bild, das sie bisher von ihm hatte.

Vorgestern war er ohne erkennbare Ausrüstung mit drei anderen Abenteurern durch Fendell gekommen. Gestern hatte er eine Kiste voller Bücher zur Bibliothek getragen. Und heute stand er plötzlich mit einem Kurzschwert an der Seite in der Gilde und schien mit jemand anderem einen Auftrag anzunehmen.

Irgendwie wurde er mit jeder Begegnung schwerer einzuordnen.

Kurz darauf wurde ihr Essen gebracht.

Während sie aß, verließ der junge Mann mit seinem möglichen Partner die Gilde.

Runa sah ihnen nicht weiter nach.

Sie hatte selbst noch genug vor.

Nachdem sie bezahlt hatte, machte sie sich auf den Weg zu Halven.

Der Bibliothekar hatte ihr den Weg ziemlich genau beschrieben. Trotzdem musste Runa zweimal nachfragen, bevor sie das richtige Haus fand.

Es lag etwas abseits der belebteren Straßen von Fendell. Klein, aber gepflegt. Vor einem der Fenster stand eine alte Holzbank, daneben lehnten mehrere Stücke Feuerholz an der Hauswand.

Runa klopfte.

Zunächst geschah nichts.

Sie wartete einen Moment und wollte gerade ein zweites Mal klopfen, als sie von drinnen Schritte hörte.

Die Tür öffnete sich.

Vor ihr stand ein älterer Mann mit kurzen grauen Haaren. Sein Gesicht wirkte müde, aber nicht gebrechlich. Auch wenn seine Zeit als Abenteurer offenbar schon länger zurücklag, war noch gut zu erkennen, dass er einmal deutlich mehr Zeit draußen als hinter einem Schreibtisch verbracht hatte.

„Ja?"

„Sind Sie Halven?"

„Kommt darauf an, wer fragt."

Runa brauchte einen Moment.

Dann antwortete sie:

„Runa."

Halven wartete.

Offenbar reichte ihm das noch nicht.

„Der Bibliothekar aus Fendell hat mich zu Ihnen geschickt."

„Ah."

Damit schien die Sache plötzlich verständlicher zu werden.

„Dann geht es wahrscheinlich um irgendetwas Altes."

„Um die Ruine außerhalb der Stadt."

Halven sah sie kurz an.

„Natürlich."

Er öffnete die Tür etwas weiter.

„Komm rein."

Das Innere des Hauses war einfacher, als Runa erwartet hatte. Ein Tisch, mehrere Stühle, ein Regal mit einigen Büchern und verschiedene Dinge, die sich über die Jahre angesammelt haben mussten.

An einer Wand hing ein altes Schwert.

Runa bemerkte die Kratzer auf der Scheide.

Halven folgte ihrem Blick.

„Das hat bessere Zeiten gesehen."

„Sie waren lange Abenteurer?"

„Lange genug."

Er setzte sich an den Tisch.

„Also. Was willst du über die Ruine wissen?"

Runa nahm ebenfalls Platz und holte ihre Skizze aus der Tasche.

„Eigentlich wollte ich wissen, wie sie früher ausgesehen hat."

Halven sah auf das Blatt.

„Warum?"

„Ich habe gestern in der Bibliothek eine alte Karte gefunden."

Sie schob ihm die Skizze hin.

„Und die passt nicht zu dem, was mir bisher über die Ruine erzählt wurde."

Halven nahm das Blatt entgegen und betrachtete die eingezeichneten Linien.

Zunächst sagte er nichts.

Runa wartete.

Nach einigen Augenblicken legte er die Skizze flach auf den Tisch und sah sie sich noch einmal genauer an.

„Das soll die Ruine bei Fendell sein?"

„Laut Karte schon."

„Dann ist die Karte falsch."

Die Antwort kam so selbstverständlich, dass Runa beinahe überrascht war.

„So sicher?"

„Ja."

„Warum?"

Halven tippte mit einem Finger auf einen der eingezeichneten Bereiche.

„Weil das hier nicht existiert."

Dann auf einen weiteren.

„Das auch nicht."

Sein Finger wanderte weiter.

„Und wenn das alles wirklich dort stehen würde, hätte ich während meiner Zeit als Abenteurer ziemlich viel übersehen."

Runa beugte sich etwas näher über den Tisch.

„Sie waren oft dort?"

„Sehr oft."

Halven lehnte sich zurück.

„Als ich jünger war, haben wir dort trainiert. Genau wie die Anfänger heute."

„Wegen der Grimlinge?"

„Unter anderem."

Ein leichtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

„Damals haben die sich für uns noch deutlich gefährlicher angefühlt."

Runa sah wieder auf die Skizze.

„Wie groß ist die Ruine tatsächlich?"

Halven beschrieb ihr den bekannten Bereich.

Einige alte Mauern.

Mehrere eingestürzte Stellen.

Eine offene Fläche, die von Abenteurern genutzt wurde.

Nichts davon passte zu den zusätzlichen Linien auf der alten Karte.

„Und Sie haben nie weitere Räume gesehen?"

„Nein."

„Einen Zugang nach unten?"

Halven schüttelte den Kopf.

„Nicht, dass ich wüsste."

„Könnte ein Teil der Anlage eingestürzt oder verschüttet sein?"

Diesmal dachte er etwas länger nach.

„Möglich ist vieles. Die Ruine ist alt und an mehreren Stellen eingestürzt. Aber wenn es dort einmal weitere Bereiche gab, habe ich nie einen Zugang dazu gesehen."

Damit wurde die Sache nicht klarer.

Eigentlich wurde sie nur merkwürdiger.

Halven schob ihr die Skizze zurück.

„Woher stammt die Karte?"

„Aus der Bibliothek."

„Wer hat sie gezeichnet?"

„Das konnte mir niemand sagen."

„Dann würde ich nicht zu viel darauf geben."

Er deutete auf das Papier.

„Alte Karten sind nicht automatisch gute Karten."

Das hatte der Bibliothekar ebenfalls gesagt.

Und es war noch immer die einfachste Erklärung.

Trotzdem blieben die zusätzlichen Linien.

„Vielleicht."

Halven musterte sie kurz.

„Du glaubst nicht daran."

Runa antwortete nicht sofort.

„Ich weiß es nicht."

Das war die ehrlichste Antwort.

Halven schien damit zufrieden zu sein.

„Dann sieh dir die Ruine irgendwann selbst an."

„Das habe ich vor."

„Allein?"

„Wenn es sich vermeiden lässt, nicht."

Halven nickte.

„Vernünftig."

Er deutete auf ihre Tasche.

„Du bist Magierin?"

Runa folgte kurz seinem Blick.

„Ja."

„Dann kannst du dich vermutlich gegen ein paar Grimlinge verteidigen."

„Vermutlich."

„Vermutlich gefällt mir besser als sicher."

Runa musste leicht lächeln.

Halven fuhr fort:

„Die Dinger sind keine große Gefahr, wenn man weiß, was man tut. Aber gerade deshalb unterschätzen Anfänger sie gern."

Das war ungefähr der Grund, weshalb Runa noch nicht einfach allein losgezogen war.

Sie wollte wissen, wonach sie suchte.

Und wenn sie sich die Ruine tatsächlich genauer ansehen würde, wäre zusätzliche Unterstützung nicht verkehrt.

„Ist Ihnen sonst jemals etwas an dem Ort aufgefallen?"

Halven überlegte länger als zuvor.

Für einen Moment hoffte Runa auf einen weiteren Hinweis.

Dann schüttelte er den Kopf.

„Nicht wirklich."

Keine versteckte Tür.

Keine seltsamen Geräusche.

Kein überraschender Hinweis.

Fast ein wenig enttäuschend.

Aber genau das machte die Karte nur schwerer einzuordnen.

Runa steckte die Skizze wieder ein.

„Danke. Das hat mir trotzdem geholfen."

„Obwohl ich dir eigentlich nur gesagt habe, dass deine Karte falsch ist?"

„Jetzt weiß ich zumindest, dass nicht nur die Leute auf der Straße die Ruine anders beschreiben."

Halven lachte leise.

„Dann gern geschehen."

Runa verabschiedete sich und verließ das Haus.

Draußen blieb sie kurz stehen.

Die Karte konnte falsch sein.

Das Notizbuch konnte sich auf etwas beziehen, das längst nicht mehr existierte.

Oder auf etwas, das die heutigen Abenteurer nie bemerkt hatten.

Im Moment hatte sie für keine dieser Möglichkeiten einen Beweis.

Aber nach ihrem Gespräch mit Halven stand zumindest eines fest:

Wenn die Karte stimmte, fehlte an der Ruine etwas.

Am Abend saß Runa wieder in der Gilde.

Vor ihr stand ein fast leerer Teller, daneben lagen ihre Notizen über die Ruine.

Erst als sie nach ihrem Geld griff, fiel ihr auf, wie leicht der Beutel inzwischen geworden war.

Die Reise nach Fendell.

Das Zimmer.

Essen.

Während sie sich mit alten Karten und der Ruine beschäftigt hatte, hatte sie darauf kaum geachtet.

Ihr Geld würde noch ein paar Tage reichen.

Aber wenn sie weiterforschen wollte, konnte sie es nicht einfach weiter ausgeben, ohne etwas Neues zu verdienen.

Diesmal blieb ihre Aufmerksamkeit an der Auftragstafel hängen.

Dort standen noch immer einige Abenteurer und suchten nach Arbeit.

Dann werde ich mir morgen wohl einen Auftrag suchen müssen.

Am nächsten Vormittag stand Runa vor der Auftragstafel der Gilde.

Diesmal war sie nicht wegen der Ruine hier.

Zumindest nicht direkt.

Vor ihr hingen Lieferungen, Sammelaufträge, Begleitschutz und mehrere Monsteraufträge nebeneinander.

Sie brauchte nichts Besonderes.

Ein Auftrag, der sich innerhalb eines Tages erledigen ließ und genug einbrachte, um sich für die nächste Zeit nicht wieder Gedanken über ihr Geld machen zu müssen, würde vollkommen reichen.

Runa betrachtete gerade einen Sammelauftrag, als sie am Tresen eine Stimme hörte.

„Wenn du alleine loswillst, würde ich dir für den Anfang nichts Größeres empfehlen."

Fast automatisch hörte sie genauer hin.

Der junge Mann mit dem Kurzschwert stand bei der selben Mitarbeiterin, die sich gerade mit mehreren Aushängen beschäftigte.

Allein.

Von seinem Begleiter vom Vortag war nichts zu sehen.

Runa wandte sich wieder ihrem eigenen Auftrag zu.

Eigentlich ging sie das nichts an.

„Was wäre denn für den Anfang geeignet?"

Diesmal sah sie doch wieder hin.

Die Mitarbeiterin nahm einen der Aushänge vom Tresen.

„Hier wäre etwas."

Sie legte ihn vor ihm ab.

„Ein Wurzelkriecher wurde in einem Waldstück außerhalb der Stadt gesehen. Nicht weit entfernt."

Runa kannte die Art.

Für jemanden mit etwas Erfahrung waren Wurzelkriecher tatsächlich keine besonders gefährlichen Gegner.

Allerdings hatten sie eine unangenehme Eigenschaft.

„Für einen Anfänger?", fragte er.

„Solange du nicht einfach auf ihn losrennst."

Die Mitarbeiterin deutete auf den Auftrag.

„Wurzelkriecher verteilen ihre Wurzeln im Boden um sich herum. Wenn du auf eine davon trittst oder dich zu unvorsichtig in ihrer Nähe bewegst, merken sie ziemlich schnell, wo du bist."

Der junge Mann betrachtete den Aushang noch einmal.

„Und sonst?"

„Sie sind nicht besonders schnell und halten auch nicht viel aus. Wenn du weißt, wo der eigentliche Körper sitzt, solltest du mit deinem Schwert zurechtkommen."

Inzwischen hörte Runa aufmerksamer zu, als sie eigentlich vorgehabt hatte.

Er hatte also tatsächlich vor, allein gegen ein Monster anzutreten.

Vor zwei Tagen hatte er noch eine Kiste voller Bücher zur Bibliothek getragen.

Gestern war er mit einem anderen Abenteurer unterwegs gewesen.

Heute suchte er nach einem Auftrag, den ein Anfänger alleine schaffen konnte.

Und noch immer wusste sie nicht, wie sie ihn einordnen sollte.

Der junge Mann nahm den Auftrag schließlich an.

Runa sah ihm nach.

Nur für einen Moment.

Dann wandte sie sich wieder der Auftragstafel zu.

Sie hatte selbst etwas zu tun.

Der Sammelauftrag hing noch immer direkt vor ihr.

Eigentlich wäre der vollkommen ausreichend.

Ein paar Stunden außerhalb der Stadt, Material einsammeln, zurückbringen, bezahlen lassen.

Einfach.

Sie griff nach dem Aushang.

Ihre Hand blieb kurz davor stehen.

Das kräftige Mana von der Begegnung vor der Bibliothek kam ihr wieder in den Sinn.

Dann das Kurzschwert.

Und jetzt ein Wurzelkriecher.

Runa zog die Hand zurück.

Was genau wollte dieser Mann eigentlich sein?

Ein Magier offenbar nicht.

Zumindest benahm er sich nicht wie einer.

Ein erfahrener Schwertkämpfer genauso wenig, wenn er sich von der Mitarbeiterin erklären lassen musste, welcher Auftrag für einen Anfänger geeignet war.

Trotzdem war Runa sich sicher, was sie vor zwei Tagen gespürt hatte.

Bei Mana irrte sie sich selten.

Der Ausgang lag nur wenige Schritte entfernt.

Wahrscheinlich würde sich die Frage innerhalb kurzer Zeit beantworten lassen.

Wenn er tatsächlich Magie beherrschte, würde er sie gegen den Wurzelkriecher vermutlich einsetzen.

Und wenn nicht—

Runa hielt inne.

Was mache ich hier eigentlich?

Der Sammelauftrag hing noch immer direkt vor ihr.

Sie war in die Gilde gekommen, weil sie Geld brauchte.

Nicht um irgendeinem Mann hinterherzulaufen, den sie innerhalb von drei Tagen zufällig ein paarmal gesehen hatte.

Einen Moment blieb sie stehen.

Dann sah sie doch wieder zum Ausgang.

Nur kurz.

Sie musste ihm schließlich nicht bis zum Monster folgen.

Vielleicht reichte es schon zu sehen, wie er sich außerhalb der Stadt verhielt oder ob er irgendwann begann, Magie vorzubereiten.

Danach konnte sie zurückkommen und sich um ihre eigene Arbeit kümmern.

Runa ließ den Aushang hängen.

Wenige Minuten später verließ auch sie die Gilde.

Er war noch nicht besonders weit gekommen.

Auf dem Weg aus Fendell entdeckte sie ihn wieder und blieb weit genug zurück, dass er keinen Grund hatte, auf sie aufmerksam zu werden.

Zumindest hoffte sie das.

Er ging allein.

Keine zusätzliche Ausrüstung.

Kein Stab.

Keine Tasche voller Dinge, die sie einem Magier zugeordnet hätte.

Nur das Kurzschwert an seiner Seite und der kleine Beutel am Gürtel.

Runa hielt Abstand.

Je länger sie ihm folgte, desto mehr fragte sie sich allerdings, weshalb sie das überhaupt tat.

Noch konnte sie umdrehen.

Eigentlich hätte sie längst umdrehen sollen.

Trotzdem ging sie weiter.

Vielleicht hatte ihre Suche nach der Ruine ihren Blick inzwischen zu sehr für Dinge geschärft, die nicht zusammenpassten.

Seit ihrer Ankunft in Fendell beschäftigte sie sich fast ausschließlich damit.

Eine bekannte Ruine, die auf einer alten Karte größer eingezeichnet war, als sie heute sein sollte.

Ein Notizbuch, das ausdrücklich eine weitere Untersuchung verlangte.

Und jetzt dieser Mann.

Bei ihm passte ebenfalls kaum etwas zusammen.

Runa verdrängte den Gedanken wieder.

Sie hatte nicht vor, aus jedem merkwürdigen Detail in Fendell ein neues Rätsel zu machen.

Als er den breiteren Weg verließ und in Richtung eines Waldstücks verschwand, wurde sie langsamer.

Spätestens jetzt wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, zurückzugehen.

Der Wurzelkriecher musste irgendwo dort sein.

Sie kannte die Monster gut genug, um zu wissen, dass man sich ihrer Umgebung nicht unvorsichtig näherte.

Am Rand des Weges blieb sie stehen.

Vor ihr verschwand er zwischen den ersten Bäumen.

Noch einmal dachte sie an den Sammelauftrag in der Gilde.

Dann folgte sie ihm.

Nur noch ein Stück.

Im Wald wurde es schwieriger, Abstand zu halten.

Zwischen den Bäumen verlor sie ihn immer wieder aus den Augen. Gleichzeitig durfte sie nicht zu nahe herankommen.

Mehrmals musste Runa warten, bis sie ihn wieder zwischen den Stämmen erkennen konnte.

Er bewegte sich inzwischen langsamer.

Offenbar suchte er bereits nach dem Monster.

Oder nach dessen Wurzeln.

Zumindest hatte er sich die Erklärung der Mitarbeiterin gemerkt.

Runa blieb hinter einem breiteren Baum stehen und beobachtete ihn.

Immer wieder kontrollierte er den Boden vor sich.

Nicht schlecht.

Viele Anfänger hörten bei einem Wurzelkriecher nur, dass er langsam war, und vergaßen den Rest spätestens in dem Moment, in dem sie ihn sahen.

Er dagegen schien zumindest vorsichtig zu sein.

Noch immer setzte er allerdings keinerlei Magie ein.

Keine kleine Suchformel.

Keine Verstärkung.

Nicht einmal eine einfache Mana-Anwendung, die Runa aus dieser Entfernung bemerkt hätte.

Langsam fragte sie sich ernsthaft, ob er überhaupt wusste, wie man sein Mana benutzte.

Das wäre—

Nein.

Das konnte eigentlich nicht sein.

Mit so kräftigem Mana müsste ihm doch irgendwann jemand aufgefallen sein.

Andererseits wusste Runa nichts über ihn.

Nicht einmal seinen Namen.

Einige Schritte weiter blieb er plötzlich stehen.

Etwas vor ihm bewegte sich zwischen den Pflanzen.

Runa konzentrierte sich sofort darauf.

Da.

Zwischen Erde, Blättern und den Wurzeln der umliegenden Bäume verlief etwas, das nicht ganz in die Umgebung passte.

Dünne, dunklere Stränge zogen sich über den Boden.

Der Wurzelkriecher.

Ab hier musste sie besonders aufpassen.

Die Wurzeln konnten sich weiter ausbreiten, als viele erwarteten. Nicht jede davon war auf den ersten Blick vom natürlichen Wurzelwerk zu unterscheiden.

Eine der fremden Wurzeln schien auch ihm aufgefallen zu sein.

Vorsichtig setzte er einen Fuß an einer anderen Stelle auf.

Dann den nächsten.

Runa beobachtete ihn genauer.

Er ging langsam vor.

Sehr langsam.

Aber nicht planlos.

Vielleicht war er tatsächlich einfach nur unerfahren.

Das würde zumindest einiges erklären.

Nur sein Mana nicht.

Schließlich zog er sein Kurzschwert.

Kein Zauber.

Keine Vorbereitung.

Nichts.

Er wollte wirklich mit dem Schwert gegen das Monster kämpfen.

Runas Neugier wurde dadurch nicht gerade kleiner.

Vor ihm bewegte sich etwas zwischen den niedrigen Pflanzen.

Der eigentliche Körper des Wurzelkriechers war nur schwer zu erkennen. Ein gedrungener, pflanzenähnlicher Körper lag halb zwischen Erde und Wurzeln verborgen.

Offenbar hatte er ihn ebenfalls entdeckt.

Der junge Mann blieb stehen.

Das Monster reagierte noch nicht.

Gut.

Wenn er jetzt—

Unter Runas Schuh bewegte sich etwas.

Ihr Körper spannte sich augenblicklich an.

Eine dünne Wurzel verlief direkt unter ihrem Fuß.

Nein.

Sie hatte sie nicht gesehen.

Zwischen dem natürlichen Wurzelwerk des Baumes war sie kaum aufgefallen.

Langsam versuchte Runa, das Gewicht von ihrem Fuß zu nehmen.

Zu spät.

Die Wurzel zuckte.

Nur ganz leicht.

Dann zog sie sich über den Boden.

Runa wusste sofort, was das bedeutete.

Vor dem jungen Mann hob sich der Wurzelkriecher ruckartig aus seiner ruhigen Haltung.

Sein Körper drehte sich.

Aber nicht zu ihm.

Zu ihr.

Runa trat hinter dem Baum hervor.

Verstecken hatte keinen Sinn mehr.

Mehrere Wurzeln bewegten sich gleichzeitig über den Boden.

Eine davon schoss in ihre Richtung.

Runa hob die Hand.

Mana sammelte sich.

Im selben Moment drehte der junge Mann sich um.

Er entdeckte sie zwischen den Bäumen.

Für einen kurzen Augenblick standen beide einfach da.

Die Überraschung in seinem Gesicht war kaum zu übersehen.

Und dahinter eine ziemlich offensichtliche Frage.

Was machte sie hier?

Dann schnellte die Wurzel auf sie zu.

Er reagierte.

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