WORLDDIVIDE - Jenseits der Grenze · Kapitel 6

Nur ein Auftrag

Am Vormittag hatte Ren noch vor der Auftragstafel der Gilde gestanden und sich gefragt, ob er gerade einen Fehler machte. Nach der Sache mit Finn wäre es wahrscheinlich vernünftiger gewesen, sich wieder jemanden zu suchen, der ihn begleitet

High Fantasy, IsekaiVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-10-178.062 Wörterca. 33 Min.

Am Vormittag hatte Ren noch vor der Auftragstafel der Gilde gestanden und sich gefragt, ob er gerade einen Fehler machte. Nach der Sache mit Finn wäre es wahrscheinlich vernünftiger gewesen, sich wieder jemanden zu suchen, der ihn begleitet

Am Vormittag hatte Ren noch vor der Auftragstafel der Gilde gestanden und sich gefragt, ob er gerade einen Fehler machte. Nach der Sache mit Finn wäre es wahrscheinlich vernünftiger gewesen, sich wieder jemanden zu suchen, der ihn begleitete. Trotzdem hatte er sich dagegen entschieden. Irgendwann musste er herausfinden, ob er auch allein zurechtkam. Der Dorneneber hatte ihm ziemlich deutlich gezeigt, wie wenig Erfahrung er besaß. Ohne Finns Hinweis und die Beeren in seinem Beutel wäre sein erster richtiger Kampf vermutlich ganz anders ausgegangen. Gerade deshalb wollte Ren es diesmal nicht übertreiben. Kein großes Monster.

Kein Auftrag, bei dem er schon beim Lesen überlegen musste, ob die Belohnung das Risiko wert war. Etwas für Anfänger. Die Mitarbeiterin am Tresen hatte ihm schließlich einen Wurzelkriecher empfohlen. Langsam, nicht besonders widerstandsfähig und mit einem Schwert grundsätzlich zu besiegen. Der unangenehme Teil waren seine Wurzeln. Das Monster verteilte sie im Boden um sich herum und konnte darüber Bewegungen in seiner Nähe wahrnehmen. Solange Ren darauf achtete, sollte der Auftrag machbar sein.

Zumindest hatte es in der Gilde so geklungen.

Jetzt, einige Zeit später, stand er mitten im Wald und sah deutlich häufiger auf den Boden, als er es normalerweise getan hätte. Zwischen Erde, Steinen und den Wurzeln der Bäume war es allerdings gar nicht so einfach zu erkennen, was hierhergehörte und was vielleicht zu einem Monster gehörte. Ren blieb stehen. Vor ihm verlief eine dünne Wurzel quer über den Boden. Er betrachtete sie eine Weile.

„Und was bist du jetzt?"

Die Wurzel antwortete nicht. Das hätte ihn allerdings wahrscheinlich noch mehr beunruhigt. Vorsichtig setzte er einen Fuß darüber und ging weiter. Seit er den breiten Weg verlassen hatte, bewegte er sich deutlich langsamer. Immer wieder blieb er stehen, sah zwischen die Bäume und versuchte gleichzeitig darauf zu achten, wohin er trat. Bis jetzt hatte er nichts gefunden. Zumindest nichts, das eindeutig nach einem Wurzelkriecher aussah.

Dafür hatte er seit einigen Minuten ein anderes Problem.

Ren blieb erneut stehen. Hinter ihm knackte etwas. Er drehte sich um.

Nichts.

Nur Bäume und Büsche.

Für einen Moment wartete er. Vielleicht ein Tier. Oder irgendein anderes Monster, das er ebenfalls nicht kannte. Der Gedanke machte es nicht unbedingt besser. Ren legte eine Hand an den Griff seines Kurzschwerts und sah noch einmal genauer hin. Keine Bewegung. Nach einigen Sekunden setzte er seinen Weg fort. Das Geräusch blieb trotzdem in seinem Hinterkopf.

Ein paar Minuten später glaubte er erneut, etwas hinter sich gehört zu haben. Diesmal drehte er sich schneller um.

Wieder nichts.

„Okay..."

Vielleicht wurde er langsam paranoid. Andererseits lebten in diesem Wald offenbar riesige Heuschrecken, Dorneneber und Pflanzen, die ihre Wurzeln als Alarmanlage benutzten. Ein bisschen Paranoia konnte wahrscheinlich nicht schaden. Ren ging weiter.

Bald darauf änderte sich der Boden. Zwischen den normalen Baumwurzeln verliefen immer häufiger dünne dunkle Stränge, die nicht recht zu den Pflanzen in ihrer Umgebung passten. Er blieb stehen. Diesmal sah er genauer hin. Eine der Wurzeln verschwand unter einem Busch und tauchte einige Meter weiter wieder aus der Erde auf. Eine zweite verlief in eine andere Richtung. Ren zog langsam sein Kurzschwert.

Das musste es sein.

Von jetzt an setzte er jeden Schritt vorsichtiger.

Bloß nichts berühren.

Der eigentliche Körper des Monsters war zunächst kaum zu erkennen. Erst als sich zwischen einigen niedrigen Pflanzen etwas bewegte, fiel Ren eine ungewöhnliche Form auf. Ein gedrungener Körper lag halb zwischen Erde und Wurzeln verborgen. Auf den ersten Blick hätte man ihn beinahe für einen Teil der Umgebung halten können.

Da bist du also.

Ren umfasste den Griff seines Schwerts fester. Bis jetzt hatte ihn der Wurzelkriecher offenbar noch nicht bemerkt. Das war schon einmal besser gelaufen als beim Dorneneber. Er sah auf den Boden vor sich. Mehrere der dünnen Wurzeln lagen zwischen ihm und dem Monster. Wenn er einfach geradeaus ging, würde er spätestens nach wenigen Schritten eine davon berühren. Also brauchte er einen Weg dazwischen hindurch. Ren verlagerte sein Gewicht vorsichtig und setzte den rechten Fuß neben eine der Wurzeln. Nichts geschah. Der nächste Schritt.

Wieder nichts.

Langsam kam er näher. Sein Herz schlug inzwischen schneller, obwohl der Wurzelkriecher sich noch immer nicht bewegte. Diesmal wollte Ren nicht erst reagieren, wenn ihm das Monster schon entgegenkam. Er wollte den ersten Treffer landen. Noch ein paar Schritte.

Dann konnte er—

Etwas bewegte sich hinter ihm.

Nicht nur ein Geräusch.

Eine Bewegung.

Mehrere Wurzeln zuckten gleichzeitig über den Boden. Der Körper des Wurzelkriechers hob sich ruckartig zwischen den Pflanzen. Ren erstarrte. Hab ich eine erwischt? Doch das Monster drehte sich nicht zu ihm. Es wandte sich in die andere Richtung.

Hinter ihn.

Ren folgte seinem Blick. Zwischen zwei Bäumen stand jemand.

Die junge Frau aus der Bibliothek.

Für einen Moment verstand er überhaupt nichts.

Was macht die denn hier?

Eine Wurzel schnellte über den Boden auf sie zu. Ren reagierte, bevor er weiter darüber nachdenken konnte. Er setzte sich in Bewegung. Das Kurzschwert fest in der Hand sprang er über eine der dünnen Wurzeln und lief auf den Wurzelkriecher zu. Die Frau hob bereits eine Hand. Etwas flackerte vor ihren Fingern. Doch die angreifende Wurzel war schneller. Ren holte aus. Die Klinge traf den Strang seitlich. Ein harter Widerstand ging durch seine Arme. Die Wurzel wurde zur Seite gerissen und schlug einige Schritte neben der Frau auf den Boden. Der Wurzelkriecher zuckte. Sofort bewegten sich weitere Stränge.

„Jetzt!"

Eigentlich wusste Ren selbst nicht genau, was sie jetzt tun sollte. Zum Glück schien sie das auch ohne seine Erklärung zu wissen. Die Hand der jungen Frau war noch immer erhoben. Für einen kurzen Moment sammelte sich etwas Helles vor ihren Fingern. Dann schoss Feuer an Ren vorbei. Er wich instinktiv zur Seite. Der Feuerstoß traf den pflanzenartigen Körper. Der Wurzelkriecher zog sich ruckartig zusammen. Mehrere seiner Wurzeln schlugen unkontrolliert über den Boden. Ren musste einen Schritt zurückspringen, damit ihn eine davon nicht an den Beinen erwischte. Als er wieder aufsah, war ein Teil des Monsters dunkel verfärbt. Es bewegte sich noch.

Aber langsamer. Deutlich langsamer.

„Jetzt!"

Diesmal kam der Ruf von ihr. Ren brauchte keine weitere Aufforderung. Er stieß sich vom Boden ab und lief nach vorne. Eine Wurzel kam ihm entgegen. Er wich zur Seite, spürte, wie sie knapp an seinem Bein vorbeizog, und brachte die letzten Schritte hinter sich. Der eigentliche Körper lag direkt vor ihm. Ren umfasste das Kurzschwert mit beiden Händen.

Keine Zeit zum Zögern.

Er schlug zu. Die Klinge traf. Der Wurzelkriecher zuckte noch einmal heftig. Dann erschlafften die Wurzeln um ihn herum. Eine nach der anderen sank zu Boden. Ren blieb stehen. Sein Schwert hielt er noch immer vor sich. Sekunden vergingen.

Nichts bewegte sich.

Er wartete trotzdem noch einen Moment. Nach dem Dorneneber hatte er kein Bedürfnis danach, sich zu früh sicher zu fühlen. Erst als wirklich nichts mehr geschah, senkte er langsam die Klinge.

„Okay."

Sein Atem ging schneller, als ihm lieb war.

Aber er stand noch.

Der Wurzelkriecher nicht.

Damit war sein erster Auftrag allein—

Ren hielt inne. Sein Blick wanderte zu der jungen Frau. Sie stand einige Meter entfernt zwischen den Bäumen. Allein war vielleicht inzwischen nicht mehr ganz die richtige Beschreibung. Ren steckte das Kurzschwert zurück in die Scheide. Jetzt, wo nichts mehr versuchte, ihn umzubringen, kam die deutlich wichtigere Frage zurück. Warum zum Teufel war die Magierin aus der Bibliothek mitten im Wald hinter ihm aufgetaucht? Für einige Sekunden sagte keiner von beiden etwas. Die junge Frau sah zu dem reglosen Wurzelkriecher und dann zurück zu Ren.

„Danke."

Ren hob leicht die Schultern.

„Gern."

Eigentlich hätte er noch etwas anderes sagen wollen. Zum Beispiel, dass es vielleicht keine besonders gute Idee gewesen war, sich mitten in einen Monsterkampf einzumischen, nachdem man jemandem heimlich durch den Wald gefolgt war. Aber dafür musste er zunächst etwas anderes klären.

„Warum bist du überhaupt hier?"

Sie antwortete nicht sofort. Das war vermutlich kein gutes Zeichen.

„Ich war neugierig."

Ren wartete einen Moment, doch mehr kam nicht.

„Neugierig? Und deshalb bist du mir bis hierher gefolgt?"

Sie sah kurz zur Seite.

„Wenn du es so ausdrückst, klingt es etwas seltsam."

„Wie würdest du es denn ausdrücken?"

Sie dachte einen Moment darüber nach.

„Wahrscheinlich genauso."

Ren musste sich ein kurzes Lachen verkneifen. Immerhin war sie ehrlich.

„Also beobachtest du öfter fremde Leute?"

„Normalerweise fliege ich dabei nicht auf."

Ren sah sie an. Sie hielt seinem Blick stand.

„...Das macht es nicht besser."

Für einen Moment war es still. Dann musste sie selbst leicht lächeln. Wenigstens schien ihr bewusst zu sein, wie die ganze Sache klang. Ren legte eine Hand an den Griff seines Kurzschwerts, mehr aus Gewohnheit als aus Vorsicht. Ganz verschwunden war die allerdings nicht. Er kannte sie nicht. Sie war ihm gefolgt. Und auch wenn sie ihm gerade geholfen hatte, den Wurzelkriecher zu erledigen, wusste er noch immer praktisch nichts über sie.

„Was war denn so interessant an mir?"

Sie überlegte erneut. Diesmal wirkte es weniger so, als suche sie nach einer Ausrede, sondern eher nach der richtigen Antwort.

„Du bist mir vor ein paar Tagen zum ersten Mal aufgefallen."

„Wann?"

„Als du mit drei Abenteurern durch Fendell gelaufen bist."

Ren brauchte einen Moment. Dann wusste er, wen sie meinte.

„Da hast du mich schon gesehen?"

„Nur kurz."

Sie deutete auf ihn.

„Du hattest kaum Ausrüstung dabei und sahst nicht so aus, als würdest du zu ihnen gehören."

Das war schwer zu bestreiten.

„Am nächsten Tag bist du mir vor der Bibliothek begegnet."

„Das warst du also."

„Du hast mich doch angesehen."

„Wegen des Hutes."

Beinahe automatisch griff sie an die Krempe. „Was ist mit meinem Hut?"

„Nichts. Er ist nur... auffällig." Ren merkte selbst, dass die Antwort ziemlich schnell gekommen war.

„Auffällig?"

„Nicht schlecht."

„Das habe ich auch nicht gesagt."

Ren schwieg kurz. Das Gespräch entwickelte sich in eine Richtung, die er nicht geplant hatte.

„Jedenfalls", fuhr sie fort, „habe ich an der Bibliothek dein Mana gespürt."

Da war es wieder. Dieses Wort. Ren wusste inzwischen genug über die Welt, um verstanden zu haben, dass Magie existierte. Das half ihm nur wenig dabei, zu verstehen, was genau sie gerade meinte.

„Mein Mana?"

Sie sah ihn nun etwas genauer an.

„Ja."

„Was ist damit?"

„Es ist kräftig."

Ren sagte nichts. Sie wartete offenbar auf irgendeine Reaktion. Als keine kam, schien ihr etwas aufzufallen.

„Du weißt nicht, was ich meine."

Es war keine richtige Frage. Ren hätte jetzt behaupten können, natürlich zu wissen, was Mana war. Vermutlich hätte sie innerhalb der nächsten zwei Sätze gemerkt, dass er log.

„Nicht wirklich."

Sie schwieg kurz. Ihr Blick blieb auf ihm liegen. Ren gefiel das nicht besonders. Nicht weil sie feindselig wirkte. Eher weil er das Gefühl bekam, dass sie gerade versuchte, etwas zusammenzusetzen.

„Und genau deshalb bist du mir gefolgt?"

„Nicht nur."

„Das beruhigt mich überhaupt nicht."

Diesmal erschien tatsächlich ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht.

„Gestern habe ich dich in der Gilde gesehen."

Ren dachte an Finn.

„Mit dem Kurzschwert", sagte sie.

Ihr Blick wanderte kurz zu seiner Hüfte.

„Da war ich mir für einen Moment nicht mehr sicher, ob ich mich mit deinem Mana vielleicht doch getäuscht hatte."

„Und heute?"

„Heute hast du am Tresen nach einem Monsterauftrag für Anfänger gefragt."

Ren sah sie an.

„Du hast wirklich ziemlich genau hingehört."

Sie ignorierte den Kommentar.

„Vor ein paar Tagen keine Ausrüstung. Dann Bücher. Danach ein Schwert. Heute allein ein Monsterauftrag."

Sie machte eine kleine Pause.

„Das passt nicht besonders gut zusammen."

Ren musste ihr widerwillig recht geben. Wenn jemand seine letzten Tage so zusammenfasste, klang es tatsächlich ziemlich merkwürdig.

„Und dann dachtest du dir, du läufst mir einfach hinterher."

„Nur kurz."

Ren blickte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Dann sah er sich im Wald um.

„Wir sind ziemlich weit von der Stadt entfernt."

Sie folgte seinem Blick.

„Es ist etwas länger geworden als geplant."

„Das sehe ich."

Diesmal sagte sie nichts darauf. Ren konnte nicht verhindern, dass sich ein kleines Grinsen auf sein Gesicht schlich. Immerhin wusste sie offenbar selbst, dass ihre Erklärung nicht besonders überzeugend war. Sie sah noch einmal zum Wurzelkriecher.

„Eigentlich wollte ich nur sehen, ob du Magie benutzt."

„Und?"

„Hast du nicht."

„Sehr gute Beobachtung."

Sie sah wieder zu ihm. Ren hob sofort eine Hand.

„War nicht böse gemeint."

„Das hoffe ich."

Für einen Moment mussten beide lächeln. Dann wurde Ren wieder etwas ernster.

„Warum interessiert dich mein Mana überhaupt so sehr?"

Sie schwieg. Diesmal dauerte es länger.

„Weil es ungewöhnlich ist."

„Das hast du schon gesagt."

„Mehr kann ich dir dazu im Moment auch nicht sagen."

Ren musterte sie. Ob sie selbst nicht mehr wusste oder ihm einfach nicht mehr sagen wollte, konnte er nicht einschätzen. Beides erinnerte ihn daran, vorsichtig zu bleiben. Sie schien seinen Blick zu bemerken.

„Ich habe nicht vor, dir irgendetwas zu tun."

„Das sagen Leute wahrscheinlich selten direkt vorher."

Sie hielt kurz inne. Dann nickte sie.

„Fair."

Ren hatte mit einer Rechtfertigung gerechnet. Dass sie stattdessen einfach akzeptierte, dass seine Vorsicht berechtigt war, überraschte ihn. Vielleicht ein wenig mehr, als ihm lieb war. Sie trat ein Stück näher und streckte ihm die Hand entgegen.

„Dann versuchen wir es nochmal ordentlich."

Ren sah auf ihre Hand.

„Runa Elaris."

Da war also endlich ein Name. Ren nahm ihre Hand.

„Ren Arden."

„Freut mich."

„Unter den Umständen vielleicht ein bisschen spät."

„Besser spät als gar nicht."

Damit konnte er leben. Sie ließen einander wieder los.

Für einen Moment fühlte sich die Situation plötzlich weniger merkwürdig an. Nicht normal. Aber zumindest weniger so, als würde eine völlig unbekannte Magierin ihn heimlich durch einen Wald verfolgen. Ren warf noch einen Blick auf den Wurzelkriecher.

„Ich sollte zurück zur Gilde und den Auftrag abgeben."

„Dann komme ich mit."

Ren sah zu ihr. Runa bemerkte seinen Blick sofort.

„Wir laufen sowieso in dieselbe Richtung."

„Sicher?"

„Diesmal schon."

Ren musste wieder grinsen.

„Gut."

Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg nach Fendell. Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Für Ren war das überraschend angenehm. Nach dem Gespräch eben hatte er eigentlich damit gerechnet, dass Runa sofort mit weiteren Fragen anfangen würde. Stattdessen schien sie sich damit zufriedenzugeben, dass er ihr nicht alles erzählen wollte.

Zumindest vorerst.

Nach einigen Minuten fiel ihr Blick auf das Kurzschwert an seiner Seite.

„Wie lange bist du eigentlich schon Abenteurer?"

Ren dachte kurz nach.

„Seit drei Tagen."

Runa blieb stehen. Ren ging noch zwei Schritte weiter, bevor er bemerkte, dass sie nicht mehr neben ihm lief. Er drehte sich um.

„Was?"

„Drei Tage?"

„Ungefähr."

Sie sah auf sein Schwert. Dann zurück zu ihm.

„Und wie oft hast du vorher gegen Monster gekämpft?"

Ren überlegte.

„Zählt der Wurzelkriecher gerade schon mit?"

„Ja."

„Dann zweimal."

Runa sagte nichts. Ren wartete.

„Du machst dieses Gesicht schon wieder."

„Welches Gesicht?"

„Das, bei dem ich das Gefühl bekomme, dass du gerade versuchst, irgendetwas über mich herauszufinden."

„Ich versuche gerade herauszufinden, warum du noch lebst."

Ren sah sie an. Runa setzte sich wieder in Bewegung.

„Das war ein Scherz."

„Das hoffe ich."

Er holte zu ihr auf.

„Mein erster Kampf war gegen einen Dorneneber."

Diesmal blieb sie nicht stehen. Aber sie sah ihn ziemlich schnell an.

„Ein Dorneneber?"

„Ja."

„Bei deinem ersten Kampf?"

„War nicht meine beste Entscheidung."

„Wer hat dir denn diesen Auftrag gegeben?"

„Technisch gesehen niemand."

Ren erzählte ihr in groben Zügen von Finn. Nicht alles. Nur dass er mit einem anderen Abenteurer losgezogen war, der eigentlich Erfahrung haben sollte und sich beim Anblick des Dornenebers als deutlich weniger hilfreich erwiesen hatte als erwartet. Runa hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen.

„Und dann hast du den Dorneneber allein erledigt?"

„Mit sehr viel Glück."

„Was ist passiert?"

Ren griff kurz an den kleinen Beutel an seinem Gürtel.

„Beeren."

Runa sah ihn an.

„Beeren."

„Lange Geschichte."

„Du erzählst erstaunlich viele lange Geschichten."

„Ich bin erst seit drei Tagen hier."

Kaum waren die Worte draußen, bemerkte Ren, wie sie geklungen hatten. Runa sah zu ihm. Ren setzte sofort nach.

„Bei der Gilde, meine ich."

Für einen kurzen Moment blieb ihr Blick auf ihm liegen. Dann nickte sie.

„Natürlich."

Ren wusste nicht, ob sie ihm die Korrektur abnahm. Sie fragte allerdings nicht weiter. Und genau das fiel ihm auf. Eine Weile später fiel Rens Blick auf Runas Hand.

„Das vorhin war Magie, oder?"

Runa sah zu ihm.

„Ja."

„Feuermagie?"

„Unter anderem."

Ren nickte langsam. Damit waren seine Fragen allerdings nicht beantwortet. Eigentlich waren gerade eher neue dazugekommen. Wie funktionierte Magie überhaupt? Konnte jeder sie lernen? Und was genau hatte Runa gemeint, als sie von seinem Mana gesprochen hatte? Für den Moment ließ er es dabei. Sie waren noch nicht einmal zurück in Fendell, und er kannte Runa erst seit wenigen Minuten wirklich. Es würde noch genug Gelegenheiten geben, Fragen zu stellen.

Als Fendell wieder zwischen den Bäumen auftauchte, war Ren ehrlich gesagt froh darüber. Der Kampf gegen den Wurzelkriecher war deutlich besser gelaufen als der gegen den Dorneneber. Trotzdem spürte er die Anspannung noch immer in den Schultern. Neben ihm ging Runa, als wäre der Rückweg für sie inzwischen die selbstverständlichste Sache der Welt. Vor einer Stunde hatte Ren nicht einmal ihren Namen gekannt. Jetzt wusste er immerhin, dass sie Runa Elaris hieß, Magie benutzen konnte und offenbar kein Problem damit hatte, fremden Leuten aus Neugier bis in den Wald zu folgen. Mehr Informationen, als er am Morgen erwartet hatte.

In der Gilde führte ihn sein erster Weg zum Tresen. Die Mitarbeiterin erkannte ihn sofort.

„Schon zurück?"

„Sieht so aus."

Ren holte seine Gildenkarte hervor und legte sie vor ihr ab.

„Der Wurzelkriecher ist erledigt."

Sie überprüfte die Karte und ließ sich kurz beschreiben, wo er das Monster gefunden hatte. Danach verschwand der Eintrag des Auftrags. Die Belohnung war nicht besonders groß. Aber sie gehörte ihm. Zum ersten Mal hatte Ren einen Monsterauftrag angenommen, war allein losgezogen und kam mit dem erledigten Auftrag zurück.

Zumindest fast allein.

Sein Blick wanderte zu Runa. Sie stand einige Schritte entfernt und wartete. Ren steckte die Münzen in seinen Gürtelbeutel und ging zu ihr.

„Damit wäre das erledigt."

„Nicht ganz."

„Was fehlt?"

„Ich schulde dir noch etwas."

Ren sah sie fragend an.

„Wofür?"

Runa deutete mit dem Kopf in Richtung Ausgang.

„Dafür, dass ich vorhin nicht von einem Wurzelkriecher erwischt wurde."

„Du hast danach auch geholfen."

„Nachdem du mir die Zeit dafür verschafft hast."

Ren wollte etwas erwidern, doch Runa sprach bereits weiter.

„Ich lade dich zum Essen ein."

„Das musst du nicht."

„Ich weiß."

Das ließ ihn kurz schweigen. Sie sagte es nicht so, als würde sie ihm damit einen Gefallen aufzwingen. Kein späterer Ausgleich. Keine unausgesprochene Erwartung. Einfach ein Essen als Dank. Runa zeigte auf einen der freien Tische.

„Du hast mir geholfen. Ich zahle das Essen. Danach sind wir quitt."

Ren sah sie einen Moment an. Diese Art gefiel ihm.

„Damit kann ich leben."

Sie suchten sich einen Platz etwas abseits vom größten Trubel.

Wenig später stand Essen vor ihnen, und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung im Wald mussten sie weder auf Monster achten noch herausfinden, weshalb einer von beiden den anderen beobachtete. Zumindest nicht sofort. Ren nahm ein paar Bissen, bevor er zu Runa sah.

„Nur fürs nächste Mal."

Sie blickte von ihrem Teller auf.

„Welches nächste Mal?"

„Falls dich wieder irgendein Fremder interessiert."

Runa sagte nichts. Ren fuhr fort.

„Du kannst ihn auch einfach fragen."

„Das hätte wahrscheinlich deutlich weniger Informationen geliefert."

Er hielt mitten in der Bewegung inne.

„Du machst es wirklich nicht besser."

Ein kleines Lächeln zeigte sich bei ihr.

„Ich habe nie behauptet, dass es eine gute Idee war."

„Das ist immerhin ein Anfang."

Runa aß weiter. Für einige Augenblicke war nur das Stimmengewirr der anderen Gäste zu hören. Dann sagte sie:

„Du hast dich beim Wurzelkriecher besser angestellt, als ich erwartet hatte."

Ren sah zu ihr.

„Ist das jetzt ein Kompliment?"

„Teilweise."

„Großzügig."

„Du bist seit drei Tagen Abenteurer."

Das war schwer zu widerlegen.

„Beim Dorneneber hätte dein Urteil wahrscheinlich anders ausgesehen."

„Du hast ihn trotzdem erledigt."

„Mit Beeren."

Runa hielt kurz inne. „Und jetzt will ich trotzdem wissen, wie genau Beeren dabei geholfen haben."

„Er mochte sie mehr als mich."

„Das klingt nach einem ziemlich niedrigen Maßstab."

Ren musste lachen. „Du hast keine Ahnung." Er erklärte ihr gerade genug, damit sie verstand, wie chaotisch sein erster Kampf verlaufen war. Finn musste er dafür kaum noch erwähnen; von ihm wusste sie inzwischen genug. Als Ren fertig war, betrachtete Runa ihn kurz. „Und nach so einem ersten Kampf bist du heute trotzdem alleine losgezogen."

„Gerade deswegen."

Runa wartete. Ren legte sein Besteck kurz ab. „Ich wollte wissen, ob ich es auch alleine schaffe." Mehr musste er dazu nicht sagen. Zumindest wollte er das nicht. Die Sache mit Finn hatte ihn stärker beschäftigt, als er zugeben wollte. Nicht wegen Finn selbst, sondern wegen des Gefühls, am Ende wieder für etwas verantwortlich gewesen zu sein, das eigentlich gemeinsam hätte funktionieren sollen. Runa fragte nicht weiter. Stattdessen nahm sie einen Schluck von ihrem Getränk. Ren bemerkte das und war ihr dafür dankbarer, als er erwartet hätte. Nach einer Weile drehte er die Frage um.

„Und wie lange machst du das schon?"

„Was genau?"

„Abenteurerin sein. Alleine herumreisen. Leuten hinterherlaufen."

Runa sah ihn an.

„Der letzte Punkt gehört normalerweise nicht dazu."

„Gut zu wissen."

„Ich bin schon länger unterwegs."

„Alleine?"

„Meistens."

Ren hatte inzwischen genug von dieser Welt gesehen, um zu wissen, dass Reisen hier nicht unbedingt bedeutete, entspannt von einem Ort zum nächsten zu laufen.

„Ist das nicht gefährlich?"

„Man gewöhnt sich daran, vorbereitet zu sein."

Das passte zu ihr. Selbst heute hatte sie genau gewusst, was ein Wurzelkriecher konnte. Ihr Fehler war nicht gewesen, dass sie das Monster unterschätzt hatte. Sie hatte schlicht eine Wurzel übersehen. Ren sah sie kurz an.

„Und Fendell?"

„Was ist damit?"

„Bist du nur auf der Durchreise?"

Runa ließ sich mit der Antwort etwas Zeit.

„So ähnlich."

Ren wartete. Sie fügte nichts hinzu.

„Du suchst nach etwas."

Diesmal kam die Reaktion erst nach einem kurzen Moment.

„Ja."

„Was?"

Runa sah ihn direkt an.

„Das würde ich im Moment lieber für mich behalten."

Ren schwieg. Natürlich war er neugierig. Seit sie sich begegnet waren, hatte Runa deutlich mehr über ihn herausgefunden, als ihm eigentlich lieb war. Ein Teil von ihm hätte es deshalb nur fair gefunden, zumindest zu erfahren, was sie überhaupt nach Fendell gebracht hatte. Aber er hatte selbst Dinge, über die er nicht sprechen wollte. Sehr viele sogar.

„Okay."

Runa wirkte beinahe überrascht.

„Mehr fragst du nicht?"

„Du hast gesagt, dass du es nicht erzählen möchtest."

„Stimmt."

„Dann bringt es wahrscheinlich wenig, wenn ich noch fünfmal frage."

Für einen Moment sah sie ihn einfach nur an. Dann senkte sie den Blick wieder auf ihr Essen.

„Danke."

Ren griff ebenfalls wieder nach seinem Besteck. Es fühlte sich seltsam an. Nicht unangenehm. Nur ungewohnt. Er hatte erwartet, dass ihr Gespräch irgendwann darauf hinauslaufen würde, dass sie mehr von ihm wissen wollte. Woher er kam. Warum er so wenig über die Welt verstand. Vielleicht sogar, weshalb er sein eigenes Mana nicht kannte. Stattdessen saßen sie da und ließen manche Fragen einfach offen. Ren konnte damit überraschend gut leben.

Als sie schließlich fertig waren, war die Gilde deutlich voller geworden. Mehrere Abenteurer standen inzwischen an der Auftragstafel, andere saßen mit Essen und Getränken an den Tischen. Runa bezahlte wie angekündigt. Ren ließ sie diesmal ohne Diskussion.

Vor der Gilde blieben sie stehen. Für einen kurzen Moment wusste keiner so recht, was jetzt noch zu sagen war. Runa war die Erste.

„Dann wären wir wohl quitt."

Ren dachte an den Wurzelkriecher. Dann an das Essen.

„Sieht so aus."

„Gut."

„Gut."

Runa sah die Straße hinunter.

„Dann wünsche ich dir beim nächsten Auftrag etwas weniger Glück und etwas mehr Können."

Ren musste grinsen.

„Das war erstaunlich gemein formuliert."

„War aber nett gemeint."

„Natürlich."

Runa lächelte.

„Mach's gut, Ren."

„Du auch."

Dann gingen sie in unterschiedliche Richtungen. Ren sah ihr nicht hinterher. Zumindest nicht lange. Er wusste nicht, ob sie sich noch einmal begegnen würden. Fendell war zwar nicht besonders groß, aber Runa hatte selbst gesagt, dass sie nur vorübergehend hier war. Eigentlich spielte es auch keine Rolle. Sie hatten sich zufällig getroffen. Gemeinsam einen Wurzelkriecher erledigt. Etwas gegessen.

Mehr war es nicht.

Trotzdem war das Gespräch überraschend angenehm gewesen. Ren schob den Gedanken beiseite und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Zimmer.

Am nächsten Morgen stand Ren wieder vor der Auftragstafel der Gilde. Diesmal wollte er sich etwas suchen, das weder völlig harmlos noch direkt lebensgefährlich klang. Nach dem Wurzelkriecher fühlte sich diese Auswahl immerhin etwas leichter an als noch vor ein paar Tagen. Sein Blick wanderte über die Aushänge. Lieferungen. Sammelaufträge. Mehrere Monsterbeseitigungen. Dann blieb er an einem Auftrag hängen, der etwas weiter unten befestigt war. Ein Bauer außerhalb von Fendell hatte Probleme mit Knollenwühlern. Mehrere der Tiere hatten sich unter seinen Feldern ausgebreitet und beschädigten inzwischen einen Teil der Ernte. Ren las weiter.

Die Knollenwühler sollten möglichst vertrieben und nicht getötet werden. Das klang zumindest nach etwas, bei dem ihm nicht sofort große Hauer entgegenkamen. Er griff nach dem Aushang. Im selben Moment berührte seine Hand eine andere. Ren hielt inne. Die andere Person ebenfalls. Langsam sah er zur Seite. Runa stand direkt neben ihm.

Für einen Moment sagte keiner etwas. Ren sah auf ihre Hand. Dann auf seine. Seine lag tatsächlich auf ihrer.

„...Oh."

Runa sah ebenfalls nach unten.

„Deine Hand liegt auf meiner."

„Hab ich bemerkt."

Ren zog sie sofort zurück. Runa nahm ihre ebenfalls vom Aushang. Noch einen Moment sahen sie sich an.

„Du schon wieder", sagte Ren.

„Das könnte ich genauso sagen."

„Ich war zuerst hier."

„Am Auftrag?"

Ren überlegte kurz.

„Vielleicht."

Runa sah ihn an.

„Überzeugend."

Ren musste leicht grinsen. Gestern hatten sie sich noch verabschiedet, ohne irgendeinen Grund anzunehmen, dass sie am nächsten Morgen wieder nebeneinander vor derselben Auftragstafel stehen würden. Und jetzt griffen sie ausgerechnet nach demselben Zettel.

„Willst du den wirklich nehmen?", fragte er.

„Deshalb wollte ich ihn gerade abmachen."

„Ich meinte eher: Warum gerade den?"

Runa sah wieder auf den Auftrag.

„Weil er sich innerhalb eines Tages erledigen lassen sollte und vernünftig bezahlt wird."

Dann fügte sie hinzu:

„Mein Geld hält schließlich auch nicht ewig."

Ren musste an ihr Essen von gestern denken.

„Und trotzdem hast du mich eingeladen."

„Das eine schließt das andere nicht aus."

Damit hatte sie wohl recht. Runa griff erneut nach dem Aushang. Ren tat dasselbe. Diesmal hielten beide vorher inne.

„Was?", fragte Runa.

„Ich überlege nur, ob wir gleich wieder dasselbe Problem haben."

„Dann nimm du ihn."

Ren war fast überrascht.

„Einfach so?"

„Wenn du ihn alleine machen kannst."

Das klang verdächtig nach einer Einschränkung. Ren nahm den Aushang von der Tafel und las die restlichen Angaben. Etwas weiter unten blieb sein Blick hängen.

„Ah."

Runa sah zu ihm.

„Was?"

Ren hielt ihr den Zettel hin.

„Mindestens zwei Abenteurer."

Sie nahm den Auftrag und las die Stelle selbst.

Für einen Moment herrschte wieder Stille. Dann sahen sie sich an. Ren kannte diesen Blick inzwischen gut genug. Sie dachte genau dasselbe wie er.

„Na toll", sagte er.

„Eigentlich löst das unser Problem."

„Welches?"

„Dass wir beide denselben Auftrag wollen."

Ren sah noch einmal auf den Aushang. Dann zu Runa.

„Du schlägst also vor, dass wir ihn zusammen machen."

„Nur den Auftrag."

„Nur den Auftrag."

„Danach gehen wir wieder getrennte Wege."

Ren nickte.

„Von mir aus."

Runa hielt ihm den Aushang hin.

„Dann sollten wir ihn wohl annehmen, bevor noch jemand auf dieselbe Idee kommt."

Wenig später standen Ren und Runa bereits auf dem Feld des Bauern. Aus der Nähe sah das Problem deutlich schlimmer aus, als es auf dem Auftrag beschrieben worden war. Mehrere Reihen waren aufgewühlt. An einigen Stellen war die Erde eingesunken, anderswo lagen Pflanzen schief oder waren vollständig aus dem Boden gerissen worden.

Der Bauer deutete mit beiden Händen über das Feld.

„Die kommen inzwischen fast jeden Tag."

Ren folgte seinem Blick.

„Wie viele?"

„Keine Ahnung."

Der Mann klang, als hätte ihn genau diese Frage in den letzten Tagen immer mehr genervt.

„Mal sehe ich zwei. Dann verschwinden sie wieder. Kurz darauf tauchen an einer anderen Stelle drei auf."

Runa ging ein paar Schritte über den Rand des Feldes und betrachtete die aufgewühlte Erde.

„Dann haben sie wahrscheinlich schon mehrere Tunnel angelegt."

Der Bauer nickte.

„Genau das hat mir der letzte Abenteurer auch gesagt."

Ren sah zu ihm.

„Der letzte?"

„Ich hab schon jemanden gefragt, ob er sich das anschauen kann. Er meinte, dafür braucht man mindestens zwei Leute, wenn man die Viecher nicht einfach erschlagen will."

Damit erklärte sich zumindest die Vorgabe der Gilde.

Der Bauer ging zu einer Stelle, an der mehrere Pflanzen nur noch lose in der Erde hingen.

„Wenn die so weitermachen, kann ich einen Teil davon vergessen."

Ren sah auf die beschädigten Reihen.

„Und wir sollen sie wirklich nur vertreiben?"

„Wenn möglich."

Der Bauer richtete sich wieder auf.

„Im Wald sind sie nützlich. Die fressen dort genug von dem Zeug weg, das sonst überall Schaden anrichtet."

Er zeigte auf den Boden.

„Nur mein Feld sollen sie dabei bitte in Ruhe lassen."

Runa nickte.

„Verstanden."

Ren betrachtete die eingesunkenen Stellen genauer.

„Und wie bekommen wir sie da raus?"

Der Bauer sah zu Runa. Dann zu Ren.

„Das wollte ich eigentlich euch fragen."

Ren schwieg kurz.

„Natürlich."

Neben ihm hörte er Runa leise lachen.

„Wir finden schon etwas."

Ren sah zu ihr.

„Das klang erstaunlich zuversichtlich."

„Ich habe eine Idee."

„Das klingt schon weniger beruhigend."

Runa ignorierte den Kommentar und ging ein Stück weiter ins Feld. Ren folgte ihr. Runa blieb an einer Stelle stehen, an der die Erde besonders stark aufgewühlt war.

„Hier."

Ren trat neben sie.

„Was ist hier?"

Sie deutete auf mehrere kleine Vertiefungen im Boden.

„Einer der Tunnel läuft ziemlich sicher darunter entlang."

„Ziemlich sicher?"

„Wenn du eine bessere Idee hast, höre ich sie mir gern an."

Ren sah auf die Erde. Dann wieder zu ihr.

„Nein. Mach ruhig."

Runa ging ein paar Schritte zurück und stellte sich etwas breiter hin. Ren beobachtete sie. Diesmal wusste er zumindest, was gleich passieren würde.

Magie.

Sie hob eine Hand und richtete den Blick auf den Boden vor sich.

Für einen Moment geschah nichts. Dann spürte Ren eine leichte Erschütterung unter seinen Füßen. Er sah sofort nach unten.

„Ähm."

„Warte."

Runa konzentrierte sich weiter. Die Erde begann sich an mehreren Stellen zu bewegen. Nicht stark. Eher so, als würde etwas darunter hindurchdrücken. Dann brach wenige Meter vor ihnen plötzlich etwas aus dem Boden. Ein kleines, gedrungenes Wesen schob sich zwischen lockerer Erde und Pflanzen hervor. Ren hatte ungefähr mit einem Tier gerechnet. Was er sah, wirkte eher wie eine seltsame Mischung aus einem kräftigen Waldtier und etwas, das eindeutig nicht aus seiner alten Welt stammte. Kurze Beine. Breiter Körper. Kräftige Vorderklauen. Und Zähne, die für ein angeblich eher harmloses Monster deutlich zu scharf aussahen.

„Knollenwühler?"

„Knollenwühler."

Das Tier schüttelte Erde aus seinem Fell und sah sich kurz um. Dann rannte es los.

„Und jetzt?"

„In Richtung Wald treiben."

Ren sah dem Tier hinterher.

„Klingt einfach."

„Ist es normalerweise auch."

Ren drehte sich zu ihr.

„Warum betonst du eigentlich ständig normalerweise?"

Runa antwortete nicht. Das gefiel ihm nicht. Der Knollenwühler versuchte inzwischen, wieder in Richtung eines der Felder zu laufen. Ren stellte sich ihm in den Weg. Das Tier stoppte. Für einen kurzen Moment sahen sie sich an. Dann drehte es um.

„Okay."

Ren ging hinterher und hielt Abstand.

„Das funktioniert tatsächlich."

„Hab ich doch gesagt."

Hinter Ren bewegte sich plötzlich wieder Erde. Dann noch einmal. Er sah zurück.

„Runa."

„Ja?"

Ein zweiter Knollenwühler brach aus dem Boden. Dann ein dritter. Ren sah von einem zum nächsten.

„Wie viele wolltest du gleichzeitig da rausjagen?"

„Nicht so viele."

Der erste Knollenwühler änderte wieder die Richtung. Ren musste ihm den Weg abschneiden. Währenddessen lief der zweite quer über das Feld. Der dritte verschwand beinahe wieder in einem Loch.

„Runa!"

„Ich sehe es!"

Sie hob erneut die Hand. Der Boden unter dem dritten Tier bewegte sich. Es sprang erschrocken zur Seite und rannte in die entgegengesetzte Richtung. Direkt auf Ren zu.

„RUNA?!"

„Keine Sorge! Sie greifen Menschen normalerweise nicht an!"

Ren sah das Tier mit offenem Maul auf sich zukommen.

„NORMALERWEISE?!"

Der Knollenwühler wurde nicht langsamer. Ren wich einen Schritt zurück. Das Ding kam weiter.

„Das sieht gerade ziemlich wenig nach normalerweise aus!"

„Dann geh aus dem Weg!"

„Darauf wäre ich jetzt nicht gekommen!"

Ren sprang zur Seite. Der Knollenwühler drehte erstaunlich schnell mit.

„Oh, komm schon."

Er wich erneut zurück. Das Tier setzte nach. Die scharfen Zähne waren inzwischen deutlich genug zu erkennen. Ren griff nach seinem Kurzschwert. Dann hielt er inne. Der Auftrag war klar gewesen. Nicht töten. Also brauchte er etwas anderes. Sein Blick fiel auf einen abgebrochenen Holzstab, der am Rand einer beschädigten Pflanzenreihe lag. Ren griff danach. Der Knollenwühler sprang auf ihn zu. Er hielt den Stab quer vor sich. Das Tier biss hinein. Sofort krachte das Holz zwischen seinen Zähnen. Ren starrte auf das Maul.

„Ja. Sehr harmlos."

Der Knollenwühler zerrte am Stab. Ren hielt dagegen.

„Runa!"

„Ich bin beschäftigt!"

„Das sehe ich!"

Zwei weitere Tiere waren inzwischen aus einem anderen Tunnel gekommen. Runa versuchte gleichzeitig, ihnen den Rückweg abzuschneiden. Ren drückte den Stab weiter gegen den Knollenwühler. Das Tier ließ plötzlich los. Ren verlor beinahe das Gleichgewicht. Dann drehte es ab und lief ein Stück über das Feld.

„Okay."

Er atmete aus.

„So machen wir das nicht."

Runa sah zu ihm.

„Was?"

Ren blickte über das Feld. Die Tiere liefen in verschiedene Richtungen. Immer wieder verschwanden sie fast in neuen Löchern. Dort, wo Runa den Boden bewegte, tauchten kurz darauf andere an einer völlig anderen Stelle auf. Es wirkte chaotisch. Aber nicht zufällig. Ren beobachtete einen der Knollenwühler, der zu einem Loch rannte, kurz davor abdrehte und in eine andere Richtung verschwand. Dann sah er zum nächsten. Und zum nächsten.

„Moment."

Runa hörte ihn trotz der Bewegung auf dem Feld.

„Was ist?"

Ren ging ein paar Schritte zur Seite und sah auf mehrere der eingesunkenen Stellen.

„Die laufen nicht einfach irgendwohin."

Runa folgte seinem Blick.

„Natürlich nicht. Sie suchen ihre Tunnel."

„Nein, ich meine..."

Ren zeigte auf zwei Löcher.

„Die hier hängen zusammen."

Runa sah genauer hin.

„Woher willst du das wissen?"

„Weil der da gerade nicht in das nächste Loch gegangen ist."

Er zeigte auf einen Knollenwühler, der weiter hinten entlanglief.

„Er hat das hier ignoriert und ist zu dem anderen."

Runa beobachtete ihn. Ren deutete auf weitere Stellen.

„Und der da macht genau das Gleiche."

Langsam wurde das Muster deutlicher. Die Tiere rannten nicht einfach blind über das Feld. Sie versuchten immer wieder, bestimmte Zugänge zu erreichen.

„Die Tunnel sind miteinander verbunden", sagte Ren.

Runa blickte auf den Boden.

„Das würde erklären, warum sie an so vielen Stellen wieder auftauchen."

„Wenn du sie einfach irgendwo rausdrückst, verschwinden sie beim nächsten Loch wieder."

„Also?"

Ren sah zum Waldrand. Dann zurück auf das Feld.

„Wir lassen ihnen nur einen Weg."

Runa verstand offenbar noch nicht ganz. Ren deutete auf mehrere Eingänge.

„Kannst du die hier schließen?"

„Mit Erdmagie?"

„Ja."

„Kurzzeitig."

„Reicht."

Er zeigte auf einen Zugang, der näher am Waldrand lag.

„Den lässt du offen."

Runa sah erst auf die Stelle. Dann wieder zu Ren.

„Du willst sie alle dorthin treiben."

„Wenn sie keine andere Möglichkeit haben, hoffentlich."

Runa betrachtete die Tunnel noch einmal.

„Das könnte funktionieren."

Ren sah zu ihr.

„Das klang jetzt fast überzeugt."

„Fast."

„Nehme ich."

Runa stellte sich neu hin. Diesmal wartete sie, bis Ren sich etwas weiter Richtung Waldrand positioniert hatte.

Dann begann sie. Der Boden bewegte sich erneut. Aber diesmal gezielter. Eine der kleinen Öffnungen sackte in sich zusammen. Dann eine zweite. Ein Knollenwühler versuchte, zu einem der verschlossenen Eingänge zu laufen, blieb davor stehen und änderte die Richtung. Ren stellte sich ihm seitlich entgegen. Das Tier wich aus. Genau dorthin, wo er es haben wollte.

„Weiter!"

Runa schloss den nächsten Zugang. Zwei weitere Knollenwühler tauchten auf. Ren lief ihnen entgegen, ohne zu nah heranzukommen. Die Tiere drehten ab. Noch ein Stück. Noch einer der Tunnel wurde geschlossen. Langsam bewegte sich die Gruppe in Richtung des einzigen freien Ausgangs.

„Es klappt!"

Runa sah kurz zu ihm.

„Noch nicht zu früh freuen."

„Du bist wirklich gut darin, Stimmung zu machen."

„Konzentrier dich."

Ren grinste kurz und stellte sich dem nächsten Tier in den Weg. Diesmal wich es sofort aus.

Ein paar Minuten später waren die ersten Knollenwühler bereits am Rand des Feldes angekommen. Dort führte der offene Tunnelzugang in Richtung eines unbewirtschafteten Stücks Boden und weiter zum Wald. Einer nach dem anderen verschwanden sie zwischen den Pflanzen. Ren blieb noch kurz stehen.

„Das waren alle?"

Runa betrachtete den Boden.

„Ich glaube schon."

„Glaubst du?"

„Willst du nochmal einen herausfordern?"

Ren dachte an die Zähne im Holzstab.

„Nein."

Runa ließ die Hand sinken. Die letzten kleinen Bewegungen im Boden hörten auf.

Für einen Moment war es still. Ren blickte über das Feld. Die Erde sah an mehreren Stellen jetzt noch schlimmer aus als vorher. Aber immerhin liefen keine Knollenwühler mehr kreuz und quer darüber.

Der Bauer kam vom Rand des Feldes auf sie zu. Er betrachtete die verschlossenen Eingänge und dann den Waldrand.

„Sind sie weg?"

„Sie sollten jetzt im Wald sein", sagte Runa.

Der Mann atmete hörbar aus.

„Dann hoffe ich, dass sie diesmal dort bleiben."

Ren sah zu den beschädigten Pflanzen.

„Kann man das noch retten?"

„Einen Teil."

Der Bauer klang deutlich entspannter als zuvor.

„Besser als wenn sie noch ein paar Tage weitergemacht hätten."

Er bedankte sich bei beiden und ging anschließend über das Feld, um sich die Schäden genauer anzusehen. Ren blieb neben Runa zurück. Er sah noch einmal in Richtung Wald.

„Das hat überraschend gut funktioniert."

Runa sah zu ihm.

„Überraschend?"

Ren drehte den Kopf.

„Das hast du gerade gesagt."

„Ich meinte unseren Plan."

„Unseren?"

„Deine Idee. Meine Magie."

Ren dachte kurz darüber nach.

„Okay. Damit kann ich leben."

Runa ließ ihren Blick über das Feld wandern.

„Für jemanden, der erst seit ein paar Tagen Abenteurer ist, war das nicht schlecht."

Ren sah sie an.

„Danke für das Vertrauen."

Diesmal musste sie lachen. Und Ren stellte fest, dass ihm das Geräusch inzwischen überraschend vertraut vorkam.

Als sie den Bauernhof hinter sich ließen, war der Weg zurück nach Fendell deutlich ruhiger als der Vormittag. Ren war darüber nicht unglücklich. Nach dem Wurzelkriecher am Tag zuvor und einer Horde Knollenwühler, von denen einer beinahe beschlossen hatte, ihn anzufressen, konnte ein gewöhnlicher Rückweg ruhig einmal genau das bleiben.

Gewöhnlich.

Eine Weile gingen sie nebeneinander her. Runa wirkte zufrieden mit dem Auftrag. Ren ebenfalls. Vor allem deshalb, weil diesmal etwas anders gewesen war. Er hatte eine Idee gehabt. Runa hatte sie nicht nur angehört, sondern direkt umgesetzt. Als er ihre Hilfe gebraucht hatte, war sie da gewesen. Und am Ende hatte keiner von ihnen versucht, die ganze Sache allein zu lösen. Ren dachte nicht weiter darüber nach.

Trotzdem blieb das Gefühl hängen.

Nach einigen Minuten fiel sein Blick auf Runas Hand. Er erinnerte sich an das Feuer beim Wurzelkriecher. An den Boden auf dem Feld. Und an etwas, das sie schon gestern über ihn gesagt hatte.

Sein Mana.

Ren hatte die Frage seitdem mehrmals im Kopf gehabt.

Jetzt hielt er es nicht mehr aus.

„Kann eigentlich jeder Magie lernen?"

Runa sah zu ihm.

„Das kommt plötzlich."

„Ich denke seit gestern darüber nach."

„Dann kommt es wohl doch nicht so plötzlich."

Ren wartete. Runa ließ sich noch ein paar Schritte Zeit.

„Grundsätzlich kann fast jeder lernen, Mana zu benutzen."

Ren blieb stehen. Runa ging noch einen Schritt weiter, bevor sie es bemerkte.

„Was?"

„Fast jeder?"

„Ja."

Ren sah sie an.

„Du meinst, ich könnte theoretisch auch Magie lernen?"

„Theoretisch."

Das Wort gefiel ihm deutlich weniger. Er ging wieder weiter.

„Was entscheidet, ob es auch praktisch funktioniert?"

„Mehrere Dinge."

Runa begann, an den Fingern abzuzählen.

„Wie gut du dein eigenes Mana wahrnehmen kannst. Wie viel davon du kontrollieren kannst. Veranlagung. Training. Wissen."

„Das klingt nach ziemlich vielen Dingen."

„Weil es ziemlich viele sind."

Ren nickte langsam.

„Und woher weiß man, welche Magie man benutzen kann?"

„Das findet man mit der Zeit heraus."

„Also gibt es verschiedene Arten."

„Natürlich."

Runa deutete zurück in die Richtung des Bauernhofs.

„Du hast meine Erdmagie gesehen. Gestern Feuer."

„Und du kannst beides."

„Ja."

„Kannst du alles?"

„Nein."

Die Antwort kam so schnell, dass Ren kurz lachen musste.

„Okay."

„Manche Dinge liegen einem besser als andere. Viele konzentrieren sich irgendwann auf bestimmte Bereiche."

„Weil sie darin talentierter sind?"

„Auch. Aber Talent allein bringt dir nicht besonders viel, wenn du nie trainierst."

Ren dachte daran, wie leicht Runa den Boden auf dem Feld verändert hatte. Es hatte beinahe selbstverständlich ausgesehen. Vermutlich war daran deutlich weniger selbstverständlich, als er angenommen hatte.

„Und dieses Mana..."

Runa sah ihn bereits an.

„Was genau ist das eigentlich?"

Sie überlegte kurz.

„Am einfachsten gesagt ist es die Energie, die du für Magie benutzt."

„Und die habe ich in mir."

„Ja."

„Du hast sie bei mir gespürt."

„Ja."

Ren wartete auf mehr. Runa schwieg.

„Und?"

„Und was?"

„Du hast gestern gesagt, mein Mana wäre kräftig."

„Ist es auch."

„Ist das gut?"

„Normalerweise schon."

Da war dieses Wort wieder. Ren sah sie kurz an. Runa bemerkte es.

„Diesmal wirklich."

„Beruhigend."

Ein leichtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Ren sah wieder nach vorne.

„Kann ich es spüren?"

„Dein Mana?"

„Ja."

„Natürlich."

„Wie?"

Runa blieb stehen. Ren brauchte einen Moment, bis er merkte, dass sie ihm nicht mehr folgte.

„Jetzt?"

„Du hast gefragt."

„Ich dachte, die Antwort wäre länger."

„Soll ich dir lieber zwanzig Minuten erklären, wie es theoretisch funktioniert?"

Ren überlegte.

„Nein."

„Gut."

Sie trat vom Weg herunter auf eine freie Stelle zwischen einigen Bäumen. Ren folgte ihr.

„Was muss ich machen?"

„Erstmal gar nichts."

„Das klingt machbar."

„Schließ die Augen."

Ren sah sie an.

„Mitten im Wald?"

„Ich passe auf."

Er zögerte kurz. Dann schloss er die Augen.

„Und jetzt?"

„Versuch nicht, sofort irgendetwas zu erzwingen."

„Hilfreich."

„Ren."

„Schon gut."

Er konzentrierte sich. Zunächst bemerkte er genau das, was er erwartet hatte.

Nichts.

Er hörte den Wind in den Blättern. Einige Vögel. Runa, die irgendwo vor ihm stand. Sonst nichts.

„Was suche ich überhaupt?"

„Nicht suchen."

Ren öffnete ein Auge. Runa stand mit verschränkten Armen vor ihm.

„Das ergibt keinen Sinn."

„Doch."

„Für jemanden, der weiß, was er tun muss, vielleicht."

Sie ließ die Arme wieder sinken.

„Versuch dich auf deinen eigenen Körper zu konzentrieren. Nicht auf deine Atmung oder deinen Herzschlag. Etwas darunter."

Ren schloss das Auge wieder.

„Etwas darunter."

„Du wirst merken, was ich meine."

Das bezweifelte er. Trotzdem versuchte er es. Atmung. Herzschlag. Wärme. Alles Dinge, die er kannte.

Dann—

Ren hielt kurz den Atem an.

Da war etwas.

So schwach, dass er zunächst dachte, er bildete es sich ein. Ein Gefühl von Wärme, das nicht ganz zu seinem Körper passte.

Nein.

Wärme war vielleicht das falsche Wort.

Es war einfach—

da.

„Ich glaube..."

Runa sagte nichts. Ren konzentrierte sich stärker darauf. Das Gefühl verschwand beinahe wieder. Er lockerte sich. Da war es.

„Ich glaube, ich spüre irgendwas."

„Wo?"

Ren versuchte, es zu beschreiben.

„Keine Ahnung."

„Sehr präzise."

Er öffnete die Augen.

„Willst du mir helfen oder nicht?"

Runa lächelte leicht.

„Du hast es gespürt."

Ren hielt inne.

„Wirklich?"

„Wenn du dir nicht gerade etwas eingebildet hast."

„Danke."

„Bitte."

Er sah auf seine Hände. Von außen hatte sich natürlich nichts verändert. Trotzdem fühlten sie sich plötzlich irgendwie anders an. Nur weil er jetzt wusste, dass da etwas sein sollte.

„Und was mache ich damit?"

„Heute? Nicht viel."

Ren sah sie enttäuscht an.

„Das war's?"

„Du hast vor ungefähr zwei Minuten zum ersten Mal bewusst nach deinem Mana gesucht."

„Und?"

„Und jetzt willst du wahrscheinlich einen Feuerball."

Ren dachte kurz darüber nach.

„Wäre schon ziemlich cool."

Runa schüttelte leicht den Kopf.

„Fangen wir kleiner an."

Sie stellte sich neben ihn.

„Versuch das Gefühl wiederzufinden. Diesmal stellst du dir vor, dass du einen ganz kleinen Teil davon in deine Hand leitest."

Ren sah auf seine rechte Hand.

„Einfach vorstellen?"

„Am Anfang hilft es."

„Und wenn ich etwas falsch mache?"

„Dann passiert wahrscheinlich gar nichts."

„Wahrscheinlich?"

„Ren."

„Schon dabei."

Er schloss wieder die Augen. Diesmal fand er das Gefühl schneller. Nicht sofort. Aber schneller. Dann versuchte er, Runas Erklärung zu folgen.

Ein kleiner Teil.

In seine Hand.

Zunächst geschah nichts. Er versuchte es erneut. Das Gefühl verschob sich.

Nur minimal.

Ren öffnete die Augen.

„Ich glaube, da passiert was."

Runa hatte ihren Blick bereits auf seine Hand gerichtet.

„Nochmal."

Ren konzentrierte sich erneut. Das Gefühl wurde deutlicher. Seine Fingerspitzen begannen leicht zu kribbeln.

„Jetzt spüre ich es wirklich."

Runa sagte nichts. Ren streckte die Hand vor sich aus.

„Und jetzt?"

Sie trat etwas näher.

„Versuch nicht, mehr Mana zu nehmen. Halte nur das, was du gerade dort hast."

Das erwies sich als deutlich schwieriger. Sobald Ren sich zu sehr darauf konzentrierte, verschwand das Gefühl wieder. Beim nächsten Versuch bekam er es zurück. Dann verlor er es erneut.

„Das ist nervig."

„Das ist Training."

„Das macht es nicht besser."

Beim vierten Versuch blieb das Kribbeln. Ren hielt den Atem an.

„Nicht verkrampfen."

„Ich verkrampfe nicht."

„Doch."

Er atmete aus. Das Gefühl blieb. Runa sah weiterhin auf seine Finger.

„Gut."

„Und jetzt?"

„Jetzt versuchen wir etwas sehr Kleines."

Sie hob selbst eine Hand. Über ihrer Fingerspitze erschien ein winziger Lichtpunkt. Nicht größer als ein Funke. Ren starrte ihn an.

„Das ist Feuer?"

„Mehr oder weniger."

„Sieht nicht besonders gefährlich aus."

„Soll es auch nicht sein."

Der kleine Funke verschwand wieder.

„Versuch nicht, genau das nachzumachen. Stell dir einfach vor, dass das Mana an deiner Fingerspitze nach außen tritt."

Ren hob einen Finger.

„Das klingt wieder viel einfacher, als es wahrscheinlich ist."

„Ist es auch."

„Gut."

Er konzentrierte sich. Das Kribbeln war noch da. Langsam versuchte er, es weiter nach vorne zu bewegen.

Bis in die Fingerspitze.

Nichts.

Noch einmal.

Wieder nichts.

Beim dritten Versuch wurde die Fingerspitze plötzlich warm. Ren öffnete die Augen weiter.

„Runa."

„Weiter."

Er hielt die Konzentration. Etwas flackerte. So kurz, dass Ren nicht sicher war, ob es überhaupt wirklich passiert war. Dann noch einmal. Ein winziger Lichtpunkt erschien über seinem Finger. Für kaum mehr als einen Augenblick. Danach war er verschwunden. Ren starrte auf seine Hand.

„War das gerade..."

„Ja."

Ein breites Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.

„Ich hab Magie benutzt."

„Ein bisschen."

„Ich hab Magie benutzt."

Runa musste lachen.

„Ja, Ren. Hast du."

Er sah wieder auf seinen Finger. Sofort versuchte er es erneut.

Nichts.

„Oh."

„Und deshalb übt man."

Ren gab nicht auf.

Noch einmal.

Nichts.

„Wie lange dauert es normalerweise, bis man das kann?"

Runa antwortete nicht sofort. Ren sah zu ihr. Sie betrachtete noch immer seine Hand.

„Kommt darauf an."

„Das ist keine Antwort."

„Es gibt keine feste."

Die Pause danach fiel Ren trotzdem auf. Runa sah einen Moment länger auf seine Fingerspitze, als es für einen kaum sichtbaren Funken nötig gewesen wäre.

„Was?"

Sie hob den Blick. „Nichts." Ren glaubte ihr nicht ganz. Bevor er nachfragen konnte, deutete sie jedoch zurück auf den Weg.

„Für heute reicht das."

„Was? Jetzt schon?"

„Du hast gerade erst gelernt, dein Mana überhaupt zu spüren."

„Aber es hat funktioniert."

„Genau deshalb wirst du jetzt nicht versuchen, in den nächsten zehn Minuten einen Feuerball zu bauen."

Ren verzog leicht den Mund. „Du kennst mich seit gestern."

„Offenbar lange genug."

Er sah noch einmal auf seinen Finger. So winzig der Lichtpunkt gewesen war, er hatte ihn selbst erzeugt.

Magie.

Echte Magie.

Der Gedanke allein reichte, damit das Grinsen wiederkam. Runa setzte sich bereits in Bewegung. „Komm." Ren holte zu ihr auf. „Bringst du mir das richtig bei?" Sie sah zu ihm. „Richtig?"

„Mehr als einen Funken, der eine halbe Sekunde lebt."

„Das braucht Zeit."

„Ich habe morgen nichts vor."

Runa schwieg einen Moment. „Du bist ziemlich hartnäckig."

„Ist das ein Nein?"

„Nein."

Ren wartete. „Also ja?" Runa musste leicht lächeln. „Morgen." Sein Gesicht hellte sich sofort auf. „In der Gilde?"

„In der Gilde."

„Wann?"

Runa nannte ihm eine Zeit. Ren nickte zufrieden.

Gemeinsam gingen sie weiter in Richtung Fendell. Nach einigen Schritten hob Ren wieder seine rechte Hand und konzentrierte sich auf den Zeigefinger. Runa bemerkte es.

„Du kannst es wirklich nicht lassen, oder?"

„Nur noch einmal."

„Das hast du bestimmt schon beim letzten Versuch gedacht."

Ren grinste, ohne den Blick von seinem Finger zu nehmen. Ein Funke erschien nicht. Noch nicht. Trotzdem versuchte er es weiter. Als er schließlich zu Runa hinübersah, lag ihr Blick erneut auf seiner Hand. Nicht besorgt und auch nicht wirklich überrascht – eher so, als würde sie versuchen, etwas einzuordnen, für das ihr selbst noch die passende Erklärung fehlte. Ren wusste nicht, was genau sie daran beschäftigte. Für ihn war im Moment ohnehin etwas anderes wichtiger.

Er hatte Magie benutzt.

Und morgen würde er lernen, wie man es wieder tat.

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