WORLDDIVIDE - Jenseits der Grenze · Kapitel 4

Mehr Glück als Verstand

Am nächsten Morgen konnte Ren sich zum ersten Mal ein Frühstück leisten. Es war nichts Besonderes. Etwas Brot, ein warmes Getränk und eine kleine Portion von etwas, das er inzwischen zumindest nicht mehr bei jedem Bissen misstrauisch betrac

High Fantasy, IsekaiVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-10-134.304 Wörterca. 18 Min.

Am nächsten Morgen konnte Ren sich zum ersten Mal ein Frühstück leisten. Es war nichts Besonderes. Etwas Brot, ein warmes Getränk und eine kleine Portion von etwas, das er inzwischen zumindest nicht mehr bei jedem Bissen misstrauisch betrac

Am nächsten Morgen konnte Ren sich zum ersten Mal ein Frühstück leisten.

Es war nichts Besonderes. Etwas Brot, ein warmes Getränk und eine kleine Portion von etwas, das er inzwischen zumindest nicht mehr bei jedem Bissen misstrauisch betrachten musste.

Trotzdem war es deutlich angenehmer, die Gilde nicht wieder mit leerem Magen verlassen zu müssen.

Nachdem er aufgegessen hatte, holte er die verbliebenen Münzen hervor.

Viele waren es nicht mehr.

Eigentlich erschreckend wenige.

Doch seit gestern wusste er zumindest, was er damit anfangen wollte.

Die besser bezahlten Aufträge waren vor allem an einer Sache gescheitert.

Er hatte keine Waffe.

Natürlich würde ein Schwert in seiner Hand nicht plötzlich dafür sorgen, dass er kämpfen konnte. Das war ihm durchaus bewusst.

Aber ohne eines konnte er es nicht einmal versuchen.

Und wenn er weiterhin nur Bücherkisten durch Fendell tragen konnte, würde sein Geld vermutlich genauso schnell verschwinden, wie er es verdiente.

Mit einer Waffe kann ich wenigstens bessere Aufträge annehmen.

Er steckte die Münzen wieder ein und stand auf.

Sein Ziel für diesen Morgen stand ohnehin längst fest.

Der kleine Laden von gestern.

Als er wenig später davorstand, sah es dort zumindest deutlich ordentlicher aus als bei seinem letzten Besuch. Die Kisten, deren Inhalt gestern noch über die halbe Straße verteilt gewesen war, standen wieder sauber vor dem Gebäude.

Kaum hatte er den Laden betreten, meldete sich der Händler hinter dem Tresen.

„Na, schon wieder da?“

„Sie haben doch gesagt, ich soll vorbeikommen, wenn ich etwas brauche.“

„Hab ich das?“

Der Händler legte den Gegenstand beiseite, mit dem er sich gerade beschäftigt hatte, und musterte ihn kurz.

Dann grinste er.

„Stimmt. Hab ich.“

Der Händler lehnte sich leicht gegen den Tresen. „Also, was brauchst du?“

„Ich suche eine Waffe.“

„Eine Waffe also.“ Das Grinsen des Händlers verschwand ein wenig. „Was für eine?“

Darauf hatte Ren keine besonders gute Antwort.

Ein Schwert eben.

Zumindest hatte er sich das so vorgestellt.

Langschwert? Kurzschwert? Einhändig? Zweihändig?

Er hatte keine Ahnung.

„Etwas Einfaches“, sagte er schließlich. „Für den Anfang.“

„Schon mal mit einem Schwert gekämpft?“

„Nein.“

„Mit irgendeiner anderen Waffe?“

„Nein.“

„Überhaupt schon mal gekämpft?“

Ren zögerte.

„Zählt eine Prügelei?“

„Nein.“

„Dann nein.“

„Wenigstens bist du ehrlich.“

Der Mann trat hinter dem Tresen hervor und ging zu einem der Regale an der hinteren Wand. Zwischen Werkzeugen, Lederriemen und verschiedenen Ausrüstungsgegenständen standen dort auch einige Waffen.

„Dann brauchst du nichts Großes. Und erst recht nichts, womit du dich beim ersten Versuch selbst umbringst.“

„Dann vertraue ich einfach mal auf Ihre Empfehlung.“

Der Händler zog ein Kurzschwert aus dem Regal.

Es war deutlich unscheinbarer als die Waffen, die Ren gestern vor der Schmiede gesehen hatte. Der Griff war schlicht, auf der Scheide waren einige Kratzer zu erkennen und auch das Leder wirkte nicht mehr ganz neu.

„Probier das.“

Ren nahm das Schwert entgegen.

Sofort senkte sich seine Hand ein Stück.

„Oh.“

„Schwerer als gedacht?“

„Ein bisschen.“

Natürlich hatte er gewusst, dass ein echtes Schwert Gewicht haben musste.

Es tatsächlich in der Hand zu halten, war trotzdem etwas anderes.

Langsam zog er die Klinge ein Stück aus der Scheide.

Keine kunstvollen Verzierungen. Kein besonderer Glanz. Nichts daran sah aus wie die legendäre Waffe eines Helden.

Es war einfach ein Schwert.

Ein echtes Schwert.

Vor wenigen Tagen hätte allein der Gedanke daran absurd geklungen.

Jetzt stand er in einem Laden in einer fremden Welt und überlegte, ob er sich damit gegen Monster verteidigen konnte.

„Und?“, fragte der Händler.

Ren schob die Klinge vorsichtig zurück in die Scheide.

„Was kostet es?“

Der Händler nannte ihm den Preis.

Seine gerade noch vorhandene Begeisterung bekam einen deutlichen Dämpfer.

Er holte seine Münzen hervor und begann zu zählen.

Einmal.

Noch einmal.

Zur Sicherheit ein drittes Mal.

Das Ergebnis blieb dasselbe.

„Das ist alles, was ich habe.“

Er legte sämtliche Münzen auf den Tresen.

Der Händler musterte den kleinen Haufen.

„Mehr nicht?“

„Mehr nicht.“

Einen Moment schwieg er, dann zog er die Münzen zu sich.

„Na gut.“

Der Händler nahm das Kurzschwert und schob es über den Tresen zu ihm.

„Mit dem versprochenen Rabatt von gestern sind wir quitt.“

Ren hielt inne.

Dieser Rabatt war ziemlich sicher großzügiger ausgefallen, als ursprünglich geplant.

„Reicht das wirklich?“

„Wenn ich sage, dass es reicht, reicht es.“

„Aber—“

„Du hast mir gestern geholfen. Ich hab dir dafür einen besseren Preis versprochen.“

Der Händler zuckte mit den Schultern.

„Damit wäre die Sache erledigt.“

Keine große Sache.

Keine offene Schuld.

Kein Irgendwann kannst du dich dafür revanchieren.

Einfach erledigt.

„Danke.“

„Bedank dich lieber, indem du das Ding nicht morgen kaputt zurückbringst.“

Ren musste grinsen.

„Ich versuch’s.“

Ren nahm das Kurzschwert vom Tresen und betrachtete die Befestigung an der Scheide.

Nach einigem Herumprobieren gelang es ihm, sie an seinem Gürtel zu befestigen.

Das zusätzliche Gewicht an seiner Seite war ungewohnt. Bei jeder Bewegung spürte er, dass dort nun tatsächlich eine Waffe hing.

Der Händler beobachtete ihn einen Moment.

„Warte.“

Ren sah auf.

Der Mann verschwand hinter dem Tresen und begann, in einer der unteren Schubladen zu suchen. Kurz darauf kam er mit einem kleinen Lederbeutel wieder zum Vorschein.

„Nimm den auch.“

Das Leder war an den Kanten deutlich abgenutzt, und auf der Schnalle waren einige Kratzer zu erkennen. Kaputt sah der Beutel allerdings nicht aus.

„Ich hab kein Geld mehr.“

„Das sehe ich.“

Der Händler deutete auf den Beutel.

„Der liegt schon ewig hier herum. In dem Zustand bekomme ich dafür sowieso kaum noch etwas.“

„Trotzdem …“

„Nimm ihn einfach. Für deine Gildenkarte, Münzen und was du sonst noch mit dir herumschleppst.“

Ren zögerte kurz, nahm den Beutel dann aber entgegen.

„Danke.“

„Jetzt bedank dich nicht schon wieder.“

Der Händler wandte sich bereits ab.

„Sonst überlege ich mir noch, dir doch etwas dafür zu berechnen.“

„Schon verstanden.“

Ren befestigte den kleinen Beutel ebenfalls an seinem Gürtel und begann, seine Taschen zu leeren.

Als Erstes wanderte die Gildenkarte hinein.

Danach hielt er inne.

Zwischen seinen Fingern lagen einige der Beeren, die er im Wald gefunden hatte.

„Die hab ich ja auch noch …“

Seit seinem ersten Tag hatte er kaum noch an sie gedacht.

Eigentlich hatte er sie damals nur eingesteckt, weil er nicht gewusst hatte, wann er wieder etwas Essbares finden würde. Nachdem ihm die drei Abenteurer erklärt hatten, dass man sie besser nicht einfach essen sollte, hatte sich das Thema für ihn erledigt.

Weggeworfen hatte er sie trotzdem nicht.

Warum schleppe ich die eigentlich noch mit mir herum?

Er ließ die Beeren in den neuen Beutel fallen.

Wegwerfen konnte er sie später immer noch.

Nachdem alles verstaut war, legte Ren eine Hand an den Griff seines Kurzschwerts.

Das Gewicht fühlte sich noch immer fremd an.

Keine besondere Waffe.

Nicht einmal eine besonders schöne.

Aber sie gehörte ihm.

Seine erste eigene Waffe in dieser Welt.

Jetzt fehlte eigentlich nur noch eines.

Ein Auftrag.

Wenig später stand er wieder vor der großen Auftragstafel der Gilde.

Diesmal fühlte es sich anders an.

Gestern hatte er einen Großteil der Aushänge praktisch sofort ausschließen können. Monsterbeseitigung? Ohne Waffe unmöglich. Geleitschutz? Noch schlimmer.

Heute hing zumindest ein Kurzschwert an seiner Seite.

Ren ging die einzelnen Aushänge durch.

Nach kurzer Suche fiel ihm ein Auftrag besonders ins Auge.

Die Beseitigung einiger kleiner Monster außerhalb von Fendell.

Nicht weit von der Stadt entfernt.

Keine besonders hohe Belohnung, aber deutlich mehr als für die Bücherlieferung von gestern.

Fast hätte er den Auftrag abgenommen.

Den könnte ich annehmen.

Dann erinnerte ihn das ungewohnte Gewicht an seiner Hüfte an ein Problem.

Er besaß das Schwert seit vielleicht einer halben Stunde.

Und gekämpft hatte er damit exakt—

Kein einziges Mal.

Nur weil ich jetzt ein Schwert habe, heißt das nicht, dass ich damit umgehen kann.

Was, wenn diese angeblich kleinen Monster gefährlicher waren, als sie klangen?

Der Waldhüpfer hatte schließlich auch nicht gerade furchteinflößend geklungen.

Und trotzdem hatte er verdammt große Angst vor dem Ding gehabt.

Vielleicht war es doch keine besonders gute Idee, bei seinem ersten Versuch allein loszuziehen.

Er las den nächsten Auftrag.

Dann den nächsten.

Irgendetwas musste es doch geben, womit er anfangen konnte, ohne sich gleich bei seinem ersten richtigen Kampfeinsatz umbringen zu lassen.

„Hey.“

Ren reagierte zunächst nicht.

„Ähm … entschuldige?“

Neben ihm stand ein junger Mann, den er noch nie zuvor gesehen hatte.

Er wirkte ungefähr in seinem Alter – zumindest in dem Alter, das Ren inzwischen äußerlich hatte. Seine Kleidung war schlicht und bereits etwas mitgenommen. An seiner Seite trug er eine Waffe, über einer Schulter hing eine Tasche.

Vor allem schien er selbst nicht so recht zu wissen, wie er das Gespräch anfangen sollte.

„Hast du kurz einen Moment?“

„Klar.“

„Suchst du gerade einen Auftrag?“

„Ja.“

„Perfekt. Ich suche nämlich noch jemanden, der mir bei meinem hilft.“

„Bei deinem Auftrag?“

„Ich hab schon einen angenommen.“

Der junge Mann griff nach seiner Gildenkarte und zeigte sie Ren kurz.

„Eigentlich wollte ich ihn mit meiner Gruppe erledigen, aber …“

Er stockte.

„Sagen wir einfach, ich hab momentan keine Gruppe mehr.“

Ren sah ihn einen Moment an.

„Was für ein Auftrag ist es?“

„Monsterbeseitigung. Außerhalb der Stadt. Nichts besonders Gefährliches.“

Monster.

Vor wenigen Augenblicken hatte Ren noch darüber nachgedacht, selbst einen solchen Auftrag anzunehmen – und sich dagegen entschieden, weil er keine Ahnung hatte, wie man überhaupt richtig kämpfte.

Allein loszuziehen war eine Sache.

Aber mit jemandem, der offensichtlich schon Erfahrung hatte?

Das klang deutlich besser.

Vielleicht musste er beim ersten Mal gar nicht viel tun. Er konnte beobachten, wie der andere vorging, ihm den Rücken freihalten und dabei zumindest ein Gefühl dafür bekommen, wie ein echter Kampf in dieser Welt überhaupt ablief.

Eigentlich kam ihm diese Gelegenheit ziemlich gelegen.

„Okay. Ich bin dabei.“

Die Erleichterung seines Gegenübers war kaum zu übersehen.

„Echt? Perfekt!“

Er hielt ihm die Hand hin.

„Ich bin Finn.“

„Ren.“

Wenig später ließen die beiden Fendell hinter sich.

Der Weg führte sie zunächst über dieselbe Straße, über die Ren erst vor zwei Tagen mit den drei Abenteurern in die Stadt gekommen war. Diesmal saß er allerdings nicht auf einem hölzernen Wagen und versuchte zu begreifen, wo er gelandet war.

Heute verließ er die Stadt aus eigenem Entschluss.

Mit einer Waffe an seiner Seite.

Und auf dem Weg zu seinem ersten Monsterauftrag.

Bei dem Gedanken legte er unwillkürlich eine Hand auf den Griff des Kurzschwerts.

Das Gewicht an seiner Hüfte war noch immer ungewohnt.

„Neu?“

„Was?“

Finn deutete auf die Waffe.

„Dein Schwert.“

„Sieht man das so deutlich?“

„Du fasst ungefähr alle paar Minuten danach.“

Ren nahm die Hand vom Griff.

Das war ihm selbst gar nicht aufgefallen.

„Ich hab es erst heute gekauft.“

„Dann ist das dein erster Auftrag mit einer Waffe?“

„Mein erster überhaupt, bei dem ich vielleicht eine brauche.“

Finn sah ihn kurz von der Seite an.

„Du bist noch nicht lange bei der Gilde, oder?“

„Seit zwei Tagen.“

„Oh.“

Ren wartete bereits auf irgendeine Bemerkung darüber, dass ein Anfänger vielleicht nicht die beste Wahl für einen Monsterauftrag war.

Stattdessen kam nur:

„Na ja. Irgendwann muss man anfangen.“

Die Antwort gefiel ihm.

„Was genau müssen wir eigentlich erledigen?“

„Einen Dorneneber.“

„Einen was?“

„Dorneneber.“

„Und was genau ist das?“

Finn brauchte einen Moment.

„Du kennst wirklich keine?“

„Nein.“

„Okay. Vier Beine. Ziemlich kräftig. Zwei große Hauer. Und auf dem Rücken wachsen harte Dornen.“

Vor Rens innerem Auge entstand langsam ein Bild.

Besonders einladend sah es nicht aus.

„Und davon gibt es dort nur einen?“

„Genau. Er ist in letzter Zeit mehrmals ziemlich nah an die Stadt gekommen. Normalerweise halten sie sich weiter draußen auf.“

Finn deutete den Weg entlang.

„Die Gilde will nicht warten, bis er irgendwann einen Händler, Reisenden oder jemanden aus Fendell erwischt. Deshalb soll er beseitigt werden.“

Das klang nachvollziehbar.

Ein einzelnes Monster, das seinem natürlichen Gebiet zu nahe an die Stadt gekommen war.

Und Finn sprach darüber so selbstverständlich, dass es keinen Grund zu geben schien, sich größere Sorgen zu machen.

„Hast du solche Aufträge schon öfter gemacht?“

„Monsteraufträge? Klar.“

Genau die Antwort, die Ren hören wollte.

Seine Entscheidung, mit Finn zu gehen, fühlte sich gleich ein Stück besser an.

„Gut.“

„Was?“

„Ich hab noch nie mit einem Schwert gekämpft.“

Finn blieb stehen.

Ren bemerkte es erst zwei Schritte später.

„Gar nicht?“

„Gar nicht.“

„Okay … dann bleib am Anfang besser etwas hinter mir.“

„War sowieso mein Plan.“

Damit konnte er gut leben.

Eigentlich war genau das der Grund gewesen, weshalb Finns Angebot so gelegen gekommen war. Ren musste nicht allein herausfinden, wie man gegen ein Monster kämpfte. Zunächst konnte er beobachten, wie jemand mit Erfahrung vorging, und nur eingreifen, wenn es nötig wurde.

Während Fendell hinter ihnen langsam kleiner wurde, fühlte er sich deshalb sogar etwas ruhiger.

Finn hatte bereits Monsteraufträge erledigt.

Er wusste offenbar, was sie erwartete.

Und wenn alles nach Plan lief, konnte Ren bei seinem ersten Kampf erstmal zusehen und lernen.

Nach einer Weile verließen sie den breiten Weg und folgten einem schmaleren Pfad zwischen den Bäumen.

Fendell war inzwischen nicht mehr zu sehen.

Anders als bei seinem ersten Erwachen im Wald wusste Ren diesmal zumindest, warum er hier war.

Trotzdem achtete er deutlich stärker auf seine Umgebung als Finn.

Seit dem Waldhüpfer wusste er schließlich, dass selbst Dinge, die auf den ersten Blick harmlos wirkten, in dieser Welt deutlich größer ausfallen konnten, als ihm lieb war.

Nach einigen Minuten wurde Finn langsamer.

„Was ist?“

Ohne zu antworten, ging er einige Schritte vom Pfad herunter und hockte sich neben eine Stelle, an der die Erde aufgewühlt war.

Für Ren sah es zunächst einfach nach Schlamm und zerdrückten Pflanzen aus.

„Er war hier.“

„Der Dorneneber?“

„Ja. Hier.“

Finn deutete auf mehrere tiefe Abdrücke im weichen Boden.

Jetzt, da Ren wusste, wonach er suchen musste, konnte auch er sie erkennen.

„Woher weißt du, dass die von ihm sind?“

„An der Form. Und da vorne.“

Mehrere Pflanzen am Rand des Pfades waren abgeknickt, weiter hinten war die Erde an einer Stelle regelrecht aufgerissen.

„Die suchen mit ihren Hauern oft im Boden nach Nahrung.“

So etwas wäre Ren niemals aufgefallen.

Gut, dass ich nicht alleine losgezogen bin.

Finn richtete sich wieder auf.

Seine entspannte Art von vorhin war verschwunden.

„Die Spuren sind noch ziemlich frisch.“

Unwillkürlich legte Ren eine Hand an den Griff seines Kurzschwerts.

„Wie frisch?“

„Frisch genug, dass wir ab jetzt besser leiser sind.“

Das reichte als Antwort.

Von diesem Moment an gingen sie langsamer weiter.

Finn voraus.

Ren einige Schritte hinter ihm.

Ihre Unterhaltung verstummte.

Dafür wirkten die Geräusche des Waldes plötzlich umso deutlicher. Das Rascheln der Blätter. Das Knacken kleiner Äste unter ihren Schuhen. Das Zwitschern der Vögel irgendwo zwischen den Bäumen.

Mit jedem weiteren Schritt nahm die Anspannung zu.

Dann blieb Finn abrupt stehen.

Ren hätte ihn beinahe von hinten angerempelt.

„Was—“

Finn hob eine Hand.

Still.

Zwischen den Pflanzen bewegte sich etwas.

Ein massiger Körper schob sich langsam zwischen zwei Bäumen hindurch.

Vier kräftige Beine.

Zwei große Hauer.

Und entlang seines Rückens ragten dunkle, harte Dornen aus dem Fell.

Ein Dorneneber.

Das Tier hatte sie noch nicht bemerkt.

Ruhig wühlte es einige Meter entfernt mit seinen Hauern im Boden.

Finn hatte nicht übertrieben.

Das Ding war kräftig.

Sehr kräftig.

Aber genau dafür hatte Ren ihn schließlich dabei.

Ren wartete darauf, dass Finn ihm irgendein Zeichen gab. Eine Anweisung. Irgendetwas.

Doch Finn bewegte sich nicht.

Erst jetzt fiel Ren auf, wie sehr sich seine Haltung verändert hatte.

Die Schultern waren angespannt. Seine Hände bewegten sich keinen Zentimeter.

Und sein Blick war starr auf den Dorneneber gerichtet.

Was ist denn mit ihm?

Der Dorneneber wühlte weiterhin zwischen den Pflanzen und schien nichts von ihnen bemerkt zu haben.

Eigentlich die perfekte Gelegenheit.

Zumindest nahm Ren das an.

„Was machen wir jetzt?“, flüsterte er.

Keine Antwort.

„Finn?“

Nur ein kaum merkliches Kopfschütteln.

„Was ist los?“

„Ich … kann das nicht.“

„Was kannst du nicht?“

„Gegen das Ding kämpfen.“

Das musste Ren einen Moment lang verarbeiten.

„Aber das ist doch unser Auftrag.“

„Ich weiß.“

„Und du hast ihn angenommen.“

„Ich weiß.“

Langsam begann einiges mehr Sinn zu ergeben.

Vor allem Finns vage Erklärung über seine ehemalige Gruppe.

„Du hast Angst vor dem Ding.“

Keine Antwort.

Die brauchte es auch nicht.

Na super.

Ausgerechnet deshalb war Ren mit ihm mitgegangen.

Weil er jemanden dabeihaben wollte, der wusste, wie man kämpfte.

Und jetzt brachte genau dieser Jemand keinen Fuß mehr vom Boden.

Noch hatte der Dorneneber sie nicht bemerkt.

Das war vermutlich der einzige Vorteil, den sie gerade hatten.

„Kannst du dich wenigstens bewegen?“

Finn nickte schwach.

Immerhin.

Ren zwang sich, nachzudenken.

Einfach auf das Monster loszustürmen kam nicht infrage. Er hatte noch nie mit einem Schwert gekämpft und wusste nicht einmal, wie viel so ein Dorneneber aushielt.

Also brauchte er etwas anderes.

Bäume.

Büsche.

Einige größere Steine.

Ein Stück weiter fiel der Boden leicht ab.

Vielleicht ließ sich irgendetwas davon nutzen.

Zwischen zwei Bäumen war nur wenig Platz. Der Dorneneber war breit gebaut. Wenn er ihn irgendwie dorthin locken konnte, musste er vielleicht nicht frontal gegen diese Hauer antreten.

Das Tier hob den Kopf.

Ren erstarrte.

Für einen Moment geschah nichts.

Dann drehte sich der Kopf langsam in seine Richtung.

Scheiße.

Ein Vorderbein scharrte über den Boden.

Rens Hand schloss sich um den Griff des Kurzschwerts.

Der Plan war noch nicht einmal fertig.

Und offenbar würde er auch keine Zeit mehr bekommen, einen zu machen.

Der Dorneneber stürmte los.

Ren riss das Kurzschwert aus der Scheide.

Viel zu spät.

Er hatte sich vorgestellt, dass er irgendwie reagieren würde, sobald es so weit war.

Ausweichen. Die Klinge zwischen sich und das Monster bringen. Irgendetwas.

Doch als der Dorneneber mit gesenktem Kopf auf ihn zurannte, blieb keine Zeit zum Nachdenken.

Ren sprang zur Seite.

Die Hauer verfehlten ihn nur knapp.

Hinter ihm krachte das Tier gegen einen Baum und taumelte einen Schritt zurück.

Jetzt!

Mit beiden Händen umklammerte Ren das Kurzschwert und machte einen Schritt nach vorne.

Dann stockte er.

Wohin sollte er überhaupt schlagen?

Auf den Rücken?

Dort ragten die harten Dornen aus dem Fell.

Auf den Kopf?

Direkt neben den Hauern?

Der kurze Moment reichte.

Der Dorneneber hatte sich bereits wieder gefangen.

Verdammt.

Der nächste Angriff kam sofort.

Diesmal war Ren einen Augenblick zu langsam.

Der massive Körper erwischte ihn an der Seite und schleuderte ihn nach hinten.

Sein Rücken krachte gegen einen Baum.

Für einen Moment bekam er keine Luft.

Schmerz zog durch seinen Körper, und das Kurzschwert fühlte sich in seiner Hand plötzlich deutlich schwerer an.

„Ren!“

Finns Stimme.

Keine Zeit zu antworten.

Der Dorneneber kam wieder.

Ren stieß sich vom Baum ab und hob das Schwert.

Ich muss irgendwas machen.

Als das Tier nah genug war, schlug er zu.

Die Klinge traf seitlich auf seinen Körper.

Der Widerstand ging bis in beide Arme.

Der Treffer war schlecht.

Viel zu flach.

Aber das Tier wich zurück.

Eine kleine Wunde.

Mehr nicht.

Das war’s?

Der Dorneneber schnaubte und setzte erneut nach.

Ren wich zurück.

Ein Schritt.

Noch einer.

Sein Fuß traf eine Wurzel.

„Schei—“

Der Boden kam ihm entgegen.

Das Kurzschwert rutschte ihm aus der Hand und landete direkt neben ihm.

Sofort griff er danach.

Vor ihm scharrte der Dorneneber bereits wieder über den Boden.

Der Kopf war gesenkt.

Die beiden Hauer zeigten direkt auf ihn.

Ren wollte aufstehen.

Nicht schnell genug.

Sein Herz schlug so heftig, dass er es bis in den Hals spürte.

Das Tier musste nur noch losrennen.

Ich werde doch nicht wirklich …

„Verdammt!“, rief Finn. „Hätten wir bloß Beeren dabei! Auf die Dinger fahren sie total ab!“

Beeren.

Beeren?

Der Dorneneber setzte sich in Bewegung.

Moment.

Rens Hand schoss zum Gürtelbeutel.

Gildenkarte.

Dann—

Da.

Er riss die Beeren heraus.

Keine Zeit nachzudenken.

Die gesamte Handvoll flog so weit zwischen die Bäume, wie er sie werfen konnte.

Für einen kurzen Moment geschah nichts.

Der Dorneneber raste weiter direkt auf ihn zu.

Bitte …

Dann zuckte sein Kopf zur Seite.

Das Monster änderte die Richtung.

Nur wenige Meter vor Ren drehte es ab und lief zu den verstreuten Beeren.

„Das hat funktioniert …“

Eine nach der anderen verschwanden sie im Maul des Dornenebers.

Die eben noch tödliche Gefahr schien Ren für einen Moment vollkommen vergessen zu haben.

Sein Herz raste noch immer.

Aber das hier war vermutlich die einzige Chance, die er bekommen würde.

Jetzt.

Er stemmte sich auf die Beine.

Die Knie fühlten sich noch immer weich an.

Ein Schritt.

Noch einer.

Der Dorneneber fraß weiter.

Beide Hände schlossen sich um den Griff.

Diesmal wusste Ren zumindest, dass ein halbherziger Schlag nicht reichen würde.

Er holte tief Luft.

Dann stieß er zu.

Der Dorneneber zuckte zusammen.

Sofort brachte Ren wieder Abstand zwischen sich und das Tier und hob das Schwert.

Doch ein zweiter Angriff war nicht nötig.

Das Monster schwankte kurz, sank zu Boden und blieb liegen.

Stille.

Sekunden vergingen.

Nichts.

„Ist … er tot?“

Finn kam langsam näher.

„Ja.“

Erst jetzt löste sich die Anspannung ein wenig aus Rens Körper.

Seine Finger umklammerten den Griff noch immer so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Langsam lockerte er sie.

Er hatte es geschafft.

Mehr durch Glück als durch irgendeine Form von Können.

Aber er hatte es geschafft.

Vor ihm lag das erste Lebewesen, das er jemals mit einer Waffe getötet hatte.

Der Gedanke fühlte sich seltsam an.

Nicht gut.

Aber auch nicht so schlimm, wie er vielleicht erwartet hätte.

Noch vor wenigen Augenblicken hatte der Dorneneber versucht, ihn mit seinen Hauern aufzuspießen.

Hätte Ren gezögert, wäre vermutlich er derjenige gewesen, der jetzt am Boden lag.

Vielleicht war das der Grund, warum vor allem ein anderes Gefühl zurückblieb.

Erleichterung.

„Ren!“

Finn kam jetzt deutlich schneller auf ihn zu.

Von der Starre, die ihn eben noch vollkommen bewegungsunfähig gemacht hatte, war plötzlich nichts mehr zu sehen.

„Alter, Ren! Du bist ja der Hammer! Die Beeren! Wie bist du denn so schnell darauf gekommen? Ich sag irgendwas von Beeren und du ziehst einfach welche aus deiner Tasche! Wer läuft denn bitte zufällig mit genau den richtigen Beeren herum?“

Wenn Finn wüsste.

Noch vor wenigen Stunden hatte Ren überlegt, warum er die Dinger überhaupt noch mit sich herumschleppte.

„Glück.“

„Glück? Du hast gerade einen Dorneneber erledigt! Und du hast vorhin behauptet, du hättest noch nie mit einem Schwert gekämpft.“

„Hab ich auch nicht.“

Finn starrte ihn an.

Seine Begeisterung schien dadurch nur noch größer zu werden.

„Das macht es doch noch besser!“

Ren selbst war da weniger überzeugt.

Eigentlich hatte er hauptsächlich das Gefühl, noch zu leben, weil zufällig ein paar Beeren in seinem Beutel gelegen hatten.

Finn schien das anders zu sehen.

„Weißt du was? Wir sollten zusammenarbeiten.“

„Als Gruppe?“

„Ja. Du und ich. Das hat doch gerade funktioniert!“

„Funktioniert?“

„Na ja … am Ende.“

Das war offenbar eine recht großzügige Definition von funktioniert.

Ren starrte ihn einen Moment schweigend an.

„Finn.“

„Ja?“

„Warum hast du eigentlich einen Auftrag angenommen, bei dem du einen Dorneneber erledigen musst, wenn du solche Angst vor Dornenebern hast?“

Finns Begeisterung verflog.

„Das ist … eine längere Geschichte.“

„Wir haben Zeit.“

Finn kratzte sich am Hinterkopf.

„Ich dachte, ich hätte es inzwischen im Griff.“

Ren wartete.

Finn wich seinem Blick aus.

„Offensichtlich hatte ich es nicht im Griff.“

Zumindest war er ehrlich.

„Und deine Gruppe?“

Finn schwieg kurz.

„Die hatte irgendwann keine Lust mehr darauf.“

Jetzt ergab einiges mehr Sinn.

Ren steckte sein Kurzschwert zurück in die Scheide.

Finn war offensichtlich kein schlechter Kerl.

Wahrscheinlich hatte er ihn nicht einmal absichtlich in Gefahr gebracht. Er hatte wirklich geglaubt, diesmal gegen seine Angst anzukommen.

Trotzdem blieb ein unangenehmes Gefühl zurück.

Mit anderen etwas gemeinsam anfangen.

Darauf vertrauen, dass jeder seinen Teil beitrug.

Und am Ende feststellen, dass man selbst derjenige war, der alles auffangen musste.

Es war nicht dieselbe Situation wie früher.

Finn war nicht wie die Menschen, an die Ren gerade denken musste.

Das wusste er.

Aber das Gefühl war ähnlich genug.

„Also?“, fragte Finn hoffnungsvoll. „Was sagst du?“

„Ich glaube, ich versuche es erstmal alleine.“

„Sicher?“

„Ja.“

Einen Moment lang sah es aus, als wollte Finn noch etwas sagen.

Dann nickte er.

„Okay. Kann ich verstehen.“

Keine Diskussion.

Kein Versuch, ihn umzustimmen.

Das überraschte Ren beinahe.

Finn sah noch einmal zum Dorneneber.

Dann grinste er wieder.

„Aber falls du es dir anders überlegst – du weißt ja jetzt, dass wir ein ziemlich gutes Team sind.“

„Ich habe den Dorneneber alleine erledigt.“

„Und wer hat dir von den Beeren erzählt?“

Verdammt.

Ganz unrecht hatte er damit nicht.

Als sie einige Zeit später nach Fendell zurückkehrten, spürte Ren jeden einzelnen Schritt.

Sein Rücken schmerzte noch immer von dem Aufprall gegen den Baum, seine Kleidung war schmutzig und das neue Kurzschwert fühlte sich an seiner Seite inzwischen doppelt so schwer an wie am Morgen.

Trotzdem betrat er die Gilde mit einem Gefühl, das er gestern noch nicht gekannt hatte.

Er hatte seinen ersten Monsterauftrag überlebt.

Mehr oder weniger.

Finn meldete den Auftrag als erledigt. Nachdem die Mitarbeiterin den Abschluss bestätigt hatte, legte sie die Belohnung auf den Tresen.

Das war deutlich mehr als gestern.

Finn begann, die Münzen aufzuteilen.

Als er Ren schließlich einen Teil zuschob, runzelte dieser die Stirn.

„Das ist zu viel.“

„Wieso?“

„Der Auftrag war deiner.“

„Und den Dorneneber hast du erledigt.“

„Trotzdem.“

Finn schob die Münzen noch ein Stück näher.

„Ohne dich wäre ich wahrscheinlich immer noch dort und würde das Ding anstarren.“

Ren musste sich ein Grinsen verkneifen.

„Also nimm sie.“

Einen Moment lang betrachtete Ren das Geld.

Dann nahm er es.

„Danke.“

„Überleg dir das mit der Gruppe nochmal.“

„Nein.“

„War einen Versuch wert.“

Diesmal musste Ren lachen.

Kurz darauf verabschiedeten sie sich.

Finn verschwand zwischen den anderen Abenteurern der Gilde, während Ren noch einen Moment am Tresen stehen blieb.

Gestern hatte er Bücher getragen.

Heute hatte er gegen sein erstes Monster gekämpft.

Fast verloren.

Mehr Glück als Verstand gehabt.

Und trotzdem—

Zum ersten Mal seit seiner Ankunft hatte er das Gefühl, nicht mehr vollkommen hilflos in dieser Welt zu sein.

Er hatte eine Waffe.

Er konnte sein Zimmer bezahlen.

Er konnte sich etwas zu essen leisten.

Und morgen würde er wieder einen Auftrag suchen.

Die Münzen verschwanden in seinem neuen Gürtelbeutel.

Vielleicht war das noch nicht viel.

Aber es war ein Anfang.

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