Ren starrte auf die Spitze seines rechten Zeigefingers, als hätte sie ihn persönlich beleidigt. Ein schwaches Licht flackerte auf. Für einen Augenblick hielt es sich. Dann verschwand es wieder. „Komm schon …“ Er konzentrierte sich erneut. I
Ren starrte auf die Spitze seines rechten Zeigefingers, als hätte sie ihn persönlich beleidigt.
Ein schwaches Licht flackerte auf.
Für einen Augenblick hielt es sich.
Dann verschwand es wieder.
„Komm schon …“
Er konzentrierte sich erneut. Inzwischen fand er das Gefühl seines Manas deutlich schneller als gestern. Trotzdem war es etwas völlig anderes, es nur wahrzunehmen oder tatsächlich dafür zu sorgen, dass am Ende etwas passierte.
Wieder erschien ein kleiner Funke.
Diesmal hielt er vielleicht eine Sekunde länger.
Ren grinste zufrieden.
„Du bist zu spät.“
Runa, die gerade neben seinem Tisch stehen geblieben war, sah ihn an.
„Drei Minuten.“
Ren ließ den Arm sinken. „Ich übe seit zwanzig.“
„Dann warst du zu früh.“
Er schüttelte leicht den Kopf. „Das ist eine erstaunlich einfache Lösung.“
„Finde ich auch.“
Ihr Blick wanderte wieder zu seinem Finger. „Hast du die ganze Zeit daran geübt?“
„Mehr oder weniger.“
„Dann komm. Wir gehen nach draußen.“
Ren stand auf. „So schlimm sieht es doch noch gar nicht aus.“
„Noch nicht. Aber falls du gleich herausfindest, wie man eine richtige Flamme erzeugt, würde ich das lieber nicht mitten in einer Gilde voller Holztische ausprobieren.“
Das Argument überzeugte ihn.
Wenig später standen sie auf einer freien Fläche hinter dem Gebäude. Einige alte Holzpfosten am Rand sahen so aus, als wären sie schon häufiger für Übungen benutzt worden.
Runa ging ein paar Schritte zurück.
„Zeig mir nochmal den Funken von gestern.“
Ren hob die Hand und konzentrierte sich. Das Mana fand er inzwischen relativ schnell. Es zu kontrollieren war trotzdem noch schwierig.
Langsam leitete er einen kleinen Teil davon in seine Fingerspitze.
Ein schwaches Licht erschien und verschwand fast sofort wieder.
Runa nickte. „Nochmal. Ich will sehen, ob du es zuverlässig wiederholen kannst.“
Beim zweiten Versuch kam der Funke schneller. Beim dritten ebenfalls. Er war noch immer winzig, doch Ren musste nicht mehr jedes Mal von vorne überlegen, wonach er überhaupt suchte.
Nach einigen Wiederholungen hob Runa selbst eine Hand. Eine kleine Flamme erschien über ihrer Handfläche, ruhig und gleichmäßig.
„Heute versuchst du daraus wirklich Feuer zu machen.“
Ren sah von ihrer Hand zu seiner eigenen. „Und wie?“
„Im Grunde genauso wie gestern. Nur reicht es diesmal nicht, dein Mana einfach nach außen zu bringen. Du musst ihm eine Form geben.“
„Also muss ich mir vorstellen, was entstehen soll.“
„Genau.“
Die Flamme über ihrer Hand verschwand wieder.
„Am Anfang kann es helfen, das auch auszusprechen.“
Ren sah sie fragend an.
Runa verstand offenbar sofort, worauf er hinauswollte. „Nein, die Wörter selbst haben keine besondere Wirkung. Sie helfen dir nur dabei, deine Vorstellung auf etwas Bestimmtes zu richten.“
Sie hob erneut die Hand.
„Flamme.“
Wieder erschien das kleine Feuer.
„Wenn du noch damit beschäftigt bist, dein Mana überhaupt zu spüren und gleichzeitig kontrollieren musst, wohin es fließt, kann ein Wort einen Teil davon leichter machen.“
„Aber du brauchst es nicht.“
„Für so etwas nicht mehr.“
Ren nickte langsam. Das erklärte zumindest, warum er sie bisher nie irgendwelche langen Zauberformeln hatte aufsagen hören.
Er streckte die rechte Hand aus und suchte nach seinem Mana. Das Gefühl war schnell da.
Schwieriger war der Rest.
Ren stellte sich die kleine Flamme vor, die Runa eben erzeugt hatte. Nicht nur Licht, sondern echtes Feuer. Wärme. Eine klare Form.
„Flamme.“
Nichts geschah.
Er versuchte es erneut.
Beim zweiten Mal erschien zumindest ein schwaches Flackern über seiner Handfläche, das sofort wieder erlosch.
„Das war schon näher dran“, sagte Runa. „Versuch nicht, sofort mehr Mana hineinzudrücken. Du musst zuerst lernen, das bisschen zu kontrollieren, das du bereits benutzt.“
Beim nächsten Versuch hielt sich das Flackern etwas länger. Danach verschwand es wieder. Ren probierte es weiter, während Runa nur eingriff, wenn er zu viel auf einmal versuchte oder seine Konzentration verlor.
Mit jeder Wiederholung wurde das Gefühl ein wenig vertrauter.
Irgendwann erschien tatsächlich eine kleine Flamme über seiner Hand.
Sie war kaum größer als die eines Kerzendochts und flackerte unruhig, aber diesmal verschwand sie nicht sofort.
Ren starrte sie an.
„Okay … das ist wirklich Feuer.“
Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Runa musste ebenfalls lächeln. „Ja. Jetzt versuch, sie zu halten.“
Das erwies sich als deutlich schwieriger.
Nach wenigen Sekunden erlosch die Flamme wieder. Ren begann von vorne, und mit der Zeit gelang es ihm häufiger, sie entstehen zu lassen. Manchmal hielt sie nur einen Augenblick, manchmal einige Sekunden.
Runa sagte irgendwann kaum noch etwas. Sie beobachtete seine Versuche und griff nur noch ein, wenn er einen Fehler machte.
Nach einer ganzen Reihe weiterer Flammen runzelte sie schließlich die Stirn.
„Sag mal … bist du eigentlich noch gar nicht erschöpft?“
Ren ließ die Hand sinken. „Warum sollte ich?“
„Wie fühlst du dich?“
Die Frage klang ernst genug, dass er tatsächlich kurz auf sich selbst achtete. Seine Konzentration hatte etwas nachgelassen, körperlich fühlte er sich aber kaum anders als vorher.
„Eigentlich ganz normal.“
„Kein Schwindel? Müdigkeit? Irgendetwas?“
„Nein.“
Jetzt war es Ren, der sie genauer ansah. „Ist das ungewöhnlich?“
Runa blickte auf seine Hand. „Du benutzt seit einer ganzen Weile immer wieder Magie. Bei jemandem, der gerade erst damit angefangen hat, hätte ich erwartet, dass man es inzwischen zumindest merkt.“
„Warum gerade bei einem Anfänger?“
„Weil du dein Mana noch nicht besonders effizient benutzt.“
Sie trat etwas näher.
„Jeder hat nur eine begrenzte Menge davon zur Verfügung. Wenn du Magie wirkst, verbrauchst du einen Teil. Mit Ruhe regeneriert es sich wieder.“
Das Prinzip war zumindest einfach genug.
„Und wenn alles weg ist?“
„Dann solltest du schon vorher aufgehört haben.“
Ren wartete.
Runa seufzte leise. „Zuerst wirst du müde. Danach wird es schwieriger, sich zu konzentrieren. Wenn du trotzdem weitermachst, kommen oft Schwindel und Schwäche dazu.“
„Und wenn ich dann immer noch weitermache?“
„Dann liegst du irgendwann auf dem Boden.“
Ren sah kurz auf die Wiese unter seinen Füßen. „Gut. Das würde ich gerne vermeiden.“
„Deshalb lernt man nicht nur, Magie zu benutzen, sondern auch, seine eigenen Grenzen einzuschätzen. Anfänger verbrauchen meistens mehr Mana als nötig. Ein erfahrener Magier kann mit derselben Menge deutlich mehr anfangen, weil weniger davon verloren geht.“
Ren dachte an seine kleine Flamme. „Das heißt, ich verschwende gerade einen großen Teil davon.“
„Sehr wahrscheinlich.“
„Und trotzdem bin ich nicht erschöpft.“
„Genau.“
Diesmal blieb Runas Blick etwas länger auf ihm liegen.
„Mach die Flamme noch einmal.“
Ren hob die Hand. „Ich dachte, ich verschwende Mana.“
„Ein Versuch bringt dich offenbar nicht um.“
„Beruhigend.“
Er konzentrierte sich wieder.
„Flamme.“
Das kleine Feuer erschien über seiner Handfläche. Noch immer unruhig, aber schneller als bei seinen ersten Versuchen.
Runa ließ ihn einige Sekunden warten.
„Gut. Weg damit.“
Ren unterbrach den Zauber.
„Und?“
Sie schwieg kurz.
„Ich kann nicht genau sagen, wie viel Mana du besitzt. So funktioniert Wahrnehmung nicht.“
Ren betrachtete seine Hand. „Aber du merkst, dass es viel ist.“
Runa nickte. „Ich kann ungefähr einschätzen, ob jemand kaum noch etwas übrig hat. Bei dir fühlt es sich nicht einmal annähernd so an.“
„Ist das gut?“
„Eine große Manareserve ist sicherlich nichts Schlechtes.“ Ein leichtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Ich versuche nur gerade herauszufinden, wie ungewöhnlich du eigentlich bist.“
Das brachte Ren für einen Moment zum Schweigen.
Sie hatte es nicht dramatisch gesagt. Trotzdem blieb der Satz hängen.
„Ich wusste schon gestern, dass dein Mana kräftig ist“, fuhr Runa fort. „Aber wenn man bedenkt, dass du überhaupt keine Erfahrung hattest, lernst du auch ziemlich schnell.“
Ren blickte wieder auf seine Hand.
„Vielleicht bin ich einfach gut darin.“
„Vielleicht.“
Ganz überzeugt klang sie nicht.
Dann deutete sie zurück zur Gilde.
„Für heute reicht es trotzdem.“
Ren sah sie an. „Obwohl ich noch nicht erschöpft bin?“
„Gerade deswegen.“
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn.“
Runa setzte sich bereits in Bewegung. „Solange wir nicht wissen, wo deine Grenze liegt, müssen wir sie auch nicht am ersten Tag mit Gewalt suchen.“
Das leuchtete leider ein.
Widerwillig folgte Ren ihr.
Seine rechte Hand hob sich dabei trotzdem noch einmal vor sein Gesicht. Dass dort inzwischen auf seinen Willen hin eine Flamme entstehen konnte, fühlte sich noch immer völlig unwirklich an.
Sie war winzig.
Unruhig.
Und wahrscheinlich für jeden richtigen Magier völlig unspektakulär.
Aber sie war echt.
Und sie gehörte ihm.
Die nächste Woche verging schneller, als Ren erwartet hatte.
Aus dem einen Training wurden mehrere. Nicht jeden Tag. Manchmal hatte Runa eigene Dinge zu erledigen, über die sie kaum sprach, an anderen Tagen nahm Ren allein einen einfachen Auftrag an. Meistens waren es kleinere Monster in der Umgebung von Fendell – nichts, das ihn laut Gilde ernsthaft überfordern sollte.
Ren nutzte diese Aufträge vor allem, um sich an sein Kurzschwert zu gewöhnen. Er war noch weit davon entfernt, sich im Kampf wirklich sicher zu fühlen, aber inzwischen musste er zumindest nicht mehr bei jeder Bewegung darüber nachdenken, wie er die Waffe überhaupt halten sollte.
An manchen Tagen trafen er und Runa sich danach noch zum Training. An anderen machten sie gemeinsam einen Auftrag, wenn sich etwas anbot, das für zwei Personen gedacht war.
Irgendwann hörten sie auf, vorher darüber zu diskutieren, ob sie diesmal wieder zusammen losziehen würden.
Es ergab sich einfach.
Runa brachte ihm weiterhin bei, sein Mana besser zu kontrollieren. Ren lernte, weniger davon für dieselbe Wirkung zu verbrauchen, und die kleine Flamme über seiner Hand wurde mit jedem Training ruhiger. Am Anfang musste er das Wort noch jedes Mal aussprechen. Später reichte es immer häufiger, wenn er sich nur auf das konzentrierte, was entstehen sollte.
Auch außerhalb des Trainings wurde Fendell langsam vertrauter. Die Wege zwischen Gilde, Markt und seinem Zimmer musste er längst nicht mehr suchen. Einige Gesichter in der Gilde erkannte er wieder, und gelegentlich grüßte ihn jemand, bevor er selbst überhaupt daran gedacht hatte.
Es war noch immer eine fremde Welt.
Aber nicht mehr jeder Schritt darin fühlte sich fremd an.
Für ihre längeren Übungen hatten Ren und Runa inzwischen einen ruhigeren Platz außerhalb Fendells gefunden. Eine freie Wiese lag etwas abseits des Weges, weit genug von den ersten Häusern entfernt, dass Runa zumindest nicht jedes Mal besorgt auf Holzwände sehen musste, sobald Ren Feuer erzeugte.
An diesem Nachmittag hielt er die rechte Hand vor sich.
Über seiner Handfläche brannte eine kleine Flamme.
Sie war nicht besonders groß, aber ruhig genug, dass sie sich kaum noch bewegte.
„Halt sie noch ein bisschen“, sagte Runa.
Ren konzentrierte sich weiter. Das Feuer flackerte kurz, fing sich aber wieder. Erst nach einigen Sekunden ließ er es verschwinden.
„Und?“
Runa sah weiterhin auf seine Hand.
„Was ist?“
„Mach es nochmal.“
Ren tat es.
Diesmal erschien die Flamme beinahe sofort.
Ohne ein Wort.
Runa legte den Kopf ein wenig schief.
„Du weißt schon, dass du das verdammt schnell gelernt hast?“
Ren betrachtete das Feuer. „Beschwerst du dich gerade darüber, dass dein Schüler zu schnell lernt?“
„Nein.“
Er ließ die Flamme verschwinden.
„Ich versuche nur herauszufinden, ob dir überhaupt klar ist, wie ungewöhnlich das ist.“
„Nicht wirklich.“
„Das dachte ich mir.“ Runa trat etwas näher. „Viele brauchen deutlich länger, bis sie überhaupt zuverlässig Mana nach außen bringen können. Von einer Flamme, die sie ohne Worte halten, ganz zu schweigen.“
Ren sah auf seine Hand.
„Wie lange hast du gebraucht?“
Runa schwieg einen Moment.
„Länger.“
Das brachte ihn zum Grinsen. „Das klang widerwillig.“
„War es auch.“
„Dann nehme ich das als Kompliment.“
„Mach das.“
Ren hob die Hand erneut, ließ diesmal aber keine Flamme entstehen.
„Woher weißt du eigentlich so genau, worauf man am Anfang achten muss?“
Für einen kurzen Moment veränderte sich etwas in Runas Gesicht. Nicht viel. Gerade genug, dass Ren es bemerkte.
„Mir hat es auch jemand beigebracht.“
„Ein Lehrer?“
Sie sah kurz zur Seite.
„So ähnlich.“
Mehr sagte sie nicht.
Ren hätte nachfragen können. Wer diese Person gewesen war. Warum Runa plötzlich anders klang.
Er ließ es bleiben.
Wenn sie mehr erzählen wollte, würde sie es tun.
Runa sah wieder zu seiner Hand.
„Jedenfalls lernst du sehr schnell. Und du hast mehr Mana, als ich bei jemandem mit so wenig Erfahrung erwarten würde.“
„Wie viel mehr?“
„Das kann ich dir nicht genau sagen. Ich merke nur, dass deine Reserven selbst nach längerem Training noch ungewöhnlich stark wirken.“
„Und das ist nicht normal.“
„Nicht bei einem Anfänger.“
Das gefiel Ren deutlich besser als die Vorstellung, dass allein eine große Manareserve irgendetwas über ihn entschied.
Runa deutete auf seine Hand.
„Und bevor du jetzt auf die Idee kommst, dass du deshalb morgen riesige Feuerbälle werfen kannst: Nein.“
Ren sah sie an. „Ich hab gar nichts gesagt.“
„Ich kenne inzwischen deinen Blick.“
Er musste lachen.
Ganz unrecht hatte sie vermutlich nicht.
Runa sah zur Sonne, die bereits deutlich tiefer stand als zu Beginn des Trainings.
„Für heute reicht es.“
„Schon?“
„Wir machen das seit Stunden.“
Ren wollte widersprechen, merkte dann aber, dass sie recht hatte.
Gemeinsam machten sie sich auf den Rückweg nach Fendell.
Unterwegs hob Ren noch einmal seine rechte Hand. Eine kleine Flamme erschien über seiner Handfläche, diesmal ganz ohne Worte.
Runa bemerkte es aus dem Augenwinkel.
„Du kannst wirklich nicht aufhören, oder?“
Ren ließ das Feuer wieder verschwinden. „Nicht, solange es funktioniert.“
„Dann hoffe ich, dass du irgendwann genauso begeistert davon bist, deine Kontrolle zu üben.“
„Das klingt deutlich langweiliger.“
„Ist aber wichtiger.“
Ren grinste. „Deshalb bist du ja da.“
Runa schüttelte den Kopf, konnte sich ein Lächeln aber nicht ganz verkneifen.
Nach einigen Schritten sah Ren wieder auf seine Hand.
„Also wirklich länger als eine Woche?“
Runa warf ihm einen Seitenblick zu. „Willst du immer noch wissen, ob du dir etwas darauf einbilden darfst?“
„Vielleicht.“
„Dann hätte ich vorhin weniger sagen sollen.“
„Zu spät.“
Sie ließ ein paar Schritte vergehen.
„Ja. Du lernst verdammt schnell.“
Ren sah sofort zu ihr.
„Schneller als du?“
Runa schwieg.
Das reichte ihm bereits als Antwort.
„Okay. Jetzt bilde ich mir doch etwas darauf ein.“
„Genau deswegen hätte ich es dir nicht sagen sollen.“
Ren grinste noch immer, als vor ihnen die ersten Häuser Fendells auftauchten.
Inzwischen kannte er den Anblick gut genug, dass er nicht mehr automatisch jedes Gebäude betrachtete. Selbst die Menschen auf den Straßen fielen ihm längst nicht mehr so stark auf wie an seinen ersten Tagen.
Dieses Mal war allerdings schnell zu erkennen, dass etwas nicht stimmte.
Weiter vorne standen mehrere Leute zusammen. Einige sprachen durcheinander, andere liefen in unterschiedliche Richtungen davon. Zwischen den Stimmen wurde immer wieder derselbe Name gerufen.
Runa wurde langsamer.
„Was ist da passiert?“
Ren folgte ihrem Blick.
Am Rand der Straße stand eine Tiermenschenfrau und sprach aufgeregt mit zwei Mitgliedern der Gilde. Ihre Ohren lagen flach am Kopf, während sie immer wieder in die Umgebung sah. Neben ihr versuchte ein älterer Mann, sie zu beruhigen.
„Finden wir es heraus“, sagte Runa.
Sie gingen näher.
Es dauerte nicht lange, bis sie verstanden, worum es ging.
Der Sohn der Frau wurde vermisst.
Er war noch am Vormittag mit ihr auf dem Markt gewesen und sollte nur wenige Minuten vor einem Geschäft warten. Als sie wieder herausgekommen war, war er verschwunden. Seitdem suchten mehrere Leute nach ihm. Auch die Gilde hatte inzwischen einige Abenteurer losgeschickt.
Ren sah zwei von ihnen gerade in einer Seitengasse verschwinden.
„Die suchen doch schon.“
Runa blickte zu der Mutter.
„Dann suchen eben noch zwei mehr.“
Sie wollte bereits zu den anderen gehen, doch Ren blieb einen Moment stehen.
„Wir haben dafür nicht mal einen Auftrag.“
Runa drehte sich zu ihm um.
„Brauchen wir einen?“
Ren sah sie an.
Eigentlich hatte er darauf keine gute Antwort.
Nein.
Natürlich brauchten sie keinen.
Er hatte sich lediglich daran gewöhnt, dass Probleme in dieser Welt meistens auf einem Stück Papier an der Gildenwand standen und am Ende eine Belohnung dafür wartete.
Das hier war anders.
„Nein“, sagte er schließlich. „Brauchen wir nicht.“
Gemeinsam gingen sie zu der Mutter.
Aus der Nähe wirkte sie noch aufgelöster. Runa stellte sich kurz vor und erklärte, dass sie bei der Suche helfen wollten.
„Wie heißt er?“
„Milo.“ Die Frau wischte sich über die Augen. „Er ist sieben. Braune Haare, dunkle Ohren und einen hellen Fleck an der linken Wange.“
„Gibt es Orte, an die er gerne geht?“, fragte Runa.
Die Mutter nannte mehrere: den Brunnen am kleinen Markt, eine Bäckerei, bei der er manchmal etwas bekam, und den Platz vor dem südlichen Stadttor, weil dort oft Händler ankamen.
Überall war bereits jemand gewesen.
Ren hörte zu.
„War er heute irgendwie anders als sonst?“
Die Frau sah ihn an.
„Nein. Eigentlich nicht.“
Dann zögerte sie.
„Wir hatten heute Morgen kurz Streit.“
„Worüber?“
„Nichts Wichtiges. Er wollte unbedingt noch auf dem Markt bleiben. Ich habe ihm gesagt, dass wir danach nach Hause gehen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber deshalb läuft er doch nicht einfach weg.“
Vielleicht nicht.
Ren dachte an sich selbst als Kind. An Orte, an die man ging, wenn man gerade niemanden sehen wollte.
„Wenn er wütend oder traurig ist – wo geht er dann hin?“
Die Mutter wurde still.
Diesmal musste sie länger überlegen.
„Früher ist er manchmal hinter das alte Lagerhaus beim Osttor gegangen.“ Sie zeigte in die entsprechende Richtung. „Dort stehen kaum noch Wagen. Er mochte es, zwischen den alten Kisten zu spielen.“
Runa sah Ren an.
Keiner musste etwas sagen.
Sie gingen los.
Das Lagerhaus lag etwas abseits der belebteren Straßen. Je näher sie kamen, desto ruhiger wurde die Umgebung. An der Rückseite des Gebäudes stapelten sich tatsächlich alte Holzkisten, Bretter und zwei beschädigte Karrenräder.
„Milo?“, rief Runa.
Keine Antwort.
Sie gingen weiter zwischen den Stapeln hindurch. Ren betrachtete den Boden. Ein Teil der Erde war weich genug, dass man darin Spuren erkennen konnte. Viele waren alt oder zu undeutlich, um etwas damit anzufangen.
Dann fiel ihm zwischen zwei Kisten etwas auf.
Zwei kleine Vertiefungen.
„Runa.“
Sie kam zu ihm.
Ren deutete auf den Boden. „Die sind kleiner als die anderen.“
Runa ging in die Hocke und betrachtete die Abdrücke.
„Und ziemlich frisch.“
Die Spuren führten hinter einen Stapel alter Bretter und endeten dort.
Runa rief erneut nach Milo.
Für einen Moment blieb alles still.
Dann hörte Ren etwas.
Sehr leise.
Nicht weit entfernt.
Ein Schniefen.
Er sah zu Runa. Sie hatte es ebenfalls gehört.
Gemeinsam gingen sie um den Bretterstapel herum. Dahinter befand sich ein schmaler Zwischenraum zwischen dem Lagerhaus und mehreren übereinandergestellten Kisten.
Ganz hinten saß ein kleiner Tiermenschenjunge.
Die Knie hatte er an den Körper gezogen, der Schwanz lag eng um eines seiner Beine. Auf seiner linken Wange befand sich tatsächlich ein heller Fleck.
Runa blieb ein paar Schritte entfernt stehen.
„Milo?“
Der Junge hob langsam den Kopf. Seine Augen waren rot vom Weinen.
„Deine Mutter sucht dich.“
Sofort senkte er den Blick wieder.
„Ich wollte nicht so lange weg sein.“
Ren und Runa wechselten einen kurzen Blick.
Runa ging nicht näher.
„Was ist passiert?“
Milo zögerte.
„Ich war sauer.“
„Auf deine Mutter?“
Er nickte.
„Dann bin ich hierhergegangen.“ Seine Ohren sanken noch etwas tiefer. „Und dann hab ich mich nicht mehr zurückgetraut.“
Ren konnte sich ungefähr vorstellen, wie das passiert war.
Erst weglaufen.
Dann merken, dass man etwas Dummes gemacht hatte.
Und mit jeder Minute wurde es schwerer, einfach wieder aufzutauchen.
„Ich glaube“, sagte Ren, „deine Mutter ist gerade deutlich mehr froh darüber, dich wiederzusehen, als dass sie sauer auf dich sein könnte.“
Milo sah vorsichtig zu ihm.
„Wirklich?“
„Wenn du gesehen hättest, wie viele Leute gerade deinen Namen durch Fendell rufen, würdest du wahrscheinlich nicht fragen.“
Runa lächelte leicht.
„Komm. Wir bringen dich zurück.“
Diesmal stand der Junge auf.
Auf dem Weg sagte Milo kaum etwas. Je näher sie dem Markt kamen, desto unruhiger wurde er.
Doch sobald seine Mutter ihn entdeckte, spielte das keine Rolle mehr.
Sie lief direkt auf ihn zu.
Milo schaffte gerade noch ein leises „Mama“, bevor sie ihn in die Arme zog.
Ren blieb mit Runa ein paar Schritte entfernt stehen.
Die Frau sagte zunächst überhaupt nichts. Sie hielt ihren Sohn einfach fest.
Erst nach einer Weile löste sie sich ein wenig von ihm und begann gleichzeitig mit ihm zu schimpfen und ihn erneut an sich zu drücken.
Ren musste grinsen.
„Ich glaube, du hattest recht“, murmelte Runa.
„Womit?“
„Dass sie gerade mehr froh als wütend ist.“
„Gib ihr fünf Minuten.“
Runa lachte leise.
Schließlich kam die Mutter mit Milo zu ihnen. Sie bedankte sich mehrmals, bevor sie an einen kleinen Beutel an ihrem Gürtel griff.
„Bitte. Wenigstens etwas für eure Mühe.“
Runa schüttelte sofort den Kopf.
„Das ist nicht nötig.“
„Aber ihr habt ihn gefunden.“
„Dafür haben wir nicht geholfen.“
Die Frau wollte widersprechen. Runa blieb freundlich, nahm den Beutel aber trotzdem nicht an.
„Behalten Sie es.“
Nach kurzem Zögern sah die Mutter zu Ren.
Offenbar hoffte sie, bei ihm mehr Erfolg zu haben.
Ren blickte auf den kleinen Beutel.
Normalerweise hätte er wahrscheinlich zumindest darüber nachgedacht, wie viel darin war. Geld konnte er schließlich gebrauchen.
Dann sah er zu Milo, der noch immer dicht neben seiner Mutter stand.
Und anschließend zu Runa.
„Sie hat recht.“
Die Frau bedankte sich noch einmal, bevor sie schließlich mit ihrem Sohn ging.
Ren sah ihnen eine Weile nach.
Runa hatte nicht gefragt, ob es eine Belohnung gab. Sie hatte nicht einmal gezögert, als sie hörte, dass bereits andere nach dem Jungen suchten.
Sie hatte geholfen, weil Hilfe gebraucht wurde.
Und die angebotenen Münzen danach genauso selbstverständlich abgelehnt.
Ren merkte, dass ihm genau das länger im Kopf blieb, als er erwartet hatte.
„Was?“
Er sah zu Runa.
Offenbar hatte sie bemerkt, dass er noch immer zu ihr hinübersah.
„Nichts.“
Sie musterte ihn kurz, ließ es aber dabei.
Gemeinsam gingen sie weiter durch Fendell.
Zum ersten Mal an diesem Tag dachte Ren dabei nicht mehr an die kleine Flamme in seiner Hand.
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