WORLDDIVIDE - Jenseits der Grenze · Kapitel 8

Diesmal anders

Als Ren am nächsten Morgen die Treppe zur Gildenhalle hinunterging, bemerkte er Runa sofort. Sie stand einige Meter vom Tresen entfernt und unterhielt sich mit einem Mann, den er ebenfalls schon kannte. Dem Bauern vom Knollenwühler-Auftrag.

High Fantasy, IsekaiVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-10-314.210 Wörterca. 17 Min.

Als Ren am nächsten Morgen die Treppe zur Gildenhalle hinunterging, bemerkte er Runa sofort. Sie stand einige Meter vom Tresen entfernt und unterhielt sich mit einem Mann, den er ebenfalls schon kannte. Dem Bauern vom Knollenwühler-Auftrag.

Als Ren am nächsten Morgen die Treppe zur Gildenhalle hinunterging, bemerkte er Runa sofort. Sie stand einige Meter vom Tresen entfernt und unterhielt sich mit einem Mann, den er ebenfalls schon kannte.

Dem Bauern vom Knollenwühler-Auftrag.

Ren verlangsamte seine Schritte. Der Mann wirkte deutlich weniger aufgebracht als bei ihrer ersten Begegnung, zufrieden sah er allerdings auch nicht aus. Während er sprach, deutete er immer wieder in Richtung des Ausgangs. Runa hörte aufmerksam zu, bis ihr Blick durch die Halle wanderte und an Ren hängen blieb.

„Da bist du ja.“

Der Bauer drehte sich ebenfalls um. „Ach, perfekt. Ihr kennt euch ja.“

Ren trat zu ihnen. „Ich bekomme langsam das Gefühl, dass das nichts Gutes bedeutet.“

„Kommt darauf an“, sagte Runa.

Der Bauer schnaubte leise. „Für mich eher nicht.“

Ren sah zwischen den beiden hin und her. „Was ist passiert?“

Der Mann verschränkte die Arme. „Gestern Nachmittag sollte einer meiner Leute einen Karren mit Waren zu einem Hof westlich von hier bringen. Kein weiter Weg. Normalerweise ist er noch vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück.“

„Diesmal nicht?“

„Er schon.“

Ren wartete.

Der Bauer verzog das Gesicht. „Der Karren nicht.“

Das klang bereits interessanter.

„Wie schafft man es, ohne seinen eigenen Karren zurückzukommen?“

„Indem einem unterwegs ein Dorneneber begegnet.“

Ren schwieg einen Moment.

Runa bemerkte seine Reaktion sofort. „Du kennst die ja schon.“

„Leider war meine erste Begegnung mit einem nicht besonders schön.“

Der Bauer sah ihn fragend an. „Du hast schon gegen einen gekämpft?“

„Ja. Und sagen wir einfach, dass es knapper war, als mir lieb gewesen wäre.“

Dass dabei ein paar Beeren eine entscheidende Rolle gespielt hatten, musste Ren nicht unbedingt erwähnen.

„Dann weißt du wenigstens, warum mein Mann den Karren stehen gelassen hat.“

Ren konnte es ihm nicht verdenken. „Ist er verletzt?“

„Nein. Zum Glück nicht. Das Vieh kam aus dem Wald, als er gerade eine Pause gemacht hatte. Er hat noch versucht, die Tiere vor dem Karren loszumachen, und ist dann abgehauen, bevor der Dorneneber sich für ihn interessiert hat.“

„Und die Zugtiere?“

„Hat er mitgebracht.“

Immerhin.

Der Bauer atmete hörbar aus. „Der Karren steht aber noch dort. Mit einem guten Teil meiner Ware.“

„Und der Dorneneber wahrscheinlich auch.“

„Davon gehe ich aus.“

Ren sah zu Runa.

Sie wirkte erstaunlich zufrieden für jemanden, dem gerade erklärt worden war, dass irgendwo ein aggressives Monster einen fremden Karren bewachte.

Das gefiel ihm nicht.

„Warum guckst du so?“

„Wie?“

„Als wäre das gerade eine gute Nachricht.“

„Für den Bauern sicher nicht.“

Der Mann nickte zustimmend.

Runa sah wieder zu Ren. „Für dich vielleicht schon.“

Er wusste sofort, worauf sie hinauswollte.

„Nein.“

Runa musste lächeln. „Ich habe noch gar nichts gesagt.“

„Du musstest nicht.“

„Du wolltest deine Magie doch außerhalb des Trainings ausprobieren.“

„Bei einem Dorneneber?“

„Du hast schon einen besiegt.“

Ren sah sie an. „Du weißt auch, wie.“

„Diesmal bin ich dabei.“

Das war zumindest ein deutlicher Unterschied.

Der Bauer blickte abwechselnd zu ihnen. „Soll ich fragen?“

„Besser nicht“, sagte Ren.

Runa ignorierte ihn. „Der Auftrag wäre ziemlich passend. Wir wissen ungefähr, wo das Monster ist, und du kennst Dorneneber bereits.“

„Das klingt bei dir gerade deutlich harmloser, als ich sie in Erinnerung habe.“

„Dann bist du wenigstens vorsichtig.“

Ren musste zugeben, dass sie damit recht hatte. Außerdem hatte er die letzten Tage nicht nur Magie geübt. Er war häufiger allein draußen gewesen, hatte kleinere Monster erledigt und sich langsam an sein Kurzschwert gewöhnt.

Und genau dafür hatte er trainiert.

Nicht, um immer wieder dieselbe kleine Flamme über seiner Hand schweben zu lassen, sondern um irgendwann tatsächlich etwas damit anfangen zu können.

„Also gut.“

Der Bauer richtete sich sofort etwas auf. „Ihr macht es?“

Runa nickte. „Wir holen den Karren zurück.“

„Und wenn der Dorneneber noch dort ist?“

Sie sah zu Ren. „Dann kann Ren endlich ausprobieren, was er die ganze Woche gelernt hat.“

Ren verschränkte die Arme. „Du freust dich gerade ein bisschen zu sehr darauf.“

„Ich will nur sehen, ob das Training etwas gebracht hat.“

„Und du hilfst.“

„Natürlich.“

Damit war die Sache für Ren eigentlich geklärt.

Der Bauer wirkte ebenfalls erleichtert. „Dann bin ich beruhigt. Beim letzten Mal habt ihr das schließlich auch ordentlich hinbekommen.“

Er erklärte ihnen noch, dass er seinen Mann später mit den Zugtieren zurückschicken würde, sobald die Strecke wieder sicher war. Ihnen reichte es also, den Dorneneber loszuwerden und dafür zu sorgen, dass der Karren bis dahin noch zu gebrauchen war.

Anschließend beschrieb er ihnen die Stelle, an der sein Mann ihn zurückgelassen hatte. Der Weg führte westlich aus Fendell heraus und verlief ein Stück am Waldrand entlang, bevor er sich später wieder davon entfernte.

„Ihr könnt die Stelle eigentlich nicht verfehlen. Ein paar alte Mauern liegen nicht weit davon entfernt.“

Runa wurde sofort aufmerksamer.

„Die Ruine?“

„Genau die.“

Ren sah zu ihr.

Der Name sagte ihm etwas. In der Gilde hatte er inzwischen oft genug gehört, dass Anfänger dort gegen Grimlinge kämpften. Selbst dort gewesen war er allerdings noch nie.

Runa fragte nicht weiter.

Der Bauer erklärte ihnen noch eine Weggabelung und verabschiedete sich anschließend mit der Bitte, wenigstens den Karren zurückzubringen, falls von der Ware nichts mehr übrig war.

Kaum war er außer Hörweite, sah Ren zu Runa.

„Du klangst gerade ziemlich begeistert, als er die Ruine erwähnt hat.“

„Hab ich das?“

„Ein bisschen.“

Runa griff nach ihrer Ausrüstung. „Dann hast du dir das bestimmt eingebildet.“

Ren glaubte ihr kein Wort.

Diesmal ließ er es aber dabei.

Wenig später verließen sie gemeinsam die Gilde. Der westliche Weg führte sie aus Fendell hinaus und schon bald zwischen Feldern und kleineren Waldstücken hindurch. Ren kannte die Umgebung inzwischen besser als noch vor einer Woche, doch so weit in diese Richtung war er bisher nicht gekommen.

Der Bauer hatte recht behalten. Der Weg war nicht schwer zu verfolgen, und selbst dort, wo er schmaler wurde, zeichneten sich die Spuren von Karrenrädern deutlich im Boden ab.

Runa ging neben ihm und hielt immer wieder Ausschau nach Hinweisen auf den zurückgelassenen Wagen.

„Wenn sein Mann den Karren wirklich direkt am Weg stehen gelassen hat, sollten wir ihn bald sehen.“

Ren nickte. „Solange der Dorneneber ihn nicht inzwischen selbst irgendwo hingezogen hat.“

„Das würde ich gerne sehen.“

„Ich nicht.“

Runa lächelte leicht.

Noch einige Minuten geschah nichts Besonderes. Dann öffnete sich zwischen den Bäumen auf ihrer linken Seite der Blick auf eine niedrige Anhöhe.

Dort standen alte Mauern.

Nicht besonders hoch und an mehreren Stellen bereits eingestürzt. Zwischen den verwitterten Steinen wuchsen Büsche und kleinere Bäume, als hätte sich der Wald Stück für Stück einen Teil der Anlage zurückgeholt.

Ren wurde langsamer.

Er hatte genug darüber gehört, um zu wissen, was er vor sich sah.

„Das ist also die Ruine.“

Runa antwortete erst nach einem Moment. „Ja.“

Ren sah zu ihr.

Ihr Blick lag noch immer auf den alten Mauern. Für jemanden, der die Ruine bereits kannte, schien sie sich erstaunlich genau dafür zu interessieren.

Er erinnerte sich an ihre Reaktion in der Gilde, als der Bauer den Ort erwähnt hatte.

Und an etwas anderes.

Ich suche nach etwas.

Ren wollte gerade fragen, ob genau das damit zusammenhing, als aus dem Wald vor ihnen ein dumpfes Krachen zu hören war.

Beide wandten gleichzeitig den Kopf.

Kurz darauf folgte ein weiteres Geräusch.

Holz knarrte.

Dann raschelte etwas zwischen den Bäumen.

Runa blickte nach vorne. „Das kam ziemlich nah.“

Ren legte die Hand an den Griff seines Kurzschwerts.

Die Ruine war für den Moment vergessen.

„Komm. Da ist er.“

Sie folgten dem Weg weiter und wurden nach wenigen Schritten langsamer.

Der Karren stand etwas schräg am Straßenrand. Eines der Räder war halb in den weichen Boden gerutscht, mehrere Säcke lagen verstreut daneben. Einer davon war aufgerissen worden, sein Inhalt hatte sich über die Erde verteilt.

Und genau dort stand der Dorneneber.

Sein Kopf steckte halb in einem weiteren Sack.

Als Ren das Tier sah, war sein erster Gedanke tatsächlich, dass er diesmal wenigstens wusste, womit er es zu tun hatte.

Dann hob der Dorneneber den Kopf.

Ren blieb stehen.

Das Tier war deutlich größer als das, gegen das er bei seinem ersten Auftrag gekämpft hatte. Die dunklen Dornen auf seinem Rücken wirkten länger und dichter, die Hauer ragten weit seitlich aus seinem Maul.

„Mist.“

Runa sah zu ihm.

Ren ließ den Blick nicht von dem Tier. „Der ist größer als der letzte.“

Der Dorneneber schnaubte. Ein Teil des Futters fiel aus seinem Maul.

Dann bemerkte er die beiden endgültig.

Sein Kopf senkte sich, die Vorderhufe scharrten über den Boden. Offenbar gefiel ihm überhaupt nicht, dass jemand seine Mahlzeit störte.

Runa stellte sich neben Ren.

„Dann wird es wenigstens ein vernünftiger Test.“

Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „Du hast eine interessante Vorstellung von Training.“

„Ich bin ja da.“

Das war der entscheidende Unterschied.

Ren zog sein Kurzschwert.

Diesmal hatte er keine Beeren dabei, auf die er sich verlassen konnte.

Aber dafür etwas anderes.

Er hob langsam die freie Hand.

Der Dorneneber scharrte weiter über den Boden. Ren versuchte, sich nicht von seiner Größe ablenken zu lassen. Beim letzten Mal hatte er kaum gewusst, wie schnell so ein Tier überhaupt werden konnte.

Diesmal wusste er es.

Und genau deshalb hatte er nicht vor, sich noch einmal frontal von einem erwischen zu lassen.

Sein Mana fand er inzwischen beinahe sofort. Er leitete einen kleinen Teil davon in die Handfläche und konzentrierte sich auf die Flamme, die er in den letzten Tagen immer wieder geübt hatte.

Sie erschien.

Nicht besonders groß, aber stabil.

Runa trat einige Schritte zurück. „Versuch erstmal, ihn von dem Karren wegzubekommen.“

Ren nickte.

Das klang sinnvoller, als direkt zwischen Säcken, Holz und einem halb eingesunkenen Rad zu kämpfen.

Er bewegte sich seitlich vom Karren weg. Der Dorneneber folgte ihm mit dem Kopf und drehte schließlich den ganzen Körper in seine Richtung.

Ren hob die Hand etwas höher und ließ die Flamme aufflackern.

Das Tier schnaubte.

Offenbar beeindruckte ihn das nicht besonders.

„Na komm.“

Der Dorneneber senkte den Kopf.

Ren spannte sich an.

Im nächsten Moment setzte sich das Tier in Bewegung.

Verdammt schnell.

Er sprang zur Seite. Der Dorneneber rauschte an ihm vorbei, und einer der Hauer verfehlte sein Bein nur knapp.

Diesmal blieb Ren auf den Füßen.

Allein das fühlte sich bereits wie ein Fortschritt an.

Er drehte sich sofort um.

Der Dorneneber ebenfalls.

„Okay“, murmelte Ren. „Immer noch schnell.“

Das Tier setzte erneut zum Angriff an.

Ren wartete diesmal etwas länger. Erst als der Abstand gefährlich klein wurde, hob er die freie Hand.

Er konnte das Feuer noch immer nicht wie Runa durch die Luft schleudern. Dafür fehlten ihm Erfahrung und Kontrolle.

Aber er konnte die Flamme für einen Moment größer werden lassen.

Als der Dorneneber fast bei ihm war, ließ Ren das Feuer direkt vor dessen Gesicht aufflackern.

Das Tier zuckte zurück.

Nur für einen Augenblick.

Mehr brauchte Ren nicht.

Er wich seitlich aus und zog das Kurzschwert über die Flanke des Dorneneber.

Der Treffer war nicht tief.

Aber er saß.

Ren brachte sofort wieder Abstand zwischen sich und das Tier.

Runa stand noch immer dort, wo sie vorher gewesen war. Sie beobachtete aufmerksam, griff aber nicht ein.

Das bedeutete vermutlich, dass er sich bisher nicht völlig dämlich anstellte.

Der Dorneneber schüttelte sich und wandte sich wieder ihm zu.

Jetzt war er endgültig wütend.

„Das war wohl nicht genug.“

„Du hast auch nicht erwartet, dass eine kleine Flamme ihn besiegt“, sagte Runa.

„Nein. Aber hoffen darf man.“

Beim nächsten Angriff wich Ren später aus und versuchte, die Bewegung des Tieres gegen es zu nutzen. Seine Klinge traf diesmal allerdings nur die harten Dornen auf dessen Rücken.

Keine gute Idee.

Der Dorneneber drehte schneller, als Ren erwartet hatte. Er sah den Hauer kommen und sprang zurück. Die Spitze erwischte nur seine Kleidung und riss den Stoff an der Seite auf, doch Ren stolperte zwei Schritte und verlor für einen Moment den festen Stand.

Das Tier setzte sofort nach.

Diesmal hob Runa die Hand.

Der Boden vor dem Dorneneber brach auf. Kein großes Loch, nur eine unebene Kante, die vorher nicht da gewesen war.

Ein Vorderlauf traf genau darauf.

Der Dorneneber verlor das Gleichgewicht und brach seitlich aus.

Ren reagierte, bevor er überhaupt darüber nachdenken musste.

Er lief los.

Noch während das Tier versuchte, wieder festen Stand zu finden, kam er von der Seite und traf diesmal deutlich sauberer.

Der Dorneneber stieß einen wütenden Laut aus und sprang zurück.

Ren zog sich ebenfalls sofort zurück.

Runa trat nun neben ihn.

„Genug getestet.“

Ren atmete schneller als zuvor. „Das wollte ich gerade vorschlagen.“

„Natürlich.“

Diesmal musste er grinsen.

Der Dorneneber richtete sich wieder auf sie aus. Seine Aufmerksamkeit wechselte zwischen beiden hin und her.

Runa ging einige Schritte nach links.

Ren nach rechts.

Keiner von ihnen musste erklären, was er vorhatte.

Sie hatten in den vergangenen Tagen oft genug gemeinsam gegen kleinere Monster gekämpft, um inzwischen zu wissen, dass es deutlich schwieriger war, zwei Gegner gleichzeitig im Auge zu behalten.

Der Dorneneber entschied sich für Ren.

Wieder senkte sich sein Kopf.

„Er kommt.“

„Ich sehe es.“

Das Tier stürmte los.

Ren blieb stehen.

Runa ebenfalls.

Erst kurz bevor der Dorneneber ihn erreichte, bewegte sich der Boden unter einem seiner Vorderläufe. Das Tier verlor für einen Moment seinen Rhythmus.

Ren wich seitlich aus und ließ gleichzeitig Feuer in seiner freien Hand aufleuchten.

Der Dorneneber zuckte in die andere Richtung.

Genau dorthin, wo Runa ihn haben wollte.

Eine niedrige Erhebung aus Erde schob sich vor seinem Lauf nach oben. Das Tier stolperte erneut.

Ren sah die Öffnung.

Er brauchte keinen Zuruf.

Das Kurzschwert traf die ungeschützte Seite.

Der Dorneneber riss sich herum, doch Ren war bereits wieder außer Reichweite.

Kaum hatte er Abstand gewonnen, schoss ein kurzer Feuerstoß von Runa über den Boden – nicht direkt auf das Tier, sondern vor seine Vorderläufe.

Der Dorneneber wich instinktiv aus.

Wieder in Rens Richtung.

Er verstand sofort.

Runa lenkte ihn.

Ren musste nur bereit sein.

Von da an änderte sich der Kampf.

Keine hektischen Rufe. Keine langen Erklärungen.

Runa zwang das Tier aus seiner Richtung, Ren nutzte die Öffnung. Ren lockte es in einen Angriff, Runa störte seinen Lauf. Wenn Ren seine kleine Flamme aufflackern ließ, wusste Runa inzwischen, was er damit erreichen wollte. Wenn sie nur einen Schritt anders stand, begann er zu erkennen, dass sie etwas vorbereitete.

Sie waren noch lange kein jahrelang eingespieltes Team.

Aber sie mussten nicht mehr jedes Mal bei null anfangen.

Mit jedem Wechsel wurde der Dorneneber langsamer. Seine Angriffe blieben gefährlich, doch die anfängliche Explosivität ließ nach.

Runa bemerkte es ebenfalls.

Sie verlagerte ihr Gewicht.

Nur eine kleine Bewegung.

Ren reichte sie inzwischen.

Der Dorneneber senkte erneut den Kopf.

Ren blieb stehen.

„Komm schon.“

Das Tier stürmte los.

Der Abstand schrumpfte.

Noch einige Schritte.

Dann hob sich der Boden unter dem Dorneneber stärker als zuvor. Sein Vorderkörper wurde seitlich aus der Bahn geworfen.

Ren wich aus.

Das Tier rutschte mehrere Schritte über die Erde.

Ren war bereits unterwegs.

Er nahm das Kurzschwert mit beiden Händen und stieß nach vorne.

Der Treffer saß.

Der Dorneneber zuckte heftig, versuchte sich noch einmal aufzurichten und sank schließlich zurück auf den Boden.

Ren blieb stehen.

Das Schwert hielt er weiter bereit.

Einige Sekunden geschah nichts.

Dann noch ein paar.

Erst danach senkte er langsam die Waffe.

„Okay.“

Sein Atem ging schwerer, aber er musste grinsen.

„Das lief deutlich besser als beim letzten Mal.“

Runa kam zu ihm. „Diesmal hattest du auch keine Beeren.“

Ren sah sie an. „Die Geschichte wirst du mir ewig vorhalten, oder?“

„Wahrscheinlich.“

Er lachte leise.

Dann hob er, ohne groß darüber nachzudenken, die Hand.

Runa blieb stehen.

Ihr Blick wanderte von seiner Hand zu seinem Gesicht.

„Was machst du da?“

Ren brauchte einen Moment, bis ihm auffiel, dass sie die Geste natürlich nicht kennen konnte.

„Du schlägst dagegen.“

„Warum?“

„Weil wir es geschafft haben.“

Runa sah noch einmal auf seine erhobene Hand. „Und dann?“

„Dann haben wir uns gefreut.“

„Das tun wir doch auch so.“

Ren musste lachen. „Probier es einfach.“

Sie wirkte noch immer nicht ganz überzeugt, hob schließlich aber ebenfalls die Hand.

Ihre Handflächen trafen sich mit einem kurzen Klatschen.

Runa betrachtete danach ihre eigene Hand.

„Das war’s?“

„Ja.“

„Seltsame Angewohnheit.“

Ren steckte das Kurzschwert zurück in die Scheide. „Gewöhn dich dran.“

Diesmal grinste Runa ebenfalls.

Hinter ihnen stand der Karren noch immer schief am Straßenrand. Mehrere Säcke waren aufgerissen, ein Teil der Waren lag überall verteilt.

Ren sah sich das Chaos an.

„Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, was davon überhaupt noch zu retten ist.“

Runa folgte seinem Blick. „Und den Karren wieder vom Straßenrand bekommen.“

Ren betrachtete das halb eingesunkene Rad.

Sein Grinsen verschwand langsam.

„Natürlich.“

„Was?“

„Ich hatte kurz gehofft, dass der Dorneneber der anstrengende Teil war.“

Runa ging um den Karren herum und betrachtete das Rad genauer. Der Boden darunter war weich geworden und hatte unter dem Gewicht deutlich nachgegeben.

„Bis nach Fendell müssen wir ihn zum Glück nicht bringen.“

„Das wäre auch meine Grenze gewesen.“

Wie vereinbart, würde der Bauer seinen Mann später mit den Zugtieren zurückschicken. Bis dahin musste der Karren lediglich wieder ordentlich auf dem Weg stehen.

Runa ging neben dem eingesunkenen Rad in die Hocke.

„Wenn ich den Boden darunter anhebe und befestige, solltest du ihn wieder herausbekommen.“

Ren sah erst sie an, dann den Karren. „Sollte ich.“

„Du kannst natürlich auch die Erdmagie übernehmen.“

„Ich schiebe.“

Runa lächelte und legte eine Hand auf den Boden.

Ren stellte sich an die Rückseite des Karrens und stemmte beide Hände gegen das Holz.

„Sag einfach Bescheid.“

Unter dem Rad begann sich die Erde langsam zu bewegen. Diesmal beobachtete Ren nicht mehr fasziniert jede Veränderung. Nach einer Woche Training und mehreren gemeinsamen Aufträgen hatte er sich zumindest so weit an Magie gewöhnt, dass nicht mehr jeder kleine Zauber seine gesamte Aufmerksamkeit bekam.

Der Boden hob sich und wurde fester.

„Jetzt.“

Ren drückte.

Zunächst bewegte sich der Karren kaum. Er setzte mehr Kraft ein. Das Holz knarrte, das Rad drehte sich ein Stück und drohte beinahe wieder zurückzurutschen.

Runa verstärkte den Boden darunter.

Beim nächsten Versuch kam Bewegung hinein.

Das Rad schob sich aus der Vertiefung und rollte zurück auf den festen Teil des Weges. Ren hielt noch kurz dagegen, bis der Karren sicher stand, dann richtete er sich auf.

„Das war überraschend schwer.“

„Er ist voll beladen.“

Ren sah auf die aufgerissenen Säcke ringsum. „War.“

Ein beträchtlicher Teil der Ware hatte die Begegnung mit dem Dorneneber nicht besonders gut überstanden.

Gemeinsam sammelten sie ein, was noch brauchbar war. Einige Säcke konnten sie wieder auf den Karren legen, andere waren so stark aufgerissen, dass kaum noch etwas darin geblieben war.

Ren hob einen der beschädigten Säcke an und betrachtete den langen Riss in der Seite.

„Ich glaube, der Bauer wird trotzdem nicht besonders glücklich sein.“

Runa legte einen weiteren Sack auf die Ladefläche. „Glücklicher, als wenn der Dorneneber den Rest auch noch gefressen hätte.“

Damit hatte sie vermutlich recht.

Nachdem sie die letzten verstreuten Waren zusammengesucht hatten, kontrollierte Runa noch einmal den Boden unter dem Rad. Der Karren stand stabil genug, dass er dort bleiben konnte, bis der Fahrer zurückkam.

Mehr konnten sie im Moment nicht tun.

Ren zog den letzten Sack etwas weiter auf die Ladefläche und klopfte sich den Staub von den Händen.

„Dann würde ich sagen, diesmal haben wir wirklich alles erledigt.“

Sein Blick fiel auf Runa.

Für einen Augenblick musste er an die Geste von eben denken.

Runa bemerkte offenbar sofort, wohin er sah.

„Nein.“

Ren musste lachen. „Ich hab gar nichts gemacht.“

„Noch nicht.“

„Du gewöhnst dich schneller daran, als du zugibst.“

„Wir haben das vor fünf Minuten genau einmal gemacht.“

„Irgendwo muss eine Tradition anfangen.“

Runa schüttelte den Kopf, konnte das Lächeln aber nicht ganz verbergen.

Gemeinsam machten sie sich schließlich auf den Rückweg nach Fendell.

Als sie wieder an der Stelle vorbeikamen, an der sich der Wald etwas öffnete, waren die alten Mauern der Ruine erneut zwischen den Bäumen zu sehen.

Ren bemerkte sie sofort.

Und Runa ebenfalls.

Ihre Schritte wurden langsamer.

Nicht viel.

Aber genug.

Sie sah wieder hinüber zu den teilweise eingestürzten Mauern, genauso wie auf dem Hinweg.

Diesmal gab es keinen Dorneneber, der Ren davon abhielt, etwas dazu zu sagen.

Er ging noch einige Schritte weiter und wartete, bis Runa wieder neben ihm war.

„Also …“

Sie sah zu ihm.

Ren deutete mit dem Kopf in Richtung der Ruine. „Was ist eigentlich mit der?“

Runa folgte seinem Blick. Diesmal versuchte sie nicht, so zu tun, als hätte sie sich nur zufällig dafür interessiert.

„Ich bin wegen ihr nach Fendell gekommen.“

Ren sah wieder zu ihr.

Damit hatte er nicht gerechnet.

„Wegen der Ruine?“

„Unter anderem.“

Sie gingen langsam weiter, doch Runas Aufmerksamkeit blieb noch einen Moment bei den alten Mauern.

„Ich verfolge seit einiger Zeit eine Spur. Sie führt zu mehreren Orten, und diese Ruine ist der erste davon, der auf meinem Weg liegt.“

Ren erinnerte sich an ihr Gespräch in der Gilde.

Ich suche nach etwas.

Jetzt ergab zumindest ein Teil davon Sinn.

„Und was genau suchst du dort?“

„Wenn ich das wüsste, wäre die Sache deutlich einfacher.“

Runa griff in ihre Tasche und holte ein zusammengefaltetes Blatt hervor. Als sie es öffnete, erkannte Ren darauf eine grobe Skizze.

Eine Art Grundriss.

„Die habe ich nach einer alten Karte in der Bibliothek angefertigt.“

Sie hielt das Blatt so, dass er es ebenfalls sehen konnte.

„Das soll die Ruine sein.“

Ren betrachtete die Linien. Viel konnte er damit zunächst nicht anfangen.

„Und was stimmt damit nicht?“

Runa deutete auf einen Abschnitt der Skizze.

„Die Anlage auf der alten Karte ist größer.“

Ren sah zur tatsächlichen Ruine hinüber. Von hier aus waren nur einige niedrige Mauern, eingestürzte Bereiche und Teile eines alten Gebäudes zu erkennen.

Dann blickte er wieder auf das Papier.

„Deutlich größer.“

„Genau.“

„Vielleicht war die Karte einfach falsch.“

„Vielleicht.“

Runa faltete das Blatt nicht sofort wieder zusammen.

„Das wäre die einfachste Erklärung.“

Ren kannte sie inzwischen gut genug, um zu merken, dass sie selbst nicht vollständig daran glaubte.

„Aber du glaubst nicht daran.“

„Ich weiß es nicht.“

Das klang ehrlich.

„Die Karte ist alt. Ein Teil könnte irgendwann eingestürzt sein. Vielleicht wurde etwas verschüttet oder später abgetragen. Es kann auch sein, dass jemand beim Zeichnen einfach einen Fehler gemacht hat.“

Sie sah wieder zur Ruine.

„Trotzdem würde ich gerne wissen, welche Erklärung stimmt.“

Ren verstand langsam, weshalb sie sich neben ihren gemeinsamen Trainings und Aufträgen immer wieder weiter mit der Sache beschäftigt hatte.

„Deshalb lässt dich das Ding die ganze Zeit nicht los.“

Runa nickte. „Unter anderem.“

„Und hast du noch etwas herausgefunden?“

„Nicht besonders viel.“

Sie erzählte ihm von einem ehemaligen Abenteurer, der früher häufig an der Ruine trainiert hatte. Auch er kannte nur den heute sichtbaren Teil und hatte nie einen weiteren Zugang gesehen.

„Also könnte da tatsächlich nichts sein.“

„Natürlich.“

Runa faltete die Skizze wieder zusammen.

„Ich habe nie behauptet, dass ich recht habe.“

Genau das gefiel Ren an ihrer Erklärung.

Sie versuchte nicht, aus einer Vermutung plötzlich eine Tatsache zu machen.

„Aber du willst trotzdem hin.“

„Ja.“

Diesmal kam die Antwort ohne Zögern.

„Nur anschauen?“

„Erstmal.“

Ren sah zu den alten Mauern.

Nach allem, was er in der Gilde gehört hatte, war die Ruine nichts Besonderes. Anfänger gingen dorthin, um ihre ersten Kämpfe gegen Grimlinge zu bestreiten.

Eigentlich klang das nicht nach einem Ort, vor dem er sich inzwischen ernsthaft fürchten musste.

Runa ging einige Schritte schweigend neben ihm her.

Dann sah sie zu ihm.

„Ich wollte dich sowieso noch etwas fragen.“

Ren ahnte bereits, worauf das hinauslief.

„Du willst da nicht allein hin.“

„Ich könnte.“

„Das war nicht meine Frage.“

Ein leichtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Nein. Ich würde lieber nicht allein gehen.“

Sie sagte es sachlich, aber Ren bemerkte trotzdem, dass ihr die Sache wichtig war.

„Wenn es dir nichts ausmacht, könntest du mitkommen.“

Ren sah wieder zur Ruine.

Noch vor einer Woche hätte er bei so einer Bitte wahrscheinlich zuerst darüber nachgedacht, was jemand von ihm wollte und warum ausgerechnet er dafür herhalten sollte.

Diese Frage kam auch jetzt.

Nur hielt sie sich nicht besonders lange.

Runa hatte ihm geholfen, als er kaum etwas über Magie wusste. Sie hatte Stunden damit verbracht, ihm etwas beizubringen, ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen. Bei gemeinsamen Aufträgen hatte er sich auf sie verlassen können, und selbst bei der Suche nach Milo hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht, ob irgendjemand sie dafür bezahlen würde.

Es fühlte sich deshalb nicht an, als würde sie plötzlich etwas von ihm verlangen.

Eher so, als würde sie ihn diesmal um Hilfe bitten.

Das war ein Unterschied.

Ren sah zu ihr.

„Klar.“

Runa wirkte für einen Moment überrascht. „So einfach?“

„Du hast mir in der letzten Woche genug geholfen.“

Er deutete mit dem Kopf zur Ruine.

„Und wenn das wirklich der Ort ist, an dem Anfänger gegen Grimlinge trainieren, sollte ich das inzwischen zumindest überleben.“

Runa musste lachen. „Das wäre hilfreich.“

„Ich gebe mein Bestes.“

Sie ging wieder weiter.

„Dann morgen?“

Ren schloss zu ihr auf. „Warum klingt das so, als hättest du den Zeitpunkt schon längst festgelegt?“

„Weil ich ihn schon längst festgelegt hatte.“

„Und wenn ich Nein gesagt hätte?“

Runa sah zu ihm.

„Dann wäre ich ohne dich gegangen.“

Ren glaubte ihr sofort.

„Natürlich.“

Diesmal musste er selbst grinsen.

Die Ruine verschwand langsam wieder hinter den Bäumen, während sie ihren Weg nach Fendell fortsetzten.

Morgen würde Ren sie zum ersten Mal aus der Nähe sehen.

Und diesmal ging es nicht um seinen Auftrag.

Sondern um Runas.

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