WORLDDIVIDE - Jenseits der Grenze · Kapitel 3

Auf eigenen Beinen

Das Erste, was Ren wahrnahm, war die ungewohnte Härte unter seinem Rücken. Noch halb im Schlaf drehte er sich zur Seite und zog die Decke ein Stück höher. Irgendetwas fühlte sich falsch an. Das Bett war zu schmal, die Matratze härter als ge

High Fantasy, IsekaiVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-10-124.138 Wörterca. 17 Min.

Das Erste, was Ren wahrnahm, war die ungewohnte Härte unter seinem Rücken. Noch halb im Schlaf drehte er sich zur Seite und zog die Decke ein Stück höher. Irgendetwas fühlte sich falsch an. Das Bett war zu schmal, die Matratze härter als ge

Das Erste, was Ren wahrnahm, war die ungewohnte Härte unter seinem Rücken. Noch halb im Schlaf drehte er sich zur Seite und zog die Decke ein Stück höher. Irgendetwas fühlte sich falsch an. Das Bett war zu schmal, die Matratze härter als gewohnt und auch das Zimmer roch anders.

Für einen kurzen Moment versuchte sein verschlafener Kopf, all das irgendwie einzuordnen.

Dann öffnete er die Augen.

Eine einfache Holzwand.

Ren blinzelte.

„...Ach ja."

Mit einem leisen Seufzen ließ er den Kopf zurück auf das Kissen sinken.

Fendell. Die Gilde. Der Wald. Der Waldhüpfer.

Die Erinnerungen an den gestrigen Tag kamen nach und nach zurück. Sein Blick wanderte zum kleinen Tisch neben dem Bett. Dort lag die Gildenkarte.

Ren Arden

Darunter stand noch immer sein Rang.

Anfänger

Also doch kein Traum.

Ein Teil von ihm hatte offenbar gehofft, heute Morgen wieder in seinem eigenen Bett aufzuwachen und über den seltsamsten Traum seines Lebens lachen zu können.

Stattdessen war er immer noch hier.

In Fendell.

In einer anderen Welt.

Ren setzte sich langsam auf und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht.

„Das ist doch völlig verrückt..."

Dabei fiel sein Blick auf den Spiegel.

Gestern Abend hatte sein eigenes Spiegelbild ihm beinahe mehr Angst gemacht als der Waldhüpfer. Heute wusste er zumindest, was ihn erwartete.

Trotzdem stand er auf und trat langsam davor.

Das gleiche junge Gesicht wie gestern blickte ihm entgegen.

Ren legte eine Hand an seine Wange und betrachtete sein Spiegelbild genauer.

Keine Einbildung.

Keine Veränderung über Nacht.

Er sah noch immer aus wie eine deutlich jüngere Version seiner selbst. Diesmal erschreckte ihn der Anblick nicht mehr.

Seltsam war er trotzdem.

„Bin das wirklich ich?"

Sein Spiegelbild stellte natürlich dieselbe Frage.

Ren verzog leicht den Mund.

„Und ist das hier wirklich alles real?"

Auch darauf bekam er keine Antwort.

Ein paar Sekunden blieb er noch stehen, dann atmete er tief aus.

Ob er es verstand oder nicht, änderte nichts daran.

Die Gildenkarte war real.

Das Zimmer war real.

Und diese Welt offenbar auch.

Ren blickte noch einmal zu seinem jüngeren Spiegelbild.

„Na gut."

Wenn das hier wirklich seine neue Realität war, konnte er schlecht den ganzen Tag vor einem Spiegel stehen und darauf warten, dass sie wieder verschwand.

Nachdem er sich halbwegs zurechtgemacht hatte, verließ er das Zimmer. Auf dem Flur war es noch ruhig. Erst als er die Treppe hinunterging, wurden die Geräusche aus dem Erdgeschoss deutlicher: Stimmen, Schritte, das Klappern von Geschirr.

Kurz darauf stieg ihm auch der Geruch von warmem Essen in die Nase.

Ren blieb auf der letzten Stufe stehen.

Frühstück.

Das wäre jetzt eigentlich genau das Richtige.

Seine Hand wanderte beinahe automatisch zur Hosentasche.

Leer.

„...Stimmt."

Kein Geld.

Nicht eine einzige Münze.

Für einen Moment sah er zu den Tischen hinüber, an denen bereits die ersten Gäste und Abenteurer saßen. Dann zuckte er leicht mit den Schultern.

So schlimm war es nicht. Gestern Abend hatte er mehr als genug gegessen, und ein paar Stunden würde er wohl auch ohne Frühstück überleben.

Gerade als er sich in Richtung Ausgang wenden wollte, hörte er eine Stimme vom Tresen.

„Guten Morgen, Ren."

Er drehte sich um. Die Mitarbeiterin von gestern stand hinter dem Tresen und sah zu ihm herüber.

„Morgen."

Ihr Blick wanderte kurz in Richtung Ausgang.

„Du willst schon los?"

„Ich wollte mich erstmal ein bisschen in der Stadt umsehen."

„Verstehe."

Sie nickte, hob dann jedoch leicht einen Finger.

„Aber vergiss unsere Abmachung nicht. Das Zimmer ist nicht kostenlos."

Ren verzog leicht den Mund.

„Ich weiß."

„Dann ist gut." Sie deutete mit einem kurzen Blick zur Auftragstafel. „Du solltest dir heute auf jeden Fall noch einen Auftrag suchen."

„Mach ich."

Die Mitarbeiterin nickte zufrieden und widmete sich wieder ihrer Arbeit.

Ren sah ebenfalls zur großen Tafel. Bis zum Abend brauchte er Geld.

Für das Zimmer.

Für etwas zu essen.

Und vermutlich für so ziemlich alles andere auch.

Trotzdem hatte er sich gestern etwas vorgenommen.

Bevor er irgendeinen Auftrag annahm, wollte er endlich herausfinden, wo er hier eigentlich gelandet war. Gestern hatte er Fendell fast nur im Vorbeigehen gesehen. Die drei Abenteurer hatten ihn vom Stadtrand direkt zur Gilde gebracht, und danach war kaum Zeit geblieben, sich wirklich umzusehen.

Heute hatte er diese Zeit.

Zumindest ein bisschen.

„Erst die Stadt", murmelte Ren. „Dann Arbeit."

Damit stand sein Plan.

Als er die Gilde verließ, lag Fendell bereits voller Leben vor ihm. Ohne ein bestimmtes Ziel schlenderte er die Straße entlang und nahm sich diesmal Zeit, seine Umgebung wirklich anzusehen.

Schon nach wenigen Minuten wurde ihm klar, dass Fendell zwar nicht besonders groß war, aber trotzdem alles zu haben schien, was man im Alltag brauchte.

Aus einer Bäckerei drang der Geruch von frischem Brot. Vor mehreren kleinen Läden standen Holzkisten und Fässer, während Händler ihre Waren auslegten. Auf einem offenen Platz hatten sich Marktstände aneinandergereiht, zwischen denen die Menschen ihre Einkäufe erledigten.

Ren verlangsamte seine Schritte.

Bei manchen Lebensmitteln wusste er sofort, was er vor sich hatte. Brot, verschiedene Gemüsesorten und Früchte, die zumindest ungefähr so aussahen wie jene, die er kannte.

Bei anderen war er sich da deutlich weniger sicher.

Eine Händlerin stapelte längliche violette Knollen aufeinander, deren Oberfläche von dünnen weißen Linien durchzogen war. Daneben lagen runde Früchte, die einer Birne ähnelten – wären da nicht die kleinen roten Blätter gewesen, die direkt aus ihrer Schale wuchsen.

Okay... keine Ahnung.

Vielleicht war es besser, vorerst nichts zu essen, bei dem er nicht wusste, welcher Teil davon überhaupt essbar war.

Ein hölzerner Karren rumpelte an ihm vorbei. Zwei Pferde zogen ihn langsam durch die Straße, während der Fahrer den Leuten vor sich zurief, Platz zu machen. Kinder liefen lachend zwischen den Häusern hindurch. Vor einem Gebäude unterhielten sich mehrere Abenteurer, ihre Waffen lässig an Gürtel oder Rücken befestigt.

Je länger Ren durch Fendell lief, desto weniger wirkte die Stadt auf ihn wie irgendeine Kulisse aus einem Film.

Hier lebten Menschen.

Sie arbeiteten, kauften ein, stritten über Preise oder standen einfach am Straßenrand und unterhielten sich.

Und irgendwie machte genau das alles noch realer.

Ein metallisches Hämmern zog schließlich seine Aufmerksamkeit auf sich. Ren folgte dem Geräusch und entdeckte wenig später eine Schmiede.

Durch die offene Vorderseite konnte er einen Mann bei der Arbeit sehen. Jeder Schlag seines Hammers ließ Funken vom glühenden Metall aufspringen.

Interessanter waren allerdings die Waffen, die vor dem Laden ausgestellt waren.

Schwerter.

Dolche.

Äxte.

Einige davon wirkten schlicht und zweckmäßig, andere waren deutlich aufwendiger gearbeitet.

Ren blieb stehen.

Besonders ein Schwert zog seinen Blick an. Die Klinge glänzte sauber im Tageslicht, der Griff war mit dunklem Leder umwickelt und selbst aus ein paar Metern Entfernung wirkte die Verarbeitung hochwertig.

So etwas wäre wahrscheinlich nicht schlecht.

Dann fiel sein Blick auf das kleine Schild daneben.

Er konnte zwar inzwischen lesen, doch die Zahl darauf half ihm nicht besonders weiter. Schließlich besaß er nicht einmal eine einzige Münze und hatte keine Ahnung, was in dieser Welt als teuer galt.

Trotzdem hatte er das deutliche Gefühl, dass dieses Schwert nicht gerade für jemanden gedacht war, der sich sein Zimmer nicht einmal leisten konnte.

„Vielleicht später..."

Er ging weiter.

Trotz all der neuen Eindrücke wirkte Fendell überraschend ruhig. Es gab keine riesigen Gebäude und keine gewaltigen Mauern, hinter denen sich endlose Straßen erstreckten. Nach einer Weile bekam Ren sogar langsam ein Gefühl dafür, wo er sich befand.

Fendell war überschaubar.

Eine kleine, lebendige Stadt, in der Händler ihre Waren verkauften, Reisende Rast machten und Abenteurer ein und aus gingen.

Eigentlich ziemlich friedlich.

Dann sah Ren die Ohren.

Mitten auf der Straße.

Zwei davon.

Oben auf dem Kopf einer jungen Frau.

Sein Schritt wurde langsamer.

Tiermensch.

Gestern hatte er bereits einige gesehen. Da war er den drei Abenteurern allerdings hinterhergelaufen und hatte kaum Gelegenheit gehabt, einen von ihnen genauer anzusehen.

Jetzt schon.

Die Ohren bewegten sich.

Nur ein kleines Zucken.

Aber sie bewegten sich tatsächlich.

Rens Blick wanderte ein Stück nach unten. Hinter der Frau schwang ein buschiger Schwanz leicht von einer Seite zur anderen.

Das ist wirklich echt...

Die junge Frau blieb stehen.

Ren bemerkte es nicht sofort. Erst als sich ihr Kopf langsam in seine Richtung drehte, wurde ihm bewusst, dass er sie wahrscheinlich schon etwas zu lange anstarrte.

Ihre Blicke trafen sich.

Für Ren fühlte es sich plötzlich erstaunlich still an.

Eine ihrer Augenbrauen wanderte nach oben.

„...Ist irgendwas?"

„Was? Nein."

Ren wandte sofort den Blick ab.

„Alles gut."

Die Frau musterte ihn noch einen Moment skeptisch, bevor sie weiterging.

Ren wartete, bis sie einige Schritte entfernt war, und atmete leise aus.

Super.

Zweiter Tag in dieser Stadt und er starrte schon fremde Leute an.

Er setzte seinen Weg fort, diesmal mit dem festen Vorsatz, seine Augen bei sich zu behalten.

Zumindest für die nächsten fünf Minuten.

Die verliefen glücklicherweise ohne weitere peinliche Zwischenfälle.

Ren ließ sich weiter durch die Straßen treiben und versuchte, seine Umgebung diesmal etwas unauffälliger zu beobachten. Je weiter er ging, desto kleiner wurden die Marktstände. Stattdessen reihten sich mehrere Geschäfte aneinander.

Eines davon fiel ihm besonders auf.

Nicht, weil es besonders groß oder beeindruckend gewesen wäre.

Eher wegen des völligen Durcheinanders davor.

Mehrere Holzkisten standen vor einem kleinen Laden. In einigen lagen Werkzeuge, in anderen Stoffe, Seile und allerlei Gegenstände, deren Zweck Ren auf Anhieb nicht einmal erkennen konnte. Durch das offene Fenster waren Regale zu sehen, die ebenfalls bis oben hin mit den unterschiedlichsten Waren gefüllt waren.

Der verkauft wohl wirklich alles Mögliche.

Gerade als Ren daran vorbeigehen wollte, kam ein Mann mit einer weiteren Kiste aus dem Laden.

„So, die noch und dann—"

Eine der bereits abgestellten Kisten kippte zur Seite.

„Oh."

Sie stieß gegen die nächste.

„Nein, nein, nein—!"

Zu spät.

Mit lautem Poltern fielen mehrere Kisten um. Ihr Inhalt verteilte sich über die Straße.

Der Händler blieb mitten im Eingang stehen.

„...Natürlich."

Ren hätte einfach weitergehen können. Eigentlich hatte er mit seinen eigenen Problemen genug zu tun.

Trotzdem blieb er stehen.

Sein Blick wanderte über die verstreuten Waren und anschließend zum Händler.

„Warten Sie, ich helfe."

Noch bevor der Mann antworten konnte, ging Ren bereits in die Hocke und hob einige der Gegenstände auf.

„Oh! Das musst du wirklich nicht."

„Schon gut."

Gemeinsam sammelten sie die Sachen ein: Werkzeuge, kleine Beutel, zusammengerollte Stoffstücke und mehrere Gegenstände, bei denen Ren lieber nicht fragte, wofür sie gedacht waren.

Nach einigen Minuten stand zumindest der größte Teil wieder an seinem Platz.

Der Händler stellte die letzte Kiste ab und atmete erleichtert aus.

„Das hätte deutlich länger gedauert, wenn du nicht angepackt hättest."

Ren klopfte sich den Staub von den Händen.

„Kein Problem."

„Für dich vielleicht."

Der Mann warf einen Blick auf die wieder eingeräumten Kisten und lächelte.

„Trotzdem. Danke."

Ren wollte sich bereits verabschieden, als der Händler noch einmal das Wort ergriff.

„Falls du irgendwann etwas brauchst, komm ruhig vorbei. Ich habe von Werkzeugen über Reiseausrüstung bis hin zu ein paar Waffen eigentlich alles Mögliche."

Bei dem Wort Waffen musste Ren unwillkürlich an die Schmiede von eben denken.

„Und nach deiner Hilfe gerade kann ich dir beim Preis ein bisschen entgegenkommen."

Ren sah ihn überrascht an.

„Wirklich?"

„Klar. Du hast mir geholfen. Da kann ich mich wenigstens erkenntlich zeigen."

Etwas an diesen Worten ließ Ren innehalten.

Du hast mir geholfen. Da kann ich mich wenigstens erkenntlich zeigen.

Für einen kurzen Moment sah er nicht mehr den fremden Händler vor sich.

„Kannst du mir morgen im Laden aushelfen?"

Ren sah von seinem Handy auf.

Sein Freund stand ein paar Schritte entfernt und wartete auf eine Antwort.

„Morgen? Eigentlich hab ich schon was vor."

„Bitte. Nur kurz. Einer ist ausgefallen und alleine schaffe ich das nicht."

Ren zögerte.

Dann seufzte er.

„Na gut. Ein paar Stunden kann ich helfen."

Aus den paar Stunden wurde fast ein halber Tag.

Kisten schleppen. Ware auspacken. Regale auffüllen. Kartons zerlegen.

Als sie endlich fertig waren, war von Rens ursprünglichen Plänen für diesen Tag nicht mehr viel übrig.

Sein Freund hatte ihm zum Abschied auf die Schulter geklopft.

„Danke, echt. Wenn du mal was brauchst, sag Bescheid."

Ren hatte ihm geglaubt.

Einige Zeit später saß er selbst vor seinem Handy.

Hey, hast du morgen kurz Zeit? Könnte deine Hilfe gebrauchen.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Morgen schlecht. Hab viel zu tun.

Ren hatte es ein paar Tage später noch einmal versucht.

Wieder keine Zeit.

Irgendwann hatte er aufgehört zu fragen.

Eine andere Erinnerung.

Wieder derselbe Laden.

Diesmal stand Ren nicht hinter dem Tresen und half.

Er stand davor.

Etwas, das er ohnehin gebraucht hatte, lag zwischen ihm und seinem Freund auf dem Tresen.

„Ich kann dir sogar Freundschaftsrabatt geben."

Ren hatte überrascht aufgesehen.

„Echt?"

„Klar."

Sein Freund tippte etwas in die Kasse.

„Fünf Prozent."

Ren hatte auf den neuen Preis geschaut.

Fünf Prozent.

„...Danke."

Mehr hatte er nicht gesagt.

Es ging nicht um die paar Euro.

Eigentlich hätte sein Freund ihm überhaupt keinen Rabatt geben müssen.

Und trotzdem musste Ren daran denken, wie er einen halben Tag kostenlos in genau diesem Laden gearbeitet hatte.

Wenn du mal was brauchst, sag Bescheid.

Am Ende waren es fünf Prozent gewesen.

„Alles in Ordnung?"

Ren blinzelte.

Die Erinnerung verschwand.

Vor ihm standen wieder die Holzkisten. Dahinter der Händler, der ihn etwas irritiert ansah.

„Ja."

Ren brauchte einen Moment.

„Alles gut."

Der Händler musterte ihn kurz, ließ es dann aber dabei.

„Also gut. Falls du etwas brauchst – du weißt jetzt, wo du mich findest."

Rens Blick wanderte zum Eingang des kleinen Ladens.

Werkzeuge.

Reiseausrüstung.

Und Waffen.

„Ich merke es mir."

„Mach das."

Ren verabschiedete sich und setzte seinen Weg fort.

Nach einigen Schritten blickte er noch einmal zurück. Der Händler war bereits wieder bei seinen Kisten.

Eigentlich war nichts Besonderes passiert.

Ren hatte einem Fremden ein paar Minuten geholfen. Der Fremde hatte sich bedankt und ihm dafür von sich aus einen besseren Preis angeboten.

Mehr nicht.

Und trotzdem fühlte es sich anders an.

Vielleicht, weil der Mann ihm nichts versprochen hatte.

Kein Wenn du mal was brauchst.

Kein großes Gerede darüber, dass Ren etwas bei ihm gut hätte.

Er hatte einfach beschlossen, sich erkenntlich zu zeigen.

Und Ren hatte nicht einmal darum bitten müssen.

Als er schließlich wieder vor der Gilde stand, war bereits einige Zeit vergangen. Sein Rundgang hatte länger gedauert als geplant, aber zumindest hatte er jetzt ein deutlich besseres Bild von Fendell.

Vor allem aber hatte er eines:

Noch immer kein Geld.

Ren sah zum Eingang der Gilde.

„Also gut."

Der angenehme Teil des Tages war damit wohl vorbei.

Drinnen herrschte inzwischen deutlich mehr Betrieb als am Morgen. An mehreren Tischen saßen Abenteurer, andere standen am Tresen oder unterhielten sich in kleinen Gruppen.

Ren ging direkt zur großen Auftragstafel.

Beim ersten Mal hatte er sie nur aus der Entfernung betrachtet. Jetzt nahm er sich die Zeit, die einzelnen Aushänge genauer zu lesen.

Beseitigung von Monstern.

Sein Blick blieb kurz daran hängen.

Vor seinem inneren Auge tauchte der Waldhüpfer auf.

Ren las weiter.

Geleitschutz für Händler und Reisende.

Er sah an sich herunter.

Keine Rüstung.

Keine Waffe.

Keine Ahnung vom Kämpfen.

„Bestimmt sehr beruhigend, wenn ich euch beschütze..."

Der nächste Auftrag.

Sammlung bestimmter Pflanzen.

Das klang schon wesentlich besser.

Zumindest für ein paar Sekunden.

Ren las die Beschreibung.

Dann noch einmal.

Der Name der gesuchten Pflanze sagte ihm überhaupt nichts.

Daneben hing ein weiterer Sammelauftrag. Diesmal wurden verschiedene Materialien verlangt.

Auch davon kannte er kein einziges.

Ren verschränkte die Arme.

Na toll.

Monster konnte er nicht bekämpfen.

Für Geleitschutz war er ungefähr so geeignet wie der Waldhüpfer von gestern.

Und selbst beim Sammeln irgendwelcher Pflanzen bestand vermutlich die Gefahr, dass er mit einem Sack voller Unkraut zurückkam.

Sein Blick wanderte weiter über die Tafel.

Auf den ersten Blick hatte es so ausgesehen, als gäbe es hier Arbeit ohne Ende.

Nur schien keine davon für jemanden gedacht zu sein, der gestern noch nicht einmal gewusst hatte, dass diese Welt existierte.

„Schwierig, oder?"

Ren drehte den Kopf.

Hinter dem Tresen stand die Mitarbeiterin von heute Morgen. Sie hatte offenbar schon eine Weile beobachtet, wie er vor der Auftragstafel festhing.

„Ein bisschen."

„Komm mal her."

Ren sah noch einmal auf die Aushänge, gab schließlich auf und ging zu ihr.

Die Mitarbeiterin stützte sich leicht auf den Tresen.

„Nichts gefunden?"

„Ich weiß nicht mal, womit ich anfangen soll."

„Das habe ich mir gedacht."

Ren hob eine Augenbraue.

„So offensichtlich?"

Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Du stehst seit einer ganzen Weile vor der Tafel und hast noch keinen einzigen Auftrag abgenommen."

„Gutes Argument."

Ihr Blick fiel kurz auf seine leeren Hände.

„Keine Waffe."

Dann auf seine Kleidung.

„Keine Ausrüstung."

Schließlich wieder in sein Gesicht.

„Und wenn ich mich richtig an gestern erinnere, kennst du dich hier noch nicht besonders gut aus."

Ren seufzte.

„Kann man wohl so sagen."

„Dann solltest du vielleicht nicht mit einem Monsterauftrag anfangen."

„Den Plan hatte ich auch nicht."

Zumindest darin waren sie sich einig.

Die Mitarbeiterin dachte einen Moment nach. Dann schien ihr etwas einzufallen.

„Vielleicht habe ich trotzdem etwas für dich."

Ren wurde aufmerksam.

„Was?"

Sie griff unter den Tresen.

„Einen Auftrag, für den du weder eine Waffe brauchst..."

Sie zog einen einzelnen Aushang hervor und legte ihn vor Ren.

„...noch wissen musst, wie irgendwelche Pflanzen aussehen."

Ren sah auf das Blatt.

„Bücher?"

„Genau."

Die Mitarbeiterin deutete darauf.

„Neben den üblichen Aufträgen bekommen wir gelegentlich auch einfache Lieferarbeiten. Händler, Werkstätten oder andere Einrichtungen lassen kleinere Waren über die Gilde transportieren."

„Und dafür braucht man keine Erfahrung?"

„Solange du eine Kiste tragen kannst, eher nicht."

Ren sah sie an.

Sie erwiderte seinen Blick vollkommen ernst.

„Das bekomme ich gerade noch hin."

„Dann erfüllst du schon mal die wichtigste Voraussetzung."

Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Ren war sich ziemlich sicher, dass sie sich gerade ein wenig über ihn lustig machte.

„Heute Morgen wurde eine Lieferung mit neuen Büchern für die Bibliothek abgegeben", fuhr sie fort. „Die Kiste muss nur dorthin gebracht werden."

Das klang fast zu einfach.

„Das ist alles?"

„Das ist alles."

„Warum nimmt dann nicht jeder solche Aufträge?"

„Weil sie deutlich weniger einbringen."

Natürlich.

Die Mitarbeiterin deutete mit dem Kopf zur Auftragstafel.

„Wer bereit ist, Monster zu jagen, gefährliche Gebiete zu betreten oder Händler über längere Strecken zu begleiten, wird entsprechend besser bezahlt. Bei einem Auftrag wie diesem besteht das größte Risiko darin, dass dir die Kiste auf den Fuß fällt."

„Klingt momentan ziemlich genau nach meinem Schwierigkeitsgrad."

„Das dachte ich mir."

Ren betrachtete den Aushang noch einmal.

Keine Monster.

Keine unbekannten Pflanzen.

Niemand, den er mit seinen nicht vorhandenen Kampfkünsten beschützen musste.

Nur eine Kiste.

Viel würde er damit offenbar nicht verdienen. Aber solange es für das Zimmer und etwas zu essen reichte, war das fürs Erste genug.

„Ich nehme ihn."

Die Mitarbeiterin nickte.

„Gut. Deine Gildenkarte."

Ren holte sie hervor und legte sie auf den Tresen.

Die Mitarbeiterin nahm den Auftrag entgegen und legte die Karte auf eine kleine eingelassene Fläche hinter dem Tresen. Ein schwacher Lichtschein zog über ihre Oberfläche.

Kurz darauf erschien unter seinem Namen und Rang eine weitere Zeile.

Ren Arden

Rang: Anfänger

Aktiver Auftrag: Bücherlieferung – Bibliothek von Fendell

Ren nahm die Karte wieder entgegen.

„Also werden die Aufträge direkt hier eingetragen."

„Natürlich."

Er betrachtete die neue Zeile noch einen Moment.

Gestern hatte er bereits gesehen, wie sein Name und sein Rang auf der zuvor leeren Karte erschienen waren. Trotzdem war es seltsam faszinierend, jetzt seinen ersten richtigen Auftrag darauf zu sehen.

Mein erster Auftrag...

Nicht gerade eine Monsterjagd.

Nicht besonders gefährlich.

Und vermutlich auch nicht besonders gut bezahlt.

Aber immerhin ein Anfang.

„Die Bücher stehen hinten bereit", sagte die Mitarbeiterin.

Ren steckte die Karte ein.

„Wo ist die Bibliothek?"

Sie hielt inne.

„Du warst doch heute in der Stadt unterwegs."

„Ja."

„Und hast die Bibliothek nicht gesehen?"

„...Nein."

Die Mitarbeiterin seufzte.

„Gut. Dann erkläre ich dir besser den Weg."

Die Kiste war schwerer, als Ren erwartet hatte. Nicht so schwer, dass er sie nicht tragen konnte, aber schwer genug, dass ihm bereits nach den ersten Straßen bewusst wurde, warum die Gilde für diesen Auftrag überhaupt jemanden bezahlte.

„Nur ein paar Bücher..."

Er verlagerte die Kiste etwas in seinen Armen.

„Wie viele haben die da reingepackt?"

Zum Glück war der Weg nicht besonders weit.

Mit der Beschreibung der Mitarbeiterin fand Ren die Bibliothek ohne größere Umwege. Das Gebäude war kleiner als die Gilde und lag etwas abseits der belebteren Straßen. Ein schlichtes Schild neben der Eingangstür verriet ihm, dass er tatsächlich richtig war.

„Endlich."

Ren stieg die wenigen Stufen zum Eingang hinauf.

Gerade als er nach der Tür greifen wollte, öffnete sie sich von innen.

Er blieb stehen.

Eine junge Frau trat heraus.

Für einen kurzen Moment standen sie sich direkt gegenüber.

Ihre Blicke trafen sich.

Keiner sagte etwas.

Ren machte einen Schritt zur Seite und gab ihr den Weg frei. Die junge Frau ging an ihm vorbei.

Sein Blick folgte ihr für einen Moment.

Besonders der auffällige Hut blieb ihm im Gedächtnis. Auch ihre Kleidung unterschied sich deutlich von der der meisten Menschen, die er bisher in Fendell gesehen hatte.

War das gerade eine Magierin?

Ren sah ihr noch einen Augenblick nach.

Dann machte sich das Gewicht der Bücherkiste wieder in seinen Armen bemerkbar.

„Richtig. Bücher."

Er wandte sich zur Tür und betrat die Bibliothek.

Im Inneren war es deutlich ruhiger als auf der Straße. Hinter einem kleinen Tresen saß ein älterer Mann, der aufsah, als Ren mit der Kiste hereinkam.

„Lieferung von der Gilde."

Der Mann musterte erst Ren, dann die Kiste.

„Die neuen Bücher? Stell sie dort ab."

Er deutete auf einen freien Platz neben dem Tresen.

Ren setzte die Kiste vorsichtig ab.

Seine Arme dankten es ihm sofort.

Der Bibliothekar überprüfte kurz den Inhalt und nickte zufrieden.

„Scheint alles da zu sein."

Ren hatte beinahe damit gerechnet, noch irgendetwas unterschreiben oder bestätigen lassen zu müssen.

Stattdessen nahm der Mann einen kleinen Gegenstand vom Tresen und hielt ihn für einen Moment an Rens Gildenkarte.

Ein schwacher Lichtschein zog darüber.

Die Zeile mit seinem aktiven Auftrag verschwand.

„Erledigt", sagte der Bibliothekar.

Ren betrachtete die Karte.

Sein erster Auftrag.

Ein paar Bücher von einem Gebäude zum anderen getragen.

Nicht gerade heldenhaft.

Aber erledigt war erledigt.

„Danke."

Er steckte die Karte ein und verließ die Bibliothek.

Als Ren wenig später wieder die Gilde betrat, führte ihn sein erster Weg direkt zum Tresen.

Die Mitarbeiterin erkannte ihn sofort.

„Schon zurück?"

„Ja. Die Bücher sind angekommen."

Ren legte seine Gildenkarte vor ihr ab.

Sie überprüfte sie kurz.

„Auftrag erfolgreich abgeschlossen."

Dann griff sie unter den Tresen und legte mehrere Münzen vor ihm ab.

Ren sah sie an.

Seine erste Belohnung.

Und gleichzeitig das erste Geld, das er in dieser Welt überhaupt besaß.

Er nahm eine der Münzen zwischen die Finger.

„Das sind...?"

Die Mitarbeiterin sah ihn an. Dann schien ihr wieder einzufallen, mit wem sie sprach.

„Kupfer und Silber."

Sie zeigte auf die kleineren Münzen.

„Zehn Kupfermünzen entsprechen einer Silbermünze."

Ren nickte.

Immerhin einfach.

„Und zehn Silber?"

„Eine Goldmünze."

Kupfer. Silber. Gold.

Damit konnte er arbeiten.

Sein Blick wanderte wieder zu seiner Belohnung.

Für einen kurzen Moment fühlte es sich tatsächlich ziemlich gut an.

Selbst verdient.

Dann erinnerte ihn die Mitarbeiterin an einen entscheidenden Punkt.

„Davon ziehen wir noch das Zimmer von letzter Nacht ab."

Ren sah zu ihr.

Natürlich.

„Und wenn du heute wieder hier schlafen möchtest, solltest du die nächste Nacht am besten gleich mitbezahlen."

Seine erste Belohnung begann vor seinen Augen bereits zu schrumpfen.

„Mach einfach."

Die Mitarbeiterin nahm die entsprechenden Münzen zurück.

Was vor Ren liegen blieb, sah plötzlich deutlich weniger beeindruckend aus.

Aber immerhin.

Die Schuld von gestern war bezahlt.

Für heute Nacht hatte er ebenfalls ein Dach über dem Kopf.

Und zum ersten Mal seit seinem Erwachen im Wald besaß er tatsächlich eigenes Geld.

Sein Magen meldete sich.

Ren sah in Richtung der Tische.

Heute Morgen hatte er das Frühstück noch ausgelassen. Inzwischen war aus ein paar Stunden halte ich schon ausein ziemlich deutlicher Hunger geworden.

Diesmal musste ihn niemand einladen.

Wenig später stand eine warme Mahlzeit vor ihm.

Ein Teil davon kam Ren inzwischen zumindest bekannt vor. Beim Rest hatte er beschlossen, einfach nicht zu fragen.

Er nahm den ersten Bissen.

Und musste lächeln.

Vielleicht lag es am Hunger.

Vielleicht daran, dass das Essen tatsächlich gut war.

Oder vielleicht einfach daran, dass er es diesmal selbst bezahlt hatte.

Gestern hatten ihn drei völlig Fremde eingeladen.

Heute saß er hier, weil er selbst etwas dafür getan hatte.

Es war nur eine Bücherkiste gewesen.

Ein lächerlich einfacher Auftrag.

Trotzdem fühlte es sich gut an.

Nachdem der Teller leer war, legte Ren seine verbliebenen Münzen vor sich auf den Tisch.

Er zählte sie.

Dann noch einmal.

Viel war wirklich nicht übrig geblieben.

Sein Blick wanderte gedankenverloren durch den Raum.

Dabei musste er an die Schmiede denken.

An die Schwerter.

Und kurz darauf an den kleinen Laden.

Falls du irgendwann etwas brauchst, komm ruhig vorbei.

Der Händler hatte auch Waffen erwähnt.

Und einen besseren Preis.

Ren schob die Münzen wieder zusammen.

„Viel ist nicht übrig geblieben..."

Er ließ sie in seine Hand gleiten.

„Aber vielleicht reicht es morgen wenigstens für eine Waffe."

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