Ungerechtigkeit ist der Ursprung des Chaos · Kapitel 6

Kapitel 5 - Ein Weg oder eine Mauer

Die ersten Privatstunden in der Lehre einer Magiemeisterin, hartes Training und am Ende wird seine Welt noch größer.

Isekai, Fantasy, Action, Psychological, Drama, TragedypublishedVeröffentlicht: 2026-06-242.751 Wörterca. 12 Min.

Die ersten Privatstunden in der Lehre einer Magiemeisterin, hartes Training und am Ende wird seine Welt noch größer.

Nisho drehte sich um. Einen langen Moment sahen die drei einander an: eine Lehrerin, die abwog, ein Junge, der nichts preisgab und ein zweiter, der hinter ihm stand und so tat, als hätte er sich nur zufällig dazugesellt.

„Sie wollen uns etwas beibringen.“ Es war keine Frage, eher ein Misstrauen, das nach einem Haken suchte.

„So war der Plan.“ Frau Ichikawa musterte ihn und das Abwägen in ihrem Gesicht war echt. „Aber ich bin nicht sicher, ob dieses Wissen in euren Händen sicher wäre. Ich habe heute gesehen, wie schnell der eine von euch von der Selbstbeherrschung in die Offensive wechselt und gehört, was den anderen antreibt. Beides macht mich nicht ruhiger.“

„Bitte.“ Nishos Stimme war leise, aber sie brach nicht. „Ich muss stärker werden.“

Ichikawa sah ihn lange an. Dann seufzte sie und in dem Seufzen lag eine Entscheidung.

Sie hat längst Ja gesagt. Das Zögern ist echt, aber es ist Form, nicht Inhalt. Sie wollte uns beide hören, bevor sie es zugibt — wissen, ob wir betteln oder fordern. Nisho hat gebettelt. Ich habe geschwiegen. Sie nimmt uns trotzdem beide. Also ging es nie um uns einzeln. Es ging immer um uns zwei zusammen. Wer hat das so beschlossen und warum?

„Ich erkenne Entschlossenheit“, sagte sie schließlich. „Das genügt mir fürs Erste. Dann folgt mir. Beide.“

Sie führte sie über das Schulgelände hinaus, auf ein abgelegenes Feld dahinter, wo das hohe Gras im Abendwind stand. Dann blieb sie stehen, hob die Hand und die Luft um sie herum begann zu flirren. Die Ränder der Welt wurden unscharf, als hätte jemand die Umgebung hinter beschlagenes Glas geschoben. Der Lärm der Stadt verstummte, abrupt, als wäre eine Tür zugefallen.

„Keine Sorge. Ich habe einen Schleier gelegt. Niemand sieht oder hört uns hier.“

Sie hat nicht gezaubert wie jemand, der eine Anstrengung unternimmt. Sie hat es getan wie jemand, der eine Tür schließt. Beiläufig. Diese Magie ist nicht nur stark. Sie ist so geübt, dass die Stärke unsichtbar wird. Das ist gefährlicher als jede zur Schau gestellte Macht.

„Ich will euch eine besondere Wahrnehmung lehren. Keine Technik. Es ist etwas, das ihr nur durch Verständnis bezwingt. Wenige beherrschen es. Die meisten, die es versuchen, geben nach Jahren auf.“

„Aber ich habe fast keine Magieaffinität“, sagte Sora. Es war das Stichwort eines braven Schülers und es stimmte sogar.

„Genau deshalb taugt ihr dafür.“ Ein knappes Lächeln. „Diese Kunst fragt nicht, wie viel Magie ihr besitzt. Sie fragt, ob ihr begreift, was ihr besitzt. Ein Eimer Wasser und ein Fluss folgen denselben Gesetzen. Es kommt nicht auf die Menge an, sondern darauf, ob ihr die Strömung lesen könnt.“

„Und wie lernen wir das?“, fragte Nisho.

„Indem ihr eure eigene Essenz versteht, bevor ihr nach der eines anderen greift. Sie ist wie ein Fluss. Lernt, ihn zu spüren. Dann, ihn zu lenken.“ Sie ließ den Blick zwischen beiden wandern. „Ich gebe euch einen Monat. Spürt ihr ihn bis dahin nicht, breche ich ab. Wahrnehmung lässt sich nicht erzwingen und ich verschwende meine Zeit nicht an Kinder, die drücken, wo sie fühlen müssten.“


Der Monat wurde zu einer Aneinanderreihung stiller Stunden.

Drei, vier Stunden täglich saßen sie auf dem abgeschirmten Feld, manchmal mit geschlossenen Augen, manchmal mit offenen und taten nichts, was von außen wie etwas ausgesehen hätte. Für einen Beobachter wären es zwei Kinder gewesen, die im Gras saßen und Zeit verschwendeten. Von innen war es Arbeit und es war die ungewohnteste Arbeit, die Sora je verrichtet hatte.

Mein ganzes Leben, beide Leben, habe ich nach außen gearbeitet. Jetzt verlangt sie das Gegenteil: nach innen sehen, bei einem Selbst, das ich seit jeher lieber nicht zu genau ansehe. Vielleicht ist genau das der Grund, warum es so schwerfällt. Nicht die Magie. Die Richtung.

Er ertappte sich beim Planen, wenn er hätte fühlen sollen. Er entwarf Strategien, wie man Stille effizienter gestaltete und merkte erst nach Tagen, dass Effizienz hier kein Werkzeug war, sondern ein Hindernis. Man konnte einen Fluss nicht schneller spüren, indem man ihn dazu drängte. Man musste aufhören, ihn drängen zu wollen.

Nach dreieinhalb Wochen, an einem Nachmittag wie alle anderen, geschah es ohne Vorwarnung. Etwas regte sich unter seiner Aufmerksamkeit. Kein Bild, kein Klang. Eher ein Strömen, warm und stetig, das durch seine Glieder lief, sich in der Mitte des Körpers sammelte und von dort zurückverteilte. Es war immer da gewesen. Er hatte nur nie hingehört.

Nisho brauchte länger. Fast den ganzen Monat. Sora sah es ihm an — an der zunehmenden Verbissenheit, an den Schultern, die sich Tag für Tag ein Stück höher zogen. Wo Sora schließlich aufgehört hatte zu drängen, drängte Nisho umso härter, als ließe sich der Fluss durch Willenskraft erzwingen. Dass ausgerechnet das der falsche Weg war, sagte Sora ihm nicht.

Ich könnte es ihm sagen. Ein Satz und er käme schneller ans Ziel. Aber ein Nisho, der es selbst herausfindet, schuldet niemandem etwas. Ein Nisho, dem ich es verrate, denkt, er schuldet mir. Bei seinem Charakter ist das ein Nachteil, der wie ein Vorteil scheint. Ich muss mich gedulden.

Den Gedanken bemerkte er und für den Bruchteil eines Atemzugs streifte ihn etwas wie Schuld. Dann legte er ihn ab, wie man eine Münze einsteckt, von der man nicht weiß, ob sie noch nützlich wird.

Am letzten der dreißig Tage fand auch Nisho seinen Fluss. Sora sah den Moment — wie die Verbissenheit aus dem Gesicht des anderen wich und einem kurzen, ungläubigen Staunen Platz machte, das Nisho sofort wieder wegschloss. Aber es war da gewesen. Eine Sekunde lang hatte der Junge mit den zugenagelten Fenstern offen gestanden.


Wieder standen sie vor ihrer Lehrerin, auf dem flirrenden Feld.

„Wie steht es um euer Verständnis?“, fragte sie.

„Die Essenz fließt durch die Glieder ins Zentrum“, sagte Sora, „und von dort zurück in den Körper“, fuhr Nisho fort; dieselbe Antwort, mühsamer erkämpft.

Frau Ichikawa lächelte, zum ersten Mal ohne den abwägenden Rest. Dann klatschte sie einmal in die Hände.

„Gut. Dann zum einfachen Teil. Bisher habt ihr nach innen gespürt. Jetzt ändert die Flussrichtung. Leitet ihn in die Augen und seht einander an.“

Es dauerte. Minuten dehnten sich. Sora richtete den warmen Strom dorthin, wo er nie hingehört hatte, hinter die Augen, nach vorn, auf den Jungen, der ihm gegenübersaß — und für eine Weile geschah nichts als ein leichtes Vibrieren der Luft und das Gefühl, etwas zu tun, das der Körper nicht vorgesehen hatte.

Dann veränderte sich die Welt an ihren Rändern.

Um Nisho herum, dort, wo eben noch nur Luft gewesen war, stand auf einmal ein Schein. Blau. Ein helles, blasses Blau, kaum gesättigt, aber groß. Es erinnerte an Soras Licht bei der Aufnahmeprüfung, jedoch flackerte an den Rändern, unstet und hatte etwas Kantiges, als wäre es aus lauter angespannten Linien gefügt.

„Ich sehe etwas. Um ihn herum. Blau.“

„Gut.“ Sie nickte ihnen zu.

Nisho starrte unterdessen Sora an und in seinem Gesicht arbeitete etwas. Auch er sah also einen Schein. Was er sah, sagte er nicht.

Und dann, weil beide im selben Moment denselben Gedanken hatten, drehten sie die Köpfe und richteten ihren Blick auf die Lehrerin.

Sora hatte nicht gewusst, was ihn erwartete. Hätte er es gewusst, er hätte vielleicht nicht hingesehen.

Um Frau Ichikawa stand kein blasser Dunst. Es war mehr ein Leuchtfeuer, das alles in der Umgebung klein aussehen ließ.

Ein helles Weiß, nicht wie Papier oder Schnee, sondern ein tiefes, ruhiges Weiß, das von innen zu glühen schien und trotzdem nicht blendete. Es lag vollkommen still um ihre Gestalt, ohne Flackern, ohne Kante, eine geschlossene Form, die aussah, als könnte nichts sie erschüttern. Und durch das Weiß zog sich ein gelber, fast goldener Schimmer, der sich darin bewegte wie Sonnenlicht in tiefem Wasser. Es war so viel mehr als das, was Sora um Nisho gesehen hatte, dass die beiden kaum dasselbe zu sein schienen. Wie eine Kerze und die Sonne.

Das ist es also. Das ist das andere Ende. Was ich um Nisho sehe und was ich von mir selbst gesehen habe, ist eine Pfütze. Das hier ist das Meer. Ich habe keine Worte dafür, weil ich keine brauche — ich spüre es einfach, körperlich, wie weit über mir sie steht. Zum ersten Mal sehe ich, woran ich gemessen werde. Und zum ersten Mal will ich nicht nur bestehen. Ich will dorthin.


Nisho hatte aufgehört, sich zu bewegen.

Er sah Ichikawas Licht an und in seinem Gesicht war nichts von dem Hunger, der in Sora brannte. Da war nur ein langsames Sinken. Die Schultern fielen. Der Blick wurde dunkel und wanderte zu Boden. Das blasse, kantige Blau um ihn herum zog sich zusammen und zuckte, als spiegelte es, was in ihm vorging.

„Es reicht nicht“, sagte Nisho leise. Mehr zu sich selbst als zu den anderen. „So werde ich es nie schaffen. Niemals.“

„Nisho.“ Frau Ichikawas Stimme war sanfter, als Sora sie je gehört hatte.

„Ich muss los.“

Er drehte sich abrupt um und ging. Beinahe rannte er. Das flirrende Feld schluckte seine Gestalt und der Schleier schloss sich hinter ihm wie Wasser über einem Stein.

Ich sehe dieselbe Aura wie er. Ich sehe das Meer und denke: dorthin. Er sieht das Meer und denkt: niemals. Dasselbe Licht. Zwei Jungen. Es treibt uns auseinander wie ein Keil. Ich hätte es wissen müssen. Wer von ganz unten nach ganz oben blickt, sieht entweder einen Weg oder eine Wand.

Frau Ichikawa sah ihm nach. Ihr Blick war nicht enttäuscht. Er war traurig, auf die Weise, auf die man jemandem nachsieht, dessen Schmerz man kennt, ohne ihn nennen zu können.

„Ich weiß nicht, was er durchmacht. Aber was immer es ist, es verfolgt ihn. Und es ist älter als alles, was ein Kind tragen sollte.“ Sie wandte sich zu Sora. „Bleib in seiner Nähe. Nicht als Aufgabe. Als das, was er nicht hat.“

Sora nickte ihr zu. „Ich finde ihn.“

Und ich fange ihn auf, bevor er ganz fällt. Wer einen Menschen am Boden auffängt, dem gehört ein Stück von ihm, wenn er wieder steht. Es ist der sicherste Weg, ihn auf meine Seite zu bringen.


Er fand ihn dort, wo Menschen sich verkriechen, die nicht gefunden werden wollen und insgeheim hoffen, es doch zu werden: zusammengerollt unter der alten Treppe beim Nordtor, das Gesicht zwischen den Knien.

„Hier steckst du also“

„Lass mich in Ruhe“, antwortete Nisho leise, aber ruhig.

„Ich will nicht reden.“ Sora setzte sich neben ihn, mit Abstand, ins Halbdunkel. „Ich setz mich nur.“

Nisho sagte nichts. Aber er rückte ein Stück zur Seite, kaum merklich, gerade so weit, dass der Platz sich vergrößerte.

Die Dämmerung sank über die Akademie und eine Weile saßen sie schweigend. Zwei Jungen unter einer Treppe, während über ihnen das Licht erlosch.

„Was erhoffst du dir davon?“

„Wie meinst du das?“

„Wenn du lange genug schweigst, glaubst du, ich mache irgendwann auf.“ Es war kein Vorwurf. Nur eine müde Feststellung. „So funktioniert das nicht.“

Er durchschaut die Methode. Gut. Ein Dummer wäre nutzlos. Aber er sitzt noch hier. Er hätte gehen können, als ich mich setzte. Wer das Spiel durchschaut und trotzdem mitspielt, will gefunden werden, auch wenn er es sich selbst nicht eingesteht.

„Ich tue nur, was du gesagt hast. Ich bin jedoch da, falls du doch reden willst.“

Nisho atmete schwer aus. Dann, nach langer Zeit, kam es leise.

„Auch wenn ich schwach bin, ich werde mich an ihnen rächen. Ich weiß noch nicht wie. Aber ich werde und wenn es alles kostet, was ich habe.“

„Ich kann dir dabei helfen.“

Nisho hob den Kopf. Zum ersten Mal sah er Sora wirklich an, prüfend, mit Augen, die zu viel gesehen hatten für ihr Alter. „Warum?“

„Weil ich auch ein Ziel habe. Etwas, das in ferner Zukunft liegt, aber wenn wir zusammenarbeiten, kommen wir beide schneller dorthin.“

Sora stand auf, stellte sich vor Nisho und streckte ihm die Hand hin.

„Lass uns Verbündete werden.“

Stille. Sora hielt die Hand ausgestreckt und plante bereits weiter, mit der ruhigen Gewissheit, dass ein Junge am Boden die Hand nimmt, die man ihm reicht. Es war die naheliegende Antwort. Es war die Antwort, die er selbst gegeben hätte, in einem früheren Leben, wenn jemand ihm Stärke versprochen hätte gegen ein Versprechen zurück.

Dann stand Nisho auf. Den Blick geradeaus, an der Hand vorbei.

„Ich muss ablehnen.“

Soras Hand blieb in der Luft.

„Wie soll ich jemandem vertrauen, der selbst nichts sagt?“ Nishos Stimme war ruhig, fast entschuldigend und gerade das machte sie schlimmer. „Du verlangst ein Bündnis und hältst dein Ziel zurück. Du bietest mir die Hand und behältst die andere geschlossen. Ich hoffe, du verstehst das.“

Dann ging er.

Sora blieb unter der Treppe stehen, die Hand sank langsam und in der Stille, die Nisho hinterließ, geschah etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Es ärgerte ihn nicht, dass sein Plan gescheitert war. Es traf ihn, dass der Junge recht hatte.

Er hat die geschlossene Hand gesehen. Nicht die offene. Genau wie der Direktor hinter meine Fassade blickt. Sie sehen, was ich verberge und nicht das, was ich zeige. Ich habe mein ganzes Leben darauf gebaut, dass das nicht passiert und ausgerechnet der Mensch, den ich gewinnen will, durchschaut mich, weil er selbst nichts als Wunden hat, mit denen er liest.

Er saß noch lange, nachdem es dunkel geworden war. Zum ersten Mal seit seiner Wiedergeburt hatte er etwas gewollt und es nicht bekommen, jedoch noch schlimmer, er verstand nicht wieso. Irgendwo unter der Berechnung, tiefer als der Stolz, der schon nach einer neuen Strategie suchte, saß ein leiser, fremder Gedanke: dass Nisho ihn vielleicht genau deshalb abgelehnt hatte, weil er der Einzige war, der ihn wirklich angesehen hatte.


Es war fast Nacht, als Sora nach Hause kam und das Haus war hell auf eine Weise, die nicht zur Stunde passte.

Schon im Flur hörte er sie — die Stimme seiner Mutter, höher als sonst und das tiefere Lachen seines Vaters, der also zu Hause war, obwohl die Grenze ihn selten so früh wieder hergab. Sora blieb einen Moment in der Tür stehen und las den Raum, ehe er ihn betrat, alte Gewohnheit. Aber diesmal sagte ihm der Raum etwas, das in keine seiner Kategorien passte.

„Da bist du ja!“ Hokori kam auf ihn zu, nahm sein Gesicht in beide Hände und ihre Augen glänzten. „Wo warst du denn so lange? Egal. Setz dich. Wir haben Neuigkeiten.“

Meiyo stand am Tisch und auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck, den Sora dort noch nie gesehen hatte. Der General, der Städte eroberte, sah aus wie jemand dem etwas zugefallen war, ohne dass er hätte dafür kämpfen müssen.

„Sora.“ Die Hand seiner Mutter legte sich auf ihren Bauch. „Du bekommst Geschwister.“

„Geschwister“, wiederholte Meiyo freudestrahlend und das Wort hatte einen Riss, den er nicht ganz glättete. „Die Heilerin sagt, es sind zwei.“

Für einen Moment stand Sora einfach da. Der Geist, der jede Lage im Bruchteil einer Sekunde zerlegte und neu zusammensetzte, fand keine Schublade, keine Berechnung, kein Plan. Nur eine Frau mit einer Hand auf dem Bauch und ein Mann, der aussah, als hätte das Glück ihn überfallen und ein Wort, das langsam in ihm ankam und dabei größer wurde, als ein Wort sein sollte.

Zwei. Nicht eines, zwei. Ich rechne sofort — wie viel Aufmerksamkeit das bindet, wie sich der Haushalt verschiebt, was es für meine Zeit bedeutet. Und dann, mitten im Rechnen, bricht sie einfach ab. Als wäre der Teil von mir, der rechnet, kurz nicht zuständig.

Sora starrte währenddessen geradeaus, und Hokori sah ihn an, ein wenig besorgt, ein wenig hoffnungsvoll. „Freust du dich nicht?“

Sora kehrte aus seinen Gedanken zurück. Dann merkte er es. Er lächelte. Nicht das Lächeln, das er aufsetzte, wenn ein Lächeln verlangt wurde — das kannte er, das konnte er im Schlaf. Dieses hier hatte er nicht beschlossen. Es war einfach da.

„Doch“, sagte er, mit einer Ehrlichkeit, die ihn selbst überraschte. „Ich werde ein toller großer Bruder sein.“

Hokori zog ihn an sich. Meiyo legte eine schwere Hand auf seine Schulter. Einen Augenblick lang stand die kleine Familie eng beieinander im warmen Licht, drei Menschen und zwei, die noch keine Namen hatten.

Heute hat ein Junge mir die Hand verweigert, weil ich zu viel verberge. Und heute hält eine Frau mein Gesicht und verbirgt gar nichts. Ich verstehe das Erste. Es folgt einer Logik. Das Zweite verstehe ich nicht und zum ersten Mal stört es mich nicht, etwas nicht zu verstehen. Vielleicht muss man nicht alles durchschauen. Vielleicht gibt es Dinge, die kleiner werden, sobald man sie durchschaut. Den Gedanken behalte ich. Nicht für später. Einfach so.

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