Ungerechtigkeit ist der Ursprung des Chaos · Kapitel 5

Kapitel 4 - Wer einen Namen hat

Der Erste Tag als Schüler und es tauchen bereits Probleme auf. Ob Soras Handeln richtig ist, entscheidet diesmal nicht er und trotzdem liegen schon neue Herausforderungen vor ihm.

Isekai, Fantasy, Action, Psychological, Drama, TragedypublishedVeröffentlicht: 2026-06-242.923 Wörterca. 12 Min.

Der Erste Tag als Schüler und es tauchen bereits Probleme auf. Ob Soras Handeln richtig ist, entscheidet diesmal nicht er und trotzdem liegen schon neue Herausforderungen vor ihm.

Meiyo war schon vorgegangen, trotzdem waren im Vorgarten zwei Gestalten und eine davon kannte er nicht.

Sein Vater stand aufrecht wie immer, die Hände hinter dem Rücken. Neben ihm ein Mann, älter, hager, mit grauem Haar und einem Gesicht, das die Sonne vieler Jahre gesehen hatte. Der linke Ärmel seines Gewandes war hochgeschlagen und vernäht, dort, wo der Arm fehlte. Er stand, als fehlte ihm nichts.

Einarmig. Steht trotzdem zentriert, Gewicht gleichmäßig auf beiden Füßen, Schultern offen. Ein Mann, der gelernt hat, dass Gleichgewicht nichts mit Symmetrie zu tun hat. Das ist kein Bittsteller. Das ist jemand, der gemessen wird, indem man ihn ansieht.

„Willkommen, junger Mann. Wir haben dich erwartet.“ Die Falten im Gesicht des Fremden formten ein Lächeln.

„Sora“, sagte Meiyo und in seiner Stimme lag etwas Feierliches, das er sonst für niemanden hatte. „Das ist Minami Yamita. Ich wollte dich selbst unterrichten, aber die Armee lässt mir die Zeit nicht. Also habe ich den Besten gefragt, den ich kenne. Herr Yamita war mein Ausbilder und als Legende bekannt.“

„Nenn mich nicht so“, die Worte waren ohne Schärfe. „Legenden sind tot. Ich bin nur älter als die meisten, die versucht haben eine zu werden.“ Er trat einen Schritt vor und musterte Sora vom Scheitel bis zu den Füßen, gründlich, ohne Eile. „Du musst Sora sein. Ich bin ab heute dein Schwertmeister. Vorausgesetzt, wir kommen ins Geschäft.“

„Ins Geschäft kommen?“ Sora setzte seine unschuldigen Augen auf, wie jemand, der nichts von der Welt wusste.

„Ich unterrichte kein Kind, weil sein Vater mein Schüler war. Das wäre Höflichkeit und Höflichkeit hat noch keinen gelehrt, eine Klinge zu halten.“ Er sah zu Meiyo, fast amüsiert. „Dein Vater war jedoch mein bester Schüler und wenn etwas von seinem Talent in dir steckt, wäre es mir eine Freude, dich zu lehren. Eins vorweg: Zeigst du hingegen zu wenig Talent, beenden wir das hier.“

Ehrlich. Keine Schmeichelei, keine Drohung, nur eine Bedingung. Das ist angenehmer als alles, was die Erwachsenen an der Akademie von sich geben. Ein Mann, der mich einfach gehen ließe, ist ein Mann, dessen Bleiben etwas wert ist.

„Einverstanden.“

Sein Holzschwert flog ihm zu. Er fing es aus der Luft und seine Finger fanden wie immer den Griff, ohne zu suchen — dieselbe Bewegung wie am Geburtstag, nur diesmal sah ein Fremder zu, der wusste, worauf man achten muss.

Minami nahm Stellung ein. Die Klinge in einem flachen Winkel, das rechte Bein vorn, das linke hinten auf dem Ballen. Kein Wort der Ansage. Nur ein kurzes Heben des Kinns: Komm.

Sora kam nicht. Er wartete.

Er ist schneller als ich, stärker, erfahrener. Wer zuerst angreift, gibt seine Absicht preis. Also soll er seine preisgeben.

Eine Sekunde verging. Dann stürmte Minami los.

Der Schlag kam schwer und schnell und genau dorthin, wo Sora eben noch gedacht hatte zu stehen. Er blockte im letzten Moment und der Aufprall fuhr ihm durch beide Arme bis in die Schultern. Holz schlug auf Holz, einmal, zweimal, und bei jedem Schlag lernte Sora etwas, das ihm niemand gesagt hatte: dass es einen Unterschied gab zwischen dem Kämpfen gegen einen Vater, der einen gewinnen lassen wollte, und dem Kämpfen gegen einen Mann, der das nicht im Sinn hatte.

Minamis Stil war makellos. Keine Lücke, keine verschenkte Bewegung, kein Moment, in dem die Deckung auch nur einen Fingerbreit zu spät kam. Sora wich aus, duckte sich unter einem Hieb von links und sah es — die eine Stelle, die jeder sehen würde und kaum einer zu nutzen wagte.

Die linke Seite. Kein Arm, keine Klinge, kein Konter aus dieser Richtung. Es ist zu offensichtlich. Es ist eine Falle. Aber eine Falle, die ich nicht auslöse, habe ich auch nicht überlebt — also löse ich sie aus und sehe, was sie kann.

Er sprang. Auf Minamis linke, armlose Seite, dorthin, wo keine Verteidigung sein konnte, holte aus —

— und spürte Wind im Gesicht.

Das Holzschwert stand haarscharf vor seinem Kopf. Wann der Mann sich gedreht hatte, konnte Sora nicht sehen. Die armlose Seite war keine Lücke gewesen. Sie war ein Köder, ausgelegt vor Jahrzehnten, geschliffen an Hunderten, die denselben naheliegenden Gedanken gehabt hatten.

Sora ließ das Schwert fallen und fiel freiwillig auf seinen Rücken. Über ihm der graue Himmel und das Gesicht eines alten Mannes, der nicht einmal schneller atmete.

Minami trat vor und reichte ihm die Hand. Die einzige, die er hatte.

„Du hast dich wacker geschlagen, Junge. Genau das wollte ich sehen.“

„Es kommt mir eher vor, als hätte ich nicht bestanden.“, sagte Sora und nahm die Hand.

„Du hast verloren wie jemand, der das nächste Mal länger durchhält. Das ist nicht dasselbe wie verlieren.“ Minami zog ihn auf die Füße, mühelos. Dann wandte er sich zu Meiyo und um seine Augen legten sich Falten. „Hah. Du warst schon nach ein paar Schlägen am Boden, damals. Dein Sohn hat mich ins Schwitzen gebracht.“ Er sah wieder zu Sora und etwas in dem Blick verschob sich, wurde schwerer. „Ich akzeptiere dich als meinen Schüler.“

Der alte Mann sah dem Jungen nach, als der zu seiner Mutter lief. Er hatte in seinem Leben viele Anfänger geprüft. Die meisten griffen zu früh an, aus Angst oder Eifer. Ein paar warteten aus demselben Grund. Er kannte keinen, der gewartet hat und dabei bereits plante. Der die offene Seite sieht, sie als Falle erkannt und trotzdem angegriffen hat, nur um zu erfahren, wie die Falle zuschnappte. Das war nicht der Mut eines Kindes. Das war die Neugier von jemandem, der davon ausging, lange genug zu leben, um das Gelernte zu gebrauchen.

Er hat Talent, aber das habe ich oft gesehen. Was mir an ihm nicht gefällt, ist das, was hinter den Augen sitzt und mitschreibt. Sein Vater kämpfte aus dem Bauch. Dieser hier kämpft aus dem Kopf. Ich hoffe, das Leben gibt ihm Zeit, auch das Erste zu lernen, bevor es ihn das Zweite kostet.


Drei Tage später begann die Akademie. Sie begann mit einem Klassenraum, in dem alles eine Spur zu groß war.

Die Bänke, die Fenster, die Stille, die sich über vierzehn Kinder legte, von denen jedes gehört hatte, dass es zu den Besten des Königreichs gehörte und keines so recht wusste, was das nun bedeutete. Sora suchte sich einen Platz an der Seite, von dem aus er den Raum überblicken konnte. Tür, Fenster, Gesichter — die alte Gewohnheit, einen Raum zu lesen, bevor man ihn betrat, ließ sich auch hier nicht abstellen.

Vorn stand Frau Ichikawa. Dieselbe Person wie am Prüfungstag, weder groß noch laut und doch verstummte der Raum, als sie die Hände faltete.

„Ihr seid hier, weil ein Stück Stein und ein Stapel Papier behauptet haben, ihr hättet etwas, das die meisten nicht haben. Ob das stimmt, wird sich zeigen. Stein und Papier irren sich öfter, als ihnen lieb ist.“ Ein kurzes Lächeln, das die Augen nicht ganz erreichte. „Mein Name ist Hikori Ichikawa. Ich werde euch unterrichten. Und ich warne euch gleich zu Beginn: Mich beeindruckt nicht, was ihr könnt. Mich beeindruckt, was ihr daraus macht.“

Sie sagt das zu vierzehn Kindern und sieht dabei niemanden direkt an. Trotzdem fühlt es sich an, als wäre die Hälfte der Sätze für mich bestimmt. Entweder bin ich eitel oder sie ist gut. Vermutlich beides.

Neben Sora, einen leeren Platz entfernt, saß ein Junge mit schwarzem Haar und hielt den Blick geradeaus, als wäre der Rest des Raumes nicht vorhanden. Sora kannte das Gesicht. Die zweite Zeile auf der Tafel. Nisho Shinkuya.

Der Junge bemerkte den Blick und erwiderte ihn nicht. Er rückte nicht ab, er nickte nicht, er tat schlicht, als säße dort niemand.

Verschlossen wie ein Haus mit zugenagelten Fenstern. Die meisten Menschen wollen gesehen werden und verbergen es. Der hier will nicht gesehen werden. Interessant. Und nützlich, wenn ich herausfinde, wofür.

Zwei Reihen weiter vorn, saßen zwei Jungen in glänzenderen den Uniformen als der Rest, die Köpfe zusammengesteckt und einer von ihnen sah immer wieder zu Sora herüber. Nicht neugierig. Abschätzend, mit der besonderen Aufmerksamkeit von jemandem, der einen Namen gehört hat und nun ein Gesicht dazu sucht, um beides gegeneinander aufzuwiegen.

Der mit der Stickerei am Kragen. Er hat letztens meinen Namen verlesen gehört. Jetzt sitzt da ein Junge ohne Wappen, ohne Gefolge, in Kleidung, die mehr als einmal getragen wurde. Das rechnet sich für ihn nicht. Menschen, bei denen sich etwas nicht rechnet, suchen so lange, bis die Rechnung wieder aufgeht. Meist auf die Kosten anderer.

Die erste Stunde verging mit Grundbegriffen, die Sora längst kannte. Er hielt sich zurück, meldete sich zweimal, beantwortete einmal falsch, was er hätte richtig beantworten können. Fujis Satz saß ihm noch in den Knochen — lüg nicht auf Papier, das ich lese. Aber das hier war kein Papier. Das hier war ein Raum voller Kinder und Kinder lasen anders als Direktoren.


In der Pause füllte sich der Hof mit dem Lärm von Kindern, die zum ersten Mal merkten, dass sie nicht mehr die Klügsten im Stadtteil waren, sondern vierzehn Klügste auf einem Haufen. Sora suchte sich einen Rand, wie immer. Ränder hatten den Vorteil, dass von einer Seite niemand kam.

Von der anderen kamen zwei.

„Na, Takafushi.“ Der mit der Stickerei am Kragen, einen Kopf größer als Sora, mit dem Selbstvertrauen eines Kindes, dem noch nie etwas verweigert worden war. „Du also. Der Rekord.“

Sora sagte nichts. Schweigen kostete nichts und gab nichts preis.

„Mein Vater ist Oberhaupt im Stadtrat“, fuhr der Junge fort. „Er sagt, niemand löst dieses Heft so weit. Niemand. Schon gar kein Niemand aus einem Haus, von dem ich noch nie gehört habe.“ Er trat näher. „Also. Wie hast du’s gemacht?“

„Die Fragen beantwortet. Für dein eingeschränktes Wissen über meine Familie trage ich jedoch keine Schuld“, antwortete er, ohne sie überhaupt anzusehen.

Der zweite Junge lachte, hell und gehässig. „Hört ihn euch an. Beantwortet. Vielleicht hat ja jemand nachgeholfen. So ein General hat doch Mittel.“

„Lass gut sein“, sagte der Erste und grinste. „Sonst schickt er noch seinen Vater.“

Ein paar Umstehende lachten. Sora ging weiter, kommentarlos, weil das die Variante mit den wenigsten Folgen war.

Sie wollen kein Geständnis. Sie wollen ein Gesicht, das zu klein ist für den Namen, den sie heute gehört haben. Solange ich nichts gebe, läuft ihr Spiel ins Leere. Weitergehen. Nicht ansehen. Den Hof wechseln und —

Eine Hand schloss sich um seinen Arm und riss ihn herum.

„Wohin des Weges? Glaubst du, ich lasse dich einfach gehen, nachdem du meinen Stolz in den Dreck ziehst?“

Der Griff lag fest auf seiner Schulter, zu fest, Finger, die zudrückten, um etwas zu beweisen. Und an dieser Stelle versagte das, was Sora die ganze Zeit beherrscht hatte. Nicht der Verstand. Der Körper.

Wie ein Reflex, schneller als jede Entscheidung. Seine Hand fuhr hoch, fand das Handgelenk des anderen, drückte die Schulter runter und drehte — die Bewegung hatte Minami ihn nicht gelehrt. Es war eine Erinnerung aus seinem alten Leben. Ein sauberer Hebel, der den größeren Jungen auf die Knie zwang und das Gelenk an den Punkt brachte, an dem es nur noch eine Richtung gab. Der Junge krümmte sich, der Mund öffnete sich zu einem Laut, der noch nicht heraus war.

„Aufhören!!“

Die Stimme fuhr über den Hof wie ein Peitschenhieb. Sora ließ los, sofort und der größere Junge taumelte zurück, das Handgelenk an die Brust gepresst, das Gesicht weiß.

Zu weit. Eine Vierteldrehung weiter und das Gelenk wäre gebrochen. Vor Zeugen, am ersten Tag, wegen zweier Kinder, die mich langweilen. Das war kein Plan. Das war ein Reflex und Reflexe sind das Einzige an mir, das ich nicht kontrolliere. Notiz: daran arbeiten. Dringend.

Frau Ichikawa stand zwischen ihnen, ohne dass jemand gesehen hatte, wie sie dorthin gekommen war. Sie trennte die beiden mit nichts als ihrer Gegenwart.

„Ich dulde das nicht“, sagte sie ruhig und die Ruhe war schlimmer als Geschrei. „Entschuldigt euch. Beide.“

„Er hat mir fast das Handgelenk gebrochen!“ Die Stimme des Jungen überschlug sich.

„Und ihr habt ihn provoziert.“ Ichikawa sah die beiden Adelskinder an, einen nach dem anderen, und unter dem Blick wurde der Lärm auf dem Hof leiser. „Ich habe Augen und ich hatte sie offen. Seid froh, dass er sich noch zurückgehalten hat. Ein anderer hätte zu Ende gebracht, was er angefangen hat. Jetzt entschuldigt euch und dann geht ihr beide ins Krankenzimmer.“

Widerwillig, mit dem Stolz von Kindern, die noch nie hatten nachgeben müssen, reichten sich die beiden die Hand. Der Schmerz im Gesicht des einen wechselte zu einem demütigen Schweigen.

Dann wandte sich Ichikawa an Sora und ihr Ton änderte sich nicht — aber etwas in ihren Augen schon.

„Du. Als Klassenbester solltest du mit Beispiel vorangehen, nicht zurückschlagen. Was du eben getan hast, war eine saubere Technik. Zu sauber für ein Kind, das nur aus Schreck zugreift.“ Eine kurze Pause, kaum merklich, in der sie ihn ansah, als läse sie eine Seite, die er nicht aufgeschlagen hatte. „Lass dich nicht provozieren. Wer einen Namen hat, gibt anderen einen Grund, ihn zu beschmutzen.“

„Zu sauber.“ Sie hat es gesehen. Nicht den Hebel — die Kontrolle darin. Der Direktor hat mein Papier gelesen. Sie liest etwas anderes und ich weiß noch nicht, in welcher Sprache. Vorsicht bei dieser Frau. Sehr viel Vorsicht.

„Entschuldigung“, er ließ es klingen wie ein Junge, der sich erschrocken hatte. „Ich war nicht ganz bei mir.“

„Ich weiß, dass du viel mit dir trägst.“ Ihre Stimme wurde eine Spur leiser und für einen Moment klang sie fast wie jemand, der es ernst meinte. „Wenn dich etwas bedrückt, komm zu mir, nicht in den nächsten Hebelgriff. Gewalt ist keine Lösung. Auch dann nicht, wenn man sie beherrscht.“

Sora senkte den Blick und nickte. Es war die richtige Geste und ausnahmsweise musste er sie nicht ganz spielen.


Sie ließ ihn nicht gehen. Nicht ganz.

„Eine Sache noch.“ Frau Ichikawa musterte ihn und der Lehrerton trat zurück hinter etwas Abwägendes. „Du verstehst dich ein wenig mit Nisho Shinkuya. Dem Jungen, der neben dir sitzt und mit niemandem redet.“

Wir haben, bis auf den Zusammenstoß, kein Wort gewechselt. Aber sie sagt es nicht als Frage. Sie sagt es, als hätte sie uns beide nebeneinandergelegt und etwas darin gesehen. Was sieht sie, das ich übersehe — oder was will sie, dass ich glaube, sie sähe es?

„Wir reden manchmal“, log Sora, weil die Wahrheit mehr Fragen aufgeworfen hätte als die Lüge. „Warum?“

„Ich möchte nächste Woche mit euch beiden sprechen. Mit dir und mit ihm. Es geht um etwas Wichtiges.“ Sie ließ das Wort stehen, ohne es zu füllen. „Sag ihm das.“

„Worum geht es denn?“

„Um etwas, das die meisten nie lernen, weil die meisten daran scheitern“ Ein Lächeln, knapp und undurchdringlich. „Mehr verrate ich nicht auf einem Schulhof.“

Sie umgeht die Frage, aber nicht wie jemand, der ausweicht. Wie jemand, der eine Antwort hat und sie zurückhält. Das ist ein Unterschied. Und sie wählt zwei aus vierzehn — mich und den Verschlossensten von allen. Das ist keine Laune. Irgendjemand hat uns beide auf eine Liste gesetzt und sie ist nicht, wer die Liste schreibt. Sie ist die, die sie ausführt.

Den Gedanken behielt Sora, wofür er die meisten Gedanken behielt: für sich. Er hielt ihn für Scharfsinn. Dass er die Struktur sah, ohne den Namen darüber und sich allein dafür schon ein wenig überlegen fühlte, bemerkte er nicht. Es fühlte sich nicht nach Hochmut an. Es fühlte sich nach Klarheit an.

„Ich sag’s ihm, aber er hört nicht auf mich.“

„Es reicht, wenn du es ihm sagst. Der Rest entscheidet sich von selbst.“


Der Abend brach an. Die Sonne war schon gesunken, als Sora im Hof wartete. Die meisten waren längst fort. Schließlich sah er Nisho, auf dem Weg zur Trainingshalle, allein wie immer, den Gang eines Menschen, der nirgendwo erwartet wird und es vorzieht.

„Hey, hast du kurz Zeit?“

„Nicht wirklich.“ Nisho blieb nicht stehen.

„Frau Ichikawa will uns beide sehen. Sie sagt, es lohnt sich.“

„Ich trainiere.“

„Sie meinte, es würde uns beide stärker machen.“

Da blieb Nisho stehen. Kurz nur. Er drehte sich nicht um und als er sprach, war seine Stimme leise und ohne jede Wärme.

„Ich habe keine Zeit für Gespräche. Jede Minute zählt.“

Jede Minute zählt. Das sagt niemand, der ein Ziel hat. Das sagt jemand, der vor etwas wegläuft, schnell genug, um es nicht einzuholen. Die Frage ist nur, was hinter ihm her ist.

„Wofür trainierst du so verbissen?“

Nisho schwieg so lange, dass Sora die Antwort schon aufgegeben hatte. Dann, knapp, fast tonlos:

„Ich habe eine Rechnung offen. Mit jenen, die Dinge getan haben, die ich nicht verzeihe.“

„…Das tut mir leid“, sagte Sora und ein Teil von ihm meinte es und ein anderer, größerer, war bereits woanders.

Er spricht von mehreren. Nicht eine einzige Person. Etwas Größeres, Vageres, das man nicht an einem einzigen Grab abarbeiten kann. So ein Hass brennt nicht aus, der brennt weiter, jahrelang, gleichmäßig. Ein Mensch, der so brennt, ist berechenbar. Und was berechenbar ist, ist nützlich.

Er hörte sich selbst denken und fand nichts Falsches daran. Ein Junge hatte ihm gerade von der Wunde erzählt, die sein Leben bestimmte und Sora hatte zuerst geprüft, wie sie sich gebrauchen ließe. Wäre ihm jemand mit demselben Blick begegnet, er hätte ihn kalt genannt. Bei sich selbst nannte er es vorausschauend.

Nisho wollte weitergehen. Und im selben Moment trat aus dem Schatten der Trainingshalle eine Gestalt, die schon eine Weile dort gestanden haben musste.

„Wenn das deine Beweggründe sind, frage ich mich, ob ich es dir überhaupt beibringen sollte.“

Nisho erstarrte. Dann drehte er sich langsam um und zum ersten Mal an diesem Abend sah er einem Menschen ins Gesicht.

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