Drei Tausend Siegel, ein Monat Weg und das Geld reicht bei weiten nicht. Sie müssen schnellstmöglich Geld verdienen, doch auf der Nordroute sind sie nicht so allein, wie sie glauben.
Am nächsten Morgen bestand Hana darauf, die Verbände zu wechseln, bevor sie aufbrachen.
„Halt endlich still, Brüderchen.“
Sie wickelte langsamer als am Vortag, die Lippen fest aufeinandergepresst, als hinge von jeder Lage etwas ab. Fester saßen die Verbände danach trotzdem nicht.
Wenig später ritten sie die Strecke zurück, die sie bereits kannten. Rund fünfzig Kilometer vom Berg entfernt lag eine große Waldkreuzung, von der aus man direkt auf die Nordroute gelangte. Hana saß vor Sora im Sattel. Nach der ersten Stunde lehnte sie mit dem Rücken an seiner Brust, nach der zweiten war sie eingeschlafen. Sora hielt die Zügel mit einer Hand und dachte an die vergangene Nacht.
Ich hatte erwartet, dass sie mich danach anders ansehen würde. Schwächer. Der Bruder, der für sie ein Fels sein sollte, ist vor ihren Augen zerbrochen. Trotzdem liegt nichts davon in ihrem Blick. Wenn sich etwas verändert hat, dann die Wand, die seit jenem Tag zwischen uns steht. Sie bröckelt. Ich verstehe nur nicht, warum. Die Theorie kenne ich: Wer sich öffnet, schafft Nähe. Jedes Lehrbuch sagt das. Nur habe ich mich nicht langsam geöffnet, sondern habe ihr eine komplett andere Seite gezeigt. Kann es sein, dass sie mich dafür bemitleidet?
Der Gedanke störte ihn. Also wandte er sich etwas zu, das sich berechnen ließ.
Sora ließ sein Pferd zu Nisho aufschließen. „Wie viele Siegel haben wir noch?“, fragte er halblaut.
Nisho warf einen Blick in den Geldbeutel an seinem Gürtel. „In etwa drei Tausend.“
Das reicht nicht. Bis ins nördliche Königreich brauchen wir in unserem Tempo etwa einen Monat. Selbst wenn wir nur das Nötigste kaufen, sind wir nach spätestens zweieinhalb Wochen blank. Dazu kommen neue Ausrüstung und die Grenzzölle. Für eine feste Arbeit fehlt uns die Zeit. Ohnehin reicht ein gewöhnlicher Lohn heutzutage kaum zum Leben, geschweige denn für eine Reise zu dritt. Woher also nehmen?
„Gibt es auf unserer Strecke eine Stadt mit einer Gilde oder etwas Ähnlichem?“
„Was soll denn eine Gilde sein?“
„Ein Verband, der Abenteurer verwaltet. Er schreibt Aufträge aus. Wer einen davon erledigt, bekommt Belohnungen.“
Nisho runzelte die Stirn. „Bei Gilde und Abenteurern kann ich dir nicht folgen, aber das System ähnelt dem eines Siegelhauses.“
Siegelhaus. Den Namen habe ich schonmal gehört. Ich dachte immer, es sei eine Art Bank. Ist das die Gilde dieser Welt? Gilde. Abenteurer. Ich muss besser aufpassen, welche Wörter mir hier herausrutschen.
„Hab ich in einem alten Buch gelesen“, sagte Sora beiläufig.
„Du liest zu viel.“ Nisho sah wieder nach vorn. „Das nächste Siegelhaus liegt in Portena, in der Provinz Tsugaya. Etwas östlich der Nordroute. Willst du dich dort registrieren lassen?“
„Ja. Wir brauchen das Geld. Aufträge sind der schnellste Weg, es zu verdienen.“
Nisho nahm die Entscheidung wortlos hin. Sie ritten im gewohnten Tempo weiter. Im gleichmäßigen Takt der Hufe wanderten Nishos Gedanken zu einem Winter, der lange zurücklag.
Das Haus Shinkuya war eine junge Baronsfamilie in zweiter Generation. Gegründet hatte es Tadao Shinkuya, ein niederer Adliger, dem der damalige König für seine militärischen Erfolge Land verliehen hatte. Tadao war noch vor Nishos Geburt gestorben. Eine Erinnerung an seinen Großvater besaß Nisho daher nicht. Das Land war an Tadaos Sohn Takeshi übergegangen, der zu jener Zeit bereits mit Suzu verlobt war. Nisho war der Zweitgeborene des Hauses. In der Rolle des verwöhnten kleinen Bruders fühlte er sich nur zu wohl, was seinem acht Jahre älteren Bruder Hajime so manches Mal Ärger einbrachte.
Es war Winter. An diesem Tag war Nisho vier Jahre alt geworden. Draußen lag Frost auf den Dächern, drinnen war das Haus Shinkuya von Wärme erfüllt. Es war kein riesiges Anwesen, doch es hob sich deutlich von den übrigen Häusern der Stadt ab.
Suzu, eine schwarzhaarige Schönheit mit katzenhaftem Blick, stand am Herd. Für diesen Abend hatte sie die Küchenhilfe nach Hause geschickt, um das Geburtstagsessen selbst zu kochen. Gebeten hatte sie niemand darum. Hinter ihr tobte Nisho mit seinem Bruder durch die Stube. Hajime war eigens für den Geburtstag von der Militärakademie heimgekehrt. Seine Uniform hatte er noch nicht einmal abgelegt.
„Nisho, pass auf, sonst stößt du dir wieder den Kopf!“, rief Hajime, während er dem kleinen Chaosbringer hinterherrannte.
„Fang mich doch! Fang mich doch!“
Nisho flitzte zwischen den Stühlen hindurch und unter dem Tisch entlang, ohne das geringste Anzeichen von Müdigkeit. Hajime folgte mit besorgter Miene. Verletzte sich der Kleine, bekäme Hajime den Ärger. So war es bisher jedes Mal gewesen.
„Mutter, was hast du ihm bloß ins Trinken gemischt? Er rennt, als hätte er Hummeln im Hintern.“
„Vielleicht war zu viel Zucker im Kuchen.“ Suzu sah über die Schulter. Sonst lag in ihrem Blick etwas Kühles, Prüfendes, doch sobald sie mit ihren Kindern sprach, wurde er warm.
Nisho schoss unter dem Tisch hervor und fuhr in die Höhe, genau unter die Tischkante. Hajime war schneller. Statt gegen das Holz stieß Nisho mit dem Kopf gegen die flache Hand seines Bruders.
Im selben Moment hörten sie, wie draußen das große Tor aufschwang.
„Das muss Vater sein!“
Beide Jungen erstarrten. Auch Suzus Schultern spannten sich an. Ein Berg von einem Mann trat durch die knarrende Holztür. Mit einem Mal wirkte die Stube kleiner. Er trug schwarze Felle und einen langen Bart. Seine Haut war wettergegerbt, sein Blick glitt prüfend über alles und jeden.
„Willkommen zurück.“ Suzu wischte sich die Hände am Küchentuch ab. Ihre Stimme klang kühl. „Wie war dein Dienst?“
„Wie immer. Diese alten Säcke haben mich stundenlang vor ihrem Besprechungsraum stehen lassen, als hätte ich nichts Besseres zu tun.“
Takeshi war direkt nach seinem Abschluss an der Militärakademie in die Leibgarde berufen worden. Als Wunderkind des direkten Kampfes war es sein vorbestimmte Schicksal. Der Posten galt als große Ehre. Seine kampflustige Natur hatte er dennoch nie zufriedengestellt. Ausgesucht hatte ihn sein Vater und Widerspruch war für Takeshi nie infrage gekommen.
„Das sind die Pflichten eines Wachhundes der Krone“, sagte Suzu. „Ich bin froh, dass du es trotzdem zum Geburtstag unseres Sohnes geschafft hast.“
Er ging zu den Kindern hinüber. So wenig man es ihm ansah, er war ein liebevoller Vater. Mit beiden Armen hob er Nisho hoch, als hielte er zerbrechliches Porzellan.
„Glückwunsch, mein Junge! Kann es sein, dass du schon wieder gewachsen bist?“, posaunte er. Vor Freude kippte seine tiefe Stimme beinahe ins Schrille. „Schau mal, was ich dir mitgebracht habe.“
Er setzte Nisho ab und legte ihm eine dunkle Robe aus feinem Stoff um die Schultern. Sie war ihm noch zu groß. Der Saum schleifte über den Boden.
„Danke, Papa!“ Nisho drehte sich im Kreis, um sich von allen Seiten zu bewundern. Seine Augen funkelten.
„Nichts zu danken. Wenn du bald auf die Akademie gehst, soll jeder sehen, dass du nicht irgendwer bist. Du vertrittst schließlich unseren Namen. Wirst du nur halb so erfolgreich wie dein großer Bruder, machst du mich unheimlich stolz.“
Hajime verdrehte die Augen, doch seine Ohren wurden etwa rot. Er hatte die Akademie früh abgeschlossen und eines Tages sollte er als General, den Namen Shinkuya zu größerem Ansehen führen.
„Lasst uns essen“, sagte Suzu und wandte sich wieder zum Herd. Aus der Pfanne schlugen Flammen. Einen Augenblick lang rührte sich die sonst so gelassene Frau nicht. Dann griff sie nach dem Deckel, verfehlte ihn und griff ein zweites Mal zu. Das Abendessen war verloren. Trotzdem brachen die anderen drei in schallendes Gelächter aus. So hatten sie Suzu noch nie erlebt.
„Dann essen wir eben Kuchen“, dröhnte Takeshi.
Ein Kribbeln im Nacken riss Nisho aus seinen Erinnerungen. Jemand beobachtete sie. Er wandte sich zu Sora um. Der hatte den Kopf bereits gehoben und nickte knapp.
Am Rand einer Lichtung, weit abseits des Weges, stand eine Gestalt in einem dunklen Mantel. Nisho blinzelte. Die Lichtung war leer, als hätte dort nie jemand gestanden.
„Hast du das auch gesehen?“, fragte Sora leise, während Hana noch immer schlief.
„Ja.“
„Ein Jäger?“
„Sah das für dich wie ein Jäger aus? Außerdem bleiben sie nicht stehen, um irgendwelche Reiter zu beobachten.“ Nisho ließ die Lichtung nicht aus den Augen. „Ab heute halten wir nachts Wache.“
Sora nickte. Sie ritten weiter. Das ungute Gefühl blieb, auch als sich die Bäume wieder über dem Pfad schlossen.
Am Abend übernahm Nisho die erste Wache. Hana schlief, eingerollt in Soras Umhang. Sora lag lange mit offenen Augen am Feuer. Irgendwann gab er es auf und setzte sich neben Nisho.
„Du warst heute nicht ganz bei dir“, sagte er.
„Ich habe nachgedacht.“
„Worüber?“
Nisho schob mit einem Stock ein Holzscheit tiefer in die Glut. „Über früher.“
Mehr kam nicht. Sora wartete. Das Feuer knackte, Nisho schwieg.
Er weicht aus. Ich kenne das Muster. Gestern Abend habe ich es selbst benutzt, Satz für Satz. Hana hat nicht lockergelassen, bis ich nicht mehr ausweichen konnte. Bei ihm wäre das Nutzlos.
„Leg dich hin“, sagte Sora schließlich. „Ich übernehme.“
„Meine Wache ist noch nicht vorbei.“
„Dann bleibe ich, bis sie es ist.“
Nisho sah ihn kurz von der Seite an. Widerspruch kam keiner. Bis zum Ende der Wache saßen sie schweigend nebeneinander und horchten in die Dunkelheit. Der Wald blieb still.
In den folgenden Nächten wechselten sie sich mit den Wachen ab. Die Gestalt tauchte nicht wieder auf.
Wenige Tage später bogen sie auf die breite Handelsstraße nach Portena ein. Als sie Portena erreichten, stand die Sonne bereits tief. Vor dem imposanten Tor stauten sich Karawanen. Menschen, Zwerge, Halbmenschen und andere Wesen warteten Seite an Seite. Manche waren nur auf der Durchreise, andere wollten sich niederlassen oder ihre Waren verkaufen. Trotz der vielen Völker blieb die Schlange friedlich und geordnet.
Hana war hellwach. Sie drehte den Kopf in alle Richtungen, als wollte sie nichts verpassen.
Diese Bestienmenschen oder Halbmenschen, wie man sie hier nennt. In der Hauptstadt gibt es sie auch, aber nur vereinzelt. Je weiter ich mich von ihr entferne, desto mehr sehe ich sie. Meiden sie die großen Städte aus freien Stücken? Oder steckt Politik dahinter? Ein Gesetz, das sie benachteiligt, ist mir nicht bekannt. Allerdings kenne ich die Geschichte dieser Welt auch nicht vollständig. Im Moment spielt es keine Rolle. Sollte ich eines Tages ein Heer brauchen, wären die körperlich überlegenen Bestienmenschen jedenfalls keine schlechte Wahl.
Neben ihnen wartete ein Wagen, hoch beladen mit Fässern. Obenauf saß ein Junge mit pelzigen, spitzen Ohren und musterte Hana. Hana musterte zurück. Nach einer Weile hob der Junge zaghaft die Hand. Hana zögerte, dann winkte sie zurück. Hinter ihr hielt Sora den Blick auf das Tor gerichtet.
Die Schlange rückte nur langsam vor. Am Tor kontrollierten zwei Wachen jeden, der hineinwollte. Als sie das Tor erreichten, begrüßte sie die linke Wache freundlich
„Abend. Nach Händlern seht ihr nicht aus. Seid ihr Gesiegelte? Dann müsste ich bitte eure Siegelnachweise sehen“
„Wir sind noch nicht registriert. Deswegen sind wir hier.“
„Verstehe. Dann meldet euch gleich hinter dem Tor am Empfang, als Besucher. Eure Waffen nehme ich so lange in Verwahrung. Ihr bekommt sie zurück, sobald ihr die Stadt wieder verlasst. Eure Pferde könnt ihr ebenfalls am Empfang abgeben. Dort werden sie für wenig Geld versorgt.“
Nisho und Sora nickten. Sie reichten ihre Schwerter hinüber und folgten den Anweisungen. Die andere Wache sah ihnen noch einige Sekunden prüfend nach.
Am Empfang wurden sie als Besucher eingetragen. Jeder erhielt eine kleine Holztafel mit seinem Namen und dem Wappen des Königreichs. Auch die Pferde gaben sie vorerst ab.
Die Kontrollen sind fast so streng wie in der Hauptstadt. Dort darf man ohne Sondergenehmigung ebenfalls keine Waffen tragen. Ich will gar nicht wissen, was passiert sein muss, dass sie auch hier so genau hinsehen. Interessanter ist etwas anderes. Die Wache hat zuerst nach unseren Ausweisen gefragt, erst danach nach den Waffen. Wenn Gesiegelte ihre Waffen behalten dürfen, ist ihr Ausweis mehr als ein Arbeitsnachweis. Dann ist er eine Erlaubnis.
Auf dem Weg zum Zentrum kamen sie an einer Wechselstube vorbei. Ein Händler zog bunte Lochmünzen von einer Schnur, der Wechsler rechnete mit gerunzelter Stirn nach. Andere Händler riefen Ihre Preise und Waren durch.
Am Ende des Marktplatzes stand ein großes Gebäude mit dem Wappen Estalias über dem Eingang. Darunter prangte in goldener Schrift: „8. Siegelhaus“.
Von außen erinnert es tatsächlich an eine alte Bank.
Innen sah es anders aus. Es roch nach Schweiß und modrigem Holz. Öllampen tauchten den Raum in warmes Licht. An langen Tischen saßen Gestalten aller Art, breitschultrige Muskelprotze neben zierlichen Leuten, die eher nach Schreibtisch aussahen. Es wurde gelacht, gestritten, mit Krügen auf das Holz geschlagen. An einer Wand hingen Zettel dicht an dicht. Sora hätte sie gern gelesen. Doch Aufmerksamkeit war das Letzte, was sie gebrauchen konnten. Also gingen sie geradewegs zum Schalter mit der Aufschrift „Anmeldung“. Hana hielt sich an Soras Ärmel fest.
„Willkommen. Was kann ich für euch tun?“ Ein elegant gekleideter Mann sah von seinen Papieren auf.
„Wir würden uns gern als Gesiegelte registrieren lassen.“
„Die Kleine etwa auch?“, fragte er in spielerischem, fast sarkastischem Tonfall.
Hana sah ihn an, als hätte er etwas sehr Dummes gesagt.
„Nein, nur wir beide. Wir brauchen schnell Geld für unsere Weiterreise.“
„Dann brauche ich eure Ausweise sowie die Laufbahn, für die ihr euch eintragen lassen wollt.“
„Welche Laufbahn?“
„Nun, wir müssen ja wissen, welche Aufträge wir euch zuweisen können. Es gibt drei Laufbahnen: Jäger, Sammler und Wächter. Die Namen erklären sich eigentlich von selbst. Bevor ihr in eine davon aufgenommen werdet, müsst ihr allerdings eine Prüfung ablegen.“
Natürlich muss es immer eine Prüfung geben.
„Wie läuft eine solche Prüfung ab?“
„Das ist so –“
Bevor er ausreden konnte, stieß jemand die Tür des Gebäudes so heftig auf, dass sie gegen die Wand krachte. Jedes Gespräch im Raum verstummte. Alle Blicke richteten sich auf den Eingang.
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