Ungerechtigkeit erschafft Chaos · Kapitel 17

Mach dir keine Sorgen

Während Sora in Gedanken noch in Erinnerungen eines vergangenen Leben ist, bringt ihn das Gefühl von Angst, schnell wieder zurück in die Realität. Erst dieses Gefühl zeigt ihm wieder, wie weit unten er noch steht und genau das frisst sich in ihm fest.

Fantasy, Psychological Drama, Tragedy, Isekai, ActionVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-10-041.926 Wörterca. 8 Min.

Während Sora in Gedanken noch in Erinnerungen eines vergangenen Leben ist, bringt ihn das Gefühl von Angst, schnell wieder zurück in die Realität. Erst dieses Gefühl zeigt ihm wieder, wie weit unten er noch steht und genau das frisst sich in ihm fest.

Die Matte gab unter ihm nach, ein leises Knarren, mehr nicht. Die Klinge, eben noch Meter von ihm entfernt, stand vor seiner Kehle still.

„Zu laut“, sprach der Meister mit rauchiger Stimme. „Wiederhole dieses Verhalten und es gibt bald zwei von dir.“

Hana war zusammengezuckt und hatte sich hinter Nisho versteckt, der im selben Moment auf ein Knie fiel.

„Verzeiht mir, Meister. Ich hätte ihn früher warnen sollen. Ich bin zurückgekehrt, um Euren Rat zu erbitten.“

„So ist das also.“ Er senkte sein Schwert und erst jetzt bemerkte Sora, dass er die Luft angehalten hatte. Während Nisho von ihrem Anliegen berichtete, stand er wie angewurzelt daneben.

Wie kann jemand so schnell sein? Das Gefühl ist nicht dasselbe wie damals bei dem roten Leibwächter des Königs. Diesmal habe ich hingesehen — mit offenen Augen, nach Jahren des Trainings — und trotzdem keine einzige Bewegung wahrgenommen, bis er vor mir stand. Dieser Mann ist das Gefährlichste, dem ich in dieser Welt begegnet bin. Jetzt verstehe ich, was Nisho meinte. Auch nach meinem Training bin ich weit unten in der Nahrungskette.

Auch Sora ging auf die Knie und senkte zum ersten Mal in diesem Leben den Kopf vor jemandem.

„Bitte nehmen Sie auch mich als Ihren Schüler an. Ich muss so stark werden, wie Sie es sind.“

Das Gesicht des Mannes blieb unter der Kapuze verborgen. Eine lange Pause folgte, dann ging er langsam und fließend zurück ans Ende des Raumes.

„Ihr beiden. Duell mit echten Schwertern. Danach entscheide ich das weitere Vorgehen.“

Nisho reichte Sora sein Langschwert, das Wappen Estalias in den Griff graviert. Er selbst zog eine Klinge aus dunklem Stahl, deren Form einem Katana aus Soras vorherigem Leben ähnelte. Dann stellte er sich ihm gegenüber. Sora nahm die Haltung ein, die er vor Jahren bei Minami gelernt hatte.

„Beginnt.“

Nisho ergriff die Initiative. Eine Serie schneller Hiebe folgte, jeder außerhalb von Soras direktem Blickfeld. Sora kam kaum hinterher, sie zu parieren.

Es brennt. Jeder Treffer, den ich abwehre, fühlt sich an, als würden mir die Arme brechen. Meine Schultern und Beine halten diese Belastung nicht lange durch. Verteidigen ist keine Option mehr. Aber wie soll ich kontern? Ich sehe keine Lücken. Seine Hiebe sind wie Nebel, der sich über einen legt.

Er stand wie eine Mauer im Sturm, die einzustürzen drohte. Seine Bewegungen wurden langsamer und Treffer ließen sich nicht länger vermeiden. Drehbewegungen und die Rüstung milderten die Wunden, doch am Ende war sein Körper mit Schnitten übersät.

„Das ist genug“, sprach der Meister schließlich. Nisho hielt mitten in der Bewegung inne. Sora blieb mit letzter Kraft auf den Beinen, um Stärke zu beweisen, doch sein schwerer Atem verriet die Erschöpfung. Er wagte es nicht, Nisho oder dem alten Mann in die Augen zu sehen. Seine Schwester kam langsam zu ihnen herüber.

„Geht es dir gut?“ Ihr Blick konnte die Sorgen nicht verbergen.

Das Adrenalin ebbte ab und Sora überdeckte den Schmerz mit einem gezwungenen Lächeln. „Das sind nur ein paar Kratzer. Mach dir keine Sorgen.“

Ihr Blick verriet, dass sie es besser wusste. Doch sie schwieg und holte stattdessen Verbände.

„Tut mir leid, falls ich es übertrieben habe.“ Nisho steckte sein Schwert zurück in die Scheide an seiner Hüfte.

„Alles im besten. Ich hätte es dir wahrscheinlich nicht verziehen, wenn du dich zurückgehalten hättest“, antwortete Sora, während Hana ihn verband. Sie hatte es ein paarmal bei ihrer Mutter gesehen, doch ihre Verbände saßen noch locker und unbeholfen. Sora störte das nicht. Ihn beschäftigte etwas anderes. Er sammelte den Magiefluss in seinen Augen und sah zu Nisho hinüber.

Von dem blassen Blau ist keine Spur geblieben. Ein dunkles Blau legt sich um ihn — dieselbe satte Tiefe wie damals bei Tenbara. Trotzdem ist etwas anders: Es fließt langsamer und wirkt dabei unruhig. Wie konnte er mich so weit übertreffen? Wenn es das außergewöhnliches Potenzial ist, von dem Tethys gesprochen hat, übersteigt es alles, was ich mir vorgestellt habe. Langsam komme ich mir wie ein Machtbesessener vor, der immer und immer stärker werden will. Nicht nur stärker als Nisho, stärker als dieser alte Mann. Irgendwie will ich an die Spitze, dieser riesigen Nahrungskette kommen.

Er sah zum Meister hinüber, um dessen Urteil zu suchen. Zu spät bemerkte er, dass sein Magiefluss noch in den Augen lag. Es traf ihn sofort. Ein tiefes Schwarz zog durch den Raum und stieß wie ein Sturm an ihm vorbei.

Was ist das für ein Gefühl? Jede Ader in meinem Körper fordert mich auf zu fliehen. Trotzdem kann ich keinen Muskel bewegen. Ist es mir wirklich bestimmt, jemanden wie ihn zu übertreffen? Selbst wenn ich ein weiteres Jahrzehnt so stetig wachse, wie in den letzten Jahren, tötet er mich noch immer mit einem einzigen Hieb. Unter tausend Versuchen sehe ich keinen, in dem ich gewinne. Ich darf nicht sein Schüler zu werden. Ich muss so weit weg von diesem Mann, wie es nur geht, sonst sterbe ich, bevor das Chaos überhaupt beginnt.

„Meister Hazen, ich kann leider nicht –“

„Du wirst nicht mein Schüler.“

Die Worte trafen Sora unvorbereitet. Er hatte haushoch verloren und trotzdem war er sich sicher gewesen, angenommen zu werden.

„Bin ich zu schwach?“

„Das ist nicht das Problem. Der Shinkai-Stil lebt von einer inneren Leere und dem Kampf nach Instinkt. Du denkst zu viel, während du kämpfst. Es würde dich nur bremsen.“

In dem alten Buch der Bibliothek stand etwas davon. Der Shinkai-Stil ist der älteste aller bekannten Kampfstile — aus einer Zeit, in der das Gesetz des Stärkeren unanfechtbar war. Anders als der Kōzan-Stil, der auf Verteidigung baut, wurde er für ein einziges Ziel geschaffen: das schnelle Töten des Gegenübers. Es ist –

„Geh in den Norden. Jenseits der Grenzen des Königreichs liegt ein kleineres Land. Dort suchst du den Chirurgen der Schatten. Er kann dich lehren, was du für dein Ziel brauchen wirst.“ Er überreichte Sora eine Schriftrolle. „Im Gegenzug für meinen Hinweis überbringst du ihm diese Nachricht. Der Inhalt ist vertraulich, also wage nicht einmal den Gedanken, sie zu öffnen.“ Dann wandte er sich Nisho zu. „Deine Lehre bei mir ist beendet. Alles Weitere lernst du nur durch das Versuchen, das Scheitern und die Erfahrung, dem Tod näher zu sein als jeder andere.“

Nach einem stummen Nicken verließen sie das Gebäude, während die Morgensonne sich über die Landschaft legte.

„Geht es dir wirklich gut?“ Nishos Blick hing an den Verbänden, länger als nötig.

„Alles in Ordnung. Ich habe dich bloß unterschätzt. Den größten Schaden hat vermutlich mein Stolz genommen.“ Sora lachte kurz, Nisho schwieg, dann sahen beide wieder geradeaus auf den Weg.


Die Sonne zog sich zurück und sie rasteten am Fuß des Berges, wo die Pferde warteten. Sora kniete an der Feuerstelle und versuchte, ein Feuer zu entfachen. Nisho durchstreifte den Wald, um zu jagen. Auf einem Baumstamm sitzend, umklammerte Hana das Lederbuch ihres Bruders. Auch sie merkte das Sora anders wirkte als sonst.

„Brüderchen?“

Seine Hände hielten kurz inne. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, seit sie ihn zuletzt so genannt hatte. Er konnte das Gefühl nicht einordnen: Es machte ihn glücklich und zugleich war es ein Speer, der sich langsam in seinen Rücken bohrte.

Er sah weiter auf die Feuerstelle und schlug den Feuerstein gegen sein Schwert. „Ja, allerliebste Schwester?“ antwortete er und wollte es mit einer sarkastischen Antwort abtun.

„Geht es dir wirklich gut? Ich weiß, dass du dir nie Schwäche anmerken lässt, aber dich beschäftigt doch etwas.“

Eine kleine Flamme legte sich auf das trockene Holz und erlosch so schnell, wie sie entstanden war.

„Es ist nichts. Mach dir keine Sorgen.“

„Du weißt, dass das nicht stimmt. Geht es darum, dass du gegen ihn verloren hast?“

„Nein. Mir geht’s super.“ Er setzte sein bestes Lächeln auf. Sie legte das Buch zur Seite.

„Das glaube ich dir nicht. Geht es darum, dass der Meister dich nicht angenommen hat?“ Sie stand auf und kam leise näher.

„Unsinn. Als würde mich so etwas stören. Vielleicht habe ich mir nur ein Fieber eingefangen und wirke deswegen etwas mitgenommen.“

Hana setzte sich neben ihn, das Gesicht ihm zugewandt, ernst und warm zugleich. Wieder sprang ein Funke auf das Holz. Diesmal breitete er sich aus und umschloss es.

„Geht es etwa um deinen Geburtstag? Bitte sag mir, was dich beschäftigt.“

„Genug!“ Soras Stimme wurde lauter, doch Hana wich nicht zurück. Die Worte kamen schneller, als er über sie nachdenken konnte. „Was weißt du schon wie –“ Er sah sie an, ihr Gesicht vom Feuer beleuchtet, doch für einen Herzschlag war es nicht seine Schwester, die er dort wahrnahm.

„M… Mutter?“ Es war kaum mehr als ein Flüstern. Die Bilder jenes Morgens stachen auf ihn ein. Er schüttelte den Kopf und redete auf sich selbst ein. „Sie sind nicht echt. Das kann nicht sein. Wieso –“

Hana nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände.

„Sie sind tot. Auch ich weiß das und wir können nichts daran ändern.“ In ihren Worten lag kein Urteil. Nur eine nüchterne Wahrheit.

„Das weiß ich selbst, aber ich konnte euch nicht schützen. Selbst wenn ich an dem Tag da gewesen wäre, hätte ich euch nicht beschützen können.“ Er merkte nicht, wie ihm Tränen über die Wangen liefen — zum ersten Mal, seit er ein Kind gewesen war. „Ich kann dir nicht einmal mehr in die Augen sehen, ohne dass die Schuld mich auffrisst. Auch du musst mich insgeheim hassen und ich könnte es dir nicht einmal verübeln. Wahrscheinlich wäre es am besten gewesen, ich wäre beim Versuch gestorben, euch zu schützen. Dann hätte ich nichts zu bereuen.“

Hana stand lautlos auf und strich ihrem Bruder sanft über den Kopf. Sora wurde still. Nicht, weil er nichts mehr sagen wollte — es war ihm nicht möglich.

„Rede keinen Unsinn. Ich könnte dich deswegen niemals hassen. Ich fände es grauenvoll, wenn du auch gestorben wärst. Insgeheim hast du immer dein Bestes gegeben, um alle zu beschützen. Niemand macht dir einen Vorwurf für das, was passiert ist. Ich kann dir Mama und Papa nicht ersetzen, aber wenn du jemanden brauchst, der sich deine Probleme anhört, werde ich immer da sein.“

Werde ich gerade ernsthaft von meiner kleinen Schwester getröstet? Wie tief bin ich gesunken. Ich muss mich zusammenreißen — und trotzdem fühlt es sich gut an. Das darf nicht passieren. Gefühle dürfen mich nicht übermannen. Einatmen. Ausatmen. Es gibt noch viel zu tun.

Das Feuerholz knackte. Er ließ den Moment noch ein paar Minuten andauern, dann erhob er sich und setzte sich neben Hana, auf den Baumstamm. Wenig später kehrte auch Nisho zurück, an den Händen getrocknetes Blut, über der Schulter einen Sack mit rohem Fleisch.

„Alles okay bei euch?“, fragte er.

„Natürlich.“, gab Sora lässig zurück. Trotz Soras noch leicht geröteter Augen fragte er nicht weiter nach.


Zur gleichen Zeit, fernab der Hauptstadt. In einer heruntergekommenen Lagerhalle saß eine dunkel gekleidete Gestalt, auf einem Stapel Kisten. Nur das schwache Licht des Mondes fiel durch die schmalen Fenster und darin tanzte träge der Staub. Am linken Bein, unter dem Stoff verborgen, trug die Gestalt einen Dolch. In der Hand hielt sie einen Briefumschlag und in der anderen dessen Inhalt. Auf dem Papier standen lediglich zwei Sätze:

„Die Mission war erfolgreich, doch jemand hat überlebt. Solange er lebt, werden die anderen folgen.“

„Mal wieder typisch für sie. Kann sie mir nicht einfach normale Aufträge geben? Warum muss es immer so kryptisch sein?“ Sichtlich genervt schüttelte die Gestalt den Kopf. „Naja, was solls. Wenn ich schon, wie ein Hund schufte, sollte ich wenigstens Spaß dabeihaben.“

Sie entzündete den Brief und schwang sich den schwarzen Mantel um. Als sie die Halle verließ, fiel das Mondlicht auf die vierblättrige Blüte auf dem Stoff.

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