Auf dem Weg zu Nishos Meister, kommen Sie in die erste Siedlung, außerhalb der prachtvollen Hauptstadt. Alles wirkte anders und das konnte Sora nicht einordnen, vielleicht wiederholt später deswegen auch alte Fehler.
Die Sonne fiel in dünnen Streifen durch das Laub, und Sora sah alles. Jeden Busch, der raschelte. Jedes Tier, das sich am Rand des Sichtfelds bewegte. Er brauchte keine Sekunde, um zu entscheiden, ob etwas eine Gefahr war oder nur der Wald.
Nisho suchte ebenfalls. Er suchte nicht das Gefährliche, sondern das Ruhige.
Vor ihm knurrte etwas leise. Hana zog die Schultern hoch und tat, als hätte sie es nicht gehört. Sora wusste, woher das Geräusch kam.
„Wir machen Pause.“
Sie hielten an einem schmalen Bach. Hana setzte sich auf einen umgestürzten Stamm, während die Pferde ans Wasser geführt und angebunden wurden. Sora brach das Brot, gab ihr das größere Stück und setzte sich daneben.
„Alles in Ordnung? Du bist angespannter als sonst.“
„Naja.“ Sie drehte das Brot in den Händen „Es ist ungewohnt, so weit weg zu sein.“
„Das kenne ich. Als ich in die Akademie gezogen bin, hat es sich auch lange falsch angefühlt. Ich habe oft gedacht, ich gehöre nicht dorthin.“
Das ist nicht die Wahrheit. Es war ungewohnt, mehr nicht. Es hat mich nie gestört, weil zu Hause Menschen auf mich gewartet haben. Wenn ich ihr das sage, hört sie nur den zweiten Teil.
Sora sah in den Bach. Seine Schwester sah ihn an, mit demselben forschenden Blick, den sie schon als Säugling gehabt hatte.
„Und fühlst du dich jetzt am richtigen Ort?“
Er brauchte einen Moment. Sie hatte nichts getan, als seinen eigenen Satz zurückzugeben, und trotzdem traf ihn die Frage unvorbereitet.
„Diesen Ort gibt es nicht mehr.“ Er sah sie wieder an. „Ich weiß nicht, ob ich noch einmal so einen bekomme. Um dorthin zu kommen, muss ich meine Pflichten erfüllen, und eine davon ist die eines großen Bruders.“ Er legte ihr die Hand auf ihren Kopf. „Wenn dich etwas bedrückt, sag es mir. Dann finde ich eine Lösung.“
Es war eine Geste, die älter war als jede Sprache, genau deshalb wirkte sie. Hana nickte und vergaß für einen Moment das, was gewesen ist.
Nisho stand an einen Baum gelehnt und sah zu.
Ich beneide ihn und genau dafür hasse ich mich. Er hat noch etwas, wofür er lebt. Jemanden, den er beschützen muss. Doch er hat auch etwas um was ich ihn bedaure. Bsi auf seine Familie, sieht er alle Menschen nur als Objekte, die er benutzen muss. Warum vertraut er niemanden, der nicht sein Blut teilt. Wenn ich meine Rache vollendet habe, bin ich eine leere Hülle, die ihren Zweck erfüllt hat. Werde ich dann auch nur eine Spielfigur auf seinen Schachbrett sein? — Beschütze, was dir geblieben ist, Sora. Beschütze es, und ich werde die Klinge sein, die dich schützt. Das ist der richtige Weg.
Sie brachen wieder auf, und der Bach verschwand zwischen den Bäumen. Die Stunden vergingen. Das Licht wurde rot und verabschiedete sich am Horizont.
„Hier schlagen wir das Lager auf“, rief Nisho an einer Lichtung, wo der Wald sich öffnete.
Er legte eine dünne Plane, auf den moosigen Boden, eine zweite darüber befestigte er mit Stöcken. Mehr Komfort als zwei Decken bot die Konstruktion nicht. Sie einigten sich darauf, abwechselnd Wache zu halten, und entzündeten ein kleines Feuer.
Während der Nacht kamen niederrangige Monster aus dem Unterholz, und jedes Mal war es lautlos vorbei, bevor Hana wach wurde.
Am nächsten Mittag erreichten sie ein Dorf. Kinder liefen lärmend zwischen den Häusern, Menschen in schlichter Kleidung trugen Krüge und Bündel über die Wege. Nichts daran erinnerte an die pompöse Hauptstadt.
„Mehr als die Hälfte haben wir hinter uns“, sagte Nisho, als sie vor einem kleinen Gasthaus standen. „Wir sammeln jetzt Kräfte. Morgen reiten wir ohne Pause durch.“
Drinnen roch es angenehm nach altem Holz. Einfache Möbel und ein sauberer Boden zierten den Raum. Eine ältere Frau war hinter dem Tresen und begrüßte sie mit einem Lächeln.
„Willkommen, ihr Reisenden. Was kann ich für euch tun?“
„Ein Zimmer für heute und die Nacht, wenn Ihr eines habt.“
„Ich sehe nach.“ Sie blätterte in einem großen Buch und hob den Kopf. „Eines mit zwei Betten ist frei. Frühstück kann ich euch leider nicht anbieten, mein Mann ist zurzeit ans Bett gefesselt. Reicht euch das?“
„Das reicht.“ Nisho legte eine Hundert-Siegel-Münze auf den Tresen.
Sie nahm sie, schrieb etwas in das Buch und gab ihnen den Schlüssel. Danach gingen sie wieder hinaus, um etwas zu essen zu besorgen.
Ein Zimmer für einhundert Siegel. In der Hauptstadt bekommt man damit nicht einmal ein Bett. Entweder ist es wie damals, wo alles teurer wurde, je näher man dem Stadtzentrum kam, oder hier hat schlicht niemand das Geld, dass man mehr verlangen kann. Die Kinder auf der Straße sehen nicht aus, als wüssten sie davon. Vielleicht ist es eine Maske. Vielleicht ist es auch nur so, dass Armut von außen anders aussieht als von innen. Ändern kann ich hier ohnehin nichts. Ich muss mich erstmal auf das Wichtige konzentrieren.
Nicht weit vom Gasthaus fanden sie einen Bäcker mit Broten und Süßgebäck in der Auslage. Hanas Augen wurden groß, und obwohl sie sich sichtbar zusammenriss, lief ihr das Wasser im Mund zusammen. Sie sah zu ihrem Bruder auf, mit einem Blick, vor dem selbst ein Dämonenkönig eingeknickt wäre.
„Kann ich bitte so einen Keks haben?“
Ein halbes Brot, gegen ein Stück Gebäck und der Preis verzehnfacht sich fast. Es ist noch eine Zeit, in der Zucker Luxus ist. Nisho und ich haben unser Erspartes zusammengelegt. Ich sollte es nicht für etwas ausgeben, das nicht richtig sättigt.
Trotzdem sah Sora unbewusst zu Nisho, welcher kurz nickte, wodurch Sora schlussendlich nachgab.
Sie deckten sich mit Brot und einfachen Aufstrichen ein, danach kehrten sie zur Unterkunft zurück. Hana aß ihren Keks unterwegs, und man sah ihr jeden Bissen an.
„Sora? Was sind das für Stücke da drin? Die schmecken nicht süß.“ Sie hielt ihm den Keks hin, und er brach eine Ecke ab.
„Erdnüsse.“
„Erdküsse?“
„Erd-nüsse. Sie wachsen im Boden, wie Kartoffeln. Daher der Name — Nüsse aus der Erde.“ Er gab ihr den Keks zurück. „Sie sind gesund. Wenn wir wieder in der Stadt sind, kaufe ich dir einen ganzen Beutel davon.“
„Das ist ein Versprechen“, sagte sie mit vollem Mund, als hätte sie damit einen Vertrag geschlossen.
Im Gasthaus strich Sora Brot für alle. Keine warme Mahlzeit, aber immerhin etwas anderes als das trockene Brot der letzten Tage. Nach dem Essen gingen sie hinauf. Die Betten waren frisch bezogen und rochen schwach nach Wasser und Gräsern, zwischen ihnen brannte eine Kerze auf dem Tisch. Hana legte sich sofort in das linke Bett. Sora setzte sich daneben und verharrte da, bis sie eingeschlafen war. Nisho hatte sich schon vorher abgemeldet, um trainieren zu gehen.
Er ließ sich auf das rechte Bett fallen, vorsichtig, um sie nicht zu wecken. Die Erschöpfung und Müdigkeit holten ihn ein, bevor er die Kerze ausblasen konnte.
Auch in dieser Nacht kamen die Träume. Rauch und Eisen. Schreie, die er nie gehört hatte. Vermummte Gestalten, die ihre Tat zu genießen schienen.
Er wachte schweißnass auf. Hana schlief noch. Die ersten Strahlen fielen schräg durch das Fenster auf die Dielen in der Mitte des Raums.
Ich muss etwas gegen diese Albträume tun. Sonst werde ich nie wieder erholsamen Schlaf haben.
Er hinterließ ihr eine Nachricht und ging hinaus, um eine Runde laufen zu gehen und den Kopf leer zu bekommen. Vor der Tür traf er Nisho. Der war erschöpft, und seine Kleidung hatte grüne Flecken, wovon manche noch langsam trockneten.
„Ist das dein Training? Monster im Wald jagen?“
„Ich habe genug Hiebe in die Luft geschlagen. Ich brauche Erfahrung. Wenn ich dafür jagen muss, sollen sie mein Nährboden sein.“
„Und wann erholst du dich? Ohne Pause bricht dein Körper irgendwan zusammen.“
Nisho ging an ihm vorbei und sagte: „Ich verlasse mich darauf, dass ich auf dich zählen kann. Falls es je so weit kommt.“
Dann war er weg. Zurück blieben der stechende Geruch von Schweiß und das Gewicht von seinen Worten.
Als Hana wach war, gewaschen und satt, brachen sie auf. Am Tresen legte Nisho im Vorbeigehen zwei weitere Hunderter neben das große Buch.
„Danke für Ihre Mühen. Ich hoffe, es geht Eurem Mann bald besser. Richtet ihm gute Besserung aus.“
„Vielen Dank, junger Herr. Möge Suiton euch auf eurer Reise beschützen.“
Sie ritten ohne Pause nach Osten. Als die Sonne bereits untergegangen war, erreichten sie den Fuß eines Bergpfads. Die Pferde waren an ihrer Grenze, so ausdauernd sie auch gezüchtet wurden. Sora stieg ab und gab ihnen Wasser, als auch etwas Futter.
„Zu fuß, sind es von hier sind es nur noch ein paar Stunden bergauf. Schaffst du das?“
Sora nickte.
Sie verteilten das Gepäck auf die Pferde. Sora trug seine Schwester, welche sich um seinen Rücken klammerte. Nisho hielt die Zügel und ging voran, während er in Erinnerung schwelgte.
Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Pfad rauf und runter gelaufen bin. Er war meine persönliche Hölle, und genau deshalb hat er mich stärker gemacht. Ob Sora je etwas Vergleichbares hinter sich hat. Ich kann es mir vorstellen — vermutlich hat er es in voller Ausrüstung gemacht und dabei noch gelächelt. Auch diesen Gedanken hasse ich. Soll ich den Meister wirklich mit solchen Anliegen behelligen? Wenn irgendjemand eine Antwort hat, dann er. Vielleicht nimmt er Sora sogar als Schüler des Shinkai an.
Als das Blau über den Gipfeln langsam heller wurde, erreichten sie einen gepflasterten Hof. Die Gebäude erinnerten Sora an traditionelle japanische Anwesen — dunkles Holz, weit vorgezogene Dächer, kein Zierrat. Sie folgten dem Weg bis zu einem großen Bau.
Drinnen war es fast dunkel. Nur ein paar Kerzen spendeten Licht. Dünne weiße Wände, helles Holz, Tatami auf dem Boden. Der Raum roch nach Stroh und Anstrengung, und für einen Moment war Sora nicht hier, sondern in einer Trainingshalle, aus einem Leben, das nicht mehr existierte.
Am anderen Ende kniete ein Mann in Schwarz, mit langem, silbernem Bart. Eine Kapuze verdeckte sein Gesicht. Er führte sein graues Schwert so langsam, dass es keine Übung mehr war. Eine Meditation, in der eine Klinge nur zufällig vorkam.
Sora zog aus Gewohnheit seine Schuhe aus und trat auf die Matten.
„Geh nicht näher. Warte, bis er dich bemerkt“, warnte Nisho, aber Soras Neugier war schneller als seine Vorsicht. Er machte einen Schritt zu viel und fand sich in einer Situation wieder, die er bereits kannte. Denselben Fehler hatte er schon einmal gemacht.
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