Ungerechtigkeit erschafft Chaos · Kapitel 15

Der erste Schritt

In einer dunklen Bibliothek erhält Sora seine Antworten, jedoch werfen sie nur mehr Fragen auf. Ihr weiteres Vorgehen muss durchdacht sein, denn jeder Fehler kann ihnen alles Kosten.

Fantasy, Psychological Drama, Tragedy, Isekai, ActionVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-09-131.684 Wörterca. 7 Min.

In einer dunklen Bibliothek erhält Sora seine Antworten, jedoch werfen sie nur mehr Fragen auf. Ihr weiteres Vorgehen muss durchdacht sein, denn jeder Fehler kann ihnen alles Kosten.

Die Morgensonne fiel durch das schmale Fenster und legte sich auf Soras Gesicht. Er öffnete langsam die Augen und der erste klare Gedanke des Tages war ein Schmerz zwischen den Schulterblättern. Der Rücken hatte sich gemerkt, was der Kopf vergessen hatte: dass man im Sitzen nicht schläft.

Er richtete sich auf und streckte sich, bis es in der Wirbelsäule knackte. Das Bett neben ihm war leer, die Decke zurückgeschlagen.

Er fand sie im Speiseraum. Hana saß über einer Schüssel, Nisho ihr gegenüber. Sie sprachen nicht, aber sie saß nicht mehr am äußersten Rand der Bank, und als Nisho nach dem Krug griff, zuckte sie nicht zurück. Der Abstand zwischen ihnen war um eine Handbreit geschrumpft. Sora nahm sich ein Stück Brot und setzte sich dazu.

„Guten Morgen. Wie hast du geschlafen?“

„Es ging.“ Sora biss ab. „Mein Rücken hat eine andere Meinung dazu.“ Er wandte sich an seine Schwester. „Und du?“

Hana schlürfte einen Löffel Suppe. Sie sah ihn dabei an, über den Rand hinweg. „Ich habe von Mama geträumt.“ Eine Pause. „Sie hat sich anders angehört als sonst.“

„So.“ Sora hielt das Brot ruhig in der Hand und lächelte, als hätte er verstanden.

Nisho sah zwischen ihnen hin und her und sagte nichts.

„Ich muss los.“ Er stand auf, und der Stuhl scharrte über den Stein. „Herr Tenbara wartet.“

Er ging zu den Büroräumen der Ausbilder, um einzulösen, was er versprochen hatte.


Der alte Übungsplatz lag im Vormittagslicht, und Daichi wartete schon. Er kam ihnen entgegen, und Hana trat einen halben Schritt hinter ihren Bruder.

„Hallo ihr beiden. Bist du wieder zum Training hier?“ Daichi beugte sich an Sora vorbei und ging dabei in die Knie. Es machte ihn nicht viel kleiner, aber weniger bedrohlich. „Du musst Soras Schwester sein. Er hat mir viel von dir erzählt. Ich bin Daichi.“

„Hana.“ Sie kam ein Stück aus dem Schatten hervor. Nicht weit.

„Freut mich.“

Sie setzte sich auf die Bank am Rand des Platzes, zog die Knie an und sah zu.

Sie duellierten sich, wie sie es Dutzende Male getan hatten. Es war für Sora kein Trost, jedenfalls keiner, der über den Abend hinaushielt.

Es war nicht meine Schuld. Das weiß ich. Und trotzdem sucht ein Teil von mir die Schuld bei mir, und dieser Teil ist lauter. Das ist doch Unsinn. Aus Schuld folgt nichts, was ich gebrauchen kann. Ich brauche zwei Dinge: Wissen, wer sie sind, und Stärke, um sie aufzuhalten. Selbst Vater hatte keine Chance gegen sie. Kann ich überhaupt etwas tun?

Der Hieb kam von der Seite und traf ihn unter die Rippen. Sora ging in die Knie, mehr überrascht als verletzt.

„So etwas hätte dich sonst nicht erwischt.“ Daichi ließ das Schwert sinken.

Sora rappelte sich auf und nahm wieder Haltung an. „Entschuldige, ich muss dich wohl ernster nehmen.“

„Das verletzt mich jetzt ein bisschen.“ Daichi zog eine gekränkte Miene. „Habe ich in letzter Zeit so nachgelassen?“

„Eher das Gegenteil, sonst müsste ich mich nicht anstrengen“

Daichi verstand und lachte kurz, dann fuhren sie fort.


Am Abend saßen sie wieder zu dritt am Tisch.

„Ist alles glattgegangen?“, fragte Sora.

„Ja. Sie haben zwei Generäle einberufen, die in der Nähe stationiert sind. Wir haben über das weitere Vorgehen beraten.“

„Und warum war ich nicht dabei?“

„Weil ich dir das Geplänkel mit den alten Säcken ersparen wollte.“ Nisho schob den leeren Teller von sich. „Komm nach dem Essen in die Bibliothek. Da sage ich dir alles.“

Sora nickte einmal.

Er brachte Hana ins Bett und blieb sitzen, bis ihr Atem ruhig war.


Die Bibliothek war ein kleiner, dunkler Raum, in dem Sora unzählige Abende verbracht hatte. Erst, um zu verstehen, wie diese Welt funktionierte, später, um zu verstehen, wie man strategisch Kriege führt. Die Regale reichten bis zur Decke und standen an den Wänden wie eine Mauer, die nur denen nachgibt, die bereit sind, sich durchzuarbeiten.

Am Ende des Raumes war ein hohes Fenster, und das Mondlicht fiel als breiter Streifen auf den Tisch. Nisho stellte eine Öllampe darauf, und die Flamme fraß das dunklere Licht auf. Er setzte sich Sora gegenüber, der bereits ein Buch aus dem Regal gezogen hatte und darin las, als wäre es etwas, worauf er lange gewartet hatte.

„Aki Kikon.“ Nisho brach das Schweigen. „Den Namen wirst du wohl nicht vergessen haben.“

Sora hob den Kopf vom Buch. Im Licht der Lampe war sein Gesicht zur Hälfte in Dunkelheit gehüllt. „Als könnte ich das. Wer sind sie wirklich?“

„Was ich dir gesagt habe, stimmt. Sie sind exklusive Söldner. Ohne Niederlassung, ohne Herren. Sie nehmen Aufträge von hohen Adeligen und Königshäusern, ohne Loyalität. Wer die Schützer des eigenen Landes umbringt, hat aufgehört, sich solche Fragen zu stellen.“

„Dann locken wir sie.“ Sora klappte das Buch zu. „Ein gefälschter Auftrag, an einen Ort unserer Wahl und genug Männer. Wir laden sie ein und lassen sie nicht wieder gehen.“

„Zu einfach.“ Nisho schüttelte den Kopf, ohne Spott. „Wir zwei haben gegen einen Einzelnen von ihnen kaum eine Chance. Selbst mit der Armee im Rücken wäre ein Sieg nicht sicher. Sie sind vier.“

Sora hielt inne. „Nur zu viert?“

„Lass dich von der Zahl nicht täuschen. Niemand weiß, wie sie aussehen, weder ihre Gesichter, Namen, noch das Geschlecht. Jeder der sie zu Gesicht bekommen hat, lebte nicht lange genug, um darüber zu Erzählen. Selbst ihre Auftraggeber sehen nur Vermittler. Wenn du eine Falle stellst, stellst du sie vielleicht einem Doppelgänger.“

Sora sagte nichts. Er drehte das Buch in den Händen, ohne es anzusehen.

„Es gibt Gerüchte.“ Nisho schob die Lampe ein Stück zur Seite. „Sie könnten uns nützen. Die Blüte auf ihren Mänteln hat vier Blätter, eins für jedes Mitglied. Die Spitzen sind verschieden gefärbt, und die Farben folgen angeblich der Aurawahrnehmung.“

„Meinst du damit etwa die Farben, welche wir um andere Menschen sehen können?“

„So heißt es.“ Nisho nickte. „Die rote Blüte soll körperlich jenseits von allem sein, was du dir vorstellen kannst, und sie sucht den Kampf etwas zu gern. Das ist eine Schwäche, wenn du sie zu nutzen weißt. Die blaue setzt alles auf Geschwindigkeit und soll vorwiegend für Spionage und kleinere Attentate eingesetzt werden. Sie soll denken, während sie kämpft, was sie gefährlicher macht als die anderen und gleichzeitig umso berechenbarer. Die grüne hat beides Magie und einen Körper, den nichts durchdringt. Sie hält sich für unzerstörbar und das müssen wir gegen sie verwenden.“

„Und die vierte?“

„Gelb. Über sie weiß niemand etwas. Nur die Farbe. Sie soll Magie nutzen, wie kein anderer“ Nisho lehnte sich zurück, und sein Gesicht verschwand aus dem Lichtkreis, in das schwache Restlicht, das die Flamme hergibt. „Das ist alles.“

Vier Gerüchte, von denen drei nach Prahlerei klingen. Wieso weiß man aber so wenig über die gelbe Blüte. Unsichere Informationen sind gefährlicher als fehlende. Wer nichts weiß, ist vorsichtig. Wer das Falsche weiß, ist zuversichtlich. Ich muss aus jedem dieser Gerüchte das Wenige ziehen, das sich nachprüfen lässt, und den Rest wie Gift behandeln.

„Und was tun wir jetzt?“ In Soras Stimme war etwas, das man keiner einzelnen Emotion zuordnen konnte.

„Um sie zu jagen, müssen wir stärker werden. Viel stärker.“

„Also trainieren wir brav, während sie weiter morden.“ Er legte das Buch auf den Tisch, und es klang lauter, als er wollte. „Das kann nicht der einzige Weg sein.“

„Hast du einen anderen?“

Nisho sagte es ruhig, ohne Schärfe, ohne Urteil. Sora suchte. Er suchte in allem, was er gelesen hatte, in jeder Aufstellung, jeder Belagerung, jedem Lehrsatz über Zahlen, Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten. Er suchte nach dem Zug, der die Rechnung drehte.

Er fand ihn nicht. Seine Informationen reichten nicht aus, um auf ein Ergebnis über null zu kommen.

„Nein.“ Er senkte den Blick. „Habe ich nicht.“

Die Flamme in der Lampe stand still. Draußen zog eine Wolke vor den Mond, und der Raum wurde eine Spur dunkler.

„Dann hör mir zu.“ Nisho beugte sich vor, zurück ins Licht. „Ich habe nicht vor, hier zu sitzen und zu warten, bis wir von allein stark genug sind. Dafür haben wir nicht die Zeit. Es gibt einen Mann, der vielleicht weiß, wie man gegen so etwas kämpft. Er lebt weit im Osten. Ich weiß, wie wir zu ihm kommen.“

„Wer soll das sein?“

„Mein Lehrer.“ Nisho sprach es aus wie eine Tatsache und nicht wie ein Angebot. „Meister Hazen.“

Sora sah ihn an und suchte in seinem Gesicht nach dem, was fehlte.

„Wieso hast du bisher noch nicht von ihm erzählt?“

„Weil es keinen Anlass dafür gab.“ Nisho stand auf. Sein Schatten fiel groß, über die Regale hinter ihm. „Wenn er dich ansieht und beschließt, dass du seine Zeit nicht wert bist, schickt er dich weg, und dann war die Reise umsonst. Ich kann dir nichts versprechen. Ich kann dir nur den Weg zeigen.“

Sora blieb sitzen. Die Lampe brannte weiter, und in ihrem Licht rechnete er.

Ein Mann, den er verschwiegen hat. Ein Weg, an dessen Ende jemand steht, der uns vielleicht wegschickt. Die andere Option ist: hierbleiben, üben und warten, bis wieder jemand stirbt. Es ist keine Wahl. Das ist eine Rechnung mit nur einem Ergebnis.

„Wie weit?“

„Mit Pferden brauchen wir drei Tage.“ Nisho ging zur Tür. „Tenbara wird sie uns geben. Wir werden ihn dafür weiterhin mit Informationen versorgen.“

„Und was ist mit Hana?“

„Sie hat sich doch schon entschieden.“ Nisho öffnete die Tür, und der Gang dahinter war schwarz. „Du warst dabei.“

Sora machte die Lampe aus. Das Mondlicht kam zurück und legte sich über den Tisch, über das Buch, das er nicht zu Ende gelesen hatte. Er stellte es zurück ins Regal, an seinen alten Platz.


Sie brachen zwei Tage später auf.

Ragyou stand am Tor und sagte nichts von dem, was ein Ausbilder sagt. Er reichte Sora die Zügel, und einen Moment lang hielt er sie noch fest.

„Passt auf euch auf.“

„Werden wir.“

„Und wehe, einer von euch kommt nicht heil zurück.“

Hana saß vor Sora im Sattel und hielt sich an der Mähne fest. Ihr Bündel war klein. In ihrer Jackentasche steckte das Buch.

Nisho ritt voraus, ohne sich umzusehen, und in der Straße vor ihnen stieg langsam die Sonne auf.

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