Ein Kampf und eine Feier. Ungewöhnlich. Es gibt eine ungeschrieben Regel: Geburtstage verbringt man mit seiner Familie und den Menschen, die man liebt. Soras Geburtstag war keine Ausnahme und er wird sich noch lange daran Erinnern.
Es war kein Kampf, den Tenbara da ankündigte, sondern eine Reihe von Demonstrationen und das wurde klar, lange bevor Sora an der Reihe war.
Der erste Rekrut lag im Staub, ehe er recht zum Schlag ausgeholt hatte. Der zweite wurde in der ersten Bewegung entwaffnet, seine Klinge schlitterte klirrend an Tenbaras Rüstung ab. Der dritte hielt sich tapfer eine halbe Minute und lag danach quer im Sand, Arme und Beine von sich gestreckt wie eine Marionette, der jemand die Fäden durchschnitten hatte. Einige sahen darin eine Prüfung. Andere eine Demütigung. Sora sah etwas anderes, weil er, anders als auf dem Podest, diesmal hindurchsehen konnte.
Rot. Ein sattes, tiefes Rot, dunkel wie alter Wein und groß — so groß, dass es beinahe nicht um ihn herumsteht, sondern den Übungsplatz bedeckt, wie seine Präsenz selbst. Ich weiß noch nicht genau, was jede Schattierung bedeutet. Aber ich muss es nicht wissen, um zu spüren, was diese Aura mir sagt: Hier ist jemand, der seine Stärke nicht geerbt, sondern erkämpft hat.
Als sein Name fiel, trat Sora auf das Feld. Die Stille um ihn herum war fast respektvoll — oder mitleidig. Man konnte es nicht recht auseinanderhalten.
„Du bist der Sohn von General Takafushi, richtig?“ Tenbara musterte ihn ohne Eile. „Ich bin gespannt, ob du auch etwas taugst oder ob dein Name das einzig Beeindruckende an dir ist.“
„Ich schätze, das finden wir gleich heraus.“
Tenbara hob eine Braue. Sora nahm Haltung an. Dann begann es.
Soras erste Bewegung war präzise und schnell, ein sauberer Stoß nach vorn, der den Ausbilder aus dem Gleichgewicht bringen sollte. Tenbara bewegte sich kaum. Ein halber Schritt zurück, eine winzige Drehung des Handgelenks und der Schlag verpuffte, als hätte es ihn nie gegeben.
Der Konter kam sofort. Ein einfacher Schwung von oben, nicht schnell, aber mit solcher Wucht, dass Sora mit beiden Händen blocken musste und trotzdem fast in die Knie ging. Er wich zur Seite, nutzte die Drehung für einen tiefen Hieb und diesmal kam er durch — beinahe. Tenbara parierte mit dem Unterarm und setzte einen Schulterstoß hinterher, der Sora über den Boden schlittern ließ.
Tenbara grinste, ohne dass es Anstrengung verriet. „Talent. Hübsch anzusehen, Kleiner. Ich hatte auch Talent — und es hat mir keinen einzigen Kampf gewonnen. Das hier“, er hob die freie Hand, schwielig, vernarbt, „das habe ich mir geholt. Stück für Stück. Talent verliert gegen einen, der sich seine Stärke erarbeitet hat.“
Sora war wieder auf den Beinen, die Atmung ruhig, der Blick geschärft. Er wusste, dass er unterlegen war. Aufgeben stand nicht zur Wahl. Er setzte eine Kombination an, drei schnelle Angriffe — der erste Hieb wurde geblockt, dem zweiten Schlag wich Tenbara aus, den dritten fing er mit der bloßen Hand.
„...Was?“
„Ich sag’s ja.“ Er packte Sora am Kragen. „Talent reicht nicht.“ Ein technisch makelloser Wurf legte den Jungen auf den nachgiebigen Bogen. Nichts Brutales lag darin. Nur ein klares Signal: Hier endet es.
Verloren. Erwartbar — er ist in Erfahrung, vierzig Jahre und einen Krieg über mir, daran ist heute nichts zu ändern. Aber ich habe seine Aura gesehen, dieses satte, schwere Rot und ich habe etwas verstanden, das mir kein Stärkemaß je hätte sagen können: Das ist kein angeborenes Geschenk. Das ist erarbeitete Kraft, Schicht um Schicht, bis sie so dunkel wurde. Was ein Mann sich erarbeitet hat, kann ein anderer sich auch erarbeiten. Nicht heute. Nicht in einem Jahr. Aber dieser Mann steht am Ende einer Treppe, die ich erklimmen werde, Stufe für Stufe, bis ich oben neben ihm stehe und er aufhört, „Kleiner“ zu sagen. Niederlagen sind nur Lektionen, die man sich nicht ausgesucht hat.
Ein Jahr verging.
In diesem Jahr tat Sora, was er immer tat: Er stieg auf, vom Namenlosen unter Hunderten zu einem, den die Ausbilder bei ihren Besprechungen erwähnten, und die anderen Rekruten mit einer Mischung aus Bewunderung und Abstand betrachteten — und der nicht vorhatte, dort stehenzubleiben. Mit vierzehn Jahren zählte er zu den Elite-Rekruten der Militärakademie — und an einem Morgen im Frühling nahm er sich zum ersten Mal seit Wochen ein paar freie Stunden, denn es war sein vierzehnter Geburtstag und es gab einen Ort, an dem dieser Tag etwas bedeutete.
Kaum hatte sich das alte Zauntor geöffnet, hörte er schon die Schritte.
„Da ist er!“ Mitsu kam um die Hausecke geschossen, sieben Jahre alt und in voller Lautstärke. „Der Geburtstags-Oni ist da!“
„Willkommen zurück“, sagte Hana, die langsamer kam, leiser und doch war in ihrer Stimme ein Stolz, der nicht zu übersehen war. Sie war in dem Jahr gewachsen, beide waren sie das, aber trotzdem wirkte sie ihren Bruder immer voraus.
„Nicht einmal fünf Sekunden im Haus und schon wirst du überfallen.“ Hokori erschien in der Tür, die Hände an der Schürze abwischend und in ihrem Lächeln lag die ganze Wärme eines Hauses, das ihn vermisst hatte.
„Ich sag’s ja immer“, kam Meiyos Stimme von drinnen, tief und zufrieden. „Der Junge wird hier mehr vermisst als das Abendessen.“
Ein Jahr Akademie. Ein Jahr Drill, Hierarchie, kalte Quartiere, Männer, die mich nach Nützlichkeit messen. Dann öffnet sich dieses Tor und es ist, als hätte die Zeit hier drinnen einfach gewartet, bis ich wiederkomme. Ich verstehe es immer noch nicht ganz. Ich höre nur auf, es verstehen zu müssen, sobald ich durch dieses Tor gehe.
In der Küche duftete es nach Kuchen und der Kuchen war, wie sich herausstellte, ein Gemeinschaftswerk der Zwillinge, was man sah und, schlimmer noch, schmeckte.
Sora kaute vorsichtig, hielt inne, kaute noch vorsichtiger. „Ist das… Eierschale?“
„Extra knusprig!“, verkündete Mitsu mit dem Stolz eines Bäckers, der seine geheime Zutat enthüllt.
„Ich hab gesagt, er soll die Eier trennen“, murmelte Hana, das Gesicht halb hinter den Händen. „Nicht zertrümmern.“
„Er ist großartig“, Sora schluckte tapfer. „Das Beste, was ihr je gemacht habt.“
Mitsu strahlte. Hana sah ihn an, prüfend, mit jenem Blick, der zu viel verstand für ein Kind ihres Alters und für einen Moment war Sora sicher, dass sie die Lüge durchschaute. Aber sie sagte nichts. Sie lächelte nur, ein kleines, wissendes Lächeln und ließ ihm die Höflichkeit.
Nach dem Essen schoben ihm die beiden ein kleines Paket über den Tisch, ungleich gewickelt, mit zu viel Schnur und einem Doppelknoten, an dem Sora eine Weile arbeiten musste.
Darin lag eine Kette. Handgemacht, das Band aus geflochtener Schnur und daran ein einzelner, glattgeschliffener Stein, in blauer Farbe, mit einer feinen helleren Maserung, die darin verlief, wie ein eingefrorener Fluss.
„Der Stein kommt von unserem Lieblingsort“, platzte Mitsu heraus. „Hinter dem Hügel, wo der Bach ist! Da liegen tausend Steine, aber das ist der beste!“
„Ich hab ihn ausgesucht“, sagte Hana leise. Sie sah dabei nicht Mitsu an und nicht den Kuchen, sondern Sora, direkt, als wäre dieser eine Satz wichtiger als alles andere an diesem Tag. „Aus allen. Ich hab lange gesucht. Er hat mich an dich erinnert.“
„Wieso an mich?“, fragte Sora und die Frage kam, bevor er sich Gedanken gemacht hatte.
Hana dachte nach, ernsthaft, wie sie alles tat. „Er ist glatt und ruhig, aber wenn man ihn gegen das Licht hält, ist innen drin etwas, das man von außen nicht sieht.“
Für einen Moment sagte Sora nichts. Er hielt den Stein gegen das Fenster und tatsächlich, in dem blauen Rund fing sich das Licht und zeigte die helle Maserung tiefer, als sie von außen gewirkt hatte.
Sie ist sieben. Sie hat kein Wort dafür, was sie da sagt und sie sagt trotzdem die genaueste Sache, die je jemand über mich gesagt hat. Dieses Kind hat einen Stein in einem Bach gefunden, der es für sie tut. Ich sollte erschrocken sein, so gesehen zu werden. Ich bin es nicht. Bei ihr ist es kein Durchschauen. Es ist etwas anderes.
„Sie ist perfekt.“ Er legte sie sich um. „Ich nehme sie überallhin mit. Versprochen.“
Zurück an der Akademie war von Geburtstagen und Wärme keine Spur.
Hier galt eine andere Währung. Wer am Morgen als Erster auf dem Übungsplatz stand und als Letzter ging, wer die Drills überstand, ohne zusammenzubrechen, wer im Zweikampf nicht nur gewann, sondern so gewann, dass es die Ausbilder in ihre Notizen schrieben — der stieg. Alle anderen blieben, wo sie waren, oder gingen freiwillig. Sora stieg und das blieb nicht unbemerkt. Aufmerksamkeit, das hatte er auch hier gelernt, hatte immer zwei Gesichter.
Eines davon gehörte einem Rekruten namens Daichi.
Daichi war groß, breit in den Schultern. Er hatte die schwieligen Hände und Sonnenbräune eines Jungen, der nicht aus einem Haus mit Wappen kam, sondern aus einem mit Feldern. Er war durch reine Arbeit hierhergekommen, durch Jahre, in denen er morgens half und abends übte und er trug diesen Weg mit einem Stolz, der nichts Angeberisches hatte, sondern verdient war.
Der Junge mit den zwei Augen. Ich hab gesehen, wie er kämpft. Ich dachte, er sei einer von den Begabten, denen alles zufällt, während wir anderen uns die Hände blutig schuften. Davon gibt's genug hier. Reiche Söhne, die glauben, ein großer Name ersetzt großes Training. — Aber bei ihm stimmt was nicht an der Theorie. Er ist als Erster da. Jeden Morgen. Vor mir und ich stehe vor Sonnenaufgang. Er fällt nicht vom Himmel. Er arbeitet wie ein Besessener und lässt es aussehen, als wäre es Talent. Das ist fast schlimmer. Talent kann man beneiden. Aber das? Das müsste man hassen, doch ich schaffe es nicht.
Es war nach einem besonders harten Drill, beide am Ende ihrer Kräfte, im Staub des Übungsplatzes sitzend, als Daichi zum ersten Mal mit ihm sprach.
„Du bist jeden Morgen vor mir hier“, sagte Daichi, zwischen zwei keuchenden Atemzügen. „Ich komme vor Sonnenaufgang. Wann zum Henker stehst du auf?“
„Etwas früher“, antwortete er, zwischen zwei Schluck Wasser.
Daichi lachte, rau und unerwartet. „Wortkarg. Auch gut.“ Er sah Sora von der Seite an, abschätzend, aber ohne Feindseligkeit. „Weißt du, ich hab dich erst für einen von den verwöhnten Söhnen gehalten. Einer, dem man den Platz hier gekauft hat. Aber so einer schuftet nicht, bis er kotzt. Was treibt dich? Bei mir ist es einfach: vier jüngere Geschwister, ein Hof, der kaum trägt. Entweder ich werde ein Offizier oder wir verlieren das Land. So einfach. Aber was ist es bei dir?“
Sora überlegte, was er sagen sollte. Die Wahrheit — ich habe eine Aufgabe von einem Gott, eine Frist, ein Chaos, das kommt — war keine Option. Aber etwas an Daichis Direktheit, an dem ehrlichen Schmutz unter seinen Fingernägeln, machte es schwer, ihn mit einer Lüge abzuspeisen.
„Ich habe Leute, die ich beschützen will.“ Es war keine Lüge, nur nicht die ganze Wahrheit. „Und ich habe gelernt, dass Wollen nicht reicht. Man muss stark genug sein. Sonst sieht man nur zu, wie etwas passiert.“
Daichi nickte langsam und etwas in seinem Gesicht veränderte sich, wurde ernster, fast respektvoll. „Das kann ich verstehen“, seine Stimme wechselte in einen warmen Ton, mit der Andeutung eines Lächelns im Gesicht. Er streckte seine schwielige Hand aus. „Ich bin Daichi. Falls wir uns beide hier durchbeißen, ist es gut, ein Gesicht zu kennen, das nicht nur an sich denkt.“
Sora sah die Hand an. Diesmal entschied er, ob die Hand ergriffen wurde, und das tat er. „Sora, freut mich.“
Er bietet mir die Hand, weil er glaubt, mich zu kennen. Er kennt einen Teil. Den Harten, den Fleißigen, den, der schweigt. Es ist mehr, als die meisten von mir kennen und es ist trotzdem nicht ganz ich. Aber er meint es ehrlich und Ehrlichkeit ist selten. Vielleicht ist das hier kein Werkzeug für meinen Zweck. Vielleicht ist es einfach ein Mensch, der etwas Ähnliches will wie ich, aus kleineren, ehrlicheren Gründen.
Es war keine Freundschaft, nicht an diesem Tag. Aber es war ein Anfang und Sora notierte den Namen, ohne zu ahnen, dass dieser eine ihn länger begleiten würde als die meisten.
Die andere Aufmerksamkeit gehörte einem Mann, der nicht beneidete und nicht bewunderte, sondern abwog.
Ausbilder Ragyou Tenbara hatte in seinen Jahren an der Akademie abertausende Rekruten kommen und gehen sehen. Er kannte jede Sorte: die Söhne, die etwas zu beweisen hatten, die Bauern, die etwas zu verlieren hatten, die Träumer, die Helden sein wollten und die Müden, die nur versuchten, zu überleben. Er hatte ein Auge dafür entwickelt, untrüglich, das einen Rekruten in den ersten Wochen einsortierte und sich selten irrte. Bei Sora Takafushi hingegen irrte sich sein Auge dauernd und das beschäftigte ihn.
Der Junge passt in keine meiner Schubladen. Er kämpft wie einer, der zwanzig Jahre Erfahrung hat, mit einem Alter, welches das nicht zulässt. Er bewegt sich wie jemand, der den Gegner schon gelesen hat, bevor der erste Schlag fällt. Das lernt man nicht in einem Jahr. Das lernt man in keinem Jahr — das bringt man mit oder man hat es nie. Jedoch das Beunruhigendste: Er hält sich zurück. Ich sehe es. In jedem Zweikampf gibt er genau so viel, wie er braucht, um zu gewinnen und keinen Funken mehr. Als spare er etwas auf. Als wisse er, dass der eigentliche Kampf noch kommt. Ich habe in meinem Leben viele Talente gesehen, welche es geschafft haben und welche gescheitert sind. Jedoch hat keiner es vermieden, seine Talente vollkommen zu zeigen. Ich frage mich seit Monaten, was dieser Junge wirklich kann, wenn er einmal aufhört, vorsichtig zu sein. Eines Tages werde ich es herausfinden. Das schulde ich mir.
Ragyou sagte nichts davon. Er trieb Sora durch dieselben Drills wie alle, vielleicht eine Spur härter und beobachtete. Es war die Geduld eines Mannes, der wusste, dass manche Fragen sich nicht stellen lassen, sondern beantwortet werden müssen, mit einer Klinge in der Hand, an einem Tag, der noch kommen sollte.
Tenbara sieht mehr als die anderen. Er sieht, dass ich mich zurückhalte. Das ist gefährlich — ein Ausbilder, der das Zurückhalten erkennt, erkennt irgendwann auch, wie viel zurückgehalten wird. Ich sollte vorsichtiger sein. Aber etwas an seinem Blick sagt mir, dass er nicht spitzelt, sondern wartet. Er will es nicht wissen. Er will es sehen. Und ein Teil von mir — der Teil, den ich am wenigsten mag — will es ihm eines Tages zeigen.
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