Nox saß im Schatten der Regale, die Knie angezogen, während die Stimmen der Schüler über ihm hinwegrauschten. Niemand sprach ihn an, niemand beachtete ihn. Er war da – und doch nicht.
Nox saß im Schatten der Regale, die Knie angezogen, während die Stimmen der Schüler über ihm hinwegrauschten. Niemand sprach ihn an, niemand beachtete ihn. Er war da – und doch nicht. Nur die Langeweile nagte, tropfte Stunde um Stunde in sein Inneres, bis er nicht mehr wusste, ob er noch wach war oder träumte.
Bücher wurden getragen, Seiten umgeblättert, Federn kratzten über Pergament. Für die anderen war es Lernen – für ihn war es Warten. Warten und Schweigen. Er seufzte, nur um sofort mit einem scharfen Shhht zum Schweigen gezwungen zu werden.
Sylas saß nicht weit entfernt, den Rücken kerzengerade, ein Buch vor sich, dessen Titel in Gold aufblitzte: „Die ewige Konvergenz – Eine starre Theorie und ihre Auswirkungen.“
Seine Finger strichen beinahe zärtlich über den Einband, während seine Augen die Zeilen verschlangen.
Nox starrte auf die Buchstaben, ohne sie wirklich zu lesen. Ewige Konvergenz.
Er musste schlucken. Für ihn war es kein Titel, sondern ein Zustand: das ewige Gefangensein, das starr wie Eisen um ihn lag und jede Wirkung nur in ihm selbst entfaltete.
Er zog die Knie fester an sich, als wollte er sich daran erinnern, dass er überhaupt noch einen eigenen Körper besaß.
Er schaukelte sich in eine Art Trance, bis eine Stimme ihn zerriss. „Ah, hier steckst du, Sylas.“ Jedes Wort zog sich in die Länge wie die Spur einer Schnecke.
„Gordon W. Kylas.“ Sylas’ Gesicht verzog sich. „Was willst du?“
Der Junge war ein Klotz, grobschlächtig, fast so groß wie Nox – doch in der Breite doppelt so stabil wie beide zusammen.
„Meister Jonathan hat mich gebeten, dir das auszuhändigen.“ Ein Brief, unscheinbar, zwischen seinen Fingern.
Sylas schnaubte. „Ich weiß, was er will. Die Antwort ist nein.“
Gordons Stirn legte sich in Falten. „Es geht nicht um deinen Großvater. Der hat längst aufgegeben. Vielmehr …“ Sein Blick glitt zu Nox, scharf, zu lange.
Nox’ Magen verkrampfte. Er wusste nicht, warum.
Sylas’ Augen folgten dem Blick. „Was?“
„… hat er gehört, dass du einen neuen Familiar hast.“
„Auch darauf wird die Antwort nein sein.“
Gordon trat näher, senkte die Stimme. „Du verstehst nicht. Hast du dir mal seine Augen angesehen?“
Ein Schlag in die Stille. Selbst Sylas’ Finger hielten inne.
„Was ist damit?“
„Lies den Brief.“
Gordon streckte ihn aus. Diesmal nahm Sylas ihn entgegen – langsam, als könnte das Papier mehr verbrennen als seine Hand.
Die folgenden Stunden vergingen wie flüssiger Gummi. Sie saßen noch lange in der Bibliothek, der Brief lag unberührt neben Sylas’ Hand. So nah, so fern.
Als der Mond bereits sichtbar war, streckte Sylas sich und gähnte. Dann stand er auf, nahm die Leine, und sie gingen auf ihr Zimmer. Dort angekommen, warf Sylas den Brief achtlos auf den Schreibtisch und ließ sich auf sein Bett fallen. Er stieß seine Schuhe von sich und schloss die Augen.
„Meister?“, fragte Nox vorsichtig.
„Hm?“
„Was ist zwischen Gordon und Euch vorgefallen?“
Bei Nox’ Frage veränderte sich etwas im Raum. Sylas’ Hände wurden still. Er atmete tief ein, als würde er ein altes Gewicht anheben.
„Zwischen Gordon und mir? Wir waren Kinder. Freunde, vielleicht. Wir haben uns nachts auf den Dächern Geschichten erzählt, und er hat mir versprochen, dass die Welt anders sein könnte.“
Die Worte hingen, ungewohnt weich, in der Luft. Sylas’ Augen suchten die Decke, dann rutschte sein Blick zu Nox, kurz und unfreiwillig.
„Seine Familie und meine standen nebeneinander, damals. Wir glaubten beide daran, doch er … glaubte länger als ich. Dann hat die Welt ihn gerufen – und meine Familie gehorchte. Er hat gezahlt, was zu zahlen war. Ich … habe zugesehen.“
Er schloss die Augen, und für einen Herzschlag ließ sich die Maske sinken. Keine große Entschuldigung, kein Drama – nur ein erschüttertes, schweres Schweigen.
„Es war ein Fehler. Ein Fehler, den man nicht ungeschehen machen kann.“
Dann erhob er sich, langsam, fast widerwillig. Seine Schritte klangen dumpf auf dem Teppich, als trüge er ein Gewicht, das schwerer war als er selbst. Am Schreibtisch blieb er stehen, legte die Hand auf den Brief. Einen Moment lang verharrte er so, als könnte das Pergament ihn verbrennen.
Doch er zerriss ihn nicht. Stattdessen schob er ihn sauber, ohne ein Wort, in die Innentasche seiner Robe. Kein Aufbegehren, kein sichtbarer Zorn – nur das kalte Ritual, etwas fortzuschließen.
Als er sich wieder umwandte, war seine Haltung aufrecht, die Stimme glatt wie Eis: „Vergiss es. Es ist vorbei.“
Zeig der Autorin oder dem Autor, dass dich dieses Kapitel erreicht hat.
0 Lichtfunken wurden hier entzündet.
