Kai fror trotz der Wärme. Kauernd lag er auf dem Teppich zu Füßen seines Herrn, den Blick gesenkt, die Hände krampfhaft in den Stoff gekrallt. Bitterkeit stieg ihm in die Kehle, doch er wagte nicht, sie herauszulassen. Die Angst, die ihn du
Kai fror trotz der Wärme. Kauernd lag er auf dem Teppich zu Füßen seines Herrn, den Blick gesenkt, die Hände krampfhaft in den Stoff gekrallt. Bitterkeit stieg ihm in die Kehle, doch er wagte nicht, sie herauszulassen. Die Angst, die ihn durchbohrt hatte, übertraf jedes Vorstellbare; schon der bloße Gedanke daran ließ Eis seine Wirbelsäule hinabkriechen.
Guten Morgen, Nox.
Die Stimme schob sich in seinen Kopf wie kaltes Wasser, und Kai fuhr hoch.
Ich habe dir einen Namen gegeben. Eigentlich wollte ich einen anderen wählen, dachte Sylas, aber deine schwarzen Augen haben mich umgestimmt.
Schwarz? — so klang es, als sei das ungewöhnlich.
Ja. Genau. Noch nie hatte hier jemand schwarze Augen. Das ist, was dich unterscheidet. Sei froh um dein Alleinstellungsmerkmal.
Sylas lachte, kurz, wie Glocken in einem leeren Raum.
Heute findet der Unterricht statt, und du musst zeigen, was ich dir bereits beigebracht habe. Ist das nicht wundervoll? Ich glaube, sie werden beeindruckt von deiner Intelligenz sein. Immerhin hast du sehr schnell gelernt.
Sylas streichelte Kais Kopf wie den eines Hundes, der seinem Herrn Freude gemacht hatte.
Aber zuerst das Frühstück. Geh runter zur Mensa und hol mir mein Tablett. Hier ist der Token.
Er reichte Kai eine Silbermünze mit einem Raben auf der einen und einem Adligen auf der anderen Seite. Als Kai sie näher betrachtete, fiel ihm auf, dass der Mann Sylas sehr ähnlich sah. Verwandte?
Nun, mach schon, steh auf, ich habe Hunger. Oder soll ich dem Befehl Nachdruck verleihen?
Kai schluckte und setzte sich in Bewegung. Er verließ das Zimmer, die schwere Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Der Gang war still, nur das Klicken seiner Schritte hallte wider. In seiner Hand lastete die Silbermünze, kälter als das Gestein um ihn herum. Der Rabe starrte ihn an, als wolle er jeden seiner Schritte beobachten. Er drehte sie, und wieder blickte ihn das Gesicht des Adligen an – dieselben Augen, dieselben Züge wie Sylas. Ein stiller Hinweis: Du gehörst nicht dir selbst.
Auf dem Weg zur Mensa spürte er die Blicke. Schüler in langen Mänteln, deren Stickereien silbern flackerten, blieben stehen, als er vorbeiging. Manche flüsterten, andere hielten sich nicht einmal zurück: ein kurzes Kichern, ein gemurmeltes Wort, das er nicht verstand, doch die Absicht war klar.
Er senkte den Blick, strich mit dem Daumen über den Rand der Münze. Das kalte Metall war sein einziger Halt, sein Beweis, dass er eine Aufgabe hatte. Ohne diesen Auftrag wäre er nichts – oder weniger als nichts.
Als er die Mensa erreichte, schlug ihm der Duft von Brot, Fett und Gewürzen entgegen. Stimmen erfüllten den Raum, aber als er die Schwelle überschritt, wurde es für einen Augenblick still. Alle Köpfe drehten sich, und Kai fühlte sich wie ein Tier, das an der Kette vorgeführt wurde.
Er stand da, unsicher, und zum ersten Mal wurde ihm klar: Es war nicht nur Sylas, der über ihn urteilte. Es war die ganze Akademie.
Er setzte seinen Schritt fort und reihte sich in die Schlange ein. Das Murmeln der Stimmen um ihn legte sich wie ein Netz über den Raum. Immer wieder hörte er denselben Klang – „Sylas teror vanir.“ Ein Beiname? Es klang ehrfürchtig und zugleich furchtsam, als trüge Sylas nicht nur einen Namen, sondern ein Gewicht, das allen vertraut war. Allen – außer ihm.
Kai wich den Blicken aus, doch sie bohrten sich in seinen Rücken wie Nadeln. Als er endlich ganz vorne stand, überreichte er die Münze. Das Mädchen hinter der Theke nickte knapp. Ihre Katzenohren stellten sich auf, als er „Hier“ murmelte, und für einen Moment starrte er sie an. Waren das Menschen, die sich wie Tiere verhielten – oder Tiere, die gelernt hatten, Menschen zu sein?
Dann kam das Tablett. Es wirkte schlicht, unscheinbar, aber anders als die Speisen der anderen. Kein Luxus, kein Prunk, nur eine Abweichung. Eine Nahrungsunverträglichkeit? Ein Brauch? Oder ein unausgesprochener Stempel, der ihm zufiel wie ein unsichtbares Mal?
Er wusste nicht, ob er es als Vorrecht oder Warnung deuten sollte. Doch das leise Raunen hinter seinem Rücken ließ keinen Zweifel: Auch hier war er der Fremde.
Zurück im Zimmer erwischte Kai Sylas beim Umkleiden. Der Magier wandte den Kopf nur halb, als würde er eine lästige Fliege wahrnehmen. Seine Augen waren träge, leer von Interesse. Eine kühle Stimme glitt in Kais Kopf: Nur du. Ich dachte schon, es sei jemand von Bedeutung.
Kai spürte, wie ihm die Luft knapp wurde — nicht aus Angst vor Zorn, sondern vor der Erkenntnis, dass er weniger wert war als ein Schatten.
Kai stellte das Tablett ab. Erst da kam Leben in Sylas’ Augen.
Ah, endlich! Essen.
Er schlüpfte hastig in seine Kleidung und setzte sich. Er grinste, als Kai danebenstand und sein Magen knurrte.
Oh? Hörst du das? Fast wie Musik. Leider gibt’s für dich heute nichts.
Er schob sich ein Stück Brot in den Mund und sprach mit vollem Mund weiter:
Du hast ja vergessen, mich anzukleiden. Ein Hund, der seine Pflicht vergisst, kriegt keinen Knochen.
Kai wollte protestieren – schließlich war er derjenige, der das Essen geholt hatte. Aber Sylas’ Lächeln schnitt ihm das Wort ab, süßlich wie Gift.
Nachdem Sylas mit dem Essen fertig war, lehnte er sich zurück und musterte Kai, als warte er auf etwas Selbstverständliches. Kai stand nur da, ein Fragezeichen im Blick. Sylas deutete knapp mit dem Finger auf seine Schuhe. Im Sonnenlicht glänzten die edlen Treter wie etwas Heiliges.
Kai seufzte, sank in die Hocke und griff nach den Schuhen. Er zog sie vorsichtig über Sylas’ Füße, strich den Stoff seines Hosenbeins glatt und zupfte an den Schnallen, bis alles saß. Staub wischte er mit dem Handrücken fort, als müsse er jeden Makel tilgen. Vielleicht – nur vielleicht – würde Gehorsam ihm ein Stück Brot einbringen.
Nachdem er fertig war, befestigte Sylas die Leine an Kai, band ihn an den Haken neben dem Bett und verließ das Zimmer. Kai seufzte. Er durfte wohl noch nicht hinaus … Als die Minuten zu Stunden wurden und die Sonne ihren Zenit erreichte, sank er schließlich in ein dumpfes Dösen. Mehr blieb ihm nicht übrig.
Das Knarren der Tür ließ ihn hochfahren. Sylas trat ein – und nicht allein. Neben ihm stand ein Mann mittleren Alters, dessen Kleidung nicht vom Glanz der Akademie zeugte, sondern vom Handwerk. Dunkler Wollstoff, abgegriffen an den Ärmeln, Finger voll winziger Narben von Nadelstichen. Sein Blick war prüfend, sachlich, als messe er Kai schon aus, bevor ein Wort gesprochen war.
Der Schneider, dachte Kai, ohne dass man es ihm gesagt hätte. Der Geruch von Kreide und Stoffbahnen hing an ihm, eine Fremde zwischen den kalten Mauern des Zimmers.
Der Schneider musterte Kai, als wäre er bereits eine Schneiderpuppe. Sylas verzog den Mund.
Diese Lumpen?
Seine Hand strich über Kais T-Shirt, als berühre er etwas Schmutziges.
Verbrenn sie. Ein Diener meiner Familie wird nicht in solchem Dreck gesehen.
Die Worte fielen beiläufig, fast gelangweilt, und doch fraßen sie sich tiefer in Kai als jede Beleidigung. Denn es waren die letzten Stoffe seiner Welt. Der Geruch, die Nähte, die Farbe – alles, was ihn noch daran erinnerte, dass er einmal jemand anderes gewesen war.
Sylas schnippte mit den Fingern, und Kai musste die alten Kleider hergeben. Er drückte sie noch an sich, als könnte er sie so retten, doch Sylas’ Blick ließ ihn erstarren. Sylas nahm ihm die alten Kleider ab, als wären sie wertloser Schmutz. Dann musterte er Kai – streng, kalt, wie ein Offizier seinen Hund. Kein Wort fiel, nur dieser Blick, der ihn bis ins Mark entkleidete.
Kai wusste: Am Abend würde nichts von seiner alten Welt bleiben.
