Nox: Kettenbund · Kapitel 4

Die Sprache der Herren

Die Nacht war klar, der Vollmond hing wie ein Auge über dem Hof. Sylas hatte den Schneider weggeschickt, doch Kai musste die neuen Kleider sofort anlegen. Der Stoff kratzte ungewohnt, schwerer, enger – fremd. Dann wies Sylas mit einer beilä

Dark Fantasy, Isekai, Magische Akademie, Psychologische Fantasy, High FantasypublishedVeröffentlicht: 2026-06-221.045 Wörterca. 5 Min.

Die Nacht war klar, der Vollmond hing wie ein Auge über dem Hof. Sylas hatte den Schneider weggeschickt, doch Kai musste die neuen Kleider sofort anlegen. Der Stoff kratzte ungewohnt, schwerer, enger – fremd. Dann wies Sylas mit einer beilä

Die Nacht war klar, der Vollmond hing wie ein Auge über dem Hof. Sylas hatte den Schneider weggeschickt, doch Kai musste die neuen Kleider sofort anlegen. Der Stoff kratzte ungewohnt, schwerer, enger – fremd.

Dann wies Sylas mit einer beiläufigen Handbewegung auf die Feuerstelle. ‚Los.‘ Kai starrte auf seine alten Sachen, die er in den Armen hielt. Jeans, T-Shirt, die Jacke mit den abgewetzten Ärmeln. Es roch noch nach Zuhause – nach Regen, Asphalt, nach allem, was nicht mehr war.

Er zögerte. Doch Sylas stand da, die Arme verschränkt, wartend. Mit steifen Fingern legte er die Kleidung ins Feuer. Flammen leckten am Stoff, griffen gierig nach jedem Faden. Das Knistern war wie Spott.

Kai schluckte schwer. Als der letzte Fetzen schwarz wurde und in Asche zerfiel, hatte er das Gefühl, als sei auch sein eigener Name darin verschwunden.

Nox, das hast du gut gemacht.‘ Sylas legte ihm die Hand auf die Schulter, wie man einen Hund lobt, der gehorcht hat. Dann führte er ihn in die Mensa.

Die langen Tafeln waren voller Stimmen und Gelächter, Schüsseln klirrten, Löffel schlugen an Teller. Doch für Kai gab es keinen Platz. Sylas wies beiläufig auf den Boden zu seinen Füßen.

‚Hier.‘

Kai gehorchte. Er kniete nieder, das Tablett auf den Knien, und begann zu essen. Jeder Bissen schmeckte nach Salz und Scham. Die Stimmen ringsum wurden leiser, dann kamen sie zurück – fremde Worte, geflüstert, gemurmelt, mal mit unterdrücktem Kichern, mal mit offenem Spott. Er verstand sie nicht, und doch verstand er alles.

Sie redeten nicht mit ihm, nicht über ihn – sondern über das, was aus ihm gemacht worden war. Ein Diener, ein Hund, der auf dem Boden fraß. Und je tiefer er den Kopf senkte, desto klarer wurde ihm: Er gehörte nicht mehr sich selbst.

Am nächsten Tag stellte Sylas ein kleines Fläschchen vor Kai auf den Tisch. Die Flüssigkeit darin schimmerte trüb, als schwämme Asche darin.

‚Trink.‘

Kai rümpfte die Nase – es roch bitter, scharf, nach Kräutern, die er nicht kannte. Als er den ersten Schluck nahm, brannte es wie Pfeffer auf der Zunge. Die Welt flackerte kurz, als hätte jemand eine Lampe in seinem Kopf aufgedreht.

Die fremden Worte, die Sylas in ihn gehämmert hatte, begannen sich zu ordnen, als lägen sie auf einmal klarer da. Er verstand nicht plötzlich alles – aber das Raunen der Stimmen im Gang bekam Kanten, Bruchstücke, Sinnfetzen.

Er atmete schwer aus. Es war, als hätte er ein zweites Paar Ohren bekommen. Und zugleich spürte er, dass der Trank ihn nicht losließ – sein Herz schlug schneller, die Gedanken rasten. Vielleicht war das der Preis: Klarheit gegen Ruhe.

Die Tage verschwammen zu einer Folge von Befehlen und Reaktionen.

‚Sitz.‘ Kai sank nieder. Zuerst schwerfällig, später schneller, fast mechanisch. ‚Steh.‘ Die Beine gehorchten, auch wenn der Rücken brannte. ‚Schweig.‘ Sein Mund schloss sich, auch wenn er schreien wollte.

Sylas’ Stimme hallte nicht im Raum, sondern in seinem Kopf, und jedes Wort war wie ein Zügel, der enger zog. Anfangs stolperte Kai, brauchte Sekunden, bis er verstand, was verlangt war. Doch mit jedem Befehl, mit jedem Schluck des Tranks, schärften sich die Silben. Sie bekamen Gewicht, wurden zu Knoten in seinem Bewusstsein.

‚Vorr.‘ Essen. Er bekam ein Stück Brot, hart und trocken. ‚Senn.‘ Schweigen. Er biss sich auf die Zunge. ‚Rha.‘ Herr. Er musste das Wort nachsprechen, bis es nicht mehr fremd auf seiner Zunge lag.

Manchmal ließ Sylas ihn Fehler machen, nur um ihn härter zurückzuzwingen. Ein zu spätes Reagieren – und der Druck in Kais Kopf verdoppelte sich. Ein falsches Wort – und er musste die Silbe dutzendfach wiederholen, bis die Kehle wund war.

Doch zwischen Hunger und Schmerz formte sich etwas Neues. Die Laute begannen sich zu ordnen, und er verstand erste Fetzen des Gemurmels im Gang. ‚Vek‘ – Hund. ‚Isen‘ – Fremder. Worte, die in ihm brannten wie Ketten.

Wenn Sylas am Ende des Tages die Leine löste, kniete Kai erschöpft auf dem Teppich. Der Stoff seiner neuen Kleidung war noch fremd, die Zunge noch schwer. Doch als er die Augen schloss, hörte er die Worte weiter, hallend, als hätte Sylas sie in sein Fleisch geschrieben.

So vergingen die Tage – friedlich fast, doch immer unter der Knute seines neuen Herrn. Kai ertappte sich dabei, dass er Sylas’ Aufmerksamkeit suchte. Denn die Stunden im leeren Zimmer, angekettet, waren schlimmer als jede Zurechtweisung. Langeweile brannte mehr als Hunger, und manchmal war selbst ein scharfer Befehl besser als das Schweigen.

Als der Tag kam, an dem sich alles ändern sollte, saß Nox vor dem Bett seines Herrn, hechelnd wie der Hund, der er war. Sylas warf ihm die getragenen Socken auf den Kopf. Der Befehl war klar: Waschen.

Gehorsam erledigte er die Arbeit und kehrte zurück ins Zimmer. Sylas saß am Schreibtisch, über ein Buch gebeugt, die Stirn in Falten gelegt. Nox schlich näher, vorsichtig, fast auf allen vieren, und sein Blick fiel auf die Seiten.

Ein Ruck ging durch Nox, als er die Buchstaben erkannte. Keine flimmernden Runen, keine fremden Glyphen – es waren lateinische Zeichen. Wörter in seiner Muttersprache. Sein Herz stockte. Der Magister ist dazu angehalten… Er hatte nur die ersten Worte gelesen, da hämmerte sein Puls in den Schläfen.

Hastig verzog er das Gesicht, tat, als verstünde er nichts, als seien es nur wirre Striche. Doch ein Hauch von Verstehen musste in seinen Augen aufgeglüht sein, denn Sylas hob den Kopf. Ein Lächeln huschte über seine Lippen – kalt, belustigt, voll von Überlegenheit.

‚Interessant, nicht wahr?‘ Seine Stimme war weich, fast spöttisch. ‚Ein Hund, der glaubt, einen Schatz gefunden zu haben.‘

Er klappte das Buch halb zu, gerade so, dass Nox die Zeilen nicht mehr sehen konnte. ‚Diese Sprache gehört der Akademie. Niemand außerhalb beherrscht sie. Nicht einmal die Häuser des niederen Adels. Sie ist uns vorbehalten – den Geborenen.‘

Nox senkte den Kopf, murmelte ein tonloses ‚Verstehe nicht‘. Doch in seiner Brust brannte es: Ich verstehe.

Sylas lächelte dünn, die Finger spielten am Buchrücken. Für einen Augenblick verharrte sein Blick auf Nox – scharf, als würde er prüfen, ob der Hund gerade gelernt hatte, die Zähne zu zeigen.

Dann klappte er das Buch mit einem dumpfen Schlag zu. ‚Genug für heute.‘

Das Lächeln blieb. Doch in Nox’ Kopf hallte nur der Gedanke nach: Wenn er ahnt, dass ich lesen kann, bin ich verloren.

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