Ich versuchte, mich den Umständen anzupassen, und senkte respektvoll den Kopf. „Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen.“ Eine Antwort bekam ich nicht - nur musternde Blicke. „Wurde diese Sphäre heute erschaffen?“ Sie blickte auf unser Tageswerk, das noch auf dem großen Tisch lag. Ohne eine Antwort
abzuwarten, sorgte eine elegante Handbewegung von ihr dafür, dass die Sphäre auf sie zu schwebte. Sie begutachtete das Artefakt. „Hm, interessant … ein mächtiger Kern. Ich nehme an, eine 27er Kalibrierung, Meister aep Berrandt?“ „Ich wählte 31“, antwortete Leophas kurz. Ihre Mundwinkel zuckten. „Optimistisch.“, war die trockene Antwort darauf. Zum ersten Mal sah Serelith nun zu ihrer Schwester. „Aus was besteht der Kern?“ Wieder zuckte Vioresa zusammen. „Ähm, also … 92,5 % Silber, 6,3 % Kupfer und…“ „Inkorrekt“, unterbrach die Hexe das Mädchen scharf. „93,2 % Silber, 6,1 % Kupfer, 0,4 % Nickel, 0,2 % Blei, 0,5 % Obsidianstaub und 0,3 % Schwefeldioxid.“ Ihre Aufzählung schoss wie ein Kugelblitz aus ihrem Mund. „Bei Hekate, Mädchen! Um das zu erkennen, solltest du keinen Analysezauber brauchen. Das musst du sehen können!“ „Es tut mir leid, Schwester." Vioresa sackte noch mehr in sich zusammen und knubbelte sich nervös an den Nägeln. „Der Rahmen?“ fragte Serelith ohne Rücksicht. „Ich, ähm … also…“ „Der Rahmen?!“ wiederholte sie ihre Frage. „Ich … Apfelbaumrinde und Eschenholzzweige.“ Auch diese Antwort schien der Hexe zu missfallen. „Inkorrekt! Olive und kaltgewalzter Stahl! Anfängerfehler!“ „Es tut mir leid, Schwester.“ "Nur weil der Kerne metallisch ist heißt das nicht das der Rahmen aus Unkraut bestehen muss!" "Jawohl." die Antwort war kaum noch zu hören. Langsam sah ich, wie Vioresas Augen glasig wurden, doch sie strengte sich an, keine Träne laufen zu lassen. Einige Zeit betrachtete Serelith die Sphäre noch, drehte und hielt sie gegen die Lichtquellen im Raum. Ihr Finger ging ohne Probleme durch den Zauber der Kugel und berührte die Holzrauten. „Die Linienführung ist unpräzise“, sagte sie schließlich und fuhr mit einem einzigen Finger über die eingeritzte Rune, die Vioresa zuvor stolz präsentiert hatte. „Du arbeitest zu impulsiv. Runen folgen nicht deiner Stimmung, sie verlangen Disziplin und Ordnung.“ Vioresa schluckte schwer. Ich sah, wie sie sich Mühe gab, Haltung zu bewahren, doch ihre
Hände zitterten. „Du kannst froh sein, dass der Bannkreis von Meister Skjalgir absolut makellos ist sonst wäre diese Sphäre schon längst auseinandergefallen.“ „Es tut mir...“ Diesmal schaffte sie es nicht, ihren Satz zu beenden. Ein dicker Kloß steckte ihr im Hals, und Tränen rollten lautlos ihre gerötete Wange hinunter. Dieses Kreuzverhör nahm kein Ende, niemand traute sich, etwas zu sagen, und ich war wie versteinert - als hätte die Hexe einen Lähmungszauber gesprochen, damit sie all ihren Missmut zum Ausdruck bringen konnte. „Vioresa… sieh mich an!“ verlangte sie. Nur zögerlich hob Vioresa ihren Kopf. Serelith ging noch einen Schritt auf sie zu. „Vioresa, was hast du verwendet, um die Teile zu verbinden? Ich hoffe, du nahmst Arachnen-Seidenfaden.“ - „Ich habe…“ „Schweig!“ unterbrach sie ihre Schwester sofort. „Ich weiß, was du hast! Du hast unseren Faden verwendet, den, den meine verstorbene Mutter aus unseren Haaren webte! Der Faden, der ein heiliger Schatz unserer Familie ist… Wie konntest du es wagen!? Für so ein zweitklassige Bastelei.“ Das kühle, emotionslose Gesicht der großen Schwester sah nicht wütend aus aber um ein Hundertfaches bedrohlicher. „Aber, Schwester, der Ring…“ Alle im Raum - einschließlich des großen Skjalgir - zuckten zusammen, als Vioresas Versuch einer Erklärung mit einer schmetternden Ohrfeige zum Schweigen gebracht wurde. „Es reicht mir endgültig, Vioresa. Ich habe akzeptiert, dass du keine Hexenausbildung machen wolltest - auch das du Vater verlassen hast und sogar, dass du hier und nicht in Oxenfarne arbeiten wolltest. Aber nun ist Schluss mit deinen Eskapaden und deinen Kinderspielereien.“ Während sie ihre zornige Ansprache hielt, zog sie aus ihrem Umhang ein Schreiben und legte es vor Leophas auf den Tisch. „Ich wurde vom großen Rat der Schwesternschaft der Hexen beauftragt, auch den Bezirk hier zu verwalten, da die ehrwürdige Baba Yaga Oriavelle van dar Pessima, die für diesen Bezirk zuständig war, leider in Ruhestand ging. Wir werden diese Gelegenheit nutzen und du wirst noch einmal in die Lehre gehen. Bei mir. Als Hexe.“ Vioresa war wie erstarrt, hielt sich immer noch die schmerzende Wange, bekam aber kein Wort heraus. Ich weiß nicht, was mich dazu getrieben hatte, doch ich stand auf und baute mich vor der Hexe auf - auch wenn ich wusste, dass das für mich nicht gut enden könnte. „Hören Sie mal! Ich war heute den ganzen Tag hier, habe Meister Leophas, Skjalgir und
auch Vioresa zugesehen. Ihr Können steht dem der anderen in nichts nach! Und diese Sphäre ist ein Meisterstück. Und da es meine ist, verbitte ich mir diese abfällige Tonfall!“ Ein leises Lächeln zuckte über Sereliths Mund. „Wie war noch gleich der Name? Van dar Reeken? Der Sohn von Kasimier van dar Reeken?“ Diese kontextlose Frage nahm mir all meinen Mut und den Wind aus den Segeln meines Verteidigungsversuchs. „Woher kennen Sie meinen Vater?“ fragte ich verblüfft. "Ich hatte einmal das Vergnügen. Intelligenter Mann - aber er sollte vielleicht lieber bei der Theorie bleiben, anstatt sich ernsthaft mit Zauberei zu befassen. So wie Ihnen fehlte auch ihm die Begabung, die komplexen Mechanismen der hohen arkanen Künste in Gänze zu begreifen.“ Diese Worte ließen mich absolut perplex zurück. Mein Vater war ein renommierter Professor der angewandten Zauberei. Er schloss sein Studium mit summa cum laude ab, schrieb dutzende Bücher und erfand eigene Zauber. Niemals hatte jemand so von oben herab über ihn gesprochen. Während mir immer noch die Worte fehlten, fuhr sie fort: „Wenn Sie uns nun entschuldigen... ich habe noch Geschäftliches mit den Herren aep Berrandt und Skjalgir zu besprechen.“ Mir war klar: Hier konnte ich nichts mehr erreichen. Ich griff meine Sphäre und begab mich wortlos zum Ausgang. Dabei fiel mir auf, dass Vioresa nicht mehr da war. Wahrscheinlich hatte sie die Hasstirade über meinen Vater genutzt, um sich aus dem Staub zu machen. Das war der Beweis, dass sie definitiv klüger war als ich.
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