Es Dämmerte bereits langsam, als unsere Gemütlichkeit durch das schrille Klingen der kleinen Türglocke gestört wurde. „Jetzt noch ein Kunde?“, fragte ich verdutzt. „Ach, ist sicherlich nur die alte aep Gussel. Ich habe ihren Runenkranz schon vor zwei Tagen repariert – wird Zeit, dass sie ihn abholt.“
Mit diesen Worten hüpfte Vioresa vom Tisch und lief Richtung Tür, öffnete sie und trat in den dunklen Laden. „Willkommen, was kann ich für…“ – ihre Begrüßung brach abrupt ab. Ich dachte mir zunächst nichts dabei, doch es schien, als hätten die anderen beiden eine Ahnung, wer gerade den Laden betreten hatte. Leophas' wirkte angespannt, Skjalgir klopfte seine Pfeife aus und stellte das halbleere Metfass, aus dem er getrunken hatte, hinter sich – beides mit fast schon mit nervöser Geschwindigkeit. Vioresa kam rückwärtsgehend zurück ins Atelier, als würde sie von einer unsichtbaren Macht zurückgedrängt. Ihr Gesicht… War das Angst? Panik? „Ich wusste nicht…“, begann sie leise. Ihre Stimme, die sonst so unermüdlich sprudelte, versagte fast völlig. „…dass du uns besuchen würdest.“ Ihre vorlaute Art war wie ausgelöscht, und die letzten paar Worte waren so leise, dass man sie kaum hören konnte. Ich war verwirrt, blickte zur Tür. Dort, im Rahmen, stand eine Frau - hochgewachsen, aufrecht und von der Dunkelheit hinter ihr umschmeichelt wie von einem Mantel. Spitze Ohren und ein marmorgleicher Teint ordneten sie dem Volk der Elfen zu. Ihre Züge waren wunderschön, aber strahlten eine Strenge aus – eine unnahbare Gleichgültigkeit, die den ganzen Raum zu füllen schien. Sie blickte sich um. Ihre Augen: strahlend blau, aber nicht wie das Meer – eher wie die eiskalten Fluten des Kokytos, des Flusses aus reiner Kälte. Das Haar war zu einem golden schimmernden Zopf zusammengefasst und lag adrett über ihrer Schulter. Sie trug eine schlichte schwarze Robe, mit hohem Kragen, an dessen Saum aufwendige Runen in silbernem Faden gestickt waren und ein Reiseumhang der in Farbe und Stiel zum Rest passte. Auf der Brust prangte eine große rubinrote Brosche. Dazu ein ausladender Spitzer Hut und um die Hüfte ein breiter Gürtel mit verschiedenen Aufnähern – ohne Zweifel: Diese Frau war eine Hexe. Und nach den Abzeichen auf ihrem Gürtel zu urteilen, eine extrem begabte. Soweit ich mich erinnerte, stand ein aufgenähtes Pentagramm für ein Jahr Erfahrung, eine Mondsichel für zehn – und sie hatte sechs Sichel in verschiedenen Farben, die jeweils für ein Spezialgebiet stehen. Dazu vielleicht noch dreizehn oder vierzehn Pentagramme. Und viele Runen. Und gekreuzte goldene Hämmer, die für das Spezialgebiet des Hexen- Runenschmiedens standen. Sie betrat langsam den Raum und die Kerzen und Laternen flackerten unruhig auf. Der Saum ihrer Umhanges bewegte sich, als sei er von Magie erfüllt - als würde der Stoff die Welt um sich herum abtasten. Die Frau musterte die Personen, die gerade noch so vergnügt beisammensaßen. Von dieser Ausgelassenheit war nichts mehr übrig. Ihre Präsenz hatte alle Fröhlichkeit vertrieben –
eingemacht und verkorkt wie ein misslungenes Gebräu, das man wegstellt, um es für immer zu vergessen. Als sie mich ansah, fühlte es sich an, als hätten mich Seziermesser geschnitten. Es schien allerdings, als würde sie Vioresa völlig ignorieren. Zuerst wandte sie sich Leophas zu – dieser schien noch am entspanntesten, obwohl auch er auf der äußersten Kante seines Stuhls saß. „Ich grüße Sie, Meister aep Berrandt“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber präzise und allgegenwärtig. „Auch Ihnen einen guten Abend, ehrenwerte Baba Yaga“, erwiderte Leophas mit einer leichten Verbeugung. Eine Baba Yaga ?, dachte ich mir. Das erklärte ihre vielen Auszeichnungen und diese beeindruckende Präsenz. Nur eine Ausnahmehexe konnte zur Baba Yaga aufsteigen – zusammen mit den Erzmagiern und alchemistischen Meistern bildeten sie die Elite der magischen Welt. „Was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches?“, fragte Leophas bedächtig. Bevor sie antwortete, richtete sie ihren Blick auf Skjalgir und machte einen leichten Knicks. Er antwortete mit einem Nicken. Mehr nicht. Und doch lag eine ganze, unausgesprochene Welt zwischen diesen beiden kleinen Gesten. „Geschäftliches“, antwortete sie beiläufig und sah wieder zu mir. „Ich denke, wir wurden uns noch nicht vorgestellt.“ Ich wollte auf ihre Aussage antworten, doch ihr Blick huschte scharf zu Vioresa. Diese erschrak ein wenig – als ob ihr Blick allein ausreichen würde, um Vioresa körperliche Schmerzen zuzufügen. „Verzeihung, Schwester“, begann sie, noch bevor ich überhaupt aufstehen konnte, um mich vorzustellen. „Herr van dar Reeken, Sie befinden sich in Gegenwart von Serelith var Khaart, Hexengroßmeisterin und Baba Yaga des 85. Bezirks: Nord-Oxenfarne . Verehrte Schwester, dies hier ist Vedgard van dar Reeken. Er besuchte uns heute, um zu sehen, wie wir eine Magie-Sphäre erstellen, für einen Bericht in seinem Buch.“ Ich erkannte Vioresas Art kaum wieder: höflich, bescheiden … ehrfürchtig mit einem ängstlichen Unterton, bedacht, keine Fehler zu machen.
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