Skjalgir legte seine Pfeife in eine Metallschale und widmete sich der Sphäre. Er griff sie vorsichtig mit einer langen Pinzette, die auf dem Tisch lag, und zog sich mit der anderen Hand eine schmale Brille auf… Ich schaute verdutzt. Das war ein höchst eigenartiger Anblick: Seine Statur – brachial. Sein Schädel – kantig. Die Hände – grobschlächtig. Aber wie er nun da saß, mit schmaler Brille und mit aller Vorsicht die Sphäre begutachtete, sie im Sonnenlicht drehte, den Abstand variierte, um jede Feinheit von Vioresas Arbeit zu erfassen… sah der Riese plötzlich ganz zart aus. Fast schon liebevoll, als ob er mit einem Vogelküken hantierte, legte er das Konstrukt ab und betrachtete auf gleiche Weise den Ring. Einige Sekunden blickte er fast gedankenverloren auf die beiden Dinge… er dachte nach. Mir war bereits bewusst, dass Skjalgir kein Mann der vielen Worte war, also sparte ich mir Fragen. Ich saß ihm gegenüber und notierte, was ich sah. Vielleicht könnten mir die anderen beiden gegebenenfalls noch Fragen beantworten, dachte ich mir. Nach einiger Zeit schritt er zur Tat. Er öffnete ein Tintenfass, stellte es auf dem Tisch ab und drehte sich noch einmal zum Regal hinter sich um. Nach einiger Suche hatte er sich für einen Pinsel entschieden: Ein eleganter, langer Pinsel – der Griff war sicherlich ein Meter lang, was in seinen Händen jedoch ganz gewöhnlich aussah. Der Stiel war glänzend Dunkelbraun Lackiert, die Borsten waren weiß, matt und liefen spitz zu. Zu meiner Überraschung zeigte er ihn mir, ohne dass ich fragen musste. Auf der Seite stand in eleganter Goldener Schrift: Tatara, seit 446n.d.Z – Hergestellt in Agonie. Stärke 0,3 mm, Zentaurenhaar. Interessant, dachte ich. Dieser Pinsel wurde im sechsten Ring der Hölle, Tartarus, hergestellt. Die Bewohner dort hat die Kunst des Zirkelzeichnens perfektioniert. Es war klar, dass man dort auch die besten Materialien dafür kaufen konnte. Der Riese tauchte den großen, aber dennoch filigranen Pinsel in die Farbe und begann die Sphäre, die er mit der Pinzette festhielt, zu bemalen. Er arbeitete langsam, bedächtig – fast schon meditativ. Ich hatte Angst, auch nur zu blinzeln, denn ich wollte ihn auf keinen Fall stören. Während ich ihm zusah, wie er immer wieder ein paar Striche zog, den Pinsel eintauchte und dann weiter zeichnete, merkte ich, wie sich die Tür hinter mir öffnete. Ich erschrak leicht und blickte hinter mich. Bedächtig und vorsichtig kam Leophas herein. Er legte dabei einen Finger auf die Lippen, während er mit seinem freundlichen Lächeln auf mich zukam. Neben mir angekommen, flüsterte er: „Wie ich sehe, ist der Meister bereits am Werk – schön, schön. Ich nehme an, erklärt hat er Ihnen nichts?“ Ich antwortete nur mit einem leichten Kopfschütteln. „Dachte ich mir. An Skjalgir ist kein Barde verloren gegangen. Wir
haben nun ja zwei Teile, diese müssen aber noch irgendwie eine Verbindung eingehen – verstehen Sie?“ Neugierig lauschte ich, während ich gleichzeitig weiter dem Riesen auf die Finger schaute. „Die Zirkel, die er malt, fungieren später als eine Art magischer Kleber. Sie sorgen dafür, dass im nächsten Schritt der Kern – also Ihr Ring – und die Sphäre eine unlösbare Verbindung eingehen. Das ist äußerst wichtig. Die Sphäre kann noch so stark sein – wenn sie nicht verbunden bleibt, kann das katastrophale Folgen haben.“ Ich riss die Augen auf, ohne einen Ton von mir zu geben, und drehte mich zu dem kleinen Mann um, der neben mir stand. „Ja“, fuhr er fort, „das ist wie wenn Sie einen Teekessel aufstellen, das Wasser anfängt zu kochen und den Deckel abdrückt – gibt eine Riesensauerei, und man kann sich verbrühen. Dasselbe würde mit der Sphäre passieren, nur dass die Konsequenzen… größer wären. Wir könnten all–“ Leophas war mit seiner Erklärung noch nicht fertig, doch wir beide merkten, wie uns stahlblaue Augen grimmig ansahen. „Ich denke, wir warten draußen“, schlug Leophas vor, und ich denke, dass ich zustimmte, war Skjalgir mehr als recht. Wir warteten im Laden, tranken Tee – der mir wesentlich lieber war als der scharf-süße Met – und plauderten etwas. Auch Vioresa gesellte sich dazu. Sie erzählte von ihrer Heimat, der Hauptstadt der Nachtelfen - Noctum, und dass ich dort auf jeden Fall einmal hin müsste. Und ich berichtete von meiner Studienzeit, von meinem Vater, der ein berühmter Zauberer war, und dass er immer etwas enttäuscht war, dass ich keine magische Affinität besitze. Die Zeit verging schnell. Ehe ich mich versah, hatten wir beinahe zwei Stunden mit netten Gesprächen und Kartenspiele verbracht, als sich das Tor endlich öffnete und Skjalgir seine Hand hindurchstreckte. Vioresa nahm Ring und Sphäre entgegen und machte einen begeisterten Gesichtsausdruck, als sie die Gegenstände auf den Tisch legte. „Er hat sich mal wieder selbst übertroffen“, verkündete sie. „Er hat zwar Hände wie ein Oger – aber was er anfasst, wird einfach zu magischem Gold.“ Wir alle drei beugten uns über den Tisch. „Sehen Sie?“ Leophas reichte mir eine Hand Lupe, und ich bestaunte das Ergebnis. Auf der Sphäre, dem Stück, in das keine Runen geritzt waren, befand sich nun ein absolut gleichmäßig, filigran gezeichneter Bannzirkel. Und der Ring, der zuvor einfach nur silbern war, war nun ebenfalls mit feinen Linien und Kreisen verziert, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Bannkreis aufwiesen. Ähnlichkeit? Nein – sie waren absolut identisch, mit dem Unterschied, dass sie sich über den ganzen Ring zogen. „Das ist wirklich eine seiner besten Arbeiten“, kommentierte der alte Mann. „Nun–“ wollte er gerade hinzufügen, als Vioresa ihm ins Wort fiel: „Ist es Zeit für die Hochzeit!“
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