Der Ring, das Holzgestell - nichts davon lag mehr auf dem Tablett. Der Kern der Sphäre war eine silbrige Kugel. Sie sah aus wie Quecksilber und hatte keine feste Form. Sie waberte rhythmisch umher mit der Konsistenz von weichem Wachs. Die hölzerne Krone war auch kaum mehr zu erkennen. Der Ring aus Zweigen hatte sich in einen weißen Ring verwandelt – glatt, fast wie aus Elfenbein oder Marmor. Die Rindenstücke erkannte man noch, doch sie waren nicht mehr ungleichmäßig – es waren nun sechs exakt gleiche Rauten aus dunklem Holz. Die Runen, die Vioresa darauf geschnitzt hatte, waren noch zu sehen – sie leuchteten Silbrig und Golden und hinterließen schemenhaft ihre Form in der Luft. Die Rauten waren nicht mehr mit dem Ring verbunden, sondern kreisten gleichmäßig um den Kern. Auch der weiße Ring drehte sich – aber in entgegengesetzter Richtung. Die ganze Sphäre lag nicht mehr auf dem Tablett – sie schwebte etwa zehn Zentimeter darüber. Als Vioresa das Tablett staunend näherbrachte, erschauderte ich. Ich hatte keine arkane Affinität, das heißt, ich sollte die magische Macht von Personen oder Objekten nicht wahrnehmen können. Doch ich spürte, welche Kraft von diesem Objekt ausging. „Los… nimm sie“, forderte mich die Schmiedin auf. Ein Schauer lief mir über den Rücken, und Gänsehaut zog sich über meine Arme, als ich nach der Sphäre griff. „Was zum…“, murmelte ich. „Ich kann… sie nicht greifen. Oder doch?“ Meine Hand berührte weder den Ring noch die Holzrauten. Es fühlte sich an, als ob ich eine Glaskugel griff. Da wurde es mir klar. „Sie schwebt nicht“, sagte ich verdutzt und hob das Objekt an. „Die Sphäre schwebt nicht – sie befindet sich in einer Art… unsichtbarer Kugel?“
„Faszinierend“, staunte Leophas. „Wissen Sie, eine magische Sphäre ist ein Objekt außerhalb jeglicher Logik“, erklärte mir der alte Mann. „Manche Sphären zum Beispiel existieren nur noch in einer metaphysischen Welt und sind in unserer nur noch als schemenhafter Schatten wahrzunehmen.“ „Ich hab mal eine gemacht“, warf die Elfe ein, „die war einfach in der Realität verrückt – man musste immer knapp ’nen Meter weiter links greifen, um sie aufzuheben.“ „Ohohoh“, gluckste Leophas. „Ja, an die erinnere ich mich. Wir haben schwer gestaunt, als sie neben dem Ofen auftauchte.“ Ich war komplett überwältigt von dem Ergebnis. „Wie es mir scheint, ist Ihre Sphäre etwas umgänglicher… eine Art Schutzhülle hat sich gebildet. Ich werde sie oben noch genau untersuchen – dann kann ich ihre Eigenschaften genau bestimmen“, sagte Leophas ruhig, während er sich zur Treppe aufmachte. „Schön, schön – nun kommt. Nach der Aufregung erst mal eine Tasse Tee“, schlug er vor. „Oh! Lasst uns schauen, ob Skjalgir noch ein paar seiner selbst gemachten Himbeerplätzchen hat!“, warf Vioresa ein. Eigentlich hätte ich nun gefragt, wie es sein kann, dass ein Riese Himbeerplätzchen backen kann – aber ich war immer noch viel zu fasziniert von der Sphäre. Die anderen beiden waren schon vorausgegangen, während ich noch einen Moment alleine in Vioresas Schmiede stand und die Macht der Sphäre auf mich wirken ließ. Eine Ehrfurcht ergriff mich und all meine Sinne schienen geschärft zu sein. „Kommst du?“ Vioresas Stimme holte mich zurück in das hier und jetzt. 2,3 Ich eilte die Treppe hinauf, wo mich die beiden bereits erwarteten. „Lass uns mal einen genaueren Blick auf das gute Stück werfen“, sagte Leophas und nahm mir die Sphäre ab. Er zog seine Spezialbrille wieder auf und hielt die Sphäre gegen das Licht einer Laterne, die über seinem Arbeitstisch hing. Der alte Meister drehte die Kugel, veränderte Einstellungen, Linsenabstände und andere Parameter an seiner Ausrüstung. Ab und an murmelte er ein „interessant“ oder „erstaunlich“ vor sich hin, bis Vioresa ihre Ungeduld nicht mehr zurückhalten konnte: „Und?! Was kann das gute Stück? Was haben wir erschaffen?“ Leophas schob seine Arbeitsbrille auf die Stirn. „Also das Offensichtliche zuerst: Um die Magiesphäre hat sich eine Kugel gebildet. Es sieht ganz danach aus, als ob das nichts Physisches ist, sondern ein spontaner Zauber, der sich gebildet hat. Ich tippe auf einen Anti-Gravitation-Zauber in Verbindung mit einer Art alchemistisches Vakuum-Portal.“
Man sah mir meine Verwirrung wohl so sehr an, dass Vioresa eine zusätzliche Erklärung versuchte: „Die Sphäre zaubert von alleine. Das ist keine feste Kugel aus unsichtbarem Glas oder so, sondern sie verdrängt jegliche Materie so stark, dass sie sogar deinen Griffel verdrängt. Das sorgt für die Illusion einer festen Oberfläche.“ „Ganz genau“, stimmte Leophas seiner Kollegin zu. „Wow! Das ist ja erstaunlich... Und das macht die Sphäre ganz von selbst?“ fragte ich begeistert. „Ja, genau“, erwiderte Leophas, während er die Sphäre langsam in seiner Hand drehte. „Der Zauber scheint vom Kern aus gewirkt zu werden. Vielleicht verwendete der damalige Besitzer des Ringes so einen Zauber oft.“ Ich runzelte die Stirn. „Kann der Kern das für immer aufrechterhalten? Kann das nicht gefährlich werden?“ „Wenn hier Stümper arbeiten würden, wäre uns das Teil schon um die Ohren geflogen“, warf die Elfe ein. „Der Bannkreis von Skjalgir hält alles zusammen, und mein Rahmen kann gar nicht brechen! Vollkommen sicher also.“ Das beruhigte mich. „Aber das ist noch nicht alles“, fuhr der alte Mann fort. „Sie haben es wahrscheinlich schon bemerkt, aber von der Magiesphäre geht eine enorme Kraft aus. Ich habe das noch mal kontrolliert: Das Artefakt hat nun einen geschätzten Merlin- Wert von ca. 850. Das sprengt alle Skalen, die die Magische Akademie für arkane Artefakte je herausgegeben hat. Eine Kalibrierung kann ich nur schätzen – um die 54 vielleicht. Sowas habe ich noch nie gesehen.“ Er tupfte sich mit einem Taschentuch die Stirn. „Normalerweise haben hochrangige magische Sphären, wie wir sie hier herstellen, einen Merlin-Endwert von so um die 500–600. Das ist eine ordentliche Summe. Minderwertige Magiesphären kommen höchstens auf 370. In den Händen eines erfahrenen Magiers addiert die Sphäre ihre magische Kraft zu der des Magiers. Das führt zu einer enormen magischen Steigerung.“ „Ich verstehe“, nickte ich in seine Richtung. „Macht das unsere Sphäre hier auch?“ fragte Vioresa, während sie sich mit einem Satz auf die Theke setzte und sich Tee nachschenkte. „Mitnichten“, Leophas’ Stimme zitterte etwas. Er reichte mir die Sphäre wieder. „Diese Sphäre multipliziert die magische Potenz.“ Vioresa fiel der Löffel, mit dem sie den Tee umrührte und dann in den Mund stecken wollte, aus ebenjenem.
„Bitte was?!“ rief sie. „Kein Zweifel“, bestätigte der alte Mann nochmals. „Aber dann“, fing ich an, „ist die Sphäre in meinen Händen doch wertlos, oder? Ich meine, ich habe keine Magische Affinität, hätte die Sphäre addiert hatte ich wenigstens die Affinität der Späher nutzen können. Aber wenn sie meine nicht vorhandene Affinität vervielfacht bleibt unterm strich alles bei 0, Also einsetzen hätte ich sie sowieso nicht wirklich, aber ein bisschen enttäuscht bin ich jetzt schon.“ Und ich war wirklich etwas enttäuscht – 0 plus 850 währe schön gewesen... 0 mal 850 bleicht leider bei 0. Ich hatte gehofft, vielleicht leichte Zauber wirken zu können, ein Lagerfeuer oder eine Dimensionstasche, um das Reisen leichter zu machen. „Sie können sie einsetzen.“ Ich hob überrascht die Augenbrauen bei diesen Worten. „Wirklich?“ fragte ich. „Ja. Dass ein lebendes Wesen wirklich gar keinen Merlin-Wert hat, ist unmöglich. Und auch Sie, werter Herr van dar Reeken, haben magische Affinität – wenn auch nur sehr gering.“ Was hatte er da gerade gesagt?! Mein Vater schleppte mich als Kind zu dutzenden Weisen, Magiern und Alchemisten, und alle kamen zum selben Ergebnis: Vedgard van dar Reeken hat einen Merlin-Wert von 0 – keinerlei magische Affinität. Das nun zu hören ließ mich zittern. „Und, wie viel Merlin habe ich? Wie haben Sie das gemessen?“ „Ich habe es sofort erkannt, als Sie den Laden betreten haben. Da ich gerade beim Eichen war, waren meine Instrumente noch justiert – da schnappte ich die Information beiläufig auf“, erklärte er behutsam. „Und? Spannen Sie mich nicht auf die Folter!“ Der alte Mann nahm einen Schluck aus seiner Teetasse. „2,3.“ Vioresa lachte laut auf und klopfte mir auf den Rücken. „Oh, ich schicke gleich eine Nachricht zur Kammer der Magie in Yggdrasai! Die sollen den Posten des Obersten Magiers freimachen! Der mächtige 2,3er-Magier Vedgard verlangt den Titel: Erzmagier!“ Ihr Spott war ausfallend und ich lief rot an. Vioresa hielt sich noch immer den Bauch und gluckste vor sich hin. „Lach lieber nicht so laut, meine Liebe“, ermahnte sie Leophas. „Was sind denn 2,3 mal 850...?“ Vioresa blieb das Lachen im Hals stecken. „Äh... Zwei mal 800 sind 1600 und dann...“
„1955“, sagte ich trocken und nahm ihr das Kopfrechnen ab. „Genau!“, bestätigte Leophas. „Mit einem Meister und viel Übung können Sie noch ein begabter Zauberer werden. Es wird nicht leicht, aber es ist möglich.“ Meine Augen funkelten – mit so etwas hatte ich im Leben nicht mehr gerechnet. Hierher zu kommen, war nicht nur für mein Buch, sondern auch für mein Leben eine gewaltige Bereicherung. Nachdem die erste Euphorie abflaute und ich mich schon langsam mental auf das Gehen und die Verabschiedung vorbereitete, packte mich Vioresa am Arm. „Los, es wird Zeit für Kekse! Heute gibt es sowieso nichts mehr zu tun.“ Mein Blick schweifte zur großen Standuhr – es war erst früher Nachmittag, und da ich Hunger hatte, ließ ich mich von ihr in Skjalgirs Atelier ziehen, Leophas dicht auf den Fersen mit einer frisch gebrühten Kanne Tee. Der Nachmittag war mehr als angenehm. Wir saßen zusammen, Leophas beantwortete mir noch Fragen, die ich mir über den Tag hinweg gestellt hatte, und versuchte, mich zu überreden, sein berühmtes Rezept für den perfekten Schwarzen Tee mit in mein Buch aufzunehmen. Darauf ließ ich mich aber – selbstverständlich – nicht ein. Wichtige Notiz: Der perfekte Schwarze Tee wird mit ca. 90–95 °C heißem, weichem Wasser aufgegossen und für 3–5 Minuten ziehen gelassen. Pro Tasse (ca. 200 ml) verwendet man in der Regel 1–2 Teelöffel (2–3 g). Je nach Sorte und gewünschter Stärke kann die Ziehzeit variieren – von 2 Minuten für einen zarten Geschmack bis zu 7 Minuten für einen intensiven, rauchigen Tee. Bei hochwertigen, losen Schwarztees ist in der Regel nur ein Aufguss möglich, da die Blätter nach dem ersten Aufguss ihre Aromen größtenteils abgegeben haben. Vioresa saß im Schneidersitz auf Skjalgirs Tisch schob sich ein Keks nach dem anderen in den Mund und versuchte komplexen Zirkel abzumalen. Dabei war sie geschickt – doch an die Präzision des Riesen kam sie nicht heran. Allerdings waren die Runen, die sie in die Bannkreise setzte, wesentlich deutlicher als jene, die Skjalgir verwendete. Er beobachtete sie und nickte lobend mit einem fast väterlichen Gesichtsausdruck nach jeder ihrer Linien und Kreise. Wir aßen Himbeerplätzchen, die ausgesprochen gut waren, tranken Tee - Skjalgir bevorzugte Met und Pfeife - und der Nachmittag verflog.
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