Der Fürst des Fraßes · Kapitel 1

Kapitel 1: Knochen

Warnung: Dieser Teil beinhaltet explizite Darstellung von Suchtverhalten und Rückfälligkeit.

(Dark)-Fantasy, Psychologischer HorrorpublishedVeröffentlicht: 2026-06-282.107 Wörterca. 9 Min.

Warnung: Dieser Teil beinhaltet explizite Darstellung von Suchtverhalten und Rückfälligkeit.

Ratsch, ratsch.

Alles war still geworden. Nur dieses penetrante Schmatzen erfüllte meinen Geist. Das Schaben der Zähne über den Knochen. Schicht um Schicht wurde mehr Fleisch abgetragen. Verschwand im hungrigen Schlund.

Mein Magen zog sich zusammen und gab ein Knurren von sich. Ich legte meine Hand auf den Bauch. Speichel mehrte sich in meinem Mund. Auch ich wollte die Fasern zerreißen. Zermahlen. Schlucken, bis es ein Teil von mir wurde.

Selbst der abgenagte Knochen versprach eine Köstlichkeit zu werden. Ich musste nur meine Hand heben und danach greifen.

Adrian schob seinen Teller ein Stück in meine Richtung, als würde er es mir wirklich anbieten. Dabei war er einfach fertig und wischte sich die fettigen Finger an der Stoffserviette ab. „Im Gegensatz zu dir braucht jeder andere lange“, prustete er vergnügt und nahm einen Schluck Bier.

Ich nickte, mein Blick weiterhin an seinen Teller gefesselt. Wieso musste er sich etwas bestellen, wo Knochen übrigblieben? Bis auf die leere Schale sprach an meinem Platz nichts dafür, dass es hier mal Nahrung gab. Selbst den letzten Rest an Suppe hatte ich mit dem gestellten Laib Brot verschlungen. Obwohl mir natürlich nicht entging, dass einzelne zurückgebliebene Tröpfchen im Kerzenlicht schimmerten. Nun auch noch die Knochen auf Adrians Teller.

„Meine Bitte hat dich wirklich verstimmt. Lokas, ich würde nicht dich fragen, wenn ich eine andere Wahl hätte.“

„Ich weiß“, brummte ich und schaffte es, meine Augen zu lösen.

Adrian schenkte mir ein entschuldigendes Lächeln. Er hatte ein Händchen dafür, mich einzulullen. Eine Einladung zum Essen in einem Lokal, von dem er wusste, dass ich es liebte. Gespräche über meine Interessen, die mich zum angeheiterten Trinken und Reden brachten.

Ein abgekartetes Spiel. Wieso sonst hatte mir mein Magister deutlich weniger Aufträge gegeben? Als hätte auch dieser schon geahnt, dass ich einen Tag bei Adrian im Keller verbringen durfte.

„Also sagst du ja?“, drängte Adrian sich mir auf.

Ich nahm einen tiefen Atemzug durch meine Nase. Die Luft war erfüllt von Alkohol, gebratenem Fleisch und Schweiß. Unweigerlich knurrte beim Geruch von menschlichen Absonderungen erneut mein Magen. Diese Strategie funktionierte schonmal nicht. Für weitere war die Öffentlichkeit nicht ausgelegt und ich brauchte Ruhe. „Ich gehe kurz den Abort aufsuchen“, ließ ich Adrians Frage unbeantwortet und erhob mich.

Der Holzstuhl knarrte über die Dielen und ich machte mich auf den Weg nach draußen. „Entschuldigung“, raunte ich mehrmals, als ich mich an den Menschen vorbeidrängte.

Draußen ging es ähnlich weiter. Selbst dieser eher gehobene Stadtteil von Grunweld war von Reisenden geflutet. Nicht verwunderlich, war doch morgen der Frühlingsumzug.

Adrian muss schon weit im Voraus den Tisch reserviert haben, dachte ich mir, als ich an den singenden Barden und ratternden Wagen vorbeilief. Das Toilettenhäuschen war ebenfalls gut besucht. Glücklicherweise drückte meine Blase ohnehin nicht. Viel lieber schritt ich in die Gasse hinterm Gasthaus.

Die langen Gewänder meiner Dienstkleidung raffte ich auf, damit sich der tiefschwarze Stoff nicht mit den Pfützen vollsog. Wahrscheinlich würde niemand bemerken, dass sie dreckig wären, wohl aber den Geruch von Urin.

Magister Stephano würde mir sicher mit einem Buch eine überbraten. Ein erstes Schmunzeln huschte über mein Gesicht.

Nachdem ich tief genug in die Gasse gelaufen war, presste ich meinen Rücken gegen das kalte Gemäuer und atmete durch. „Alles ist gut, Lokas. Du bist in Sicherheit. Niemand tut dir etwas. Du hast gegessen und bist gesättigt. Die Welt ist in Ordnung.“ Diese Sätze waren mir bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Anfangs wirkten sie gestellt, als ich sie als Jugendlicher vor meiner Mutter aufsagen musste. Immer und immer wieder. Heute bin ich froh über die Strenge, die Mutter an den Tag legte.

Die Worte zeigten sofort ihre Wirkung. Mein Puls beruhigte sich. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf meinem Gesicht.

Ich genoss noch einen Moment die Stille. Nur leise drangen Gespräche von weiter weg an mein Ohr. Etwas lauter hingegen waren die Krähen, die im Unrat stocherten, der sich auf dem Boden verteilte.

Plötzlich schwang eine Tür nur wenige Schritte neben mir auf. Ich presste mich noch näher an die Wand. Der stickige Geruch des Gasthauses und dessen Wärme streifte meine Wangen. Im Lichtschein der Tür stach die Silhouette des Gastwirts hervor. Mit einem einzelnen Schwung schmiss er Essensreste in die Gasse, was die Krähen aufscheuchte. So schnell, wie sich die Tür geöffnet hatte, so schnell fiel sie zurück ins Schloss.

Mein Herz pochte wieder wie wild. „Er hat mich nicht gesehen“, beschwichtigte ich mich. Das hätte nur unnötige Fragen aufgeworfen.

Unter dem Türspalt hindurch drang warmes Licht. Die Krähen warfen schaurige Schatten, landeten zwischen all den Essensresten. Ich schluckte schwer, als ich die Knochen sah.

„Du hast gegessen und bist gesättigt“, sagte ich einstudiert auf, fühlte aber etwas ganz anderes. Ich hielt mir den Bauch. Wieder dieses Knurren.

Die erste Krähe trat auf einen der Knochen und pickte die letzten Fleischfetzen ab. Auch die anderen erfreuten sich an ihrem Festmahl.

„Die Welt ist in…“ Den Rest sprach ich nicht aus. Es wurde von meinem flachen Atem übertönt. Ich fasste mir an meinen silbernen Haarreif. Viele Male hatte er mich beruhigen können. Seine Wirkung schien sich abgenutzt zu haben. Wenn sie sich nicht sogar umgekehrt hatte. Erst durch die Berührung des Metalls merkte ich es. Die Leere in meiner Brust, die größer wurde.

„Nicht, Lokas.“

Mit meiner linken Hand musste ich meine rechte festhalten, die nach den Resten greifen wollte. Mein ganzer Körper begann zu zittern.

Ein Stimmchen flüsterte mir in mein Ohr: Es sind nur Tierknochen. Die sind doch zum Essen da.

Ich schloss meine Augen. „Alles ist in Ordnung.“ Es hatte keine Wirkung.

Wenn du sie nicht isst, essen es die Krähen.

Ich schielte hinab. Etwas Fleisch verschwand im Schnabel der Krähe.

Dabei willst du es.

Es war zu spät. Wie ein ausgehungertes Tier stürzte ich mich auf sie.

Eilig erhoben sich die Krähen in die Luft, versuchten mir noch meine Beute aus den Händen zu stibitzen. Doch sie war meine. Sie gehörte zu mir. So schob ich mir den ersten Knochen in den Mund.

Knack.

Endlich gehörte dieses Geräusch zu mir, endlich rissen die Knochensplitter kleine Wunden in meinen Mund, ehe sie von meinen Zähnen zermahlen wurden.

Eine kribbelnde Welle floss von meinem Magen bis in die Fingerspitzen. Nach dem ersten Schlucken begann sie sogleich abzuschwellen. Ich brauchte das nächste. Ich brauchte mehr.

Der Wind verstummte. Die Krähen waren plötzlich verschwunden. Es gab nur noch meine Hände, die in all den Köstlichkeiten wühlten. Nur noch den nächsten Knochen. Das nächste Stück Fleisch.

Mehr.

Etwas Hartes schabte über meine Zunge. Ich schluckte es hinunter, ohne nachzudenken.

Mehr.

Knochen. Knorpel.

Etwas Weiches. Etwas Moderiges.

Es spielte keine Rolle.

Mehr.

Die Leere wurde kleiner.

Nicht weg. Aber kleiner.

Die Wärme brachte meinen ganzen Körper zum Kribbeln. Wann hatte ich mich das letzte Mal so lebendig gefühlt?

Klatsch.

Verdutzt hielt ich inne, als sich ein Brennen von meiner Wange über mein Gesicht zog. Meine linke Hand kribbelte ebenfalls vor Schmerz. Hatte ich mich selbst geschlagen?

Mehrmals blinzelte ich, sah auf meine Hände hinab und wich erschrocken zurück. Was tat ich hier gerade?!

Als wäre es nicht mein Körper, betrachtete ich den schleimigen Unrat, in dem ich kauerte. Der Gestank von Exkrementen stach in meinen Schädel. Eine bittere Konsistenz legte sich auf meine Zunge.

Ich würgte. Mein Körper hielt dagegen an.

Du bist noch nicht satt.

Ein kalter Schauer rutschte meine Wirbelsäule hinab. Ich musste unbedingt zur Besinnung finden. Sie am besten auch halten.

Ich krempelte den Ärmel meines Gewandes hoch, packte meinen rechten Oberarm und führte ihn zum Mund. Meine Zähne gruben sich unter meine Haut, ohne Halt oder Furcht. Blut quoll aus der Wunde direkt in meinen Mund. Eine warme Befriedigung rollte durch meinen Körper, verlangte gleichzeitig nach mehr. Bis endlich der Schmerz einsetzte und mich loslassen ließ.

Im nächsten Schritt holte ich aus meiner Gurttasche ein kleines Fläschchen hervor und schüttete mir den Inhalt über den Arm. Unter Schmerzen stöhnte ich auf, hatte ich doch das Gefühl eines glühenden Eisenstab, der sich in meine Haut drückte, schon mehrmals durchlebt. Der Alkohol verdunstete zeitnah, stach gleichzeitig in meine Nase.

Ich wankte, leicht benebelt. Dann holte ich aus derselben Tasche ein Leinentuch, das ich um meine Wunde band. Mühsam rappelte ich mich auf, stützte mich an der Wand ab. Ich drückte mein Gesicht gegen das kühle Gestein. „Das darfst du nicht machen, Lokas. Du weißt, was passiert. Du verletzt noch jemanden.“ Wieder erwartete ich die Leichtigkeit, die mir diese Worte geben sollten. Leider kam sie nicht.

Du hast doch niemanden verletzt, sprach die Stimme, die mich hierzu verleitet hatte.

Dagegen ließ sich schwer argumentieren. Außer dass ich mich verletzt hatte. Die Knochensplitter würgte ich Stück für Stück hervor.

„Götter“, fluchte ich nach einem letzten Ausspucken und reckte meinen Kopf zum Nachthimmel. „Ich schaffe das nicht alleine.“ Wahrscheinlich hörte Mutter mein leises Flehen nicht.

Ich schüttelte den Kopf. Das brachte mich nicht weiter. Trotz des Vorfalls musste ich positiv bleiben. „Ich muss das aber schaffen. Ich muss!“, redete ich wie im Wahn auf mich ein und schleppte mich zurück zum Eingang der Gaststätte. Bevor ich eintrat, richtete ich mein Aussehen. Den Gestank würde ich wohl nicht aus meiner Kleidung bekommen, genauso wie die Flecken. Aber ich konnte meine Wunde verbergen, mir mein Gesicht säubern und mir die von Schweiß verklebten Locken hinter meinen Haarreif schieben. Hoffentlich sah ich normal genug aus.

Die Menschen in der Gaststätte erschienen mir nun noch lauter, die Luft noch aufdringlicher, Adrians Blick noch amüsierter, als ich mich zurück auf den Stuhl fallen ließ.

„Öffentliche Aborte sind nicht so sauber wie in unserer Einrichtung“, scherzte Adrian locker. „Konntest du draußen nun nachdenken?“

„Über was?“, fragte ich. Mein Gehirn war noch weich vom Schmerz.

Adrian schob mir demonstrativ mein Bier zu. Die Teller waren abgeräumt, die Krüge gefüllt. „Über meine Bitte, mir morgen bei der Leichenschau zu helfen.“

Das Schlimmste hatte ich schon vergessen.

„Ich kann dir nicht helfen“, wies ich abrupt ab.

Adrian schien die Geduld mit mir zu verlieren. Seine Miene wurde ernster, dennoch versuchte er es weiterhin freundlich: „Wieso denn nicht? Dein Magister meinte, du hättest gerade eh Luft. Außerdem bist du der Einzige, der nicht so zart besaitet ist, wie die anderen Kollegen.“

Und Zeit hat, weil er nicht auf den Frühlingsumzug geht, beendete ich den Satz. Das wusste Adrian natürlich. Vor einigen Zehntagen ging es noch darum, mich irgendwie auf das Fest zu bekommen. Er hatte dieses Vorhaben irgendwann aufgegeben. Nur, um sich das nächste in den Kopf zu setzen. Ich, bei einer Leichenschau. Nachdem, was gerade passiert war, konnte ich das nicht verantworten.

Ich probierte also ein weiteres Mal, ihn abzuweisen: „Ich öffne keine Leichen mehr und das weißt du. Ich habe nicht grundlos die Abteilung gewechselt.“

„Weil dich das Sezieren etwas zu sehr begeistert hat. Jaja.“

Die Hitze stieg mir augenblicklich ins Gesicht. Ich biss mir auf die Zunge, unfähig irgendetwas darauf zu erwidern.

Adrian schnaufte aus. „Hör zu, Lokas.“ Versöhnlich breitete er die Arme aus. „Ich weiß, dass dir Säuren lieber sind als jeder Seziertisch. Aber es ist nur ein einziger Tag deiner Hilfe. Ich sitze sonst bis zum Abend an der Präparation.“ Er setzte wieder dieses Lächeln auf. „Mit deiner Hilfe schaffen wir es bis zum Mittag. Außerdem sind wir völlig alleine, nur du und ich. Am Ende kannst du sogar die Organe in deinem selbst hergestellten Balsam einlegen. Du bist glücklich, ich bin glücklich und obendrein unsere beiden Magister. Muss ich noch einen der unendlich vielen Vorteile aufzählen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Es bleibt beim Nein.“

Der Blick meines Freundes verdüsterte sich. Die Augen verengt, die Mundwinkel verzogen. Ein Schauer strich meinen Rücken hinab. Selten hatte ich die unausstehliche Seite von Adrian erlebt. Nun begegnete sie mir wieder.

„Ich verstehe“, zischte er, nahm einen Schluck und rammte mir den nächsten Dolch ins Herz: „Dann weiß ich ja jetzt, was dir unsere Freundschaft bedeutet. Wenn dich das nächste Mal jemand beim Einkaufen begleiten soll, für dich mit Fremden reden soll oder sich für dich einsetzen soll, dann kannst du Nicoletta fragen.“

Das Blut, das sich in meinem Gesicht gesammelt hatte, sackte mit einem Schlag in meine Beine. „Adrian“, setzte ich flehentlich an, beugte mich über den Tisch zu ihm, um Nähe zu schaffen. „Ich… bitte. Ich kann dir nicht dabei helfen. Sei nicht ungerecht.“

„Dann nenn mir einen guten Grund, wieso du es nicht kannst.“ Sein Zeigefinger hob sich und sein Blick lag auf mir.

„Weil… Weil…“ Ich fuhr durch mein dunkelblondes Haar, als könnte mir das die entscheidenden Sekunden an Zeit erkaufen. Aber keine Zeit der Welt konnte mir einen guten Grund liefern. Es gab einen. Nur konnte ich ihm diesen unmöglich sagen.

Ich sackte schließlich in mich ein, pustete aus und hasste mich, dass ich so auf ihn angewiesen war. „Ich mach’s.“

Zeig der Autorin oder dem Autor, dass dich dieses Kapitel erreicht hat.

0 Lichtfunken wurden hier entzündet.

Aktuelles Ende erreicht

Du bist am neuesten Kapitel angekommen.

Wenn du erfahren möchtest, wann es weitergeht, kannst du dieser Serie folgen. Nebelband benachrichtigt dich, sobald ein neues Kapitel erscheint.

RSS ist für Feedreader und automatische Updates gedacht.

Fortsetzung abonnieren

Bei neuen Kapiteln benachrichtigen

Trage dich ein und bestätige dein Abo per E-Mail.

Du erhältst zuerst eine Bestätigungsmail. Erst nach deiner Bestätigung wirst du benachrichtigt.

Der Fürst des Fraßes · Kapitel 1

Kapitel 1: Knochen

Warnung: Dieser Teil beinhaltet explizite Darstellung von Suchtverhalten und Rückfälligkeit.

(Dark)-Fantasy, Psychologischer HorrorpublishedVeröffentlicht: 2026-06-282.107 Wörterca. 9 Min.

Warnung: Dieser Teil beinhaltet explizite Darstellung von Suchtverhalten und Rückfälligkeit.

Ratsch, ratsch.

Alles war still geworden. Nur dieses penetrante Schmatzen erfüllte meinen Geist. Das Schaben der Zähne über den Knochen. Schicht um Schicht wurde mehr Fleisch abgetragen. Verschwand im hungrigen Schlund.

Mein Magen zog sich zusammen und gab ein Knurren von sich. Ich legte meine Hand auf den Bauch. Speichel mehrte sich in meinem Mund. Auch ich wollte die Fasern zerreißen. Zermahlen. Schlucken, bis es ein Teil von mir wurde.

Selbst der abgenagte Knochen versprach eine Köstlichkeit zu werden. Ich musste nur meine Hand heben und danach greifen.

Adrian schob seinen Teller ein Stück in meine Richtung, als würde er es mir wirklich anbieten. Dabei war er einfach fertig und wischte sich die fettigen Finger an der Stoffserviette ab. „Im Gegensatz zu dir braucht jeder andere lange“, prustete er vergnügt und nahm einen Schluck Bier.

Ich nickte, mein Blick weiterhin an seinen Teller gefesselt. Wieso musste er sich etwas bestellen, wo Knochen übrigblieben? Bis auf die leere Schale sprach an meinem Platz nichts dafür, dass es hier mal Nahrung gab. Selbst den letzten Rest an Suppe hatte ich mit dem gestellten Laib Brot verschlungen. Obwohl mir natürlich nicht entging, dass einzelne zurückgebliebene Tröpfchen im Kerzenlicht schimmerten. Nun auch noch die Knochen auf Adrians Teller.

„Meine Bitte hat dich wirklich verstimmt. Lokas, ich würde nicht dich fragen, wenn ich eine andere Wahl hätte.“

„Ich weiß“, brummte ich und schaffte es, meine Augen zu lösen.

Adrian schenkte mir ein entschuldigendes Lächeln. Er hatte ein Händchen dafür, mich einzulullen. Eine Einladung zum Essen in einem Lokal, von dem er wusste, dass ich es liebte. Gespräche über meine Interessen, die mich zum angeheiterten Trinken und Reden brachten.

Ein abgekartetes Spiel. Wieso sonst hatte mir mein Magister deutlich weniger Aufträge gegeben? Als hätte auch dieser schon geahnt, dass ich einen Tag bei Adrian im Keller verbringen durfte.

„Also sagst du ja?“, drängte Adrian sich mir auf.

Ich nahm einen tiefen Atemzug durch meine Nase. Die Luft war erfüllt von Alkohol, gebratenem Fleisch und Schweiß. Unweigerlich knurrte beim Geruch von menschlichen Absonderungen erneut mein Magen. Diese Strategie funktionierte schonmal nicht. Für weitere war die Öffentlichkeit nicht ausgelegt und ich brauchte Ruhe. „Ich gehe kurz den Abort aufsuchen“, ließ ich Adrians Frage unbeantwortet und erhob mich.

Der Holzstuhl knarrte über die Dielen und ich machte mich auf den Weg nach draußen. „Entschuldigung“, raunte ich mehrmals, als ich mich an den Menschen vorbeidrängte.

Draußen ging es ähnlich weiter. Selbst dieser eher gehobene Stadtteil von Grunweld war von Reisenden geflutet. Nicht verwunderlich, war doch morgen der Frühlingsumzug.

Adrian muss schon weit im Voraus den Tisch reserviert haben, dachte ich mir, als ich an den singenden Barden und ratternden Wagen vorbeilief. Das Toilettenhäuschen war ebenfalls gut besucht. Glücklicherweise drückte meine Blase ohnehin nicht. Viel lieber schritt ich in die Gasse hinterm Gasthaus.

Die langen Gewänder meiner Dienstkleidung raffte ich auf, damit sich der tiefschwarze Stoff nicht mit den Pfützen vollsog. Wahrscheinlich würde niemand bemerken, dass sie dreckig wären, wohl aber den Geruch von Urin.

Magister Stephano würde mir sicher mit einem Buch eine überbraten. Ein erstes Schmunzeln huschte über mein Gesicht.

Nachdem ich tief genug in die Gasse gelaufen war, presste ich meinen Rücken gegen das kalte Gemäuer und atmete durch. „Alles ist gut, Lokas. Du bist in Sicherheit. Niemand tut dir etwas. Du hast gegessen und bist gesättigt. Die Welt ist in Ordnung.“ Diese Sätze waren mir bereits in Fleisch und Blut übergegangen. Anfangs wirkten sie gestellt, als ich sie als Jugendlicher vor meiner Mutter aufsagen musste. Immer und immer wieder. Heute bin ich froh über die Strenge, die Mutter an den Tag legte.

Die Worte zeigten sofort ihre Wirkung. Mein Puls beruhigte sich. Ein leichtes Lächeln bildete sich auf meinem Gesicht.

Ich genoss noch einen Moment die Stille. Nur leise drangen Gespräche von weiter weg an mein Ohr. Etwas lauter hingegen waren die Krähen, die im Unrat stocherten, der sich auf dem Boden verteilte.

Plötzlich schwang eine Tür nur wenige Schritte neben mir auf. Ich presste mich noch näher an die Wand. Der stickige Geruch des Gasthauses und dessen Wärme streifte meine Wangen. Im Lichtschein der Tür stach die Silhouette des Gastwirts hervor. Mit einem einzelnen Schwung schmiss er Essensreste in die Gasse, was die Krähen aufscheuchte. So schnell, wie sich die Tür geöffnet hatte, so schnell fiel sie zurück ins Schloss.

Mein Herz pochte wieder wie wild. „Er hat mich nicht gesehen“, beschwichtigte ich mich. Das hätte nur unnötige Fragen aufgeworfen.

Unter dem Türspalt hindurch drang warmes Licht. Die Krähen warfen schaurige Schatten, landeten zwischen all den Essensresten. Ich schluckte schwer, als ich die Knochen sah.

„Du hast gegessen und bist gesättigt“, sagte ich einstudiert auf, fühlte aber etwas ganz anderes. Ich hielt mir den Bauch. Wieder dieses Knurren.

Die erste Krähe trat auf einen der Knochen und pickte die letzten Fleischfetzen ab. Auch die anderen erfreuten sich an ihrem Festmahl.

„Die Welt ist in…“ Den Rest sprach ich nicht aus. Es wurde von meinem flachen Atem übertönt. Ich fasste mir an meinen silbernen Haarreif. Viele Male hatte er mich beruhigen können. Seine Wirkung schien sich abgenutzt zu haben. Wenn sie sich nicht sogar umgekehrt hatte. Erst durch die Berührung des Metalls merkte ich es. Die Leere in meiner Brust, die größer wurde.

„Nicht, Lokas.“

Mit meiner linken Hand musste ich meine rechte festhalten, die nach den Resten greifen wollte. Mein ganzer Körper begann zu zittern.

Ein Stimmchen flüsterte mir in mein Ohr: Es sind nur Tierknochen. Die sind doch zum Essen da.

Ich schloss meine Augen. „Alles ist in Ordnung.“ Es hatte keine Wirkung.

Wenn du sie nicht isst, essen es die Krähen.

Ich schielte hinab. Etwas Fleisch verschwand im Schnabel der Krähe.

Dabei willst du es.

Es war zu spät. Wie ein ausgehungertes Tier stürzte ich mich auf sie.

Eilig erhoben sich die Krähen in die Luft, versuchten mir noch meine Beute aus den Händen zu stibitzen. Doch sie war meine. Sie gehörte zu mir. So schob ich mir den ersten Knochen in den Mund.

Knack.

Endlich gehörte dieses Geräusch zu mir, endlich rissen die Knochensplitter kleine Wunden in meinen Mund, ehe sie von meinen Zähnen zermahlen wurden.

Eine kribbelnde Welle floss von meinem Magen bis in die Fingerspitzen. Nach dem ersten Schlucken begann sie sogleich abzuschwellen. Ich brauchte das nächste. Ich brauchte mehr.

Der Wind verstummte. Die Krähen waren plötzlich verschwunden. Es gab nur noch meine Hände, die in all den Köstlichkeiten wühlten. Nur noch den nächsten Knochen. Das nächste Stück Fleisch.

Mehr.

Etwas Hartes schabte über meine Zunge. Ich schluckte es hinunter, ohne nachzudenken.

Mehr.

Knochen. Knorpel.

Etwas Weiches. Etwas Moderiges.

Es spielte keine Rolle.

Mehr.

Die Leere wurde kleiner.

Nicht weg. Aber kleiner.

Die Wärme brachte meinen ganzen Körper zum Kribbeln. Wann hatte ich mich das letzte Mal so lebendig gefühlt?

Klatsch.

Verdutzt hielt ich inne, als sich ein Brennen von meiner Wange über mein Gesicht zog. Meine linke Hand kribbelte ebenfalls vor Schmerz. Hatte ich mich selbst geschlagen?

Mehrmals blinzelte ich, sah auf meine Hände hinab und wich erschrocken zurück. Was tat ich hier gerade?!

Als wäre es nicht mein Körper, betrachtete ich den schleimigen Unrat, in dem ich kauerte. Der Gestank von Exkrementen stach in meinen Schädel. Eine bittere Konsistenz legte sich auf meine Zunge.

Ich würgte. Mein Körper hielt dagegen an.

Du bist noch nicht satt.

Ein kalter Schauer rutschte meine Wirbelsäule hinab. Ich musste unbedingt zur Besinnung finden. Sie am besten auch halten.

Ich krempelte den Ärmel meines Gewandes hoch, packte meinen rechten Oberarm und führte ihn zum Mund. Meine Zähne gruben sich unter meine Haut, ohne Halt oder Furcht. Blut quoll aus der Wunde direkt in meinen Mund. Eine warme Befriedigung rollte durch meinen Körper, verlangte gleichzeitig nach mehr. Bis endlich der Schmerz einsetzte und mich loslassen ließ.

Im nächsten Schritt holte ich aus meiner Gurttasche ein kleines Fläschchen hervor und schüttete mir den Inhalt über den Arm. Unter Schmerzen stöhnte ich auf, hatte ich doch das Gefühl eines glühenden Eisenstab, der sich in meine Haut drückte, schon mehrmals durchlebt. Der Alkohol verdunstete zeitnah, stach gleichzeitig in meine Nase.

Ich wankte, leicht benebelt. Dann holte ich aus derselben Tasche ein Leinentuch, das ich um meine Wunde band. Mühsam rappelte ich mich auf, stützte mich an der Wand ab. Ich drückte mein Gesicht gegen das kühle Gestein. „Das darfst du nicht machen, Lokas. Du weißt, was passiert. Du verletzt noch jemanden.“ Wieder erwartete ich die Leichtigkeit, die mir diese Worte geben sollten. Leider kam sie nicht.

Du hast doch niemanden verletzt, sprach die Stimme, die mich hierzu verleitet hatte.

Dagegen ließ sich schwer argumentieren. Außer dass ich mich verletzt hatte. Die Knochensplitter würgte ich Stück für Stück hervor.

„Götter“, fluchte ich nach einem letzten Ausspucken und reckte meinen Kopf zum Nachthimmel. „Ich schaffe das nicht alleine.“ Wahrscheinlich hörte Mutter mein leises Flehen nicht.

Ich schüttelte den Kopf. Das brachte mich nicht weiter. Trotz des Vorfalls musste ich positiv bleiben. „Ich muss das aber schaffen. Ich muss!“, redete ich wie im Wahn auf mich ein und schleppte mich zurück zum Eingang der Gaststätte. Bevor ich eintrat, richtete ich mein Aussehen. Den Gestank würde ich wohl nicht aus meiner Kleidung bekommen, genauso wie die Flecken. Aber ich konnte meine Wunde verbergen, mir mein Gesicht säubern und mir die von Schweiß verklebten Locken hinter meinen Haarreif schieben. Hoffentlich sah ich normal genug aus.

Die Menschen in der Gaststätte erschienen mir nun noch lauter, die Luft noch aufdringlicher, Adrians Blick noch amüsierter, als ich mich zurück auf den Stuhl fallen ließ.

„Öffentliche Aborte sind nicht so sauber wie in unserer Einrichtung“, scherzte Adrian locker. „Konntest du draußen nun nachdenken?“

„Über was?“, fragte ich. Mein Gehirn war noch weich vom Schmerz.

Adrian schob mir demonstrativ mein Bier zu. Die Teller waren abgeräumt, die Krüge gefüllt. „Über meine Bitte, mir morgen bei der Leichenschau zu helfen.“

Das Schlimmste hatte ich schon vergessen.

„Ich kann dir nicht helfen“, wies ich abrupt ab.

Adrian schien die Geduld mit mir zu verlieren. Seine Miene wurde ernster, dennoch versuchte er es weiterhin freundlich: „Wieso denn nicht? Dein Magister meinte, du hättest gerade eh Luft. Außerdem bist du der Einzige, der nicht so zart besaitet ist, wie die anderen Kollegen.“

Und Zeit hat, weil er nicht auf den Frühlingsumzug geht, beendete ich den Satz. Das wusste Adrian natürlich. Vor einigen Zehntagen ging es noch darum, mich irgendwie auf das Fest zu bekommen. Er hatte dieses Vorhaben irgendwann aufgegeben. Nur, um sich das nächste in den Kopf zu setzen. Ich, bei einer Leichenschau. Nachdem, was gerade passiert war, konnte ich das nicht verantworten.

Ich probierte also ein weiteres Mal, ihn abzuweisen: „Ich öffne keine Leichen mehr und das weißt du. Ich habe nicht grundlos die Abteilung gewechselt.“

„Weil dich das Sezieren etwas zu sehr begeistert hat. Jaja.“

Die Hitze stieg mir augenblicklich ins Gesicht. Ich biss mir auf die Zunge, unfähig irgendetwas darauf zu erwidern.

Adrian schnaufte aus. „Hör zu, Lokas.“ Versöhnlich breitete er die Arme aus. „Ich weiß, dass dir Säuren lieber sind als jeder Seziertisch. Aber es ist nur ein einziger Tag deiner Hilfe. Ich sitze sonst bis zum Abend an der Präparation.“ Er setzte wieder dieses Lächeln auf. „Mit deiner Hilfe schaffen wir es bis zum Mittag. Außerdem sind wir völlig alleine, nur du und ich. Am Ende kannst du sogar die Organe in deinem selbst hergestellten Balsam einlegen. Du bist glücklich, ich bin glücklich und obendrein unsere beiden Magister. Muss ich noch einen der unendlich vielen Vorteile aufzählen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Es bleibt beim Nein.“

Der Blick meines Freundes verdüsterte sich. Die Augen verengt, die Mundwinkel verzogen. Ein Schauer strich meinen Rücken hinab. Selten hatte ich die unausstehliche Seite von Adrian erlebt. Nun begegnete sie mir wieder.

„Ich verstehe“, zischte er, nahm einen Schluck und rammte mir den nächsten Dolch ins Herz: „Dann weiß ich ja jetzt, was dir unsere Freundschaft bedeutet. Wenn dich das nächste Mal jemand beim Einkaufen begleiten soll, für dich mit Fremden reden soll oder sich für dich einsetzen soll, dann kannst du Nicoletta fragen.“

Das Blut, das sich in meinem Gesicht gesammelt hatte, sackte mit einem Schlag in meine Beine. „Adrian“, setzte ich flehentlich an, beugte mich über den Tisch zu ihm, um Nähe zu schaffen. „Ich… bitte. Ich kann dir nicht dabei helfen. Sei nicht ungerecht.“

„Dann nenn mir einen guten Grund, wieso du es nicht kannst.“ Sein Zeigefinger hob sich und sein Blick lag auf mir.

„Weil… Weil…“ Ich fuhr durch mein dunkelblondes Haar, als könnte mir das die entscheidenden Sekunden an Zeit erkaufen. Aber keine Zeit der Welt konnte mir einen guten Grund liefern. Es gab einen. Nur konnte ich ihm diesen unmöglich sagen.

Ich sackte schließlich in mich ein, pustete aus und hasste mich, dass ich so auf ihn angewiesen war. „Ich mach’s.“

Zeig der Autorin oder dem Autor, dass dich dieses Kapitel erreicht hat.

0 Lichtfunken wurden hier entzündet.

Aktuelles Ende erreicht

Du bist am neuesten Kapitel angekommen.

Wenn du erfahren möchtest, wann es weitergeht, kannst du dieser Serie folgen. Nebelband benachrichtigt dich, sobald ein neues Kapitel erscheint.

RSS ist für Feedreader und automatische Updates gedacht.

Fortsetzung abonnieren

Bei neuen Kapiteln benachrichtigen

Trage dich ein und bestätige dein Abo per E-Mail.

Du erhältst zuerst eine Bestätigungsmail. Erst nach deiner Bestätigung wirst du benachrichtigt.

Kapitel 1: Knochen · Der Fürst des Fraßes · Nebelband | Nebelband