Der Fürst des Fraßes · Kapitel 1

Prolog: Kind

(Dark)-Fantasy, Psychologischer HorrorpublishedVeröffentlicht: 2026-06-161.876 Wörterca. 8 Min.

Ein letztes Blubbern, dann war es still.

Einzig mein gehetzter Atem und der meiner Kameraden hallte über die verdorrten Wiesen. Einst mochte es hier schön ausgesehen haben. Welke Blumenstängel zeugten von der Schönheit, die dieser Palastgarten mal gehabt haben wird. Davon war nichts mehr übrig. Alles war mit dem grünen Schleim zu meinen Füßen eins geworden. Mit der Masse dieses Dämons.

So war er nun tot und brachte doch kein Leben zurück.

Sein flüssiger Leichnam versprühte weiterhin das Verderben. Dampf stieg in den dunklen Nachthimmel hinauf, verätzte meine Nase bei jedem Atemzug ein wenig mehr. Wenn ich denn jemals wieder etwas riechen würde. Oder ein Schwert halten konnte.

„Dea Verena!“, rief meine Gefährtin und stemmte mich auf, ehe ich zu Boden stürzte. Sie zog mich mit sich, lehnte mich an einen Stein und strich mir die blutverklebten Haare aus dem Gesicht.

Tränen standen ihr in den Augen wie funkelnde Diamanten. Goldenes Blut schimmerte in ihrem Federkleid. Ihr blanker Wangenknochen stach auf der rechten Seite hervor. Dort, wo die Säure des Dämons ihr Haar, ihre Haut und ihr Fleisch zersetzt hatte. Auf gleiche Weise wie er dieses Reich zersetzt hatte. Bis alles zu ihm gehörte.

Ich stöhnte auf, als ich meine Hand hob und sie an Leaiels Wange schmiegte. Meine andere Hand löste sich von meiner Waffe. Der göttliche Stahl war von Rost überzogen, die Schneide stumpf. Damit würde ich keinen zweiten Dämonenfürsten getötet bekommen. Du hast deine Dienste erfüllt, flüsterte ich in Gedanken zu meiner treuen Klinge, entzog ihr meine Hand und umschlang meine Gefährtin.

Leaiel beugte sich auch zu mir hinab, gab sich meiner hin. Dieser Augenblick hätte gerne ein Äon dauern dürfen. Leider störte Hendriel unseren innigen Moment: „Dea, seid Ihr wohlauf?“

„Ja, ja“, motzte ich und ließ von meiner Gefährtin ab. Ich stemmte mich auf die Beine. Den Dreck versuchte ich aus meinen Federn zu schütteln, der nicht von mir wich. Schleim verklebte einfach alles.

Hendriel musterte mich sorgenvoll. Selbst die von goldenen Furchen durchzogene Haut meines Heilers war von der Säure zersetzt.

„Wir haben es geschafft“, brachte ich hervor, als sich mein Atem ein wenig beruhigte. Keine Freude lag in meiner Stimme. Meine Gefährten brachten nicht einmal ein Lächeln zustande. Stattdessen schweiften unsere Blicke zum Tor.

Gegenüber des Säuresumpfes warteten die Flügeltüren auf uns. Unheilvoll unbeschadet standen sie aufrecht. Weder die Marmorsäulen noch das Holz schienen einen Kratzer aufzuweisen.

Ich machte einen Schritt voran. „Lasst es uns ansehen.“

Leaiel nickte zustimmend. Hendriel hingegen wurde noch blasser, als hätte ich ihm befohlen, ins Säurebecken zu springen.

„Dea…“, setzte er mit gebrochener Stimme an. „Wir haben Beelzebub getötet. Das muss reichen.“

Ich drehte mich zu ihm um. „Es reicht nicht“, gab ich kühl von mir. „Der Dämon wird nicht grundlos sein Leben für dieses Tor gelassen haben.“

„Das ist es ja!“, rief er aus und strich über seinen silbernen Haarreif. „Wir können keinen weiteren Kampf tragen. Wollt Ihr unser Leben dafür aufs Spiel setzen?“

„Wenn nötig.“

Meine zügige Antwort ließ ihn mit dem Oberkörper zurückweichen. „Eure närrische Kriegslust bringt uns noch alle um! Eure Schwester hätte–”

„Ich bin nicht meine Schwester!“, keifte ich dazwischen. „Wenn du lieber den ganzen Tag deine Flügel ausruhst, dann hättest du dir eine friedliche Gottheit suchen müssen!“ Kaum hatte ich es ausgesprochen, bereute ich es wieder.

Hendriel fror ein. Sah mich nur aus seinen grauen Augen an, ehe er den Blick senkte.

Stille legte sich über den Palastgarten. Erst nach einer Weile legte mir Leaiel ihre Hand auf die Schulter. Ihre Berührung erfüllte mich sofort mit Wärme. „Lasst uns weitergehen.“

Ich nickte nur und marschierte auf das Tor zu. Mit jedem Schritt voran, wurde das Gewicht auf meinen Schultern schwerer. Zwei Steinstatuen sahen von den Marmorsäulen auf uns hinab. Die rechte sah ihn ihrem glänzenden Harnisch meinem Antlitz nicht unähnlich. Ihren Speer rammte sie hinunter auf die Erde, wie eine kampfwütige Göttin. Mit nur zwei der eigentlichen sechs Flügeln. Leider war ihre Schönheit vergangen. Die Statue zerfloss allmählich, als wäre sie nicht aus schwarzem Marmor, sondern aus Eis.

Meinen Blick zur linken vermochte ich nicht zu heben, zu schwer lastete das Gewicht. Ich kannte ihr Antlitz ohnehin zu gut.

Auch dich werde ich vernichten, beschwor ich. Egal, welcher Dämon hinter der Pforte auf mich lauerte. Egal, was es für einen Fürsten wie Beelzebub zu beschützen gab. Selbst wenn ich mich durch die gesamte Hölle metzeln muss.

In meiner linken Hand beschwor ich meinen Speer. Mit der rechten drückte ich die Flügeltür auf.

Ich sog scharf die Luft ein. Warmes Licht umschmeichelte meine Haut. Mitten in der Nacht stand die Sonne über mir. Ein Stück unberührter Palastgarten erstreckte sich hinter dem Tor. Als wäre ich in eine andere Welt getreten. Schmetterlinge tanzten von einer blühenden Blume zur nächsten. Das Wasser des Teiches schlug leichte Wellen, als sich mehrere Fische unter der Oberfläche tummelten. Hier gab es Leben. Ruhe. Vielleicht so etwas wie Frieden.

Meine Waffe mit beiden Händen fest umklammert schritt ich voran. Das war kein Werk eines Dämons. Dieser Garten hatte die göttliche Wärme des Himmels. Ist einer der Meinen für all den Schrecken verantwortlich?

„Dea Verena“, sprach mich Leaiel leise an und zupfte an den blutgetränkten Fetzen meines Gewandes. Ihr Finger wies in eine Ecke des Gartens, aus der es leise raschelte.

Ich trat um die Rosenbüsche herum. Der Boden unter meinen Panzerstiefeln gab leicht nach, so leise, dass ich es unter meinem hämmernden Herzen selbst nicht hören konnte.

Ich reckte den Kopf, den Speer erhoben. Ein erstes Bein trat in mein Sichtfeld. Klein und dünn, wie das eines Kindes. Feine Kleider bedeckten den dazugehörigen Leib. Meine Augen wurden größer. Wie perfide Dämonen doch sein konnten. Obwohl ich mir sicher war, dass Beelzebub kein Kind beschützen würde, hielt eine innere Stimme dagegen an: Was ist, wenn doch?

Diese Stimme gewann. Zu meinem Unmut.

Ich schnaufte aus und trat aus der Deckung. Verspielte somit das Überraschungsmoment. „Hey, Kleiner. Hier ist es–“ Mir stockte der Atem.

Das Kind fuhr auf der Sitzbank zusammen und presste sich den Folianten so fest an seine Brust, dass die Fingerknöchel weiß hervortraten. Aus aufgerissenen, grasgrünen Augen starrte es uns entgegen. Eine zarte Seele flackerte aufgeregt in seiner Brust.

An ihm gab es nichts Dämonisches. Es war nur ein Kind, irgendein Menschenjunge. Trotzdem blieb mein Blick an seinen blonden Locken hängen. An seinen Augen mit dieser Weichheit, die meinen verwehrt blieb. An den Konturen seines Gesichts, die ich kannte. Nicht nur von mir.

Meine Knie gaben nach, meine Waffe blieb fest umklammert. Hin und her gerissen zwischen dem Antlitz des Knaben und dem Verständnis, dass er nicht sein konnte, was ich glaubte.

„Ich… Du…“, konnte ich nur stammeln.

„Tut mir bitte nichts“, piepste sein zartes Stimmchen. Sein ganzer Leib zitterte. Nicht, weil vor ihm ein Dämon stand. Kein Henker und kein Krieg. Nur ich und meine Gefährten.

Meine linke Hand löste sich von meinem Speer. Völlig überfordert hob ich sie. „Du musst keine Angst haben.“

Die Schultern des Kindes zogen sich weiter nach oben.

Auch Hendriel wagte sich näher an den Knaben heran. Ohne Waffen, dafür mit einem Lächeln. „Wir wollen dir nichts Böses“, sprach er mit seiner beruhigenden Sanftheit. Vor der Bank ging er in die Hocke. „Ich heiße Hendriel und das“, er schweifte mit der Hand aus, „sind Dea Verena und Leaiel. Wie heißt du?“

Das Kind riskierte einen Blick an ihm vorbei, schluckte dann schwer, als er mich ansah. Er duckte sich tiefer, versuchte sich wohl hinter dem Band zu verstecken. Leise drang seine zittrige Stimme heran: „Lorenzo Kasimir.“

„Loren–“ Mein Inneres begann zu zerbersten, Schmerz explodierte in meiner Brust. Ich verschluckte die restliche Silbe.

„Dea!“ Die besorgten Stimmen meiner Gefährten drangen nur dumpf an mein Ohr. Mit einer Handgeste winkte ich ab.

„Nein“, presste ich angestrengt hervor, als ich begriff, was vor sich ging. Dafür also hatte Beelzebub sein Leben gegeben.

Der Knabe legte zögerlich den schweren Band zur Seite und rutschte von der Bank hinunter. „Sprich meinen Namen nicht aus“, wimmerte er. „Er ist unaussprechlich. Nennt mich Lokas, das sagt auch Papa zu mir.“

Mir wurde noch schlechter als ohnehin schon. „Papa?“

Ein Lächeln bildete sich auf seinen dünnen Lippen. Dieses Lächeln kannte ich nur zu gut. Und die Wärme, die es brachte und auch diesen Garten erfüllte.

Die Anspannung wurde allmählich von einer funkelnden Neugier verdrängt. „Ja, Papa! Er wollte gleich wiederkommen und mir weiter vorlesen.“ Die Hand des Kindes legte sich auf das schwere Buch. Die Lider halb gesenkt blickte es auf den Einband. Ein blauer Drache legte seine Schwingen um die Welt.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was ich überhaupt glauben sollte. Auch meine Gefährten hatten keine Worte dafür. Leaiel hielt sich im Hintergrund, ihre Hand auf ihrem Schwert ruhend. Hendriel hockte neben mir. Seine Lippen hatte er aufeinandergepresst, sein Kehlkopf sprang.

Jedoch wusste ich, was zu tun war.

Ich reichte Lokas meine linke Hand. „Ich bin jetzt hier, um auf dich aufzupassen.“

Mit seinen großen Augen betrachtete er meine Hand. Er rührte sich nicht. Zwischen uns lagen kaum zwei Schritte. Trotzdem sah er sie an, als wäre sie eine Schlucht, die bis in die Tiefen der Hölle reichte. „Papa hat gesagt, ich soll auf ihn warten.“

Ein Stich durchzog meine Brust. Meine Rüstung hatte mich vor so manchen Verletzungen bewahrt. Aber nicht vor dem Schmerz, der nun meinen Körper durchzog. Was sollte ich nur darauf antworten?

Ich fing vorsichtig an: „Das war klug von ihm. Aber es ist jetzt gefährlich. Du musst mit mir und meinen Gefährten mitkommen. Wir bringen dich in Sicherheit.“

Lokas‘ Blick wanderte von meiner Hand zu meinem Gesicht. Ich musste ihm in seine glasigen Augen sehen, während er sagte: „Geht es Papa gut? Hast du ihn gesehen? Er ist aus dem Tor gegangen.“

Mein Mund öffnete sich. Und schloss sich wieder.

Ich hatte Götter sterben sehen. Reiche brennen. Dämonenfürsten erschlagen. Doch keinem Kind erklären müssen, warum sein Vater nicht zurückkommen würde.

In diesem Moment verstand ich, weshalb die Vergänglichen das Lügen für sich entdeckten. Sie war schnell ausgesprochen und unglaublich bequem. Nicht nur für mich, auch für das Kind. Vielleicht verstand ich sie nicht nur, ich beneidete sie regelrecht.

Hendriel ergriff das Wort: „Dein Vater wollte, dass du hier wartest, nicht wahr?“

Lokas wandte den Kopf zu ihm und nickte vorsichtig.

„Dann war das eine gute Entscheidung. Aber nun sind wir hier. Und wir passen auf dich auf, bis er zurückkommt.“ Die Worte waren vorsichtig gewählt. Weder Wahrheit noch Lüge.

Der Knabe sah zwischen uns hin und her. Unsere Erscheinung sprach nicht für uns. Federn lösten sich aus unseren Schwingen. Rinnsale an Blut liefen aus unseren Wunden.

Leaiel trat an uns heran. Ihre Wesen hatte unter meiner strengen Führung nicht gelitten. Wie eine liebevolle Mutter sagte sie: „Wenn dein Papa zurückkommt, wird er wissen wollen, dass du in Sicherheit bist.“

Die ersten Muskeln lösten sich am kleinen Körper. „Ihr bringt mich in Sicherheit?“

Fast synchron sprachen wir zu dritt: „Ja.“

„Wirklich?“

„Wirklich“, bestätigte Hendriel mit einem warmen Lächeln.

Wieder wanderten Lokas‘ Augen hinab auf meine Hand. Einen Herzschlag zu lange blieben sie auf der Wunde an meinem Arm liegen. Die Nasenflügel des Kleinen flatterten. In der Luft lag der penetrante Geruch von Rosen vermischt mit Eisen.

„Ich komme mit euch“, stimmte Lokas unserem Vorschlag zu und leckte sich über die hellen Lippen. „Ich habe Hunger und ihr riecht unbeschreiblich gut.“