Ungerechtigkeit erschafft Chaos · Kapitel 21

Bezahlt wird bei Ankunft

Während ihres ersten Geleitschutzes stößt Nisho unverhofft auf eine Spur zum Tod seiner Familie. Ihr Auftraggeber dagegen verschweigt, warum sich so lange niemand auf seinen Aushang gemeldet hat.

Fantasy, Psychological Drama, Tragedy, Isekai, ActionVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-11-012.331 Wörterca. 10 Min.

Während ihres ersten Geleitschutzes stößt Nisho unverhofft auf eine Spur zum Tod seiner Familie. Ihr Auftraggeber dagegen verschweigt, warum sich so lange niemand auf seinen Aushang gemeldet hat.

Der Zug, für den Sora sich entschieden hatte, bestand aus zwei Planwagen, vier Pferden und einem alten Mann, der mit ihnen redete.

Er stand im Morgendunst vor dem Stadttor, hager und ein wenig krumm, die Haut dunkel und faltig. Zwischen seinen Zähnen steckte eine kalte Pfeife. Gerade erklärte er dem vorderen Schimmel, warum heute kein Tag zum Trödeln war. Der Schimmel schien anderer Meinung zu sein.

Ihre Waffen und Pferde holten sie am Tor ab. Hana saß vor Sora im Sattel und betrachtete den alten Mann. Sie wartete sichtlich darauf, dass das Pferd ihm antwortete.

Kaum war Sora abgestiegen, kam der Händler auf ihn zu. Er hieß Tomioka und war ein kleiner, gepflegter Mann mit einem Bart, den er beim Reden unablässig glatt strich. Sein Mantel war aus gutem Stoff und er nahm Soras Hand gleich zwischen seine.

„Takafushi, richtig? Du bist der Erste, der sich auf meinen Zettel gemeldet hat. Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet.“ Sein Blick fiel auf die Marke an Soras Hals. „Rang vier. Wunderbar.“

Der Zettel muss schon eine Weile hängen. In einer Grenzstadt gibt es vermutlich nicht viele Wächter ab Rang vier. Umso besser für uns.

Tomioka musterte Nisho, dann das Schwert an dessen Hüfte. „Und dein Freund?“

„Ein Jäger. Er ist nicht für den Auftrag hier. Seine eigenen erledigt er auf dem Weg.“

„Ein zweites Schwert, das mich nichts kostet.“ Tomioka lachte, eine Spur zu kurz. „Das nenne ich einen guten Morgen.“

„Meine Schwester begleitet uns ebenfalls“, sagte Sora. „Sie reist schon seit Wochen mit uns. Sie –“

„Gut, gut.“ Tomioka winkte ab. „Sie kann bei Yohei auf dem Bock sitzen. Er redet ohnehin am liebsten mit jemandem, der ihm nicht widerspricht.“

Ich hatte extra drei gute Gründe vorbereitet, warum sie niemandem zur Last fällt. Er wollte keinen davon hören. Offenbar machen wir einen besseren Eindruck, als ich dachte.

„Bis an die Grenze sind es knapp drei Wochen. Natürlich nur, wenn das Wetter mitspielt. Gegessen wird aus meinen Vorräten.“ Der Händler strich sich wieder über den Bart. „Wie im Auftrag geschrieben, wird erst bei Ankunft gezahlt.“

Als er die Hand sinken ließ, sah Sora den hellen Streifen an seinem Ringfinger. Die Haut dort war noch blass.

Der Ring ist noch nicht lange weg. Vermutlich gepfändet. Sein Geld steckt in der Ware. Wer erst bei Ankunft zahlen kann, muss dafür mehr bieten. Das erklärt den guten Lohn. Er braucht diese Fahrt dringender als wir.

Drei Wochen Essen, die wir nicht bezahlen müssen. Was wir noch haben, reicht für den Grenzzoll. Bei Ankunft kommt der Lohn dazu und damit der Weg bis zu diesem Mann. Mit den Wagen sind wir zwar langsamer als allein. Dafür kommen wir nicht mit leeren Taschen an.

„Yohei!“, rief Tomioka. „Die Kleine fährt bei dir mit.“

Der alte Mann nahm die Pfeife aus dem Mund und wandte sich an seinen Schimmel. „Was meinst du, Ume? Nehmen wir sie mit nach vorn?“

Ume schüttelte eine Fliege von den Ohren.

„Sie hat genickt“, sagte Hana.

Yohei sah sie lange an. Dann sah er das Pferd an.

„Dann ist es entschieden.“

Sora hob seine Schwester auf den Bock. Den zweiten Wagen lenkte ein junger Knecht, der seit ihrer Ankunft kein Wort gesagt hatte. Tomioka setzte sich neben ihn.

Bevor die Wagen anrollten, überprüfte Sora sie noch. Der Händler, der Knecht, der alte Kutscher: blasse Farben, gewöhnlich bis in die letzte Faser.

Keiner von ihnen wird uns gefährlich. Keiner wird nützlich.

Eine Weile ritt Nisho schweigend neben ihm. Erst als die Stadtmauer hinter ihnen im Dunst verschwand, sagte er etwas.

„Er hat Angst.“

„Natürlich, Händler haben immer Angst um ihre Ware.“

Nisho warf einen Blick zum zweiten Wagen. Dort strich Tomioka sich gerade wieder über den Bart. Nisho sagte nichts mehr.


Am zweiten Tag bogen sie auf die Nordroute ein.

Nisho verschwand jeden Morgen zwischen den Bäumen, bevor die Wagen anrollten. Sein Pferd trottete angebunden hinter dem zweiten Wagen her. Erst abends kam er zurück. Am ersten Abend legte er einen Hasen neben die Feuerstelle, am zweiten ein Reh. Beide Male war er schon wieder im Dunkeln, bevor jemand danke sagen konnte.

„Der Stille mag keinen Dank“, erklärte Yohei seinem Schimmel. „Merk dir das, Ume.“

Ume fraß weiter. Widerspruch kam keiner.

Beim Wachwechsel in dieser Nacht setzte Sora sich zu Nisho ans Feuer. „Du könntest wenigstens warten, bis sich jemand bedankt.“

„Wozu?“

Sora hatte darauf keine Antwort, die Nisho gelten lassen würde. Nisho erwartete auch keine.

„Wie laufen deine Aufträge?“

„Enttäuschend. Obwohl sie alle vom Rang drei und vier waren, sind die Viecher überraschend schwach.“

„Wahrscheinlich wurden wir immer noch unter unserem Können eingestuft, damit wir uns hocharbeiten können.“

„Vermutlich.“ Nisho stand auf und verschwand wieder zwischen den Bäumen. Sora sah ihm noch einen Moment nach, bis seine Silhouette in der Dunkelheit verschwand.

Tagsüber ritt Sora neben den Wagen her. Manchmal ritt er bis zur nächsten Biegung voraus, um zu sehen, was dahinter lag. Nie weiter, als er den ersten Wagen noch sehen konnte.

Die Lagerplätze suchte Tomioka selbst aus. Immer offenes Feld, weit weg vom Waldrand. Am zweiten Abend schob er Hana wortlos eine getrocknete Aprikose hin. Auf dem Rückweg zu seinem Wagen blieb er bei Sora stehen.

„An der Grenze wartet ein Abnehmer auf die Ware. Er wartet nicht ewig.“ Sein Blick lag dabei nicht auf Sora, sondern auf dem Waldrand in der Ferne. „Wenn wir Zeit verlieren, will ich es früh wissen.“

„Bisher liegen wir gut.“

„Gut.“ Tomioka nickte, als hätte Sora ihm eine Zahl genannt. Danach zog er sich in seinen Wagen zurück und schrieb in ein Rechnungsbuch, bis das Licht nicht mehr reichte.

Er wählt seine Lagerplätze wie jemand, der schon einmal überfallen wurde. Gut. Dann muss ich es ihm nicht erst erklären. Mit dem komme ich zurecht.

Während Sora nur einen Namen beiläufig kannte, hatte sich Hana bereits die Namen aller vier Pferde eingeprägt.

Am dritten Tag hörte er sie zum ersten Mal mit Ume reden. Yohei döste neben ihr auf dem Bock, die Zügel locker in den Händen. Hana erzählte dem Pferd von Mitsu. Dass er einmal auf Papas Pferd geklettert war, ohne zu wissen, wie man wieder herunterkam, und den halben Tag oben geblieben war, bis Papa ihn fand. Danach habe er nur behauptet, dass er auf ihn gewartet habe.

Davon wusste ich noch gar nichts. Mit einem Pferd redet sie über ihn. Warum mit mir nicht?

Sora ließ sein Pferd ein paar Längen zurückfallen. Sie sollte nicht merken, dass er zugehört hatte.

Am Abend schlief Hana früh im Wagen zwischen den Stoffballen ein. Yohei saß noch bei den Pferden, als Sora ihm einen Becher Wasser brachte. Der alte Mann nahm ihn, ohne aufzusehen.

„Pferde hören zu, ohne etwas zu wollen“, sagte er. „Darum reden Kinder mit ihnen.“

Er hat also doch nicht geschlafen. Ohne etwas zu wollen. Als würde ich etwas von ihr wollen.

In dieser Nacht zog Sora während seiner Wache die Schriftrolle hervor, die Hazen ihm mitgegeben hatte. Die Schnur war noch genauso verknotet wie an jenem Morgen. Er drehte die Rolle im Feuerschein, bis er jede Schlinge auswendig kannte.

Einen Knoten kann man lösen und neu binden. Niemand würde es merken. Außer vielleicht der Mann, der ihn gebunden hat. Es könnte ein Empfehlungsschreiben oder ein Auftrag meines Todes sein. Diese Ungewissheit ist gefährlich …

Er steckte die Rolle zurück.

Je weiter sie nach Norden kamen, desto seltener begegneten ihnen andere Züge. Am vierten Tag sahen sie keinen mehr.

Am vierten Abend fragte Sora den alten Mann nach der Grenze. Die Wagen standen in einer Senke zwischen zwei Feldern. Tomioka war schon in seinem Wagen verschwunden, der Knecht schlief. Hana saß dicht neben Yohei am Feuer. Am Rand des Lichts wischte Nisho seine Klinge ab.

„Wie streng sind die Kontrollen dort?“

Yohei kaute auf seiner Pfeife. Angezündet hatte Sora sie noch nie gesehen. Tabak war teuer, die Gewohnheit offenbar nicht.

„Kommt auf den Hauptmann an. Meistens wartet man einen halben Tag. Wer Pech hat, einen ganzen.“ Er deutete mit der Pfeife zu Ume, die am Rand des Lichtkreises graste. „Die da ist an der Grenze geboren. In einem Zollstall.“

Hana sah zu ihm auf. „Warum in einem Zollstall?“

„Weil wir nicht weiterkamen. Das war der Winter, in dem die Grenzen zu waren. Einen Monat standen wir mit einem Dutzend anderer Züge vor dem Schlagbaum. Keiner kam hinaus, keiner herein.“

„Warum waren sie zu?“

„Hat uns keiner gesagt.“ Yohei drehte die Pfeife zwischen den Fingern. „Die Soldaten wussten es selbst nicht. Im Frühjahr ging der Schlagbaum wieder hoch, als wäre nichts gewesen. Zwölf Jahre ist das jetzt her.“

Ein ganzer Monat. Wenn das noch einmal passiert, sitzen wir mit unserem Lohn auf der falschen Seite fest. Unwahrscheinlich. Trotzdem sollte ich wissen, wie man an einer geschlossenen Grenze vorbeikommt.

Bald darauf war Hana an Yoheis Arm eingeschlafen. Der alte Mann rührte sich nicht, um sie nicht zu wecken. Irgendwann schlief er selbst ein, die kalte Pfeife im Schoß.


Nisho übernahm die erste Wache.

Das Feuer war heruntergebrannt. Unter dem ersten Wagen schlief Sora, eine Hand am Schwertgriff. Am Feuer saßen Yohei und Hana noch immer so, wie der Schlaf sie gefunden hatte. Nisho sah eine Weile zu ihnen hinüber. Dann wandte er den Blick ab.

„Die Grenzen sind zu.“ Zwölf Jahre lang habe ich geglaubt, das sei ein Satz gewesen, der nur in diesem Schlafzimmer galt. Ein Grund, nicht zu fliehen. Etwas zwischen Vater und Mutter. Dabei erinnert sich ein alter Kutscher daran, weil sein Pferd in diesem Winter geboren wurde. Es war kein Geheimnis. Jeder an der Grenze hat es gewusst. Nur den Grund kennt bis heute keiner.

Er legte ein Scheit nach. Funken stiegen auf und verloschen, bevor sie die Wagenplanen erreichten.

Wegen einer einzigen Familie sperrt niemand ein ganzes Land. In jenem Winter ist etwas geschehen, das größer war als wir. Ich muss rausfinden was. An der Grenze gibt es Wachen, die damals schon Dienst hatten. Zöllner, die Bücher führen. Irgendwo steht, wann der Schlagbaum heruntergelassen wurde und auf wessen Befehl. Bisher hatte ich nur Fragen. Endlich habe ich einen Ort, an dem ich sie stellen kann.

Im zweiten Wagen lag der Händler wach. Nisho musste nicht hinsehen, um es zu wissen. Seit Portena lag seine Angst über jedem Lager. Nachts wurde sie lauter.

Sora mag es Angst um die Ware nennen, aber wer um seine Ware fürchtet, schläft trotzdem irgendwann ein. Er nicht. Was mag ihm nur passiert sein?

Am Feuer murmelte Hana etwas im Schlaf. Ohne aufzuwachen, zog Yohei seinen Mantel ein Stück weiter um sie.

Nisho stand auf und ging eine Runde um die Wagen. Am Feuer war es ihm zu warm geworden.


Am fünften Tag kam Nisho schon mittags zurück. Er trug keine Beute.

Eine Weile ging er neben Soras Pferd her, bevor er etwas sagte. „Da vorne liegt ein Wagen. Oder eher, was davon übrig ist.“

Er hatte nicht laut gesprochen. Trotzdem drehte Tomioka sich auf dem zweiten Wagen um.

„Kommen wir daran vorbei?“

„Die Straße ist frei“, sagte Nisho. „Man muss nur hindurch.“

Kein Wer, kein Wann. Nur, ob der Weg frei ist. Er ist eben Händler.

Hinter der nächsten Biegung stieg die Straße an. Sie zwängte sich zwischen zwei bewaldeten Hängen hindurch.

Eine Steigung. Hier muss jedes Pferd langsamer werden. Wenn hier noch jemand wartet, muss ich ihn vom Wagen weglocken. Es hat ja schon einmal funktioniert.

Den Geruch bemerkten die Pferde zuerst. Ume blieb stehen und warf den Kopf zurück.

„Ruhig, Ume. Ganz ruhig.“ Yohei beugte sich vor. „Was hast du denn, meine Gute? Was –“

Dann sah er es und verstummte.

Am Hang lagen zwei weitere Wagen auf der Seite, schwarz bis auf die Achsen. Von den Planen waren nur Fetzen übrig. Aufgeplatzte Fässer lagen im Gras, dazwischen Stoffballen, die der Regen grau gewaschen hatte. In einem Wagenbrett steckten zwei abgebrochene Pfeile. Was die Tiere von den Menschen übrig gelassen hatten, lag weiter verstreut, als Sora hinsehen wollte.

Als er sich zu Hana umdrehte, hatte Yohei ihr Gesicht schon in seinen Mantel gedrückt. Er hielt sie fest und sagte kein Wort. Zum ersten Mal seit Portena schwieg er.

Gut. Sie ist versorgt.

Sora stieg ab. Hinter dem zweiten Wagen übergab sich der Knecht. Der Geruch war Sora vertrauter, als ihm lieb war. Langsam ging er zwischen den Resten hindurch, den Blick am Boden. Unter einem verkohlten Brett blinkte etwas in der Sonne. Eine flache Metallmarke an einem verbrannten Stück Schnur. Der Ruß hatte den Namen geschluckt. Das Siegel darunter war noch zu erkennen. Das achte Haus, dasselbe wie auf seiner eigenen Marke.

Drei weitere fand er im Gras. Er steckte alle vier ein.

Tomioka war nicht abgestiegen. Er saß auf dem Bock des zweiten Wagens und blickte zu den Wracks hinüber. Seine Hände lagen still in seinem Schoß.

Tomioka fragt nichts. Wer so etwas zum ersten Mal sieht, will wissen, wer es war, wann und wie viele. Nur wer die Antworten schon kennt, spart sich die Fragen. Der Ring. Der Zettel, auf den sich keiner meldet. Die leere Straße. Die Lagerplätze, die er aussucht wie einer, der schon einmal überfallen wurde. Jeder Hinweis für sich hat eine vernünftige Erklärung. Zusammen haben sie nur eine.

„Wir müssen weiter.“ Tomioka sprach ruhig, beinahe freundlich. „Bis zur Dämmerung schaffen wir es noch über den Kamm.“

„Wir lassen die nicht so liegen.“ Yohei hielt Hana noch immer fest. Seine Stimme war rau geworden.

„Wenn wir hier die Nacht verbringen, liegen wir morgen daneben.“

Sora prüfte jede Faser des Waldes, doch zwischen den Bäumen war nichts. Auch mit Magie konnte er keinerlei Farben wahrnehmen.

Dann fiel sein Blick auf Nisho.

Nisho stand neben dem ersten Wagen. Um ihn lag das dunkle Blau, das Sora kannte. Nur war es kantig geworden. So hatte er es noch nie gesehen.

Jener ging an ihm vorbei zum zweiten Wagen. Er beeilte sich nicht. Vor dem Bock blieb er stehen und sah zu dem Händler hinauf.

„Wie viele?“

Tomioka strich sich nicht über den Bart. Seine Hand fand den hellen Streifen an seinem Ringfinger und blieb dort liegen.

„Sieben.“

Er musste nicht einmal nachzählen.

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