Sora kehrt an die Akademie zurück — den einzigen Ort, der ihm noch vertraut ist. Ein neuer Morgen bricht an — doch ob er einen Neuanfang bedeutet, muss sich erst zeigen.
Sora trug die schlafende Hana auf seinem Rücken, und Nisho folgte ihnen wie ein kalter Schatten. Ohne eine Pause liefen sie bis zu den grauen Mauern, die Sora bereits auswendig kannte. Der Morgen war angebrochen, und ein vertrautes Gesicht stand verwundert vor dem Tor.
„Sora? Bist du das?“ Daichi war, wie so oft, auf dem großen Übungsplatz hinter dem Tor und traute seinen eigenen Augen nicht. „Was ist passiert? Wer sind die beiden? Ist alles in Ordnung?“ Soras leerer Blick traf nicht den seinen. Er ging wortlos an ihm vorbei.
„Du stellst zu viele Fragen.“ Auch Nisho ging an ihm vorbei, und Daichi konnte die Situation nicht verstehen. Eines aber verstand er: Sora trug ein Gewicht, das durch jede Frage nur schwerer wurde. Also schwieg er.
Ein paar Schritte weiter wartete Ragyou, der gerade mit einem lauten Ruf alle Rekruten aus ihren Träumen reißen wollte. Auch er verstand nicht, warum ein ehemaliger Rekrut freiwillig hierher zurückkehrte. Doch Soras Blick hatte ihm bereits mehr erzählt, als er wissen wollte. Er schickte die Rekruten mit einer knappen Geste auf den Platz und ging mit Sora und Nisho in den Pausenraum. Hana wurde derweil zur Krankenstation gebracht, um versteckte Verletzungen auszuschließen.
„Ich weiß, es ist schwer, Junge. Aber bitte erzähl mir, was passiert ist.“ Ragyou stellte jedem eine Tasse Tee hin, und in seiner Stimme war der harte Ausbilder nicht mehr zu erkennen.
Sora fasste die Ereignisse der vorletzten Nacht zusammen, ohne seine Miene zu verändern. So, wie man es einem Soldaten beibringt, der Bericht erstatten soll. Ragyou blieb still, mit dem Mund und mit dem Körper. Als Sora fertig war, folgte ein kurzes „Ich verstehe.“
Eine Pause. Der Ausbilder nahm ein nachdenkliches Gesicht an.
„Meiyo ist bereits der zweite General. Das kann kein Zufall sein.“
„Auf ihren Mänteln war eine vierblättrige Blüte.“ Nisho meldete sich zu Wort und sah Ragyou in die Augen. „Passt das zu dem vorherigen Fall?“
Ragyou erwiderte den Blick. „Eine Blüte, sagst du. Erzähl mir mehr.“
„Ich weiß selbst noch wenig über sie. Aber mir scheint, als handelten sie im politischen Auftrag. Gebt uns für ein paar Tage Obdach, dann gebe ich Euch alles weiter, was ich habe.“
Ragyou nickte. „Das ist das Mindeste. Diese Sache geht längst nicht mehr nur euch Kinder etwas an. Bleibt, so lange es sein muss. Ich lasse weitere Nachforschungen anstellen — und ab morgen sagst du mir alles, was du über sie weißt.“
Nisho verließ mit Sora den Raum, und sie gingen durch die grauen Gänge zur Krankenstation. Die Sonne war aufgegangen, und in ihrem Licht stand eine junge Frau, die sie bereits mit einem Lächeln erwartete.
„Hallo, Sora. Es ist lange her. Es ist schrecklich, was euch geschehen ist.“
„Wie geht es Hana? Ist sie verletzt?“
„Ich kann dich beruhigen. Äußerlich hat sie nichts abbekommen. Aber sie ist seelisch am Ende und will die ganze Zeit nur schlafen. Sie isst von sich aus nichts und nimmt immer weiter ab. Das können kurzfristige Nachwirkungen der Belastung sein — aber behalt sie im Auge.“
Sora verbeugte sich. „Vielen Dank.“ Er ging ins Krankenzimmer, wo Hana auf einem weißen Bett saß und ein Buch las. Es war das Buch, das er Mitsu zum Geburtstag geschenkt hatte. Ein kindliches M war in den Ledereinband geritzt, und über die Seiten verteilten sich schon zahllose Eselsohren.
„Sora, wann können wir nach Hause?“ Sie sagte es, ohne aufzusehen.
„Wie es aussieht, kommen wir eine Weile hier unter. Ich denke, hier können wir uns besser erholen.“
„Ich hab aber Hunger. Mama hat bestimmt schon für uns gekocht.“
Sora wusste nicht recht, wie er damit umgehen sollte. „Hana, das geht nicht. Mama ist —“
„Ich weiß. Vielleicht schläft sie nur sehr tief. Mama ist doch immer so erschöpft von der Arbeit.“ Sie sagte es, als wäre es das Natürlichste der Welt.
„Es tut mir leid.“ Soras Blick senkte sich, und Hana sah zum ersten Mal von dem Buch auf. Sora erkannte es nicht, aber sie war den Tränen nahe.
„Immer tut es dir leid. Das bringt uns Mama und Papa auch nicht wieder. Deine Entschuldigungen sind wertlos.“
Die Worte durchbohrten Sora wie eine kalte Klinge. Nisho warf Hana einen Blick zu, der genug sagte, und sie verstummte. Stille kehrte in den Raum ein. Sora, der immer vorbereitet war, fand keine Worte. Keine Entschuldigung, keine Ausrede, die seine Lage erklärt hätte. Hana senkte den Blick wieder auf das Buch und murmelte vor sich hin.
„Was machen wir jetzt nur.“
Nisho ging zum Bett und setzte sich vor sie. „Auch wenn es schwer ist — wir müssen weiter. Weißt du, auch ich habe meine Eltern verloren. Ich war jünger, als du es jetzt bist. Ich sage nicht, du sollst einfach aufstehen und dich auf einen dunklen Pfad begeben, so wie ich. Du bist dein eigener Mensch. Du entscheidest, was du tust.“ Sora richtete sich auf und sah Nisho an wie einen Menschen, den er zum ersten Mal sah. Nicht den Jungen, dem es nur um Rache ging. Jemanden, der die Worte fand, auf die er selbst nicht kam. „Dein Bruder und ich brechen zu einer Reise auf, um die zu finden, die euch das angetan haben. Wir müssen weiter, damit es nicht noch mehr Opfer gibt. Was willst du in der Zeit tun?“
„Ich will mit.“ Sie zögerte keine Sekunde. „Lasst mich mitkommen.“
Sora setzte an, bevor Nisho antworten konnte. „Hana, hier bist du sicher. Herr Tenbara gibt uns ein Dach, ein Bett, jemanden, der nach dir sieht. Da draußen kann ich dir das nicht versprechen.“ Er hörte selbst, wie dünn es klang. Es war die Vernunft, und Vernunft war das Einzige, was er ihr noch bieten konnte.
„Und? Soll ich hier sitzen und Däumchen drehen? Was, wenn du da draußen auch stirbst? Dann habe ich niemanden mehr.“ Ihre Stimme brach, aber sie sah ihn nicht weg. „Sicherheit ist nutzlos, wenn ich hier allein warte, in der Unwissenheit, ob du zurückkommst.“
Darauf fand Sora keine Antwort. Sie hatte recht, und das war das Schlimmste daran.
Sie tauscht das eine Risiko gegen das andere und weiß es. Und ich kann ihr nicht einmal sagen, dass ihre Rechnung falsch ist.
In seiner Brust zog sich etwas zusammen, der Gedanke, sie ins Ungewisse zu tragen, das Einzige, was ihm geblieben war. Und doch war da kein Weg, sie hierzulassen, der sich nicht wie ein zweites Zurücklassen anfühlte.
„Und wenn er vor deinen Augen stirbt?“, fragte Nisho, mit neutralen Gesichtsausdruck, wie jemand der gelernt hat, schwierige Fragen zu stellen, ohne Schwäche zu zeigen.
„Ich werde dafür sorgen, dass er nicht stirbt.“ Nisho erkannte in ihren Augen, für einen kurzen Augenblick, dieselbe Entschlossenheit, die er seit Jahren in sich trug. Er nickte kurz, wie jemand, der sich eine Niederlage eingestehen muss.
„Bist du dir sicher?“ Sora sah seine Schwester an.
„Ja. Was auch kommt — ich will niemanden mehr verlieren.“
Sora fand kein Gegenwort mehr und stimmte am Ende zu. Nicht, weil er überzeugt war. Weil er verstanden hatte, dass er ihr das Zurückbleiben nicht antun konnte, ohne ihr genau das zu nehmen, was er selbst gerade verloren hatte.
Später, nachdem Nisho und Hana zum Essen gegangen waren, traf er Daichi, der ihn mit besorgtem Blick ansah.
„Daichi. Es tut mir leid, dass ich dich heute ignoriert habe. Du hast dir Sorgen gemacht, und ich habe dich einfach abgewiesen. Das war nicht fair.“ Daichi boxte ihn leicht an die Schulter und lachte kurz. „Damit sind wir quitt.“ Dann legte er die Hand auf ebendiese Schulter. „Ich hätte dich nicht so bedrängen dürfen. Ich frage nicht weiter nach deinen Umständen, das macht es nur schlimmer. Du sollst nur wissen: Ich bin da, wenn du jemanden zum Reden brauchst.“
Zum ersten Mal seit jener Nacht verirrte sich ein Lächeln auf Soras Lippen. Daichi warf ihm sein altes Übungsschwert zu. „Wie wär’s — wollen wir dich auf andere Gedanken bringen?“
Sie trainierten zusammen, bis die Sonne unterging und die Nacht anbrach.
Sora war mit Nisho und Hana in seinem alten Gruppenzimmer untergekommen, das man für sie freigeräumt hatte. Ragyou musste einige Hebel in Bewegung gesetzt und mit seinen Vorgesetzten gerungen haben, aber er fand wohl, dass er Sora das schuldig war. Hana schlief in einem frisch bezogenen Bett, während Sora auf dem Boden daneben saß, das Schwert seines Vaters umklammert. Nisho stand in der Ecke und dachte über die letzten Tage nach.
Warum helfe ich Sora eigentlich so sehr. Wir kennen uns lange und verfolgen dasselbe Ziel, aber wieso weiche ich so weit von meinem Pfad ab, um ihn zu stützen. Es fühlt sich nicht falsch an, eher das Gegenteil. Erinnert er mich an mein altes Selbst. Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht. Hier scheint es sicher zu sein. Meine Anwesenheit muss ihre Ruhe nicht stören.
Er verließ ohne einen Laut den Raum und ließ die Tür langsam ins Schloss fallen. Sora schlief nicht, aber er war auch nicht wach. Sein Kopf war leer, und er konnte keinen klaren Gedanken fassen. So verharrte er mehrere Minuten, bis ihn ein weinendes Kind aus dem tranceähnlichen Zustand riss.
„Nein. Bitte nicht… I- ich will nicht. Papa, bleib hier. Papa!“ Hana wälzte sich, und Tränen kullerten ihre Wangen hinab. Sora stand neben dem Bett wie erstarrt. In seiner Brust zog sich wieder etwas zusammen, ein unangenehmes Gefühl aus Reue und Schuld.
Was soll ich tun. Ich muss sie beruhigen, aber wie. Hokori wüsste, was zu tun ist. Soll ich sie halten. Soll ich es vorbeigehen lassen. Ich habe nie gelernt, wie man einen Menschen tröstet. Was täte eine Mutter jetzt. Und wenn sie jemanden weckt — werfen sie uns dann aus der Akademie.
Es fiel ihm schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Und doch erinnerte er sich an etwas, das er fast vergessen hatte. Er setzte sich auf die Bettkante und begann, eine Melodie zu summen. Dieselbe, die seine Mutter ihm immer vorgesungen hatte, wenn er nicht einschlafen konnte. Er traf den Ton nicht genau und konnte sich kaum noch an den Rhythmus erinnern. Hanas Bewegungen wurden ruhiger, die Tränen versiegten. Er glitt auf den Boden, den Rücken ans Bett gelehnt, und summte weiter, bis er selbst eingeschlafen war.
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