Sora ist an seinen höchsten Punkt. Das denkt er Zumindest. Egal wie stark man ist, nicht alles lässt sich durch Gewalt lösen. Diese Gedanken gehören dem zukünftigen Sora. Jetzt ist nur Zeit für eines: Seinen Geburtstag.
In der Nacht nach dem Sieg über Ragyou fand Sora keinen Schlaf, und zum ersten Mal seit Langem störte ihn das nicht.
Er lag auf dem schmalen Bett seines Quartiers, die Hände im Nacken verschränkt und sah zu, wie das Mondlicht langsam über die kahle Wand wanderte. In seinem Körper hallte der Kampf noch nach, nicht als Schmerz, sondern als ein leises, gleichmäßiges Summen, das Gefühl von etwas, das endlich an seinem Platz lag.
Ich habe es geschafft. Den Höchsten geschlagen, den diese Akademie zu bieten hat, einen Tag vor meinem sechzehnten Geburtstag. Zwei Jahre habe ich gebraucht, um das zu erreichen, wofür ich gekommen bin. Endlich stark genug, um die zu halten, für die ich das alles getan habe.
Er schloss die Augen und dachte an das Haus hinter dem alten Zauntor, das ihm immer noch nicht aus dem Sinn ging. So viele Nächte er auch fern davon schlief, morgen würde er zurückkehren. Morgen war sein Geburtstag und es gab einen Ort, der sich auf diesen Tag freute, und zum ersten Mal seit zwei Jahren würde er ihn mit etwas betreten, das mehr war als ein Versprechen.
Bisher konnte ich nur sagen: Ich versuche es. Ich werde stark. Wartet. Jetzt kann ich es ihnen mit ruhigem Gewissen sagen. Ich kann euch beschützen. Was auch kommt.
Er packte das Wenige zusammen, das er besaß und meldete sich für die freien Tage ab, die ihm zustanden und die er sich seit Wochen nicht genommen hatte. Die Akademie lag noch im blauen Licht der Nacht, als er über den Übungsplatz ging und auf halbem Weg löste sich eine breite Gestalt aus dem Schatten der Unterkünfte.
„Du gehst tatsächlich zurück.“ Daichi grinste, die Arme vor der Brust verschränkt. „Ich hab's gehört. Trainingsplatz vier, gestern. Sieg über Tenbara. Der halbe Jahrgang redet von nichts anderem.“
„Woher wissen alle davon?“
„Überall sind Augen und Ohren. Neuigkeiten wie diese reisen schnell.“ Daichi schüttelte den Kopf, halb belustigt, halb in einer Bewunderung, die er nicht zu verbergen suchte. „Niemand schlägt Ausbilder Tenbara. So war es zumindest. Und du machst es einen Tag vor deinem Geburtstag und gehst dann nach Hause, als wäre nichts gewesen.“ Er schlug Sora gegen die Schulter, kräftig, freundschaftlich. „Wenn du zurück bist, zeigst du mir, wie du das gemacht hast.“
„In einer Woche, dann zeige ich es dir.“
„Eine Woche.“ Daichi nickte, als wäre damit ein Vertrag geschlossen. „Grüß die Zwillinge von mir. Auch wenn sie nicht wissen, wer ich bin.“ Er lachte, wie immer. „Pass auf dich auf, Sora.“
„Das werde ich“ Es war ein gewöhnlicher Satz, einer von tausend, die zwei junge Männer einander sagen, die sich sicher sind, dass es ein Wiedersehen gibt.
Er brach auf, als die Sonne über den Mauern stand und nahm den Weg, den er inzwischen im Schlaf gekannt hätte. Die Straße führte aus dem grauen Herzen Estalias hinaus, vorbei an Feldern, die im Mondlicht zu atmen schienen, an Gehöften, aus deren Kaminen der dünne Rauch der frühen Morgenstunden stieg, an einem Bach, der dem Weg eine Weile folgte und sich dann verlor.
Mitsu wird wieder einen Kuchen backen. Und der Kuchen wird wieder ungenießbar sein, während Hana leise neben mir sitzt und so tut, als interessiere sie das alles nicht, um damit das genaue Gegenteil zu meinen. Vater — wenn die Armee ihn lässt — wird in der Tür stehen und nicht viele Worte machen und mir trotzdem auf seine Art sagen, dass ich vermisst wurde.
Der Stein lag kühl an seiner Brust. Er hatte ihn überallhin mitgenommen, wie er es versprochen hatte, durch zwei Jahre Drill und kalte Quartiere. Jedes Mal, wenn seine Finger ihn berührten, hörte er denselben halb verschlafenen Satz, den sie ihm an dem Tor zugeflüstert hatte. „Geh nicht zu weit weg.“
Ich bin nicht zu weit gegangen. Eine Akademie im Herzen des Reiches, einen halben Tag entfernt. Ich bin immer wiedergekommen.
Er dachte, während er ging, an etwas, das ihm selten so deutlich in den Sinn kam wie auf diesem Weg. In seinen ersten Leben, das ihm gehörte und trotzdem anfühlte wie das eines Fremden, hatte er Eltern gehabt, an die er keine einzige Erinnerung besaß. Er hatte ihre Liebe nie bewusst erlebt, hatte nie gewusst, wie sich ein Haus anfühlt, in dem jemand auf einen wartet. Diese Familie war das Erste, was er je geliebt hatte. In zwei Leben das Erste. Und er hatte lange gebraucht, um es überhaupt als Liebe zu erkennen, weil er ein Mensch war, der alles benannte und für dieses eine Gefühl am längsten kein Wort gefunden hatte.
Die Sonne ging bereits auf, als er an die letzte Biegung kam, die vertraute Wegkrümmung hinter dem Hügel, von der aus man das Anwesen zum ersten Mal sehen konnte. Sora kannte den Anblick, der ihn dort immer erwartete, so gut, dass sein Blick ihn suchte, bevor er ihn sah: das hohe Dach, der Garten, der dünne Faden Rauch aus dem Küchenkamin, der an einem Geburtstagsmorgen dicker sein würde als sonst.
Kein Rauch stieg auf.
Er blieb nicht stehen. Sein Verstand, geübt darin, Orte zu lesen, ehe er sie betrat, reichte ihm sogleich die harmlosen Erklärungen, wie er es immer tat. Sie hatten verschlafen. Der Kamin war noch nicht entzündet. Mitsu hatte den Kuchen schon gestern gebacken und niemand kochte um diese Stunde. Es gab ein Dutzend Gründe, warum ein Kamin am Morgen noch nicht rauchte und keiner von ihnen bedeutete etwas.
Aber sein Schritt war schneller geworden, ohne dass er es beschlossen hatte und in der Luft lag etwas, das er zuerst nicht einordnen konnte, ein Geruch, fein und fremd. Kein Brot, kein Holzfeuer. Etwas Kupfernes. Etwas, das er von der Akademie kannte, aus dem Lazarett nach harten Tagen und das hierher nicht gehörte, an diesen Ort, an dem die Zeit für ihn stillstand.
Ich habe zu wenig geschlafen, ich habe gestern gekämpft, mein Kopf sieht Muster, wo keine sind. Das tut er, wenn man müde ist. Das weiß ich besser als jeder sonst.
Das Tor stand offen. Nicht angelehnt, wie man es lässt, wenn man kurz hinausgeht. Offen, eine Hälfte schief in der Angel, als hätte jemand sie im Vorbeigehen aufgestoßen und sich nicht darum geschert, ob sie zufiel. Im Hof, ein paar Schritte hinter dem Tor, lag im Staub ein Holzschwert. Mitsus Holzschwert, das Meiyo ihm geschenkt hatte. Es lag dort, wo man eine Waffe nicht hinlegt, sondern fallen lässt.
„Mitsu?“, rief Sora. Seine Stimme klang in der Stille zu laut. „Hana? Ich bin's.“
Niemand antwortete. Die Stille antwortete und es war nicht die Stille eines schlafenden Hauses. Es war die andere, die schwere, die sich über einen Ort legt, aus dem etwas fortgegangen ist und nicht zurückkommt.
Er ging durch das Tor. Er wusste in diesem Moment bereits, dass etwas geschehen war, das sich nicht mehr ungeschehen machen ließ und ein Teil von ihm, der kalte, klare Teil, der ihn sein ganzes Leben getragen hatte, versuchte, die Lage zu erfassen, die Schritte zu zählen, die Lücken zu lesen. Der andere Teil, der größere, wollte nur, dass es nicht wahr war.
Im Hof, nahe der Tür, lag sein Vater.
Meiyo lag auf der Seite, kaum wiederzuerkennen. Ein Arm unter sich, das Schwert ein Stück entfernt, dort, wo es ihm aus der Hand geschlagen worden sein musste, denn freiwillig hätte dieser Mann seine Waffe nie aus der Hand gegeben. Der Boden um ihn herum erzählte von einem Kampf, von Schritten, die hin und her gegangen waren, von mehr als einem Gegner. Ein unschlagbarer Feldherr, vor dem ganze Fronten gewichen waren, hatte hier gekämpft, in seinem eigenen Hof und er hatte verloren. Das allein war eine Unmöglichkeit, die Soras Verstand nicht fassen wollte.
Vater verliert nicht. Vater hat nie verloren. Wer tut so etwas. Wer ist stark genug, ihn hier zu Boden zu bringen, in seinem eigenen Hof, an einem gewöhnlichen Morgen.
Er ging in die Knie und seine Hand suchte an Meiyos Hals nach dem, von dem er schon wusste, dass er es nicht finden würde. Die Haut war noch nicht kalt. Das war das Grausamste daran, dass es nicht lange her war. Eine Stunde, vielleicht Zwei. Während er auf der Straße ging und an Kuchen dachte, war hier geschehen, was nicht mehr rückgängig zu machen war und er war zu spät gekommen, um Minuten, um eine Handvoll Stunden, um die Dauer eines Kampfes, den er gestern gewonnen hatte.
Mit gebrochenem Blick, der in seinen Augen ernst wirkte, ging er durch den Türrahmen. Im Inneren des Hauses fand er Hokori. Er deckte sie zu, mit dem, was zur Hand war und es war die einzige Zärtlichkeit, die ihm in diesem Moment möglich war und sie war zu wenig, das wusste er. Er blieb nicht lange bei ihr, nicht, weil er es nicht ertragen hätte, sondern weil er es nicht ertrug und trotzdem weitermusste, weil noch zwei fehlten, weil noch eine Hoffnung war, so dünn sie auch sein mochte und Hoffnung treibt einen Menschen durch Räume, durch die er sonst nicht ginge.
Ein Laut kam aus dem hinteren Teil des Hauses, leise, kaum mehr als ein Atemzug und Sora war dort, ehe er den Gedanken zu Ende gedacht hatte.
Minami lehnte an der Wand neben der Kammer der Zwillinge, zusammengesunken und der Boden unter ihm sagte alles über die Zeit, die ihm noch blieb. Der alte Schwertmeister hatte gekämpft, das sah man, der einarmige Mann hatte gekämpft, wie nur er kämpfen konnte und es hatte nicht gereicht. Seine trüben Augen fanden Sora und für einen Moment lag etwas darin auf, das fast wie Erleichterung aussah.
„Sora“ Seine Stimme war ein Faden. „Du bist… spät dran, Junge.“
„Nicht reden.“ Sora kniete neben ihm, die Hände suchten und fanden nichts, das sich noch richten ließ. „Sparen Sie Ihre Kräfte. Ich hole Hilfe, ich—“
„Lass das.“ Es kam beinahe streng, der letzte Rest des Lehrers, der ihm einst ein Holzschwert zugeworfen hatte. „Dafür… ist es zu spät. Für mich. Hör zu. Solange ich noch… die Worte habe.“
Sora hörte zu. Er, der sonst nicht zuhörte, sondern Gesten las, hörte zu, weil ihm nichts anderes blieb, weil es nichts zu lesen gab als das Sterben eines Mannes.
„Es waren insgesamt zwei“, fuhr er fort. „Aber jeder von ihnen… ein Krieg. Dein Vater hat versucht… sie aufzuhalten, lange. Sie waren keine Soldaten. Keine Räuber.“ Ein Atemzug, der rasselte. „Sie trugen ein Zeichen. Auf den Mänteln. Eine Blüte. Eine geöffnete Blüte, Sora. Vergiss sie nicht. Was auch geschieht… vergiss diese Blüte nicht.“
Eine Blüte. Sie haben meine Familie ausgelöscht und ein Zeichen des Friedens getragen, wie ein Wappen, wie etwas, auf das sie stolz sind. Wer mordet und sich dabei kennzeichnet, der fürchtet nichts.
„Das Mädchen.“ Seine Stimme wurde dringlicher, als bliebe nur noch wenig Zeit. „Hana. Sie lebt. Ich konnte… nur sie. Ich habe sie hinter mich… in die Kammer. Sie haben mich für… den Letzten gehalten. Sie lebt, Sora. Hörst du. Geh zu ihr.“ Ein Schatten lief über das alte Gesicht, etwas, das schwerer war als der Schmerz. „Den Jungen… konnte ich nicht erreichen. Es ging zu schnell. Ich konnte nur einen… und ich habe… verzeih mir.“
„Es gibt nichts zu verzeihen“ Soras Stimme brach an einer Stelle, an der sie sonst nie brach. „Sie haben gekämpft, als alle anderen--“
Aber Minami hörte ihn schon nicht mehr ganz. Seine Hand fand für einen Augenblick Soras Arm, ein kurzer, fester Druck, derselbe, den ein Lehrer einem Schüler gibt, der sich wacker geschlagen hat. „Alles Gute zum Geburtstag“ Dann ließ der Druck nach, langsam und das Rasseln in seiner Brust wurde leiser und hörte auf. Der Mann, der eine Legende gewesen war und einarmig gekämpft hatte, bis nichts mehr ging, war fort. Sora hielt den Arm noch eine Weile, an dem die Hand nicht mehr lag und wusste, dass er sich später an dieses Gewicht erinnern würde, an das Fehlen des Drucks, an die genaue Sekunde, in der ein Mensch aufhört, ein Mensch zu sein.
Den Jungen konnte ich nicht erreichen.
Sora stand auf. Seine Beine taumelten, ohne dass er ihnen den Befehl gab, zurück durch das Haus, das ihm fremd geworden war, obwohl er jeden Winkel kannte und sie trugen ihn dorthin, wo das Herz dieses Hauses immer geschlagen hatte. Die Küche, in der es sonst nach Brot, Eintopf und nach den misslungenen Versuchen eines Kindes roch.
Auf der Anrichte stand eine Schüssel. Daneben, über die ganze Platte verstreut, lagen Eierschalen, zertrümmert, wie immer. In der Schüssel war ein Teig, halb verrührt und neben der Schüssel lag ein Holzlöffel, hingelegt, als hätte jemand ihn für einen Moment aus der Hand gestellt, um gleich weiterzumachen. Für die Dauer eines Herzschlags, eines einzigen, sah Sora nur das, sah nur die Eierschalen und den Teig. Er hörte eine helle Stimme rufen, mit dem Stolz eines Bäckers, der seine geheime Zutat enthüllt und für diesen einen Herzschlag war alles in Ordnung. Es war nur Mitsu, der wieder einen Kuchen verdarb, einen Kuchen für seinen großen Bruder, der heute Geburtstag hatte.
Dann sah er den Rest und der Herzschlag endete. Mit ihm endete auch etwas in Sora.
Mitsu lag am Fuß der Anrichte. Das Letzte, was er getan hatte, in seinem viel zu kurzen Leben war, einen Kuchen für jemanden zu backen, der zu spät kam.
Sora sank neben ihm in die Knie. Er, der alles benannte, fand kein Wort. Er, der jeden Menschen las, konnte nichts sehen, kein Atem, keine Haltung, keine Lüge und keine Wahrheit. Nur ein Kind, ein Kochlöffel und die dummen, zärtlichen, unerträglichen Zutaten, die über die Anrichte verstreut lagen wie der Beweis, dass hier vor Kurzem noch jemand gelebt, gelacht und etwas Gutes versucht hatte.
Herr Yamita hat es gesagt, vor zwei Monaten, an einem Nachmittag, der vollständig war. Er ist mir nachgeeifert. Und wer einem anderen nacheifert, geht denselben Weg. Auch durch dieselben Gefahren. Ich habe es gedacht, an jenem Tag. Ich habe es gedacht und nicht verstanden.
Er zwang sich auf die Beine. Minami hatte es gesagt. Hana lebt, in der Kammer, hinter ihm und dieser eine Satz war das Einzige, woran Sora sich jetzt noch festhalten konnte, ein Faden über einem Abgrund und er folgte ihm zurück durch den Flur in die kleine Kammer, die er kannte, in der zwei Kinder geschlafen hatten.
Hinter dem umgestürzten Bett, in der Ecke, halb verborgen unter einer heruntergerissenen Decke, lag eine kleine Gestalt, reglos. Für einen Augenblick, einen entsetzlichen, blieb Soras Herz stehen. Die Gestalt rührte sich nicht. Das Blut auf der Decke könnte auch ihres sein. Das Schicksal hatte ihm heute schon zu viel genommen, um noch zu glauben, dass es hier haltmachen würde.
„Hana.“ Er war bei ihr, hob die Decke fort und sie war es, blass, mit Blut beschmiert, das, wie er mit zitternden Händen feststellte, nicht aus ihr kam. Sie atmete, sie war warm und lebendig in seinen Armen. Die Augen geschlossen, als wäre sie nur in einem tiefen Schlaf und ein Laut entrang sich ihm, der kein Wort war, etwas zwischen einem Schluchzen und einem Gebet an einen Gott, dessen Namen er kannte und für sich behielt.
Er hielt sie an sich, vorsichtig, als könnte sie zerbrechen und für einen Moment war da nur das, die Tatsache, dass eines geblieben war, dass nicht alles fort war, dass dieses eine kleine, lebendige Gewicht in seinen Armen geblieben war.
Hanas Augenlider hoben sich, wie in Zeitlupe. Sie fanden sein Gesicht und erkannten ihn. In ihnen war nicht das, was Sora erwartet hätte, keine Erleichterung, kein Trost darüber, dass er gekommen war. In ihnen war etwas anderes, etwas, das ein Kind ihres Alters nicht hätte tragen sollen. Ein Gesicht, das er noch nie an ihr gesehen hatte. Ihre Lippen formten, kaum hörbar, eine Frage, die einfacher war als alles, aber ihn tiefer traf, als je eine Klinge es getan hatte.
„Wo warst du?“
Sora öffnete den Mund. Kein Laut kam heraus.
„Du warst nicht da.“ Ihre Stimme war ein Flüstern, tonlos, ohne Anklage und gerade dadurch unerträglich, weil eine Anklage ein Sturm gewesen wäre, den man hätte überstehen können und dies war kein Sturm, dies war nur die nackte Wahrheit aus dem Mund eines Kindes. „Sie kamen und du warst nicht da. Mitsu hat nach dir gerufen.“ Ihre Stimme wurde mit jedem Satz lauter, Tränen formten sich in ihren Augen. „Am Anfang. Er hat gerufen, der große Bruder kommt gleich. Du kommst gleich. Wo warst du, Sora?“
Während sie mich brauchten, habe ich bewiesen, wie gut ich darin bin, gebraucht zu werden. Das ist, wo ich war.
Es gab keine Antwort, die er ihr geben konnte. Es gab keine Antwort, die nicht in seinem eigenen Hals zu Asche geworden wäre und so sagte er das Einzige, was wahr war und nicht genug und nie genug sein würde.
„Ich war nicht hier.“ Seine Augen füllten sich. „Es tut mir leid, Hana. Ich war nicht hier.“
Sie sprachen nicht mehr. Hana legte das Gesicht an seine Schulter, so wie sie es getan hatte, wenn er sie ins Bett trug, an Abenden, die heil gewesen waren. Die Tränen hatten aufgehört, und das war fast schlimmer, als jedes Weinen es sein würde. Sora hielt sie. Er dachte wieder an einen halbverschlafenen Satz und an seine Antwort, die ein Versprechen gewesen war, welches er nicht eingehalten hatte.
Ich war einen halben Tag entfernt, das ist nichts, das ist keine Entfernung. Ich bin zu weit gegangen in allem anderen. In meinem Stolz, in meinem Ehrgeiz, in der Gewissheit, dass Stärke das ist, was schützt. Ich habe mein Leben darauf verwendet, stärker zu werden und an dem einen Morgen, an dem es darauf ankam, war ich nicht hier, weil ich gerade dabei war, den Stärksten zu spielen.
Wie lange er so kniete, hätte Sora später nicht sagen können. Es war ein Geräusch, das ihn zurückholte, ein Schritt auf der Schwelle, leise, vorsichtig, der Schritt eines Menschen, der gewohnt war, sich lautlos zu bewegen.
Im Türrahmen stand eine Gestalt, schmal, eine Kapuze tief im Gesicht und Soras Hand fuhr aus Instinkt zum Schwert, ehe sein Blick das Gesicht fand. Dann hielt er inne. Er kannte dieses Gesicht. Es war älter geworden, schmaler, mit einer Klarheit in den Augen, die vor zwei Jahren noch nicht dort gewesen war,
„Nisho?“
Nisho antwortete nicht sofort. Sein Blick ging durch den Raum, durch das ganze Haus, das er von der Schwelle aus überblicken konnte und es war ein Blick, den Sora bei ihm kannte, der alles aufnahm und nichts zeigte. Aber etwas in seiner Haltung veränderte sich, eine Anspannung, die nicht von der Begegnung kam, sondern von dem, was er sah und als er sprach, war seine Stimme leiser als sonst und schärfer zugleich.
„Eine Blüte“ Es war keine Frage. „Sie trugen eine Blüte. Auf den Mänteln.“
Sora sah ihn mit ernstem Blick an. „Woher weißt du das?“
„Weil ich ihnen seit Jahren folge.“ Nisho trat einen Schritt in den Raum, langsam und seine Augen blieben an dem hängen, was am Boden lag und etwas lief über sein Gesicht, das Sora dort noch nie gesehen hatte, kein Mitleid, sondern ein Wiedererkennen, ein altes, das tief saß. „Ihre Spur hat mich in diese Gegend geführt. Ich war zu langsam. Ich bin immer noch zu langsam. Genau wie du.“
„Wer sind sie?“ Soras Stimme war kein Flüstern mehr. Etwas hatte sich in ihm zu verhärten begonnen, ein Kern, kalt und klar, anders als die Klarheit, die er gekannt hatte, schwerer, dunkler. „Du kennst sie. Sag mir, wer das war.“
„Aki Kikon, Die Vier Blüten. Die berüchtigte Söldnergruppe, die es gibt.“ Er sprach den Namen aus, als spuckte er Gift, als hätte er ihn jahrelang im Mund getragen. „Vier Mitglieder, mehr nicht. Jeder von ihnen gleicht einer Naturkatastrophe. Sie haben keine Heimat und keine Seite. Für jeden, der genug zahlt, gehen sie überallhin und tun, was man von ihnen verlangt.“
„Für Geld.“ Sora sah hinunter auf Hana, die sich noch immer an seine Schulter drückte und auf den Hof, in dem sein Vater gekämpft hatte. „Jemand hat dafür bezahlt, dass das hier geschieht.“
„Jemand zahlt immer.“, antwortete er. „Sie sind die Klinge. Nicht die Hand, die sie führt. Wer die Hand ist, das weiß ich nach dreizehn Jahren noch immer nicht. Ich weiß nur, wessen Schneide es war.“ Er hielt inne und zum ersten Mal sah er Sora wirklich an, nicht den Raum, nicht die Toten, sondern Sora und in seinem Blick lag etwas, das fast wie Anerkennung aussah, die bitterste Art davon, die Anerkennung zweier Menschen, die dasselbe verloren haben. „Sie haben meine Familie ausgelöscht, als ich vier war. Dieselbe Blüte. Derselbe Mantel. Ich jage sie, seit ich denken kann und ich bin nie nah genug gekommen, um mehr zu tun als ihre Spur zu riechen.“
Dreizehn Jahre. Er trägt das seit dreizehn Jahren. Das war es, was unter seiner Mauer lag, der gleichmäßige, geduldige Brand, von dem ich geglaubt hatte, Ahnung zu besitzen. Ich habe gedacht, ich hätte ihn durchschaut, damals, unter der Treppe. Ich habe einen Teil gesehen und gedacht, es sei das Ganze. Wie immer.
Eine lange Stille legte sich über den Raum, in dem zu viel geschehen war. Draußen stand die Sonne hoch und gleichgültig. Der Frühling ging seinen Gang, als wäre nichts, denn die Welt hält nicht inne, wenn ein Haus zugrunde geht. Das hatte Sora an diesem Tag gelernt, unter vielem anderen.
Er sah auf seine freie Hand. Es fiel ihm ein, dass er sie diesem Menschen schon dreimal hingehalten hatte. Er hatte recht gehabt, damals. Sora hatte etwas verschwiegen, ein Ziel, eine Aufgabe, einen Gott, ein Chaos und er hatte geglaubt, das mache ihn klüger als die anderen. Weniger durchschaubar. Jetzt saß er hier, durchschaut von einem Kind, das ihn gefragt hatte, wo er gewesen war, und es gab nichts mehr zu verschweigen, das größer gewesen wäre als das, was offen vor ihnen lag.
„Ich weiß jetzt, wie es ist“, Seine Stimme war ruhig und die Ruhe war das Erschreckendste daran. „Du hast es damals erfahren müssen. Ich heute. Wir jagen dieselben Mörder, du und ich, aus verschiedenen Gründen. Ich glaube nicht an Zufälle und doch sind wir hier.“
„Du hast mir mehrmals die Hand angeboten und ich habe sie abgelehnt, weil du mir nicht gesagt hast, was du wirklich willst. Bist du bereit, es mir jetzt zu sagen?“
Sora hielt seinen Blick. Es gab keinen Grund mehr, es zu verbergen und vielleicht hatte es nie einen guten gegeben, nur Stolz, nur den Wunsch, der Eine zu sein, der mehr wusste als alle. „In vier Jahren wird die Ordnung der Welt brechen. Es ist mein vorbestimmtes Schicksal, diesen Bruch zu verhindern, dafür benötige ich deine Hilfe. Das ist es, wofür ich dich brauche.“ Sora pausierte kurz. „Zuerst jedoch will ich, dass die, die uns Unrecht getan haben, dafür bezahlen. Jeder von ihnen. Auch die Hand, die sie geführt hat. Ich habe meine Stärke bisher verschwendet. Diesmal werde ich sie nutzen. Nicht für Gerechtigkeit. Für uns.“ Sora schaute zu Hana, welche auch den Kopf hob, mit dem ernsthaften Blick, den Sora bereits auswendig kannte.
Nisho sah ihn lange an. Dann trat er näher und diesmal war es er, der die Hand ausstreckte, eine schmale, schwielige Hand, die schon eine Klinge geführt hatte, als er kaum größer gewesen war als das Kind in Soras Arm.
„Dann lass uns Verbündete werden“ Sora schaute Nisho, zum ersten Mal an dem Tag, in die Augen. Die Kapuze wurde gelüftet und die Haare, die vorher in seinem Gesicht waren, wurden nach hinten gebunden. „Wir haben denselben Feind und zwei, die dasselbe wollen, kommen schneller dorthin, als einer allein. Das wolltest du mir damals sagen und du hattest recht. Es hat nur einen zu späten Tag gebraucht, bis ich es einsehe.“
Sora sah die Hand an. Dann setzte er Hana sanft auf das aufgerichtete Bett, behutsam. Ihre Finger glitten von seinem Ärmel.
Sora ergriff die Hand des Menschen, den er zweimal vergeblich zur Zusammenarbeit gedrängt hatte und der Griff war fest, er sprach mehr als alle Worte zuvor.
So begann das Bündnis zweier Menschen, die in einer Nacht dasselbe verloren hatten, beide auf eine Weise, die sich nicht heilen, sondern nur tragen ließ.
Später, als die ersten Dinge getan waren, die getan werden mussten und die kein Mensch je tun sollte, saß Sora im Hof. Hana war neben ihm, dicht, eine Hand an seinem Ärmel. Sie wollte nur dasitzen, bis es vorbei war, obwohl nichts mehr vorbeiging.
Nichts verhindert. Das ist es, was von mir übrig ist. Der Junge, der glaubte, klarer zu sehen als alle anderen, hat das Einzige nicht gesehen, das er hätte sehen müssen. Der Junge, der stark genug werden wollte, um sie zu beschützen, war nicht da, als sie ihn brauchten, weil er gerade beweisen musste, wie stark er war. Mein Stolz hat mich nach oben getragen. Und von oben sieht man den tiefsten Fall am besten.
Er legte eine Hand auf die kleine an seinem Ärmel und schloss sie darum. Hana ließ es geschehen. Sie war geblieben. Eine von vieren war geblieben. Sie war für tot gehalten worden und sie würde ihn ansehen mit dieser Frage in den Augen, vielleicht für den Rest ihres Lebens. Er würde sie tragen, diese Frage, weil er sie verdient hatte und weil sie das Einzige war, das ihn davon abhielt, sich in dem Abgrund zu verlieren, der sich an diesem Tag in ihm aufgetan hatte.
Neben dem Tor stand Nisho, reglos. Er wartete, wie jemand, der das Warten gelernt hat. Vor ihnen lag ein Weg, den keiner von beiden in Worte fasste, ein langer, dunkler Weg. Unrecht von dieser Art bleibt nicht liegen, wo es geschieht; es zieht weiter, von Wunde zu Wunde und was an diesem Vormittag in einem einzigen Hof begonnen hatte, trug bereits den Keim von etwas in sich, das größer war als ein Haus, größer als eine Familie, größer als die Rache zweier gebrochener Menschen.
Dann stand er auf, nahm die Hand von Hana, die sie umklammerte wie das Letzte, das ihr geblieben war und ging, mit Nisho an seiner Seite, fort von dem Haus. Hinter ihnen sank die Sonne und vor ihnen lag die Nacht. Doch irgendwo dahinter, ungesehen und ungewiss, lag der erste Morgen eines Lebens, das nichts mehr mit dem zu tun hatte, das an diesem Vormittag zu Ende gegangen war.
Mit diesen Kapitel endet Akt 1 von Ungerechtigkeit erschafft Chaos. Akt 2 ist bereits in Arbeit und es folgen wöchentliche Veröffentlichungen ab dem 01.09.2026. Dieser erste Akt soll den Grundpfeiler für die Geschichte setzen und überspringt dadurch viele Jahre. Ab Akt 2 wird es detaillierter und der Fokus auf die Charaktere verschärft. Weil Akt 2 noch nicht fertig ist, freue ich mich über jede Art von Rückmeldung, Positiv und Negativ. Bis dahin, eine gute Zeit!
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