Fragen sind wie Diebe: Sie kommen, sie gehen, und niemand bemerkt, wenn die Antworten fehlen. Fräulein Wernicke war eine große Frau – um nicht zu sagen: großartig. Sie verstand es, eine Traube Menschen so um den Finger zu wickeln, dass sie
Fragen sind wie Diebe: Sie kommen, sie gehen, und niemand bemerkt, wenn die Antworten fehlen.
Fräulein Wernicke war eine große Frau – um nicht zu sagen: großartig. Sie verstand es, eine Traube Menschen so um den Finger zu wickeln, dass sie selbst wie der Mittelpunkt eines Gewittersturms wirkte: manisch und mit einer Prise Humor.
„… und dann sagte er: ›Bitte nicht, ich muss noch die Leiche sezieren!‹“
Ihre helle Stimme hallte durch den Wintergarten und verlangte nach Lachen.
Sylas hingegen war das Yin zu ihrem Yang. Er stand am Rand, Nox neben sich, und beobachtete das Treiben. Begeisterung war das Letzte, was sich in seinem Gesicht spiegelte. Noch mehr Gäste bedeuteten nur noch mehr Unruhe – und er machte kein Geheimnis daraus.
Sylas wollte sich gerade abwenden, als Wernickes Blick ihn einfing.
„Ah, Sylas! Wie schön, dass du doch noch gekommen bist.“
Mit einer beiläufigen Geste verabschiedete sie ihre Gäste. Das Gespräch um sie herum löste sich auf wie ein Sturm, der unvermittelt abebbte. Ihre Aufmerksamkeit gehörte nun ganz Sylas und Nox.
„Komm, setz dich.“ Sie deutete auf einen kleinen Tisch am Rand, an dem noch zwei Stühle frei waren.
Sie selbst nahm zuerst Platz – behäbig, aber mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch duldete. Ihr runder Bauch spannte sich unter dem Kleid; ein sichtbares Versprechen, dass die Geburt nicht mehr fern war.
„Ich verstehe nicht, wie Ihr immer noch Feste geben könnt“, sagte Sylas gelangweilt, fast träge.
Wernickes blaue Augen senkten sich auf ihren Bauch. Ihr Blick wurde weich, beinahe spöttisch.
„Das wirst du nie verstehen, Sylas. Weißt du noch, wie dein Großvater damals von deinem kleinen Geheimnis erfuhr? Oh, wie er getobt hat – und das auch noch an seinem Geburtstag.“
Sylas zog scharf die Luft ein.
„Bin ich nur hier, um mich beleidigen zu lassen?“
Er machte Anstalten aufzustehen.
„Bleib“, schnitt Wernicke ihm plötzlich scharf das Wort ab. „Dein Familiar wäre sicher daran interessiert zu erfahren, was mit deinem alten Familiar geschehen ist.“
Sein Blick verfinsterte sich.
„Wenn Ihr davon nicht endlich ablasst, werde ich es Euch niemals verzeihen.“
„Ach, sei doch nicht so.“ Sie lächelte breit, fast mütterlich. „Es ist ja kein großes Geheimnis. Die halbe Akademie weiß es längst. Und diejenigen, die es noch nicht wissen … werden es bald erfahren.“
„Dafür bin ich nicht hier“, sagte Sylas. Seine Stimme war so glatt und kalt wie Stahl.
Er wich Wernickes Blick nicht aus, obwohl ihre Augen ihn zu durchbohren schienen.
„Natürlich nicht.“ Wernicke lächelte – kein freundliches Lächeln, sondern das einer Frau, die mehr wusste, als sie zugab. „Du kommst nie wegen dessen, was man von dir erwartet, Sylas. Aber du kommst immer.“
Sylas’ Lippen verzogen sich kaum merklich.
„Ich verschwende ungern Zeit.“
„Und doch sitzt du hier.“ Sie beugte sich leicht vor und legte eine Hand auf ihren Bauch. Ihre Stimme klang wieder heller, beinahe spöttisch. „Immer streng, immer ernst. Aber sag mir: Hat dir diese Härte je etwas anderes gebracht als Einsamkeit?“
Seine Finger krallten sich in die Armlehne, doch er blieb sitzen. Er warf Nox einen kurzen Blick zu, als wolle er ihr zeigen, dass er keine Wahl hatte.
„Wenn Ihr mit Euren Spielchen fertig seid“, sagte er schneidend, „können wir zur Sache kommen.“
Wernicke hob eine Augenbraue, als hätte sie genau darauf gewartet.
„Ah, also doch. Du kommst nicht freiwillig, Sylas. Dein Großvater hat dich geschickt.“
Ihre Stimme besaß nun etwas Schweres, Ernstes. Kein Necken mehr, sondern eine Messerklinge.
„Und diesmal“, fuhr sie fort, „geht es nicht um höfliche Besuche oder Einladungen. Er will Zugang. Zugang zu Räumen, die ihm nicht mehr offenstehen.“
Sie lehnte sich zurück und faltete die Hände über ihrem runden Bauch, als müsse sie das Gewicht ihrer Worte abstützen.
Sylas’ Augen blitzten auf, doch er sagte nichts.
„Ich sollte dich abweisen“, meinte sie nach einer Pause und musterte ihn prüfend. „Zu viel Ärger haftet an seinem Namen. Doch du sitzt hier. Das bedeutet, dass er eine Antwort erwartet.“
Sylas hob den Kopf und erwiderte mit ruhiger, beinahe kalter Stimme:
„Dann gebt sie ihm, Wernicke. Denn Ihr wisst so gut wie ich: Wer meinem Großvater den Zugang verweigert, verweigert ihn nicht einem alten Mann, sondern dem Erzmagier von Valmor.“
Ein Schatten huschte über ihr Gesicht – keine Furcht, sondern das Wissen um die Schwere dieses Namens.
„Dein Großvater spielt ein gefährliches Spiel“, murmelte sie. „Und offenbar zwingt er dich, mitzuspielen.“
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