Der Geschmack lag noch auf meiner Zunge. Was habe ich bloß getan?! Wozu hatte ich mich hinreißen lassen? Ich krallte mich an die Tischplatte des Seziertisches und zog mich an ihr hinauf. Meine Beine waren weich wie Pudding. Ich musste mich
Er hatte es getan. Er hatte es wirklich getan.
Der Geschmack lag noch auf meiner Zunge. Was habe ich bloß getan?! Wozu hatte ich mich hinreißen lassen?
Ich krallte mich an die Tischplatte des Seziertisches und zog mich an ihr hinauf. Meine Beine waren weich wie Pudding. Ich musste mich ordentlich aufstützen, um nicht umzufallen.
Einige Male atmete ich langsam ein. Versuchte die Ruhe zu bewahren, die mir längst entglitten war. Meine Hände waren mit Blut benetzt. Meine Gewänder waren verrutscht und entblößten meine abschwellende Erscheinung. Das Skelett auf dem Tisch lag nur noch in Bruchstücken da. Der Rest verteilte sich auf dem Boden.
Du könntest noch eins essen. Es ist ja niemand da.
Mein Blick ging zu den letzten drei Herzen, die auf dem Tisch lagen. Nur für einen Wimpernschlag. Dann presste ich mir die Hand auf den Mund. Es hörte einfach nicht auf. Das Fleisch lag schwer in meinem Magen und trotzdem lief mir der Speichel die Mundwinkel hinab.
„Hör auf, hör auf, hör auf!“, schrie ich und hämmerte mir mit der Faust gegen die Stirn. Sterne begannen vor meinem Sichtfeld zu tanzen. Der Schmerz holte mich zurück in die Realität.
Mein Schluchzen unterlegte die düstere Atmosphäre in der Leichenkammer. Tränen liefen meine Wangen hinab, vermischten sich mit dem Blut und dem Speichel, ehe sie auf den Tisch fielen. Die kahlen Wände des Gemäuers reflektierten den Schall, sodass es noch lauter wirkte. Als bestünde die Welt nur noch aus meinem Geheule.
„Lokas?“, rief mich eine Stimme, wie aus weiter Ferne. „Alles gut da unten?“
Ich erstarrte. Adrian hatte es angekündigt: „Ich sag dem Magister, dass er nach dir sehen soll.“
„Nein, nein, nein“, flüsterte ich, da hörte ich das ruckartige Klatschen der Sandalen, die der Magister trug.
Ich wischte mein Gesicht am Ärmel ab. Blut war eine hartnäckige Flüssigkeit. Meine Unterhose zog ich hoch, richtete meine Gewänder. Mein Blick wanderte durch den Raum, fand die Handschuhe, in die ich meine Hände drängte.
Die verteilten Knochen auf dem Boden würde ich nicht zusammengesammelt bekommen. Genauso wie ich das Blut nicht von meiner Haut kriegen würde. Außerdem… Was hatte der Magister gehört? Und schlimmer noch: Wie viel davon? Konnte ich ihn überhaupt noch täuschen?
Ich musste es wenigstens versuchen. Sonst blieb mir nichts.
Ich ging um den Seziertisch herum, löschte die Talglampe und schmiss mich zwischen die Überreste der Toten, die auf dem Boden verteilt lagen. Die Fliegen sirrten eilig davon und auch einige Nager vertrieb ich aus ihrem Versteck.
Keinen Herzschlag später öffnete sich die knarrende Holztür und der Magister stand mit einer Kerze in der Hand im Rahmen. Besorgt reckte er das Licht in die Höhe und sah sich um.
„Magister“, stöhnte ich und rappelte mich gespielt verletzt auf.
„Lokas“, sprach er erschrocken und trat hinein. „Was ist passiert, Jungchen? Bist du verletzt?“
Ich schüttelte den Kopf und überlegte. Ich beneidete die Menschen immer wieder für die Fähigkeit zu lügen. Ich musste bei der Wahrheit bleiben, wenn ich sie auch wenigstens beugen durfte. „Die Lampe ist irgendwie gelöscht. In der Dunkelheit konnte ich nichts sehen. Die Leichenteile hier sind eine wahre Stolperfalle. Da hätten Adrian und ich wohl sorgfältiger arbeiten sollen.“ Mein verweintes Gemüt ließ mich zwischendrin immer wieder nach Luft schnappen. Hoffentlich half es dabei, meine Glaubwürdigkeit zu erhöhen.
Der alte Magister fuhr sich über seinen kahlen Kopf, wo nur noch einzelne Härchen wuchsen. „Jungchen, das ist doch nicht deine Schuld. Komm erstmal da raus.“
Ich hob meine Beine, schüttelte die Überreste ab und kam am Eingang neben dem Meister zum Stehen. Dieser nahm meine Tasche vom Stuhl, schob ihn auffordernd in meine Richtung und stapfte in den Raum. „Merkwürdig“, brummte er, während er die Talglampe entzündete. Das Licht flutete den Raum aufs Neue.
Meine Kehle zog sich zu. Nur angestrengt brachte ich hervor: „Was ist merkwürdig?“
„Dass die Lampe verlöscht, obwohl noch genug Talg drinnen ist. Ziehen tut es hier auch nicht.“
„Ähm“, stotterte ich, „vielleicht habe ich einen Windzug verursacht.“
„Vielleicht.“ Der Magister mit seinem gekrümmten Rücken sah sich weiter um. Seine müden Augen wanderten durch den Raum. Besahen die Gefäße mit den Organen und die Knochen auf dem Boden.
Mein Herz schlug immer wilder, hämmerte gleichsam gegen meine Rippen. So laut, dass es der Magister bestimmt hören würde.
„Oder vielleicht ein Geist“, sagte er mild lächelnd und kam zurück zu mir geschlürft.
Aus großen Augen sah ich ihn an. „Ein Geist?“, wiederholte ich, nicht wissend, ob er das ernst meinte oder er längst hinter meine Täuschung geblickt hat.
Er nickte und meinte: „Das würde deine bleiche Erscheinung erklären. Du siehst wirklich so aus, als wäre dir etwas Schlimmes passiert. Haben die Leichen in den Schatten nach dir gegriffen?“ Der alte Mann lachte herzhaft auf und klopfte mir auf die Schulter.
Ich konnte nur den Kopf schütteln und auf meine behandschuhten Hände starren. Angestrengt versuchte ich mich zu einem Lachen zu ringen, schaffte es jedoch nicht.
„Jungchen…“, begann der Magister und beugte sich zu mir hinab. Seine Finger wiesen auf meinen Mund. „Du hast da Blut.“
Ich richtete mich sofort auf, drückte meinen Rücken gegen die Lehne. Das Blut hatte ich natürlich nicht weggewischt bekommen. Was sollte ich sagen?
Der Magister nahm seine Hand von meiner Schulter, griff sich stattdessen an die Brust. Er blinzelte nicht, starrte mir nur entgegen. Dann zog er ein Stück Stoff hervor. „Du musst dir beim Sturz auf die Lippe gebissen haben.“
Ein Schlucken rutschte meine eingeengte Kehle hinab. Ich nickte und nahm das Taschentuch entgegen.
Der Magister wandte sich ab, wollte mir so bestimmt den Raum geben, mich zu säubern. Ich atmete ein, meine Lunge zitterte.
„Potzblitz!“, rief der Magister aus, was meine Atmung zum Stillstand brachte. Er war zum Buch gegangen, beugte sich darüber und tippte auf das Pergament.
Etwas in mir begann zu sterben. Vielleicht die zarte Hoffnung, dass ich all das unbeschadet überstehen würde. Dabei war ich in dem Moment verdammt gewesen, in dem Adrian gegangen war.
„Dieser nutzlose Tölpel!“ Der Magister schnaufte aus. „Adrian hätte dich nicht alleine lassen dürfen. An deiner Schrift sieht man sofort, dass du hier alleine überfordert warst. Nach einem solchen Tag mit so vielen Leichen. Der denkt auch wirklich nur an sich. Der wird sein blaues Wunder erleben.“ Er stampfte zurück zu mir. „Lokas, geh. Überlass den Rest mir.“
„Magister Enzio“, brachte ich hervor. Einerseits rollte mir ein Stein von der Brust und ließ mich aufatmen. Ich könnte endlich in meine Räumlichkeit gehen. Meine Freiheit war mir so nah.
Gleichzeitig schielte ich hinüber zu den drei Herzen. In meinen Eingeweiden gluckerte es.
Eine solche Gelegenheit bietet sich dir nie wieder.
„Ja, nein, ich“, brachte ich nur Worthülsen hervor.
Der Magister klopfte mir erneut auf die Schulter. „Jungchen, nimm das Angebot an. Du musst dich nicht schämen. Erwachsen werden heißt auch Hilfe anzunehmen“, gab er einen altklugen Spruch von sich, so wie der Magister sie zu hunderten parat hatte.
Leicht spöttisch wiederholte ich: „Hilfe…“ Ich atmete langgezogen aus, stand schwankend auf und legte mir meine Tasche um. Eine neuerliche Übelkeit überkam mich. Die Lederhandschuhe. Wenn ich sie auszog, dann würde das meine Hände entblößen. Wieder würden Fragen gestellt werden, auf die ich keine Antwort hatte. Ich musste sie irgendwie verstecken.
„Die Herzen, also“, fing ich an und nickte mit meinem Kopf in die Richtung des Arbeitsplatzes.
Der Magister drehte sich mit gerunzelter Stirn um, was mir die Zeit verschaffte, die Handschuhe abzustreifen. Nebenbei redete ich mit gebrochener Stimme: „Es müssen nur noch die drei gewogen werden. Das Gefäß muss verschlossen werden, wenn sie drinnen sind. Den Balsam hatte ich schon–“
„Lokas“, unterbrach mich der Magister und drehte sich zurück zu mir. Gerade so schaffte ich noch, meine Hände unter den Lagen meines Gewandes zu verstecken. „Ich bin alt, aber nicht senil.“
„Verzeiht, das wollte ich nicht andeuten.“
Der alte Mann winkte ab. „Geh dich mal erholen, damit du in zwei Tagen wieder das Laboratorium von Magister Stefano unsicher machst.“
„Das werde ich“, versicherte ich scherzhaft und drückte die schwere Holztür mit der Schulter auf. Einen letzten Blick über die Schulter machte ich. Nicht um den Magister zu verabschieden. Ich sah an ihm vorbei, hin zu den bereitliegenden Herzen. Dann wandte ich mich ab und bestieg die Treppen.
Raus aus diesem Keller.
Auf den Gängen gab es kaum noch jemanden. Die meisten waren zum Frühlingsumzug aufgebrochen. Ohne neugierige Blicke konnte ich zu den Unterkünften gehen, bis ich schließlich vor meiner Tür stand. Ich zog meinen Schlüsselbund hervor und merkte erst beim Aufschließen, wie sehr mein ganzer Körper schlotterte. Ich musste mehrfach ansetzen, bis das Schloss endlich mit einem Klack zurückschnappte.
Meine Räumlichkeit empfing mich gewohnt still. Die Fensterläden waren geschlossen, damit weder Licht noch Lärm hineindringen konnten. Es war beschaulich klein. Zu meiner linken befand sich mein gemachtes Bett und mein Kleiderschrank. Auf der rechten Seite gab es eine Feuerstelle, eine Kommode mit Waschschale und meinen Schreibtisch.
So wie die Tür ins Schloss fiel, so fiel ich in mein Bett. Obwohl mein Körper klebte, wollte ich bloß mein Gesicht in mein Kissen drücken. Und schreien. Am besten so lange schreien, bis… Ich wusste nicht, was passieren sollte. Bis ich mir die Seele aus dem Leib geschrien hatte und nur noch mein toter Körper zurückblieb? Wäre meine Seele dann endlich frei? Könnte ich zu den Göttern zurückkehren, in den Himmel aufsteigen, aus dem ich geworfen wurde?
Nein, ich war eine Ausgeburt der Hölle. Zu dieser würde ich kehren. Früher hatte mich der Gedanke erschreckt. Mittlerweile wusste ich nicht einmal mehr, ob ich etwas anderes verdiente.
Mühsam stemmte ich mich auf, taumelte zur Wasserschale. Das kühle Nass umschloss meine blutroten Hände. Schwaden lösten sich von meiner Haut, färbten sogleich das Wasser rot. Ich schüttete mir etwas davon in mein Gesicht. Trotzdem wachte ich nicht auf.
Ich hatte es wirklich getan.
Mein Blick wanderte hinauf zum kleinen Spiegel über der Kommode. Wenn es unten einen Geist gab, dann war ich dieser gewesen.
Ein mattes Augenpaar starrte mir entgegen. Blut klebte noch an meinen rissigen Lippen. Der Lokas vor mir hatte nichts von einem Achtundzwanzigjährigen. Er war um mindestens hundert Jahre gealtert. Der silberne Reif, den mir Hendriel einst geschenkt hatte, hielt meine Locken kaum zurück. Ich riss mir das blöde Ding vom Kopf. Es schepperte über die Holzdienen.
Leider konnte ich damit nicht verhindern, dass ich einen Moment zu lang in Gedanken an ihm hing. Ich kniff die Augen zusammen, verdrängte das Bild von ihm in meinen Kopf. Die Strähnen seiner pechschwarzen Haare. Den Duft von Rasen. Seine weichen Federn, die meine Haut kitzelten. Sein gleichmäßiger Puls, das Zucken seines Herzens. Ich konnte es noch immer spüren. Die Form, die Größe, das Gewicht. Den Geschmack. Und Blut. Überall Blut.
Das hättest du unten noch dreimal erleben können, flüsterte erneut diese verführerische Stimme in mir.
„Mutter“, fing ich heiser an, „bitte, hilf mir.“ Über meinen eigenen Versuch lachte ich bitter auf. Natürlich konnte sie mich nicht hören.
„Nicht hier“, überlegte ich. In diesem Zimmer vermochten mich die Götter nicht zu erhören. Tempel hingegen waren nicht nur eine Darbietung. Nicht einzig Prunk und Protz.
Ich öffnete die Augen und sah wieder in den Spiegel. Alle waren beim Frühlingsumzug, der Tempel an unserer Einrichtung war nicht ganz so ausufernd wie der in der Stadt. Dafür war er leer.
„Einen Versuch ist es wert.“
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