Nachdem Lokas gerade so davongekommen ist, beschließt er, dass es so nicht weitergehen kann. Nur bekommt er die Hilfe, um die er gebeten hat?
Ein ganzes Pantheon an Göttern wurde hier verehrt. Sieben an der Zahl, eingefangen in sieben Ölgemälden.
Deus Leano lächelte mir von der gegenüberliegenden Wand entgegen. Obwohl sein leichtes Schmunzeln eher Lucifer galt. Der Gott saß auf den Lenden seines Kontrahenten, die Hand locker auf dem Speer ruhend, als wäre die Niederwerfung des Dämons nichts weiter als eine beiläufige Geste. Sein Fuß drückte Lucifer am Kinn hinab.
Der Dämon war von einem menschlichen Schönling in keiner Weise zu unterscheiden. Das lange Haar ergoss sich wie leuchtendes Wasser über den Boden. Eine Schnittwunde zierte sein Auge, ein Streif Blut klebte an Leanos Speer. Lucifer kämpfte sichtlich, die Hände um die Knöchel des Gottes verkrampft.
Ein Bordell hätte sich ebenso mit der Darstellung schmücken können. Trotzdem hing sie hier. Wohl aufgrund der Präzession, mit der Deus Leano dargestellt wurde. Wer ihn kannte, so wie ich es tat, der wusste: Er machte sich nichts aus Triumph.
Im Gegensatz zur sonstigen Aufmachung des Tempels. Solch goldene Ornamente kannte ich nur von den Außenfassaden der Adelshäuser. Zwischen den Säulen verteilt luden seidene Kissen zum Verweilen ein, auf denen ich gemütlich Platz fand. Eine Schale für Opfergaben stand unter der Wandmalerei, die mehr wert war als zehn Häuser im Elendsviertel.
Hinter mir raschelte es leise, als der einzige Priester in seinen Schriften las. In ein reinweißes Gewand gehüllt und einen Lorbeerkranz auf dem Haupt tragend. Egal, ob im Sommer oder Winter, die Priester unserer Einrichtung schmückten sich täglich mit einem frischen Kranz. Nur war von den anderen sonst keiner zu sehen. Der arme Tropf hatte das Los gezogen, heute Dienst zu haben, während die restlichen Priester dem Frühlingsumzug beiwohnten.
Ebenso fehlten die gottesfürchtigen Anhänger. Ich war der einzige. Es war so ruhig und ausgestorben wie auf einer Grabstätte. Das war mir nur recht. Keine Menschen, mit denen ich reden musste. Kein Geruch von Schweiß oder essbaren Opfergaben. Der Duft von Weihrauch überlagerte ohnehin alles.
Ich konnte also in Ruhe meditieren. Es brauchte eine ganze Weile, bis meine Gedanken nicht mehr im Keller verweilten. Nicht mehr bei der Gräueltat, die ich dort verrichtet hatte. Nicht mehr bei Magister Enzio, der vielleicht doch etwas entdeckt hatte.
Einige Male atmete ich den Weihrauch ein. Meine Brust hob sich, bis keine Luft mehr meine Lunge füllen konnte. Einen Moment hielt ich den Atem an, ehe ich ihn langgezogen aus meinem Mund entließ.
Erst als sich mein Herzschlag beruhigte, mein Atem natürlich für mich wurde, faltete ich die Hände. „Dea Verena, erhöre mein Flehen“, fing ich mein Gebet an. „Ich weiß, dass es sich nicht schickt, für sich selbst zu beten. Aber…“ Ich presste die Lippen aufeinander. „Ich bin rückfällig geworden. Ich weiß, was passiert, wenn ich mich nicht beherrsche.“
Wieder drängten sich mir die Erinnerungen an Hendriel auf. Wie er mich mit diesen kalten Augen angesehen hatte, die einst voller Weichheit gewesen waren. Diese Kälte konnte ich damals noch nicht zuordnen, nun kannte ich sie von den Leichen. Wenn das Schimmern erstarb, die Pupille sich entspannte.
Ich presste meine Nägel in meine Fingerknöchel. Ich durfte den Fokus nicht verlieren.
„Mutter, bitte. Vielleicht hörst du mich. Es wäre zu viel verlangt, wenn du selbst kommen würdest. Ein Rat würde mir schon helfen. Eine Geste, irgendwas… Was mir zeigt, wofür sich das Kämpfen lohnt.“ Meine Schultern senkten sich. „Fast wünsche ich mir, dass jemand es herausfindet. Dass die Wachen mich aus meinem Zimmer zerren und… Mir ein Ende bereiten.“
Ich öffnete die Hände und die Augen. Nach den Worten ging es mir kein Stück besser. Was hatte ich mir überhaupt davon versprochen? Dass mich jemand aus dem Grab zog, dass ich mir selbst geschaufelt hatte? War ich wirklich so naiv?
„Selten trifft man jemanden in einem Tempel, der seinen eigenen Tod herbeisehnt.“
Mir stockte der Atem. Wurde ich angesprochen? Nein. Oder?
Ein Kichern erklang neben mir.
Langsam wandte ich den Kopf zu meiner linken. Auf dem Kissen direkt neben mir saß eine Frau. Mit einem Lächeln auf ihren Lippen, das flüsterte: „Ich kenn all deine Sehnsüchte.“ Ihre Lider waren halb gesenkt, aus denen mich zwei dunkle Augen musterten. Erst wirkten sie sanft, fast mütterlich. Aber in ihnen lauerte etwas, bei dem sich mir die Nackenhaare aufstellten.
„Verzeiht, ich muss gehen“, sagte ich hastig. Ehe ich dazu kam, packte sie mich am Handgelenk.
„Nicht schüchtern, Kleiner.“ Das Wort „Kleiner“ war wörtlich zu nehmen. Sie überthronte mich mit einem Kopf. Generell hatte sie nicht die Statur einer jungen Frau. Bestimmt beneideten manche Stadtwachen sie um ihre breiten Schultern. Trotzdem wirkte nichts an ihr männlich. Im Gegenteil. Gerade ihre Größe machte sie auf eine Weise weiblich, die mich nervös werden ließ.
Sie beugte sich zu mir herüber und schnurrte mir ins Ohr: „Lasst uns einen Moment reden. Vielleicht kann ich Euch bieten, was Ihr bei den Göttern schmerzlich vermisst.“ Ihre Umklammerung löste sich von mir.
Ich versuchte, Abstand zu gewinnen. Mich von ihr weg zu beugen. Daraufhin kam sie mir nur noch näher. Ihre vollen Lippen schnappten spielerisch nach meinen.
„Ich sehne mich nicht nach sowas“, quietschte ich viel mehr, als dass ich es sagte.
„Hm“, summte sie und zog den Kopf zurück. Gab mir so die Illusion von Freiheit, die ich nicht hatte. „Nach irgendwas sehnt Ihr Euch gewiss. Wieso sonst besucht Ihr die Götter und betet um Euretwillen?“
„Ich wüsste nicht, dass Euch das etwas angeht.“ Die Hitze brannte mir auf den Wangen und ich konnte mein Gegenüber nicht ansehen. Unterwürfig neigte ich mein Haupt. Meine Augen sprangen zum Ausgang.
Ihre warmen Finger griffen mich am Kinn und zwangen mich, sie anzusehen. „Ich kann verschwiegen sein, Kleiner. Andere Ohren hingegen könnten unerquicklich auf Eure Gebete reagieren.“
Mir fiel alles aus dem Gesicht. Was war das für eine perfide Frau, die Gebete belauschte und Gläubige erpresste? So etwas konnte ich mir nicht leisten. An jedem anderen Tag, an dem ich ein frommer Bürger war, hätte ich selbstbewusst sagen können, dass mein Wort mehr Gewicht hatte, als das einer Fremden. Heute hingegen… Der Magister hatte jeden Grund misstrauisch zu sein. Ein weiterer Grund wäre fatal.
Obwohl sich alles in mir dagegen sträubte, presste ich hervor: „Was wollt Ihr? Münzen? Die kann ich Euch auch geben, ohne dass Ihr den Akt mit mir vollziehen müsst.“
„Ich bin nicht abgeneigt, Euch die Nacht zu versüßen“, sprach sie mit einer Gelassenheit, die mich beunruhigte.
Wenn mein Kopf nicht schon komplett rot war, dann wurde er es spätestens jetzt.
Ihre Finger glitten von mir, hin zu ihrem Busen, aus dessen Ausschnitt sie ein gefaltetes Stück Pergament hervorholte. Sie reichte es mir hin.
„Was ist das?“
Sie bedachte mich einzig mit einem teuflischen Grinsen.
Misstrauisch nahm ich es entgegen und entfaltete das Stück. Mein Magen zog sich zusammen, ließ mich unwohl auf den Kissen rutschen. Ein kunstvoller Kreis aus dunkelroter Tinte. Ein umgedrehter Stern mit sieben Zacken verzierte das Innere. Runen befanden sich an den Spitzen. An einer Ecke waren sie besonders dick gezeichnet. Eine Schlange aus blauer Farbe bäumte sich hinter dem Kreis auf. Sah mich mit ihren leeren Augen an, als würde sie nach mir schnappen.
„Ein Tropfen Eures Blutes und Euch wird Hilfe geboten. Immer und überall.“
„Und wie soll das gehen?“, fragte ich und hob den Kopf.
Verdutzt zuckte ich zurück. Ich war alleine. Nur das Rascheln von Papier drang vom Priester am Eingang heran. Ich blinzelte mehrmals, als würde die mysteriöse Frau wieder auftauchen. Aber ihr Platz blieb leer.
Die Zeichnung hingegen verweilte in meiner Hand. Ich rümpfte die Nase. Roch ich da Schwefel und Phosphor? Eindeutig. Ich hatte mit den beiden Stoffen genug im Laboratorium zu tun.
„Das ist Irrsinn“, murmelte ich und faltete das Papier. Ich wollte ansetzen, es zu zerreißen, hielt jedoch inne.
Meine Augen wanderten von alleine zu Beelzebub. Dea Sophronia lehnte mit ihm Rücken an Rücken. Sie drückte ihn von oben hinab. Ein kristallener Kelch mit Wasser war an ihren Lippen angesetzt.
Der Dämon griff hinauf zu ihrem Getränk, obwohl er selbst einen reich verzierten Krug in der Hand hielt. Weinreben rankten sich um den Rand des Bildes. Entgegen den meisten Darstellungen war Beelzebub mit einem athletischen Körper gesegnet, der wie Lucifers nackt war. In seinem gemalten Gesicht war eindeutig der Hunger zu erkennen, mit dem er hinauf zum Kelch schielte.
Es wäre nie genug. Hunger ließ sich nicht stillen. Kein edler Wein würde Beelzebubs Magen jemals gänzlich füllen. Er konnte nur weitermachen. Nach dem nächsten gieren. Weiter und weiter.
Ich ließ das Pergament in den Lagen meines Gewandes verschwinden. Danach stand ich auf, warf eine Silbermünze in die leere Schale. Es klimperte noch, als ich mich umdrehte und den Tempel verließ.
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