Weltensammler · Kapitel 1

Kapitel 1: Eine Flamme zwischen den Fixsternen

Kapitel 1: Eine Flamme zwischen den Fixsternen Stille, auch wenn Welten in ihm toben. Leere, auch wenn Sterne in ihm leuchten. Kälte, auch wenn Seelen in ihm brennen. Das Universum. Ungreifbar, doch voller Materie. Gnadenlos, doch träumende

FantasyVeröffentlichtVeröffentlicht: 2026-07-163.481 Wörterca. 16 Min.

Kapitel 1: Eine Flamme zwischen den Fixsternen Stille, auch wenn Welten in ihm toben. Leere, auch wenn Sterne in ihm leuchten. Kälte, auch wenn Seelen in ihm brennen. Das Universum. Ungreifbar, doch voller Materie. Gnadenlos, doch träumende

Kapitel 1: Eine Flamme zwischen den Fixsternen

Stille, auch wenn Welten in ihm toben. Leere, auch wenn Sterne in ihm leuchten. Kälte, auch wenn Seelen in ihm brennen. Das Universum. Ungreifbar, doch voller Materie. Gnadenlos, doch träumende Herzen in sich tragend. Unberechenbar, doch einem ewigen Zyklus unterworfen. Einem Zyklus, den nichts und niemand verstand, viele hatten nicht einmal einen Gedanken an ihn verschwendet, doch sie waren ein Teil von ihm, und der Zyklus war ein Teil von ihnen. Jedes Objekt, jedes Wesen, jedes Atom, sie alle waren ihm unterworfen. Das machte sie zu Kindern des Universums. Alles hatte einen Platz in ihm, doch nicht alles und jeder wusste um seinen Platz. Manche starben in der bitteren Annahme, ohne einen Platz im Universum gelebt zu haben, doch sind diese Wesen in Trug gestorben. Im Moment ihres Todes haben sie das Universum vergessen, doch das Universum vergisst seine Kinder nicht. Lediglich der Akt von Gnade und Urteil ist so schwer zu entschlüsseln, so schwer zu verstehen. So schwer, dass manche das Universum verfluchen, doch das Universum verflucht seine Kinder nicht. Inmitten dieser unendlichen Weite des Weltraums, siehe dort, eine weiße Flamme, die an den Sternen und Planeten vorbeirast. Grell, doch verschluckt in der Finsternis. Ziellos, doch die Rast scheuend. Heiß, doch verbrennen die Sterne um sie herum nicht. Diese Flamme, sie sah die Galaxie an sich vorbeiziehen, wie Planeten starben, wie sie geboren wurden, wie Sterne wanderten, wie sie ruhten, und wie Welten zerfielen. All das waren keine neuen Anblicke für diese Flamme, die durch das Universum reiste. Keinen dieser Anblicke konnte sie je verstehen. Aber sie wollte. Sie wollte alles verstehen, doch klang dieser Wunsch wie eine groteske Anmaßung. Zeit war bedeutungslos, doch das Universum lebte, mit jeder Sekunde starb es ein Stück, gewann es gleichzeitig an Leben. Erfror, doch entzündete sich. Sprach Urteile, doch konnte auch vergeben. Diese Flamme war nur eine von Myriaden im Universum. Doch war sie etwas Besonderes. Sie war heimatlos. Eine reisende Flamme. Neugierig, auf der Suche nach Wissen. Nach Wissen und Inspiration. Nach neuen Welten und alten Gefühlen. Die Funken, die sich von der Flamme lösten, sie küssten die Sterne, an denen sie vorbeizog. Denn jeder von ihnen war ein Kind des Universums. Die Funken waren ein Zeichen des Respekts. Ein Zeichen dafür, dass diese Flamme mit größter Demut durch die Galaxie reiste. Demut vor seinem eigenen Status, seinem Platz im Universum. Davor, dass sie zwar ein Kind des Universums, doch auch nur eines von vielen war. Nicht unbedeutend. Doch die Bedeutung hatte es sich mit unendlich vielen seiner Brüder und Schwestern zu teilen. Dies anzuerkennen, war der Flamme Demut. Und die Funken waren ein Akt dieser Demut. Doch auf einmal, diese Flamme, sie stürzte. Auf einen Planeten unter ihr. Groß. Gehüllt in dunkles, eintöniges Orange, manche hätten es als Braun gedeutet, mit Kerben und Bergen, Mustern und Formen, dunklen Winkeln und erleuchteten Ebenen. Ein monotoner Anblick für das Auge, das mehr als wenige Sekunden des Betrachtens verbracht hatte, doch die Flamme war interessiert. Sie ließ sich auf diesen Planeten hinabfallen, wollte wieder einen winzig kleinen Teil dieses Universums erkunden. Die Flamme stürzte sich auf einen Berg hinab, sah einen schier endlos großen Canyon auf sich zurasen. Dunkles Orange verdrängte sukzessive den Himmel aus dem Blickfeld der Flamme, bis sie endgültig durch alle Sphären des Planeten gedrungen war. Nach kurzer Zeit landete sie auf diesem Berg. Langsam verformte sich die Flamme, bildete einen Körper, noch immer war sie grell am leuchten. Zwei Beine schlugen aus, zwei Arme, ein Kopf. Es war … ein Mensch. Ein Junge. Schwarzer, dünner Stoff bedeckte seinen schlanken Körper. Er ließ die Flamme erlöschen, welche nur noch seinen Körper hinterließ. Der Junge ging ein paar Schritte vorwärts. Sandiges Gestein wärmte seine nackten Füße. „Faszinierend“, sprach der Junge zu sich selbst. Er begutachtete seine Umgebung. Sie war komplett in dieses farbliche Spektrum zwischen Orange und Braun gehüllt, übersät mit Schluchten, Felsen, Höhlen und Bergen. Es hatte schon etwas Hypnotisierendes, wie eintönig diese Umgebung war. Man konnte seinen Blick nur kaum von ihr befreien, es sei denn, man blickte in den Himmel, doch bot auch dieser nicht viel. Sanfter Wind wirbelte den dunklen Staub umher, der sich auf des Jungen Haut absetzte, ihr ein Gefühl von Trockenheit und Wärme gab. „Also ist meine Heimat aus Splittern anderer Planeten geschmiedet? Ergibt das einen Sinn?“ Der Junge legte eine Hand an sein Kinn, während er sich seine Gedanken selbst zuflüsterte. „Oder ist das reine Willkür des Universums?“ Wind war die einzige Quelle von Geräuschen auf diesem Planeten. Die einzige Quelle von Gefühlen, so wie sie sanft an des Jungen Haut vorbei strich. „Oder diente eine Scherbe meiner Heimat diesem Planeten als Vorlage? War das Universum so begeistert von seiner Schöpfung, dass -“ Der Junge ging weiter. Sonnenlicht nagte heiß an ihm, leckte über seine Haut, verspottete ihn, jetzt da er keine Flamme mehr war. „Welche Bedeutung hast du, Planet? Als was dienst du dem Universum?“ Er blickte den Berg hinauf. Zwischen sengender Hitze und staubigem Wind glaubte er, eine Gestalt auf des Berges Spitze zu erkennen. Neugier packte den Jungen. Seine Arme und Beine handelten dementsprechend. Er kletterte den Berg hinauf, ein anstrengendes Unterfangen, doch erpicht war der Junge darauf zu sehen, was der Koloss wohl in den Himmel halten mochte. Die Hand des Jungen ergriff die letzte Kante, mit aller Kraft drückte er sich nach oben. Sein Oberkörper wurde leicht über die Kante, über den staubigen Boden geschliffen, seine Beine zogen nach, ehe er sich erhob. Auf der Spitze des Berges angekommen, blickte er direkt in Richtung der Sonne. Doch zwischen ihr und dem Jungen stand diese Gestalt. Sie war von großer, schlanker Statur, verhüllt von einem einzigen schwarzen Schleier. Wie der Junge hatte diese Gestalt zwei Arme und Hände, das war alles, was sie von sich preisgab. Zwischen drei Fingern der einen Hand hielt sie einen Stift, in der anderen eine kleine Leinwand. Die Gestalt schien in die Ferne zu schauen, von dieser Position musste sie eine fabelhafte Aussicht auf den Planeten haben. Der Junge machte sich zunächst noch nicht bemerkbar. Die Gestalt führte nach kurzer Zeit der Regungslosigkeit ihre beiden Hände zusammen, wohl in dem Willen, Stift und Leinwand miteinander zu vereinen, den Eindruck erweckend, sie würde etwas zeichnen wollen, nachdem sie beim Studieren ihrer Umgebung ausreichend Inspiration geerntet hatte. Der Junge wollte die Gestalt ungestört lassen, so schwieg er. 'Den Fluss der Inspiration soll man nicht stören', lernte der Junge einst. Welches Bild wohl erschaffen werden würde? Es vergingen bereits Minuten, die Bewegungen waren zwar nicht auffällig, doch die Gestalt war definitiv am zeichnen. So lange wie sie am Werk war, musste gerade etwas Besonderes entstehen. Wer diese Gestalt wohl war? War sie fremd auf diesem Planeten? War der Anblick inspirierend und neu für sie? So wie die Gestalt zuvor ihre Umgebung studiert hatte, studierte der Junge nun diesen Moment in schweigender Neugier. Nach einiger Zeit kam die Hand, die den Stift hielt, wieder hinter der mysteriösen, dunklen Gestalt hervor. Spannung stieg in dem Jungen auf, ehe etwa eine Minute später auch die Leinwand in der anderen Hand enthüllt wurde. Entgegen der Erwartung an einen anscheinend minutenlangen Zeichenprozess, war die Leinwand leer. Gänzlich blank. Die Augenbrauen des Jungen sackten nach unten. Es war nichts entstanden, machte es sogar den Anschein, als hatte der Stift die Leinwand nicht einmal berührt. Einsam sah sie aus. Leer und unbeansprucht. Verlassen und unbedeutend. Verblüfft verlängerte der Junge sein respektvolles Schweigen für eine Weile, obwohl der Prozess abgeschlossen war. Doch was genau war es? Die Gestalt hatte anscheinend doch nicht gezeichnet, was hatte sie getan? Ihre Bewegungen hatten minutenlang den Anschein gemacht, als würde sie den Stift über die Leinwand ziehen, ihn abheben, ansetzen, neue Punkte setzen, neue Linien zeichnen, ein phänomenales Werk erschaffen. Doch der Schein hatte getrogen. „Hallo“, begrüßte der Junge die Gestalt letztendlich. Ruckartig drehte sie sich um, doch selbst der neue Blickwinkel offenbarte nicht mehr von ihr. Sie war nichts weiter als eine schwarz verschleierte Gestalt. Es war kein Gesicht zu erkennen, keine Beine, kein Körper, keine Struktur. Lediglich die Arme und die Hände, die die Zeichenutensilien hielten. Die Gestalt schien den Jungen für einen Moment anzuschauen, doch auch das war lediglich eine vage Vermutung seitens des Jungen, schließlich erkannte man keine Augen in dieser Gestalt. Stille beherrschte die Umgebung. Der Junge wartete auf eine verbale Reaktion der Gestalt, doch erklang kein Ton von ihr. Sie war ganz starr, was den Jungen ein wenig nervös machte. Doch dann, nach kurzer Zeit, führte die Gestalt den Stift langsam wieder zur Leinwand. Und im selben Augenblick, in dem die Spitze des Stiftes die Leinwand berührte, entfernte die Gestalt das Zeichenwerkzeug wieder von selbiger. Der Junge blickte die Gestalt gespannt an, welche nach einem kurzen Moment die Leinwand umdrehte, und ihm somit das Bild offenbarte, das sie im Bruchteil einer Sekunde gezeichnet hatte. Die Leinwand zeigte einen Jungen, manch einer hätte schon von einem jungen Mann sprechen können. Er wies eine schlanke Statur auf, die Arme leicht muskulös. Seine Füße waren unbekleidet, doch mit vielen kleinen Narben übersät, seine Beine und sein Oberkörper hingegen von dünnem, schwarzen Stoff bedeckt. Um seine Hüfte war ein Gurt gebunden, an dem ein Buch befestigt war. Seine Handgelenke zierten ein paar Armbänder. Die Haare des Jungen waren am Hinterkopf zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Lediglich zwei dünne Strähnen seines kastanienbraunen Haars fielen links und rechts das Gesicht des Jungen hinunter, vorbei an dessen grünen Augen. An dem Hals des Jungen befand sich eine große Narbe, direkt neben der Halsschlagader. „Habe ich -“, ertönte eine helle, für die Ohren des Jungen weiblich klingende Stimme „dich gut getroffen?“ Der Junge betrachtete das Bild für einen Moment. „Besser hätte ich es nicht machen können.“ Er grinste. Beeindruckt war er. Die Gestalt hatte ihn sogar perfekt getroffen, kein noch so kleines Detail war ausgelassen worden, von Kopf bis Fuß hatte sie den Jungen auf dieser Leinwand verewigt, und das im Bruchteil einer Sekunde. „Ich danke dir, auch mir gefällt es sehr. Darf ich-“, antwortete die Gestalt und schien auf ihr Bild zu blicken, „erfahren, wer du bist?“ „Zuerst möchte ich etwas erfahren“, sprach er. „Bitteschön.“ „Nun, zuvor hast du einige Zeit lang gezeichnet, ohne dass etwas dabei entstanden ist. Und nun hast du augenblicklich ein Bild von mir erschaffen, so gut als hättest du jede Faser meines Körpers studiert“, sprach er, während er den trockenen Staub aus seiner Kleidung klopfte. „Es interessiert mich.“ Die Gestalt hielt einen Moment inne, als überraschte sie die Neugier des Jungen. Sie ließ einen Augenblick vergehen, ehe sie den Stift zur Seite legte, sich von dem Jungen abwandte und ein paar Schritte auf die Kante der Bergspitze zuging. „Mein Name lautet Ikana“, stellte die Gestalt sich vor. „Ich bin eine Zeichnerin, und dieser Planet ist meine Heimat, Veskya. Ich verbrachte mein ganzes Leben damit, Zeichnungen von ihr anzufertigen. Doch wie du siehst, bietet dieser Planet nicht viel Abwechslung. Die Farben sind monoton, die Muster der Berge und Täler inspirieren nicht mehr, die Ecken und Winkel dieses Planeten sind bekannt und uninteressant.“ Der Junge konnte Ikanas Worte nachvollziehen, und sie bestätigten ihn in der Annahme, dass der gesamte Planet wohl ausschließlich dieses Aussehen aufwies. Ein einziger riesiger Canyon. Für einen Besucher mochte es vielleicht interessant und aufregend sein, doch für einen Bewohner dieses Planeten, wie konnte dieser Ort langfristig begeistern? „Ich versuche schon seit sehr langer Zeit verzweifelt, neue Bilder zu erschaffen, doch meine Leinwand -“ Ikana seufzte enttäuscht, schien für einen Moment auf die Leinwand zu blicken, die sie in der Hand hielt. „Sie lehnt meine Bilder ab. Sie verachtet sie, sie fühlt sich von ihnen angewidert. Es sind immer dieselben inspirationsfreien Farben und Strukturen. Schon seit langer Zeit versuche ich, etwas an meinen Zeichnungen zu ändern, sodass es meiner Leinwand genügt. Kleine Details, unterschiedliche Farbnuancen, wechselnde Fokusse. Doch schaffe ich es nicht. Aber als ich dich sah, wurde mir ein Tropfen Inspiration geschenkt und ich war in der Lage, ein Bild zu malen, das von meiner Leinwand akzeptiert wird.“ „Ich fühle mich geschmeichelt, Ikana“, antwortete der Junge kichernd, während ein leichtes Rot seine Wangen färbte. „Nun, erzählst du mir, wer du bist?“ „Ich stamme von einem weit entfernten Planeten“, entgegnete er. „Und befinde mich auf einer Reise, mit dem Ziel, das Universum zu verstehen, es zu deuten, herauszufinden, was alles in ihm schlummert, und Antworten zu finden. Auf die großen Fragen, auf Sinn, Zweck und Werk des Universums. All das lockt mich auf neue Welten und Planeten.“ „Das klingt äußerst beeindruckend“, antwortete Ikana und ging ein paar Schritte auf den Jungen zu. „Ich bin überrascht, dass du dich so präzise beschrieben hast, anstatt dich mit schleierhaften Titeln und Bezeichnungen zu schmücken. Du scheinst dich selbst sehr gut zu kennen.“ Der Junge schwieg für einen Moment, dachte über Ikanas Worte nach. „Wenn mir jemand irgendwelche Titel zuordnen möchte, wehre ich mich nicht dagegen, das ist nicht meine Sache. Doch einfache Namen und Bezeichnungen transportieren das, was du bist und was dich ausmacht, nie in einem befriedigenden Maße. Deine Seele verschwimmt nur zwischen den Graustufen vager und dehnbarer Definitionen. Selbst wenn dein Selbstbild es zulässt, nur wenn du dein Herz sprechen lässt, hast du eine Identität, die du mit anderen teilen kannst.“ „Was ein inspirierender Gedanke“, sprach Ikana und blickte in den Himmel. „Du scheinst ein interessantes Wesen zu sein. Du hast dir die Fähigkeit angeeignet, durch das Universum zu reisen und tust dies mit einem aufgeweckten Geist. Du suchst nach Wissen und Bedeutung in diesem Universum, du bist interessiert daran, die verschiedenen Facetten des Universums, ihre Welten und Planeten kennenzulernen.“ Der Junge streckte eine Hand aus, drehte sie mit der Handfläche nach oben und ließ eine kleine weiße Flamme auf ihr tanzen. „In der Tat, all das trifft auf mich zu.“ „In meinem Volk, meiner Kultur gibt es ein Wort für Wesen wie dich. Auch wenn Bezeichnungen und Titel unzulänglich sind und einer Seele nie vollends gerecht werden, würdest du es zulassen?“ Der Junge antwortete nicht sofort, sondern setzte sich auf einen Felsen neben ihm. Er schien über die Frage nachzudenken, ehe er lächelnd nickte. „Du weißt nun, was mein Herz und meinen Geist treibt. Wenn sich all dies für dich in einem Wort zusammenfassen lässt, dann kann ich es gerne annehmen. Und um unsere neue Bekanntschaft zu ehren, würde ich das sehr gerne zulassen“, bestätigte der Junge. Ikana wandte sich von dem Jungen ab, trat an die Kante der Klippe vor ihr. Sie schien für einen Moment in die Sonne zu blicken, hob daraufhin ihre Arme seitlich in die Höhe, als würde sie nun zum Himmel beten.

„Das Universum, Schöpfer von allem, was ist, lebt und atmet. Das Auge, das in unser Herz blickt, das Ohr, das unseren Träumen lauscht, der Mund, der uns unsere Bestimmung in die Seele flüstert. Und doch ist sich nicht jedes Wesen des Universums und seines Platzes in ihm bewusst, manche leugnen ihn, manche erklären ihn sich zum Feind. Doch es gibt einen Gegenpol. Jene, die sich in den Kern des Universums begeben, um nach seiner Essenz in seinen unendlich vielen Welten und Planeten zu suchen. Nach neuen Erfahrungen, Mustern und Einflüssen, die es ihnen erleichtern, das Universum, seinen Zyklus und sein Werk zu begreifen und zu studieren. Ihren eigenen Platz in ihm besser zu verstehen, ihr eigenes Schicksal mit einem weiseren und stärkeren Geist ertragen zu können, und die Macht zu erlangen, jene, die ihren Glauben an das Universum verloren haben, auf den Weg der Wahrheit zu geleiten“, entfesselte Ikana ihre Worte in den Himmel, die den Jungen mit Begeisterung erfüllten. „O ihr tapferen Wesen, mit einem reinen Geist, ihr wollt verstehen, statt nur umherzuirren in eurem Schicksal, ihr wollt von den Welten lernen, statt nur denen zu lauschen, die über sie sprechen und philosophieren, denn jene Welten sind wie wir alle Kinder des Universums, ihr seid die Weltensammler, Gefäße für die nie endende Essenz der Galaxie, ihr lernt mit der Ruhe und dem Gleichmut der Fixsterne, während eure Herzen sich im Pfad der Wandelsterne ausrichten, denn ihr Weg ist auch eurer, ihr Wissen ist auch eures, ihre Liebe, die sie vom Universum empfangen, ist auch eure! So gehet hinaus, o ihr Weltensammler, machet das Universum stolz!“

Diese Worte hatten den Jungen sehr berührt. Sie spiegelten seine Perspektive auf sich selbst und seine Ziele wieder, fügten sich perfekt in seine Seele, er widersprach keinem einzigen dieser Worte, nein, er fühlte sich von ihnen inspiriert. „Weltensammler“, flüsterte der Junge nach, während er dieses Wort in sich aufnahm. Er konnte dieses Wort fühlen, sich selbst in ihm wiedererkennen. Wenngleich er eine deskriptive Beschreibung seiner Selbst stets vorzog, um sich einer neuen Bekanntschaft vorzustellen, dieses Wort ging ihm nicht mehr aus dem Kopf, nicht mehr aus der Seele. All das, was Ikana sagte, fühlte er in sich. Und wenn 'Weltensammler' die Essenz all dessen in sich vereinte, dann konnte er diesem Wort ein Stück seiner Seele schenken. „Es gab Zeiten, da hat es sie zuhauf gegeben. Wir nannten sie damals 'Weltensammler', weil sie stets nach den Essenzen der Planeten und Welten im Universum strebten und sie in sich zu vereinen suchten. Ich glaube, dieses Wort passt gut zu dir.“ Der Junge blickte lächelnd zu Boden. „Es … es klingt wirklich schön“, sprach er berührt. „Lass es dein sein, und lass dein Herz ihm folgen.“ „Vielen Dank, Ikana“, sprach der Junge und sprang vom Felsen auf. „Du hast einer kleinen Flamme Inspiration geschenkt. Und ich werde dieses Wort in Ehren tragen.“ „Ich gebe nur das zurück, was mir gegeben wurde, so deutet mein Volk den Zyklus des Universums.“ „Welch' inspirierende Gedanken mir heute geschenkt wurden, ich freue mich sehr, deine Bekanntschaft gemacht haben zu dürfen.“ „Das gebe ich gerne zurück. Weltensammler.“ Langsamen Schrittes ging Ikana wieder auf den Jungen zu, hielt ihm ihren Stift und ihre Leinwand hin. „Bevor du gehst“, sprach sie, „würde ich gerne noch deinen Namen erfahren.“ Es machte den Anschein, als wollte Ikana, dass der Junge seinen Namen auf die Leinwand schreibt. Doch dieser stand nur regungslos da. „Wieso willst du meinen Namen wissen? Du weißt doch nun, wer ich bin“, erwiderte er. Die Zeichnerin zog ihre Arme wieder ein Stück ein, offensichtlich enttäuscht von seiner Antwort. „Nun, du bist die Person, die mich nach langer Zeit der Verzweiflung inspiriert hat, meine Leinwand ist dir dankbar, dass du mir ein schönes Bild ermöglicht hat. Und ich bin dir dankbar für deinen Besuch, so würde ich deinem Namen gerne einen Platz in meinem Herzen geben.“ Der Junge lächelte geschmeichelt und blickte Ikana an. „Doch vorher möchte ich dir etwas geben, das dich mehr an mich erinnern wird als mein Name.“ Der Junge nahm das Buch, das an dem Gurt um seiner Hüfte befestigt war und schlug es auf. Etwa in der Mitte des Buches war es einige Seiten dick ausgehöhlt. In der Lücke befand sich eine kleine Blume, mit hellblauen und lila Blüten. Er entnahm die kleine Blume und reichte sie Ikana. „Bitte nimm sie. Ich habe sie damals mitgenommen, als ich den Planeten meiner Herkunft verließ. Alles, was ich auf meinen Reisen gesehen habe, hat auch sie gesehen. Vielleicht inspiriert sie dich ja.“ Ikana legte den Stift und die Leinwand auf den Boden und ging auf den Jungen zu. Anschließend streckte sie eine Hand aus und ergriff mit ihren Fingern die Blume. Es machte den Jungen ein wenig nervös, nicht zu wissen, wie er Ikanas Handlungen deuten sollte, schließlich zeigte sie kein Gesicht, aus dem man Emotionen ablesen konnte, doch hatte er Vertrauen darin, dass diese Blume ihr ein wenig Inspiration schenken konnte. „Sie ist“, sprach die Zeichnerin, „wunderschön.“ „Deswegen habe ich sie damals mitgenommen.“ „Ist das wirklich in Ordnung für dich?“ „Aber natürlich. Ich glaube, du kannst sie mehr gebrauchen als ich. Sie ist zwar klein, doch so viel anders als alles, was diese Umgebung dir bietet.“ Ikana hielt einen Moment inne. „Ich danke dir vielmals. Ich werde gut auf sie aufpassen und stets in Ehren halten.“ „Gern geschehen. Ikana.“ Der Junge befestigte das Buch wieder an seinem Gurt, bückte sich daraufhin runter, um den Stift und die Leinwand aufzunehmen. „Ich heiße Ahry“, stellte er sich nun vor, während er seinen Namen auf der Leinwand verewigte. „Ich - danke dir vielmals, Ahry“, antwortete Ikana zufrieden. „Bitte, komm mich doch jederzeit wieder besuchen. Und bring mir gerne noch mal etwas Schönes mit, das du auf deinen Reisen findest.“ „Das werde ich“, antwortete Ahry, dessen Körper sich langsam wieder in einer weißen Flamme auflöste. „Glaub mir, das ist nicht das letzte Mal, dass ich diesen Planeten besuche. Das ist ein Versprechen.“ Innerhalb von wenigen Sekunden wich Ahrys Körper wieder dieser weißen Flamme, die langsam gen Himmel empor stieg. Als Ikana die Flamme erblickte, griff sie sofort wieder zu Stift und Leinwand, doch das bemerkte Ahry nicht mehr. Er richtete seine Konzentration auf die Pforte zum Weltraum, durch das er in Kürze wieder zu seinem nächsten Ziel reisen würde. „Pass auf dich auf, Ahry“, flüsterte Ikana, obwohl dieser schon lange außer Hörweite war. „Weltensammler.“

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