Die Aufnahmeprüfung war von Sora durchgeplant, bevor Sie überhaupt begonnen hatte. Wie in jeden Plan jedoch, gab es Variablen, auf die er nur begrenzt Einfluss hatte. Die sollten Ihm mehr Probleme bereiten, als er vorausschauen konnte.
Die Magieakademie von Estalia lag hinter Mauern, die nicht schützen, sondern beeindrucken sollten. Türme, Banner, ein Tor, durch das man kleiner hindurchging, als man angekommen war.
Sechsundfünfzig Kinder standen davor, dazu Eltern, Bedienstete und Erwartungen. Viele der Kinder trugen Seide. Einige trugen Wappen. In der Luft lag Druck. Und Parfüm.
Hokori richtete ihm den Kragen, der es nicht nötig hatte. Meiyo legte ihm eine Hand auf die Schulter, kurz und schwer, und das war seine ganze Rede. Dann gehörte Sora zur Gruppe.
Eine Frau trat vor das Tor. Sie war weder groß noch laut und trotzdem wurde es still, bevor sie sprach. „Willkommen“, sagte sie. „Mein Name ist Frau Ichikawa. Wer heute besteht, wird in wenigen Tagen mein Schüler sein. Folgt mir.“
Freundlich im Ton, wach in den Augen. Sie begrüßt nicht, sie sortiert bereits. Interessante Frau.
Der Theorieteil fand in einem Saal statt, in dem die Pulte zu groß für die Prüflinge waren. Auf jedem lag ein Heft, daneben Feder und Tinte. Eine Sanduhr wurde gedreht. Dann durften sie öffnen und Sora las die erste Seite zweimal.
Rechnen mit großen Zahlen. Schriftzeichen, die im Alltag nicht vorkommen. Logikfolgen. Grundbegriffe der Magielehre. Entweder hat man hier ein sehr eigenes Bild von Sechsjährigen oder das ist ein Einstellungstest für Götter.
Er begann zu arbeiten und die Arbeit bestand zur Hälfte aus Bremsen. Eine richtige Antwort kostete ihn nichts. Eine glaubwürdig falsche kostete ihn drei Schritte: die richtige wissen, einen Fehler erfinden, der zu einem Kind passte, und prüfen, ob der neue Fehler zu den alten Fehlern passte.
Ich führe Buch über meine eigene Dummheit. Doppelte Buchführung. In meinem alten Leben hätte man mir dafür einen Abschluss verliehen.
Sein Ziel war ein gutes Mittelfeld mit Ausreißern nach oben. Solide, nicht strahlend. Er beantwortete, ließ aus, verrechnete sich planvoll. Nur bei den Fragen zur Magielehre las er langsamer als nötig und das hatte mit Strategie wenig zu tun.
Nach zwei Stunden klang eine Glocke. „Die Zeit ist um“, sagte der Aufseher. „Die Federn ruhen. Ihr bleibt sitzen, bis ihr aufgerufen werdet.“
Das Warten danach fand auf einem langen Flur statt und hatte viele Gesichter. Ein Mädchen ging die Fragen flüsternd noch einmal durch, rückwärts. Ein Junge in dunkelblauer Seide weinte lautlos in seinen Ärmel und sein Bediensteter sah weg, weil Wegsehen seine Aufgabe war. Andere lachten zu laut. Sora stand am Fenster und tat, was er immer tat.
Notiert: In dieser Welt beginnt das Aussortieren mit sechs. Gut zu wissen. Weniger gut anzusehen.
Dann wurden Namen verlesen. Es waren die falschen Namen, die Namen derer, die gehen mussten. Die Liste war lang. Als sie endete, standen noch neunundzwanzig Kinder auf dem Flur und der Flur war sehr viel größer geworden.
Der zweite Teil der Prüfung hatte keinen Saal, sondern eine Halle und die Halle hatte fast nichts. Hohe Fenster. Kühles Licht. In der Mitte stand ein Podest aus dunklem Stein und in das Podest eingelassen lag ein Kristall, geschliffen in der Form eines vielzackigen Sterns. Davor warteten drei Gestalten in den grauen Roben der Akademieforschung, mit Tafeln, Federn und jener besonderen Geduld von Menschen, die seit Jahren dasselbe messen.
„Ihr tretet einzeln vor“, sagte die älteste von ihnen. „Die rechte Hand auf den Stern. Nicht drücken, nicht sprechen, nicht erschrecken. Der Kristall tut euch nichts. Er sieht euch nur an.“
Ein Stein, der Menschen ansieht. Ich habe Fragen. Vermutlich genau die, die man hier nicht stellen soll.
Die Kinder stellten sich an der Wand auf. Als Erste trat das Mädchen vor, das die Fragen rückwärts wiederholt hatte. Sie legte die Hand auf und der Kristall erwachte. Licht stieg in ihm auf, füllte die Zacken und trat über sie hinaus, ein stiller Schein, der über dem Podest stand wie ein zweiter, durchsichtiger Körper. Das Licht war ein ungesättigtes gelb. Satt, warm, ruhig. Die Forscher beugten sich vor, nickten einander zu und die Federn liefen.
Beim nächsten Kind, einem stämmigen Jungen, war das Licht ein helles rot und blieb klein. Es flackerte wie eine Kerze in Zugluft. Die Forscher lächelten höflich, notierten kurz und sagten: „Danke. Der Nächste.“
Ein drittes Kind brachte ein helles blau hervor, flink und unstet, mit einem dünnen goldenen Rand. Wieder Nicken, wieder Federn.
Hypothese eins: Die Farbe sagt, was einer ist. Hypothese zwei: Größe und Ruhe sagen, wie viel. Belege: keine. Aber die Gesichter der Messenden lesen sich wie eine Tabelle und Gelb scheint die Spalte zu sein, auf die es ankommt.
Dann hörte er seinen Namen.
Der Stein war kalt. Einen Atemzug lang geschah nichts und in diesem Atemzug saß, sauber versteckt unter aller Strategie, eine Vorfreude, die er nicht ganz hatte ersticken können.
Dann erwachte der Kristall und die Halle veränderte ihr Licht. Rot stieg auf, dunkler als bei anderen, tief und ruhig aber trotzdem hell. Es stieg weiter, höher als es bei allen zuvor gestiegen war. Blau legte sich darüber, gleiche Sättigung, schnell und dicht. Der Schein über dem Podest wuchs. Hinter ihm wurde es sehr leise. Eine der Federn hörte auf zu schreiben.
Sora suchte das Gelb. Er fand es am unteren Rand des Lichts: einen Hauch, dünn wie der letzte Rest Honig in einem Glas.
Die älteste Forscherin beugte sich vor. Sie sah auf den Kristall, dann auf ihre Tafel, dann wieder auf den Kristall, als müssten die beiden sich erst einigen. „Noch einmal“, sagte sie. „Hand herunter. Drei Atemzüge. Wieder auflegen.“
Er gehorchte. Das Licht kam zurück, dasselbe Licht. Zu viel von zweien. Fast nichts vom dritten. Hinter den Tafeln wurde geflüstert, in jenem Tonfall, der sich für leise hält.
„So viel von allem, doch...“, sagte eine Stimme. „Der Theorieteil war auch schon auffällig.“ – „Ein Risiko.“ – „Oder ein Rohdiamant.“
Tethys hatte gesagt: ein Potenzial, das seinesgleichen sucht. Auf eine Weise, die du nicht erwartest und die dir nicht immer gefallen wird. Ich hatte die zweite Hälfte für Rhetorik gehalten. Notiz: Bei Göttern gibt es keine Rhetorik.
Er nahm die Hand vom Kristall. Das Licht hielt sich noch einen Moment, dann sank es in den Stern zurück. Das Gelbe voraus.
Ich habe jede Antwort dosiert. Jeden Fehler entworfen, jede Miene geprobt. Und dann stellt man mich auf einen Stein und mein Inneres sagt aus, ohne mich vorher zu fragen.
Das Licht erlosch. Die Blicke blieben.
Danach maß der Kristall weiter, als wäre nichts gewesen.
Kind um Kind trat vor, Licht um Licht stieg und sank. Keines davon brachte die Federn noch einmal zum Stocken. Sora stand an der Wand und spürte Blicke, die schneller wegsahen, als er sie fassen konnte.
Dann war es vorbei. Man schickte sie hinaus in den Hof, wo die Nachmittagssonne stand und die ersten Familien warteten.
Sora hatte seine Eltern noch nicht entdeckt, als eine Stimme über das Gelände rollte, ohne dass irgendwo jemand schrie. „Die Prüfung ist beendet. Alle Prüflinge verlassen nun das Gelände. Die Ergebnisse werden morgen früh an dieser Stelle verkündet.“ Eine Pause, kaum länger als ein Atemzug. „Sora Takafushi bleibt.“
Großartig. Sonderbehandlung, mit Ansage, vor Publikum. Ich habe einen ganzen Tag an Unauffälligkeit gearbeitet und jetzt kennt das Gelände meinen Namen vor der Verkündung.
Köpfe drehten sich. Achtundzwanzig Kinder strömten zum Tor und jedes zweite sah dabei zu ihm zurück.
Neben ihm stand auf einmal Ichikawa, als wäre sie nie woanders gewesen. „Keine Sorge“, sagte sie. „Du hast nichts falsch gemacht.“ Ein kurzer Blick aus wachen Augen. „Im Gegenteil. Komm.“
„Im Gegenteil“ ist nach meiner Erfahrung selten eine Beruhigung. Es ist eine Eskalationsstufe mit guten Manieren.
Sie führte ihn durch Flure, die auf Erwachsene zugeschnitten waren und auf Ehrfurcht. Je weiter sie gingen, desto stiller wurde das Haus, bis am Ende eines Ganges eine Tür wartete, in die kein Kind je freiwillig eingefallen wäre.
Das Büro dahinter bestand aus Bücherwänden, einem Schreibtisch wie ein Bollwerk und einem Mann, nach dem sich der Raum gerichtet hatte und nicht umgekehrt. Fuji Hiroshi war riesig. Kahler Schädel, eine alte Narbe über Hals und Nacken, Hände, die das Prüfungsheft hielten wie eine Spielkarte.
Sieht aus wie der Endgegner eines Spiels, das ich nie zu Ende gespielt habe. Die Narbe ist entweder echt oder hervorragende Inszenierung. Vermutlich beides.
„Setz dich.“ Die Stimme passte zum Rest. Sora setzte sich. Der Stuhl war zu groß. Natürlich war er das. Fuji blätterte. Eine Seite, noch eine. Er ließ sich Zeit und die Zeit arbeitete für ihn.
Schweigen als Druckmittel. Erste Seite in jedem Handbuch. Ich kenne die Technik, ich habe über die Technik geschrieben. Sie funktioniert trotzdem ein wenig. Ärgerlich.
„Sora Takafushi“, sagte Fuji schließlich, ohne aufzusehen. „Weißt du, was die meisten Kinder schaffen, die diese Prüfung bestehen? Ein Viertel des Heftes. Ein gutes Jahr bringt eines hervor, das die Hälfte löst.“ Er legte das Heft flach auf den Tisch und drehte es zu ihm. „Du hast mehr richtig als jeder Prüfling, den dieses Haus je gesehen hat. Und das ist nicht das Interessante daran.“
Sora sah auf sein eigenes Heft wie auf ein fremdes. „Nicht?“
„Das Interessante sind deine Fehler.“ Ein Finger, breit wie zwei, tippte auf eine Seite. „Kinder ermüden. Ihre Fehler sammeln sich am Ende wie Laub am Zaun. Deine liegen verteilt wie gesät. Gleichmäßig. Gepflegt. Und ausgerechnet bei Aufgaben, die leichter sind als andere, die du gelöst hast.“
Er lehnte sich zurück und der Stuhl unter ihm ergab sich hörbar. „Sagen wir es einfach: Du hast absichtlich falsch geantwortet.“ Es war keine Frage. Sora entschied sich trotzdem für die Antwort eines Sechsjährigen: ein Blinzeln, eine Spur Verwirrung, der Tonfall eines Kindes, das gelobt werden will. „Die Aufgaben waren schwer, Herr Direktor.“
Mittelfeld. Ich habe Mittelfeld geplant, auf einer Skala, deren Mitte ich nicht kannte. Anfängerfehler. Meiner. Das ist die unangenehmere Sorte.
Fuji sah ihn lange an. Dann kam ein Geräusch aus ihm, das ein Lachen sein mochte oder das Verschieben von etwas Schwerem. „Du bist also einfach nur ein Wunderkind. Passt ins Bild. Sohn von Meiyo Takafushi und deine Mutter gilt als die Klügere von beiden. Das hat sie mir selbst gesagt, also wird es stimmen.“
„Das klingt nach ihr.“
„Behalte dein Geheimnis, Junge. Jeder in diesem Haus hat eines und die meisten langweilen mich.“ Das Heft klappte zu. „Aber merk dir eines: Lüg nicht mehr auf Papier, das ich lese. Es beleidigt uns beide.“
Sora nickte, weil jede Antwort darauf eine weitere Lüge gewesen wäre.
„Bleibt der Stein.“ Fuji zog eine Tafel heran, las, legte sie wieder ab. „Papier kann man belügen. Den Stein nicht. Was er über dich sagt, hat meine Forscher den halben Nachmittag beschäftigt.“
Er sah auf und zum ersten Mal lag in dem Blick keine Prüfung mehr, nur Gewicht. „Viel von allem, Takafushi. Mehr, als dieses Podest je angezeigt hat. Und fast nichts von dem, wofür dieses Haus gebaut wurde.“
„Heißt das, ich kann keine Magie lernen?“ Die Frage war heraus, bevor er sie prüfen konnte und sie klang jünger als alles, was er an diesem Tag gesagt hatte.
„Es heißt, dass sie dich mehr kosten wird als andere. Und dass die Mühe sich womöglich nie auszahlt.“ Fuji beschönigte nicht und Sora war ihm dafür beinahe dankbar. „Diese Akademie betet die Magie an. Du bringst wenig Talent dafür mit. Man wird dich das spüren lassen, früher oder später.“ Eine Pause. „Du hättest die Möglichkeit, dich auf Schwert und Körper zu konzentrieren. Bei dem, was der Stein zeigt, wäre das vielleicht sogar der klügere Weg. Wir hatten lange keinen mehr, der ihn ernsthaft gegangen ist.“
Sora schwieg und diesmal war das Schweigen echt. Fuji musterte ihn über die ganze Länge des Tisches hinweg. „Auch wenn sie schwach ist, hast du die Ausstrahlung eines Erwachsenen.“
Für einen Moment war es sehr still im Büro.
Ruhig. Atmen. Sechsjährige werden ständig mit Erwachsenen verglichen, es ist ein Kompliment, kein Verdacht. Er fischt nicht. Er fischt doch. Egal. Der Köder bleibt im Wasser.
„Danke, Herr Direktor“, sagte Sora und ließ es klingen, als hätte man sein Sandburgenbauen gelobt.
Wieder das Geräusch, das ein Lachen sein mochte. „Dann offiziell: Du hast bestanden. Wie eine Handvoll anderer. Verkündet wird morgen früh, aber ich wollte es dir selbst sagen.“ Fuji erhob sich und das Büro wurde kleiner. „Einschulung ist in drei Tagen. Komm trotzdem zur Bekanntgabe. Deine Eltern würden mir den Tag sonst nie verzeihen.“
An der Tür holte ihn die Stimme noch einmal ein. „Takafushi.“
Sora drehte sich um.
„Ich bin gespannt, was du aus diesem Weg machst.“
Dann lag der Flur wieder vor ihm, lang und leer, und seine Schritte klangen darin viel zu klein. Datenlage aktualisiert: Es existiert mindestens ein Mensch in dieser Welt, der lesen kann. Unpraktisch. Lehrreich. Ich beschließe, beeindruckt zu sein. Freiwillig. Das macht einen Unterschied. Bestimmt.
Der Heimweg führte durch Straßen, die schon voller Abend waren und Sora ging sie, ohne sie zu sehen. Der Stein. Der Direktor. Eine Magie, die ihn mehr kosten würde als andere. Die Gedanken liefen im Kreis und nahmen ihn mit.
Der Aufprall kam von der Seite und ohne Vorwarnung. Etwas Hartes, Schmales prallte gegen seine Schulter und im nächsten Moment saß ein Junge auf dem Pflaster, vielleicht ein Jahr älter als er und hielt ein zusammengefaltetes Papier umklammert, als wäre es das Einzige, was ihm gehörte.
Hinter Soras rechtem Auge zog es. Kalt, kurz, von innen. Er rieb es beiläufig mit dem Handballen. Staub vom Aufprall, dachte er.
„Verzeihung“, sagte Sora, aus Gewohnheit höflich, und streckte die Hand aus. „Alles in Ordnung bei dir?“
„Pass doch auf!“ Der Junge war schon auf den Beinen, ohne die Hand auch nur anzusehen. Schwarzes Haar, ein Blick wie eine zugeschlagene Tür.
Dann rannte er davon, das Papier an die Brust gepresst und die Gasse nahm ihn auf.
Er ist in mich gelaufen. Das halte ich der Vollständigkeit halber fest. Kleidung sauber und zweimal geflickt. Allein unterwegs, kurz vor Dunkelheit. Rennt, als wäre Ankommen wichtiger als Wegkommen. So weit die Daten. Und darunter etwas, das sich nicht einordnen lässt. Wie ein Zimmer, in dem ein Möbelstück fehlt, ohne dass ich sagen könnte, welches. Vermutlich Menschenkenntnis. Was sonst.
Er sah der Gasse noch einen Moment nach. Dann ging er weiter und seine Gedanken gehörten wieder dem Direktor.
Zuhause wurde die Tür geöffnet, bevor er anklopfen konnte.
„Da bist du ja!“ Hokori packte ihn an den Schultern, im Flur, im Licht. „Wie war es? Wie ist es gelaufen? Hast du –“
„Kori.“ Meiyo stand hinter ihr, die Arme verschränkt. „Lass ihm Luft. Er weiß selbst noch nichts.“ Ein Blick zu Sora. „Oder?“
„Die Ergebnisse kommen morgen früh“, sagte Sora und das war nicht einmal gelogen.
„Aber ich platze!“ Hokori warf die Hände hoch. „Mein Sohn, vielleicht Schüler der besten Schule des Königreichs und ich soll bis morgen schlafen?“
„Ich bin genauso gespannt“, sagte Meiyo. „Aber ehrlich: unser Sora? Der hat bestanden. Womöglich mit einem Rekord.“
Er sagt es als Scherz. Morgen wird er es als Prophezeiung erzählen. Die Bestätigung sitzt in mir wie ein warmer Stein. Ich könnte sie jetzt herausgeben. Aber wenn die beiden schon beim Vielleicht so leuchten, platzt beim Gewiss das Haus. Ich verschiebe das Platzen auf morgen. Taktische Rücksicht. Der Rest ist keine Kategorie, die ich führe.
Am nächsten Morgen herrschte auf dem Gelände der Magieakademie ein Treiben, als hätte jemand einen Markt mit einer Parade gekreuzt. Die neunundzwanzig verbliebenen Prüflinge waren mit ihren Familien gekommen und über dem Platz thronte eine Tafel, hoch wie ein Stadttor. Auf der Tafel standen vierzehn Namen.
Sora fand seinen, ohne suchen zu müssen. Er stand dort, wo man zuerst hinsah. Dann rollte die Stimme über den Platz, dieselbe wie am Vortag.
„Guten Morgen und danke für euer Kommen. Vor euch stehen die Namen derer, die in diesem Jahr die Aufnahmeprüfung der Magieakademie von Estalia bestanden haben. Ein besonderer Glückwunsch gilt Sora Takafushi, der die Prüfung mit einem neuen Rekord abgeschlossen hat. Wir gratulieren allen, die ihren Namen lesen.“
Der Platz tat, was Plätze tun. Erst die Stille, dann das Getuschel, dann die Blicke, die einen Namen mit einem Gesicht verbinden wollten. Takafushi, lief es durch die Reihen, der Sohn des Generals. Hokori hatte beide Hände vor dem Mund und es half nichts, das Strahlen kam darüber hinweg. „Ein Rekord“, flüsterte sie. „Mein Junge.“
Meiyo sagte nichts. Er nickte, ein einziges Mal, tief. Sora hatte aufgehört, das Nicken zu zählen. Behauptete er.
Ziel: Mittelfeld. Ergebnis: Tafelspitze mit Sonderglückwunsch vor versammeltem Adel. Ich werde meine Definition von unauffällig überarbeiten müssen oder gleich Direktor Hiroshis Rat befolgen und einen besseren Plan bauen. Und ganz unten, unter dem Ärger, sitzt etwas und gefällt sich. Ich sehe nicht hin.
Der zweite Name auf der Tafel lautete Nisho Shinkuya. Sora ließ den Blick über den Platz gehen, wie er es immer tat und blieb hängen. Am Rand der Menge, dort, wo die Familien dünner wurden und dann aufhörten, stand der Junge vom Vorabend. Schwarzes Haar. Das Papier war fort, die zugeschlagene Tür war noch da. Niemand stand bei ihm. Niemand richtete ihm den Kragen.
Der Junge sah nicht zu den Familien. Er sah auf die Tafel, auf die zweite Zeile und sein Kiefer arbeitete. Die Hände an seinen Seiten waren Fäuste, weiß an den Knöcheln. Er sah den zweiten Platz an, wie andere Leute einen Gegner ansehen.
Hypothese: Der zweite Name gehört ihm. Belege: ein Blick, der nur einer Zeile gilt und eine Wut, die zu privat ist für fremde Namen. Ehrgeiz will Beifall. Das da will etwas anderes und ein zweiter Platz hat es ihm verweigert.
Dann drehte der Junge den Kopf, als hätte er das Beobachtetwerden gespürt und ihre Blicke trafen sich über den Platz hinweg. Es lag nichts Fragendes darin. Der Junge sah ihn an, sah an ihm vorbei zur Spitze der Tafel und wieder zurück und damit war alles gesagt. Er wusste, wessen Name über seinem stand.
Er wandte sich ab und ging, noch während über den Platz die Glückwünsche liefen. Keine Eile, kein Stolpern, nur ein gerader Weg durch eine Menge, die für ihn keine war. Das Tor nahm ihn auf.
Interessant. Ich gewinne und fühle mich ertappt. Er verliert nichts als einen Rang und geht, als hätte man ihm etwas genommen. Ich werde herausfinden, was.
„Zeit zu gehen“, sagte Hokori und nahm seine Hand. In ihrer Stimme saß ein neues Geheimnis und es gefiel ihr ausgesprochen gut. „Er wartet bestimmt schon.“
„Wer wartet?“
Aber da zogen sie ihn schon Richtung Tor, und niemand antwortete.
