Ungerechtigkeit ist der Ursprung des Chaos · Kapitel 9

Kapitel 8 - Ein Riss in der Mauer

Jedes Bildungsinstitut hat eine ungeschriebene Hierarchie. Das muss jeder Irgendwann lernen und man entscheidet selbst, ob man sich unterordnet oder sich widersetzt. Wenn man anderen dabei hilft, gibt es sogar einen doppelten nutzen.

Isekai, Fantasy, Action, Psychological, Drama, TragedypublishedVeröffentlicht: 2026-06-242.085 Wörterca. 9 Min.

Jedes Bildungsinstitut hat eine ungeschriebene Hierarchie. Das muss jeder Irgendwann lernen und man entscheidet selbst, ob man sich unterordnet oder sich widersetzt. Wenn man anderen dabei hilft, gibt es sogar einen doppelten nutzen.

Die Jahre an der Akademie hatten eine Ordnung, die in keinem Lehrplan stand und trotzdem strenger befolgt wurde als jede Regel der Lehrer.

Sora war elf, als er diese Ordnung vollständig durchschaut hatte, was nicht lange gedauert hatte, denn sie war so alt wie Menschen in Gruppen. Oben standen die Adelskinder, die Söhne und Töchter von Ratsherren, Gutsbesitzern und Baronen. Sie trugen die besseren Roben, kannten einander von Festen, die der Rest nie sah und bewegten sich durch die Flure mit der Sicherheit von Leuten, denen das Gebäude im Grunde gehörte. Darunter kam der breite Mittelbau, Kinder begüterter Familien, ohne Wappen. Ganz unten, dort, wo die Ordnung am wenigsten verzieh, standen die wenigen, die nur durch Begabung hier waren und durch nichts sonst.

Sora gehörte zur Mitte. Er hatte kein Wappen, kein Gefolge, keine Einladungen zu Festen. Aber er hatte einen Namen, der Eindruck machte und den Rekord, der sein Können unanfechtbar machte.

Ein Rekord ist eine komische Währung. Ein Schild und eine Zielscheibe in einem. Sie können mich nicht kleinmachen, also halten sie Abstand. Abstand ist mir recht. Ich habe nie um ihre Nähe gebeten. Ich sehe, wie die Ordnung funktioniert und ich sehe, wen sie sich aussucht, wenn sie jemanden braucht, an dem sie sich groß fühlen kann.

Diesen jemand hatte die Ordnung längst gefunden. Sein Name stand auf der Tafel der Bestandenen direkt unter Soras und er saß seit Jahren einen leeren Platz entfernt und redete mit niemandem.

Nisho Shinkuya hatte alles, was die Obersten verachteten. Er hatte kein Geld, das sah man an der Uniform, sauber, aber zweimal geflickt. Er hatte keine Familie, die ihn abholte, keine Verbindungen, keinen Namen, der irgendwo einen Vater im Rat oder ein Gut im Hinterland bedeutete. Und schlimmer als all das: Er hatte ein Wesen, das sich nicht öffnen ließ, eine Verschlossenheit, die andere als Hochmut lasen, weil sie die einzige Erklärung war, die ihnen einfiel. Dass ein Junge schwieg, weil er nichts zu geben hatte, dass er nicht schon verloren hatte, kam ihnen nicht in den Sinn.


Es kam, wie solche Dinge kommen, an einem unscheinbaren Tag, wegen einer Kleinigkeit.

Die Klasse sollte sich in Gruppen zusammenfinden, für eine Übung in angewandter Magietheorie, zwei oder drei pro Gruppe, frei zu wählen. Sora kannte diese Momente. Die freie Wahl war nie frei. Sie war der ehrlichste Spiegel der Ordnung, die sonst unter Höflichkeit verborgen lag und sie traf immer dieselben.

Innerhalb von Minuten hatten sich die Gruppen gebildet, nach Rang, nach Bekanntschaft, nach allem außer nach Begabung. Und am Ende standen zwei übrig: Sora, weil niemand sich traute, ihn zu wählen und niemand glaubte, gewählt zu werden. Und Nisho, weil niemand ihn wollte.

„Na, Shinkuya.“ Es war derselbe Junge wie damals, der mit der Stickerei am Kragen, nur drei Jahre älter und drei Jahre überzeugter von sich. Sein Name war Goida und sein Vater saß noch immer im Rat. „Keiner will dich. Wieder mal. Langsam solltest du dich fragen, woran das liegt.“

Nisho sagte nichts. Er stand da, den Blick geradeaus, die Hände ruhig an den Seiten und ließ die Worte an sich abgleiten, wie er offenbar gelernt hatte, alles an sich abgleiten zu lassen.

„Mein Vater sagt, Leute wie du sind eine Belastung“, fuhr Goida fort, lauter jetzt, für ein Publikum. „Nur reingerutscht durch Glück. Du nimmst jemandem den Platz weg, der ihn verdient hätte. Einem mit Familie. Einem, der dazugehört.“

Ein paar Umstehende lachten, das halbe, unsichere Lachen von Leuten, die nicht lachten, weil es lustig war, sondern weil Lachen die sichere Seite war.

Da ist es. Genau dasselbe, das sie mir damals in der Pause sagen wollten, nur dass es bei mir an der Tafelspitze abprallte. Bei ihm prallt nichts ab, weil er ihnen nichts entgegenzuhalten hat. Kein Rekord, kein Schild. Nur ein Gesicht, das sie nicht mögen und ein Schweigen, das sie als Beleidigung nehmen. Ich sehe ihn an und sehe — nein. Das ist nicht relevant. Ich sehe ein Werkzeug, das gerade beschädigt wird. Mehr nicht.

Aber das war eine Lüge und Sora bemerkte sie in dem Moment, in dem er sie dachte, wenn auch nur für die Dauer eines Wimpernschlags. Er sah Nisho an und sah einen Jungen, der allein war und irgendwo unter all den Schichten, aus denen er bestand, rührte sich etwas, das nichts mit Strategie zu tun hatte. Es war Wiedererkennung. Er kannte das Alleinsein. Er hatte fast sein ganzes erstes Leben darin verbracht.

Er schob es beiseite, weil es unbrauchbar war und entschied sich für die Variante, die nützlich war.


Sora trat nicht zwischen sie. Er stellte sich nicht vor Nisho, hielt keine Rede, hob keine Hand. Das hätte ihn exponiert und exponierte Verteidiger sammelten Feinde wie Kletten. Stattdessen tat er etwas Einfacheres und Wirksameres.

Er ging zu Nisho hinüber, ganz beiläufig, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt und stellte sich neben ihn.

„Gut.“ Er sagte es an niemanden besonders gerichtet, in dem leichten, klaren Ton eines Jungen, der ein praktisches Problem löst. „Dann sind Shinkuya und ich eine Gruppe. Passt ohnehin. Wir sind die beiden mit den besten Theorienoten der Klasse.“

Es wurde still. Es war ein anderer Satz, als alle erwartet hatten und gerade seine Beiläufigkeit machte ihn schwer zu kontern.

Goida öffnete den Mund. „Das ist —“

„— die beste Paarung für eine gute Note, ja.“ Sora lächelte, freundlich, unangreifbar. „Oder will sich deine Gruppe an unseren Ergebnissen messen lassen?“

Niemand wollte das. Es war keine Drohung gewesen, nur eine Wette und die ließen sich nicht durch Rang gewinnen. Goida wandte sich mit einem verächtlichen Geräusch ab, das so tat, als hätte er das Interesse verloren und in Wahrheit nur die Niederlage verbarg. Die Gruppen lösten sich in Arbeit auf und der Moment war vorbei, bevor er zu einem Moment hatte werden können.

Ich habe ihn herausgeholt, ohne mich hineinzubegeben. Sauber. Und nebenbei steht der wertvollste Junge der Klasse jetzt in meiner Schuld, ob er will oder nicht.

Das war die Geschichte, die Sora sich erzählte. Sie war nicht falsch. Sie war nur nicht vollständig und der unvollständige Teil war der, den er nicht ansah.


Nisho hatte den ganzen Vorgang über kein Wort gesagt und niemand außer ihm wusste, was er dabei dachte.

Er war Schlimmeres gewohnt als Goida. Goida war laut und faul, ein Junge, der andere kleinmachte, weil ihn das größer aussehen ließ. Solche Menschen hatte Nisho gelernt zu lesen wie Wetter — man wusste, wann der Sturm kam und man stellte sich unter, bis er vorbei war. Worte trafen ihn nicht mehr. Er hatte sich vor Jahren einen Ort gebaut, tief in sich, an dem die Worte nicht ankamen und dort wartete er, bis es vorüber war.

Was ihn traf, war etwas anderes.

Es war der Junge, der sich neben ihn gestellt hatte, ohne gefragt zu werden. Der eine Tatsache ausgesprochen hatte, als wäre sie nichts und damit eine Tür zugeschlagen hatte, durch die sonst der Hohn hereinkam.

Was will er. Jeder will etwas. Er hat sich neben mich gestellt, also will er, dass ich mich verpflichtet fühle. Das ist die einzige Erklärung, die Sinn ergibt. Ich kenne diese Sorte. Sie reichen dir die Hand und wenn du sie nimmst, gehörst du ihnen.

Und doch — so sehr Nisho nach dem Haken suchte, er fand ihn nicht ganz. Der Junge hatte nichts verlangt. Er hatte sich nicht einmal umgesehen, ob jemand seine gute Tat bemerkte. Er hatte das Problem gelöst und war zur Arbeit übergegangen, als wäre nichts geschehen und genau diese Selbstverständlichkeit war es, die etwas in Nisho berührte, das er für längst abgestorben gehalten hatte.

Für den Bruchteil eines Augenblicks, kürzer als ein Atemzug, ließ er es zu. Ein kleiner Riss in seiner Mauer. Der Gedanke, dass vielleicht, ganz vielleicht, jemand etwas getan hatte, ohne dafür bezahlt werden zu wollen. Dass es so etwas noch gab. Dass er nicht völlig allein war.

Nein. Genau so fängt es an. Du lässt einen rein und dann nehmen sie dir alles, was übrig ist. Ich habe niemanden mehr. Ich brauche niemanden. Wer allein ist, hat nichts mehr zu verlieren und wer nichts zu verlieren hat, ist frei. Ich darf das nicht vergessen. Nicht für ihn. Nicht für irgendjemanden.

Er sah Sora nicht an. Aber er rückte, während sie an der Übung arbeiteten, ein winziges Stück näher, kaum merklich, gerade so weit, dass der Platz zwischen ihnen schmaler wurde. Es war keine Entscheidung. Es war der Riss, den er nicht ganz hatte schließen können und er hasste sich ein wenig dafür.


Sie arbeiteten den Nachmittag über zusammen und es war, wider Erwarten, leicht.

Nicht warm. Nicht vertraut. Aber leicht, auf die Weise, auf die Arbeit leicht wird, wenn zwei Menschen ähnlich denken und keiner den anderen mit Geschwätz aufhält. Nisho war schnell, schneller als alle anderen in der Klasse und er hatte eine raue, ungeschliffene Art, Probleme anzugehen, die das fehlende Training durch reines Talent ersetzte. Sora sah ihm bei der Arbeit zu und revidierte still eine Einschätzung.

Ich habe ihn für einen Verbissenen gehalten, der durch Willen wettmacht, was ihm fehlt. Das stimmt nur halb. Da ist echtes Talent unter der Verbissenheit, roh, ungelenkt, aber groß. Mit der richtigen Schulung wäre er gefährlich. Frau Ichikawa hat das gesehen, lange vor mir. Deshalb wollte sie uns beide. Sie sucht nicht zwei Schüler. Sie sucht zwei, die zusammen mehr sind als getrennt.

Gegen Ende, als die anderen Gruppen schon packten, sagte Nisho etwas, ohne aufzusehen, in dem knappen Ton, den Sora inzwischen als seine Art kannte, schwierige Dinge zu sagen.

„Du hättest das nicht tun müssen. Vorhin.“

„Ich wollte eine gute Note. Du warst die beste verfügbare Wahl.“

Nisho sah ihn an, kurz, prüfend, mit jenen Augen, die zu viel gesehen hatten für ihr Alter. Es war derselbe Blick wie unter der Treppe, damals, als er Soras Hand ausgeschlagen hatte. Ein Blick, der nach dem Haken suchte.

„Das glaube ich dir nicht ganz, aber es ist eine bessere Lüge als die meisten.“

Und dann, zum ersten Mal, seit Sora ihn kannte, geschah etwas Winziges an Nishos Mundwinkel. Kein Lächeln. Nicht annähernd. Aber die Andeutung davon, sofort wieder weg, so schnell, dass man sich fragen konnte, ob man es sich eingebildet hatte.

Da, eine Lücke. Durch das eine, womit man jemanden gewinnt, der niemandem traut: indem man nichts von ihm verlangt. Geduld zahlt sich aus. Ich habe ihn fast.

Sora glaubte das aufrichtig. Das war das Bittere an der ganzen Sache. Er hatte einen Riss gesehen und ihn für eine offene Tür gehalten. Er hatte nicht verstanden, dass ein Mensch, der einmal alles verloren hat, weil er vertraute, einen Riss nicht als Anfang erlebt, sondern als Gefahr. Dass jedes Stück Nähe, das Nisho zuließ, ihn nicht öffnete, sondern erschreckte. Und dass er die Mauer, kaum dass sie einen Spalt zeigte, mit doppelter Kraft wieder zumauern würde.

Aber das würde Sora erst viel später begreifen. An diesem Nachmittag packte er seine Notizen mit dem ruhigen, verfrühten Triumph eines Menschen, der glaubt, ein Spiel gewonnen zu haben, dessen Regeln er nur halb kannte.


Auf dem Heimweg dachte er über Nisho nach, wie er über vieles nachdachte: gründlich, ordnend, einen Nutzen suchend. Sora hatte gelernt, dass solche Menschen berechenbar waren und dass berechenbar nützlich hieß. Er hatte das damals gedacht und er dachte es immer noch.

Heute hatte sich etwas danebengeschoben, das nicht in die Rechnung gehörte und sich trotzdem nicht vertreiben ließ.

Er trägt dieselbe Wunde wie ich eine getragen habe, nur tiefer. Ich war allein, weil ich es nicht anders kannte. Er ist allein, weil ihm jemand etwas genommen hat. Das ist nicht dasselbe. Meines war Leere. Seines ist Verlust. Und Verlust hinterlässt schärfere Kanten. Ich wollte ihn als Werkzeug. Vielleicht — und diesen Gedanken lasse ich genau einmal zu, dann nie wieder — wollte ich auch einfach nicht der Einzige sein, der weiß, wie sich das anfühlt. Ein Freund, der mich versteht, wie damals.

Er ließ den Gedanken zu, genau einmal, wie versprochen. Dann legte er ihn weg, ordentlich, zu den anderen Dingen, die warm und unbrauchbar waren und sich keiner Berechnung fügten. Er hatte eine wachsende Sammlung solcher Dinge. Er bemerkte nicht, dass die Sammlung das Einzige an ihm war, das wuchs, ohne dass er es plante.

Zu Hause warteten zwei kleine Schatten an der Tür und für eine Weile war kein Platz mehr für Nisho, für Wetten, für das warme, unbrauchbare Etwas. Da war nur ein „Später“, das er einlösen musste und ein Vierjähriger, der bereits abgesprungen war, bevor Sora die Tür ganz geöffnet hatte.