Manche Menschen ertrinken. Andere haben nie schwimmen gelernt, weil das Wasser nie tief genug wurde, um es zu verlangen. Taikutsu Tengoku gehörte zur zweiten Sorte. Mit neunzehn Jahren hatte er den leisen Verdacht, dass sein Leben kein See
Manche Menschen ertrinken. Andere haben nie schwimmen gelernt, weil das Wasser nie tief genug wurde, um es zu verlangen. Taikutsu Tengoku gehörte zur zweiten Sorte. Mit neunzehn Jahren hatte er den leisen Verdacht, dass sein Leben kein See war, sondern eine Pfütze. Flach, still, und so klar, dass man bis auf den Grund sah. Dort lag nichts.
Er studierte Psychologie an einer Universität, die er sich nie hätte leisten können, hätte man ihm nicht ein Vollstipendium zugesprochen. Das trug eine doppelte Ironie. Erstens, weil diese Wissenschaft ihm am wenigsten über sich selbst verriet und am meisten über alle anderen. Zweitens, weil das Stipendium ihn durch die Hörsäle trug, aber an dem Tag, an dem es darauf ankommen würde, nichts wert sein sollte.
Menschen zu lesen fiel ihm leicht, wie das Aufdecken schlecht versteckter Karten. Die Dozentin, die ihre Ehe für glücklich hielt und es nicht war. Der Kommilitone, der laut über seine Noten klagte, um zu verbergen, wie gleichgültig sie ihm waren. Es kostete ihn keine Mühe. Es war keine Gabe, eher eine Gewohnheit, so unauffällig wie Atmen.
Seine Eltern waren aus Japan ausgewandert, lange bevor er geboren wurde, und in dem fremden Land geblieben, dessen Sprache sie nie ganz verloren und nie ganz beherrscht hatten. Er hatte sie nicht gekannt. Sie waren gestorben, als er so klein war, dass ihm von ihnen nichts blieb, kein Gesicht, kein Geruch, keine Stimme, nicht einmal die vage Wärme, die andere Menschen aus ihrer frühesten Kindheit zu retten schienen. Andere trugen wenigstens eine Erinnerung an Liebe mit sich, mochte sie noch so verschwommen sein. Er trug eine Leerstelle, wo diese Erinnerung hätte sein sollen, und er hatte früh aufgehört, sie zu vermissen, weil man nichts vermissen kann, das man nie besessen hat.
Den Rest hatte das Waisenhaus übernommen. Es behandelte ihn nicht schlecht. Es verwaltete ihn.
-Aufstehen. Universität. Essen. Schlafen. Wiederholen. Sprich es laut aus, und es klingt wie ein Gebet. Vielleicht ist es das. Ein Gebet an niemanden. Dafür, dass morgen wie heute wird, weil heute wenigstens nicht wehtut.-
Er saß im Hörsaal, den Blick auf die Tafel gerichtet, ohne ein Wort aufzunehmen. Dann zerrte ihn eine Stimme zurück in die Welt. Laut, hell, und frei von jenem Gewicht, das Taikutsu mit sich herumtrug.
„Hey, Ten! Träumst du schon wieder?“ Akarui Minato ließ sich auf den Platz neben ihm fallen, als hätte der Stuhl ihn eingeladen. Er sprach die Landessprache mit demselben weichen Akzent wie Taikutsu, dem Akzent zweier Menschen, deren Muttersprache woanders zu Hause war. „Wenn du nochmal zu spät kommst, dreht der Professor durch. Richtig durch. Mit Schaum vorm Mund.“
Akarui. Zum Studieren hergekommen, ein halbes Jahr nur, und in diesem halben Jahr der einzige Mensch geworden, den ich nie lesen muss, weil bei ihm nichts verborgen liegt. Er ist genau das, was er zeigt. Vielleicht ist es das, was uns verbindet: zwei Fremde, deren Sprache von zu Hause hier niemand sonst spricht. Manchmal beneide ich ihn um seine Offenheit. Meistens nicht.
„Ich bin doch schon wach“, sagte Taikutsu. „Mein Körper braucht nur länger, um es zu glauben.“
Akarui lachte, und für einen Moment war der Hörsaal weniger grau. Diese Freundschaft hatte Taikutsu sich nicht ausgesucht. Sie war ihm passiert, so wie ihm das meiste passierte. Aber sie war das Wärmste, was er besaß, und an manchen Tagen ließ er es beinahe an sich heran.
-Immer dieselben Gänge. Dieselben Gesichter. Gibt es da draußen wirklich nichts, das einen aufweckt? Irgendetwas, das größer ist als die Frage, ob der Kaffeeautomat heute funktioniert?-
Er sollte diese Frage bereuen. Nicht, weil sie falsch war. Sondern weil das Universum ein schlechtes Gehör für Ironie hatte und ein ausgezeichnetes für Wünsche.
Der Knall kam ohne Vorwarnung.
Im einen Moment kritzelte der Professor eine Formel an die Tafel. Im nächsten zerbarst die Welt. Die Druckwelle riss die Fenster aus den Rahmen und schleuderte Stühle wie Spielzeug durch die Luft. Das Licht erlosch in einem einzigen, weißglühenden Augenblick. Taikutsu spürte, wie es ihn vom Stuhl hob. Er sah Akarui fallen. Er sah etwas auf ihn zustürzen. Und ohne nachzudenken, ohne den Hauch eines Plans, warf er sich dazwischen.
-Das ist nicht strategisch. Das ist nicht durchdacht. Ich tue es trotzdem. Vielleicht der ehrlichste Moment meines Lebens. Schade um das Timing.-
Dann verschwamm seine Sicht. Dann Stille. Dann nichts.
Er war nicht tot. Das war beinahe das Schlimmste.
Es gab kein Licht, keine Bewegung, keinen Körper, der ihm gehorchte. Nur Bewusstsein, eingesperrt in sich selbst. Wie ein Mensch, der im Dunkeln wach liegt und nicht weiß, ob die Tür von innen oder von außen verschlossen ist. Die Zeit verlor ihre Form. Manchmal hörte er Stimmen, wie durch Wasser.
Eine davon kehrte wieder und wieder zurück.
„Ten… es sind Wochen vergangen.“ Akaruis Stimme, aber gedämpft. Etwas lag darin, das er vorher nie gehört hatte. „Ich weiß nicht, ob du mich hörst. Aber du hast mir das Leben gerettet. Ich konnte nicht einmal danebenstehen, ohne mich zu schämen.“
-Ich höre dich. Die ganze Zeit. Sag dem da draußen, dass ich noch hier bin. Kein Laut. Kein Finger. Nichts.-
„Der Täter war ein früherer Student“, fuhr Akarui leise fort. „Verbittert, abgelehnt, allein. Niemand hat es kommen sehen.“ Eine Pause, die zu lang war. „Sie sagen, die Behandlung kostet jeden Tag mehr, als ich mir vorstellen kann. Dein Stipendium zahlt die Vorlesungen, Ten, aber so etwas zahlt es nicht. Und du hast niemanden. Keine Familie, keine Versicherung, die einspringt.“
Wieder eine Pause, und diesmal lag etwas Brüchiges darin, das Taikutsu, hätte er es zeigen können, beinahe getroffen hätte.
„Ich habe alles gegeben, was ich hatte“, sagte Akarui, und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Meine Ersparnisse, das Geld meiner Eltern, alles. Es hat für ein paar Tage gereicht. Nur ein paar Tage. Ich bin selbst nur ein Student aus einem anderen Land, ich… es reicht nicht. Es reicht einfach nicht. Es tut mir so leid.“
-Er hat alles gegeben. Wirklich alles. Ein Junge, der mich seit einem halben Jahr kennt, hat sich für mich ruiniert, und es war ein Tropfen auf einen heißen Stein. Niemand hat je so viel für mich getan. Und es ändert nichts. Das ist die Lektion, nehme ich an. Nicht, dass niemand mich liebt. Sondern, dass selbst Liebe manchmal nicht genug Kleingeld hat.-
Es lag kein Selbstmitleid darin. Eher die kühle Genugtuung eines Menschen, der eine alte Vermutung über die Welt bestätigt sieht. Hätte er lächeln können, er hätte es getan. Schief, freudlos, aber ehrlich – das Lächeln eines Menschen, der lieber recht behält, als getröstet zu werden.
-Ich sterbe nicht, weil mein Körper aufgibt. Ich sterbe, weil eine Rechnung offenbleibt, die niemand begleichen kann. Mein Leben war immer ein Restposten. Ich hätte nur nicht gedacht, dass jemand es mir am Ende so genau vorzeigt.-
„Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit mit dir gehabt“, sagte Akarui. „Vielleicht hast du ja irgendwo eine zweite Chance. Irgendwo, wo es gerechter zugeht als hier.“
-Eine zweite Chance. Klingt wie der Anfang einer billigen Geschichte. Oder einer guten. Kommt ganz darauf an, wer sie schreibt.-
Zwei Tage später stellten sie die Geräte ab. Es gab keinen letzten großen Moment, keine Musik, kein Aufbäumen. Nur einen Atemzug, der nicht mehr kam, und eine Stille, die diesmal vollständig war.
Und dann war die Stille nicht mehr leer.
Er erwachte stehend. Das war bereits seltsam, denn er war sich nicht sicher, ob er noch Beine besaß. Der Raum um ihn hatte keine Wände, keinen Boden, keine Decke. Nur ein gleißendes, randloses Weiß, das nirgendwo Schatten warf. Es fühlte sich weniger wie ein Ort an als wie eine Pause zwischen zwei Gedanken.
Eine Stimme erfüllte das Weiß, ohne von irgendwoher zu kommen. Sie war ruhig und alt und hatte einen Klang, den kein Mensch hätte hervorbringen können, etwas, das gleichzeitig nah und unendlich weit entfernt schien.
„Willkommen, Taikutsu Tengoku. Dies ist der Ort zwischen Leben und Tod. Mein Name ist Tethys.“
„Also doch“, sagte er. „Ich bin tot. Und ich musste nicht einmal ein Passwort für den Himmel eingeben. Bemerkenswert kundenfreundlich.“
-Eine körperlose Stimme. Ein Raum ohne Maße. Wer das hier betreibt, will Eindruck machen. Und wer Eindruck machen will, der will etwas. Nur — ich spüre keine Absicht. Bei Menschen spüre ich sie immer, das Ziehen hinter den Worten. Hier ist nichts dergleichen. Entweder ist dieses Wesen leer, oder es ist so weit jenseits von mir, dass ich es nicht fassen kann. Beides ist neu. Beides gefällt mir nicht.-
„Dein Leben endete“, sagte Tethys. „Dein Schicksal nicht.“
„Lass mich raten. Gleich kommt das Schwert. Und die Prophezeiung. Bitte sag mir, dass es kein Auserwählter-mit-dem-Schicksal-der-Welt-auf-den-Schultern-Gerede gibt.“
„In gewisser Weise gibt es das.“ Tethys' Stimme blieb ruhig, ohne Spott, ohne Wärme, ohne irgendetwas, woran Taikutsu sich hätte festlesen können. „Ich biete dir eine Wahl. Frieden – ein endgültiges Erlöschen, ohne Schmerz, ohne Wiederkehr. Oder Wiedergeburt. In einer anderen Welt. Eine, die jemanden wie dich brauchen wird.“
„Jemanden wie mich“, wiederholte er. „Du kennst mich also.“
„Besser, als du dich selbst kennst.“
-Das ist keine Schmeichelei. Es sagt es, wie man eine Tatsache sagt, ohne Gewicht darauf zu legen. Genau das macht es schwer, ihm zu misstrauen — und genau deshalb misstraue ich ihm. Ein Wesen, das nichts will, das ich erkennen kann, ist gefährlicher als jeder Mensch, dessen Begehren ich lese wie eine Schlagzeile.-
„Diese Welt lebt in einer brüchigen Ordnung“, fuhr Tethys fort. „Eine Zeit naht, in der diese Ordnung zerbricht. Das Chaos kommt. Nicht als Sturm an einem einzigen Tag, sondern als Riss, der sich langsam öffnet, bis nichts mehr hält. Du wirst Jahre haben, bevor es soweit ist. Genug, um etwas zu werden, das den Riss schließen kann.“
„Mit Magie?“, fragte er. Für einen Moment hörte er den Jungen aus dem Waisenhaus in seiner eigenen Stimme. Den, der heimlich auf etwas gewartet hatte, das nie kam.
„Mit Magie. Mit Gefahr. Und mit einer Aufgabe, die du nicht allein bewältigen kannst.“ Eine Pause. „Du wirst nicht der Einzige sein, der gebraucht wird. Es gibt andere. Menschen mit außergewöhnlichem Talenten, jeder auf seine Weise, jeder in einem eigenen Bereich. Es ist Teil deines Schicksals, sie zu finden und dich mit ihnen zu verbünden. Nur gemeinsam habt ihr eine Chance.“
„Wie viele? Und wo? Und – das ist die eigentliche Frage – woran erkenne ich sie?“
„Das wirst du herausfinden.“
Taikutsu wartete auf mehr. Auf Namen, eine Zahl, eine Karte, irgendeinen Anhaltspunkt. Es kam nichts. Tethys schwieg, und das Schweigen war nicht das eines Wesens, das etwas zurückhielt, sondern das eines Wesens, das nicht mehr zu geben hatte oder nicht mehr geben durfte. Die Kargheit war keine Verweigerung. Sie war eine Eigenschaft, so wie Kälte eine Eigenschaft des Winters ist.
Und in diesem Moment traf Taikutsu eine Entscheidung, die später sein ganzes Leben prägen würde, ohne dass er ahnte, wie sehr.
-Ich könnte fragen. Ich könnte bohren, bis es mir mehr gibt — Namen, Orte, eine Anleitung. Aber was hätte ich davon? Mein altes Leben war ein Kreis, den ich auswendig kannte. Vollständig durchschaut und vollkommen leer. Wenn ich noch einmal anfange, will ich nicht wieder das Ende kennen, bevor ich begonnen habe. Ein Rätsel, das ich selbst löse, gehört mir. Eine Liste, die man mir reicht, gehört dem, der sie geschrieben hat. Also frage ich nicht.-
Er hielt diesen Gedanken für Weisheit. Dass er auch etwas anderes war – die Unfähigkeit, sich helfen zu lassen, getarnt als Stärke – kam ihm nicht in den Sinn.
„Und was bekomme ich“, sagte er stattdessen, „außer einer Frist und einer Aufgabe ohne Anleitung?“
„Ein Leben, das man dir nicht so leicht abschalten kann. Eine Familie, die dich erwartet. Deine Erinnerungen. Und ein Talent, das wie bei jenen, in der Welt, seinesgleichen sucht – auf eine Weise, die du nicht erwartest und die dir nicht immer gefallen wird.“
„Eine Familie, die dich erwartet.“ Es wirft das Wort hin wie etwas Beiläufiges. Es weiß nicht, oder es weiß sehr genau, dass es das einzige Wort in seiner ganzen Rede ist, das mich trifft. Familie. Das eine, was ich nie hatte und nie vermisst zu haben glaubte. Ich sollte misstrauisch sein, dass ausgerechnet dieses Wort mich erreicht. Ich bin es auch. Es ändert nichts.
Er hätte fragen können, was es kostete. Warum gerade er. Was mit denen geschah, die ablehnten. Stattdessen sagte er das Einzige, was zählte. Und meinte es zum ersten Mal seit Jahren vollkommen ernst.
„Ich will leben“, sagte Taikutsu Tengoku. „Diesmal richtig. Mit Gewicht.“
„Dann geh.“ Zum ersten Mal lag etwas in Tethys' Stimme, das beinahe wie Mitgefühl klang, und beinahe wie Bedauern. „Und lebe so, dass die zweite Chance es wert war, vergeben worden zu sein.“
Das Weiß zog sich zusammen. Oder er zog sich von ihm fort, das ließ sich nicht mehr unterscheiden. Licht. Wärme. Druck. Ein Schmerz, der kein Leid war, sondern Anfang.
Sein erster Schrei gehörte nicht ihm.
Das war die erste Lektion: Der Körper hatte seine eigenen Gesetze, und sie kümmerten sich nicht um das, was in ihm dachte. Er schrie, weil das Neugeborene schrie. Und das Neugeborene war er. Beides zugleich zu sein war so verwirrend, dass er beinahe vergaß, Angst zu haben.
Warme Hände hielten ihn. Über ihm verschwammen zwei Gesichter, riesig und nah. Er erkannte nichts klar. Aber er fühlte die Aufmerksamkeit, die auf ihn herabsah. Ungeteilt, bedingungslos, von einer Art, die er nicht kannte. Er besaß kein Werkzeug, sie zu lesen, und das war ihm in seinem ganzen früheren Leben nie passiert.
„Sieh nur“, sagte eine Frauenstimme, brüchig vor Erschöpfung und etwas anderem, das er später Liebe nennen würde. „Seine Augen. Das linke ist braun, wie meines. Aber das rechte…“ Ein leises, ungläubiges Lachen. „Blau, wie der Himmel. Das hat er nicht von uns.“
Er spürte ein Ziehen hinter diesem rechten Auge. Kalt, von innen, kaum mehr als ein Hauch. Als hätte etwas tief in ihm für einen Wimpernschlag die Augen geöffnet und sich wieder schlafen gelegt. Es war vorbei, bevor er es benennen konnte. Ein Säugling hat ohnehin keine Worte.
„Er ist vollkommen“, sagte eine Männerstimme, tief. Unter all der Wärme lag darin ein Stolz, der noch nichts wusste und schon alles versprach. „Unser kleiner Sora. Sora Takafushi.“
Ein Kuss auf seine Stirn, federleicht. Und in dem winzigen, hilflosen Körper formte sich ein einziger, klarer Gedanke. In einem Körper, in dem ein neunzehnjähriger Geist gefangen lag wie ein Schwert in einer zu kleinen Scheide.
-Wenn ich noch einmal von vorn anfangen muss – dann nicht als Statist. Nicht als Restposten. Mein neues Leben hat einen Sinn und denn gibt es zu erfüllen.-
-Möge die ganze Welt gegen mich sein. Ich werde das mir auferlegte Schicksal erfüllen.-