Als Leophas diese Worte sprach, wurde der Raum plötzlich etwas dunkler. Ich drehte mich zum Schaufenster und zur Tür. Die Elfe tat es mir gleich, und ich sah, wie sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. Die Verdunkelung kam durch einen gewaltigen Schatten, der sich vor dem Geschäft auftat. Bevor ich fragen konnte, was das zu bedeuten hatte, öffnete sich die Tür – und in dem Moment wurde mir klar, warum sie so überdurchschnittlich breit war. Die Hand, die sie öffnete, war keine Hand, es war eine Pranke. So groß wie ein Kutschenrad. Und hindurch trat kein gewöhnlicher Mann – ein Koloss schob sich durch die Tür und das knarzen der Holzdielen klang durch sein Gewicht wie Schmerzensschreie. Arme so dick wie mein ganzer Körper, sein kantiger, breiter Schädel war kahlrasiert und mit Runen tätowiert. Das Gesicht bedeckte ein gewaltiger schwarzer Bart. Die Haut des Kolosses hatte eine fahle, bläulich-weiße Farbe – wie frisch gefallener Schnee und die Luft wurde subtile Kälter in seiner Anwesenheit. Bekleidet war der Riese mit Bärenfellen und einem breiten Lederharnisch. Aufrecht stehen konnte er nicht – obwohl die Decke relativ hoch war, musste er leicht gebückt bleiben. Einige der Kräuter und Gläser, die unter der Decke hingen, baumelten ihm ins Gesicht. „Ein Jotnar“, stotterte ich und schluckte trocken. Ich drehte mich zu den beiden um und wollte fragen, ob das der Zirkel-Architekt sei. Da quietschte Vioresa freudig auf. Immer noch meinen Ring in der Hand, sprang sie über die Theke und an dem Arm des Riesen hinauf, sodass sie sich mit einer Hand an seiner Schulter festhalten konnte und mit der anderen den Ring vor die kristallblauen Augen des Jotnar hielt. „Halt dich fest, Skjalgir! Unser Gast hier...“ – dabei blickte sie in meine Richtung, und Skjalgirs Blick erfasste mich ebenfalls – „... hat uns einen Ring mitgebracht mit einer – raste nicht aus – 31er Kalibrierung ! Kannst du dir das vorstellen!?“ Die Reaktion von Skjalgir war eher unterwertigend. Er hob eine Augenbraue, schnaubte tief aus und gab ein tiefes Brummen von sich. Vioresa, die immer noch an ihm hing und vor sich hin staunte, sprang mit einem Satz von dem Riesen hinunter. Dieser setzte sich nun in Bewegung – direkt auf mich und den Tresen zu. Ich zuckte zusammen, als er seine gewaltige Hand ausstreckte und über mich hinweggriff. Erst jetzt fiel mir auf, dass die komplette Rückwand keine Wand war, sondern eine Art Scheunentor, das er aufschob und hindurchging.
Verdutzt starrte ich dem sich langsam schließenden Tor hinterher, während die Elfe vergnügt summend Richtung Tresen tänzelte. „Wow! Ich hab unseren Großen lange nicht mehr so begeistert gesehen. Das wird ein Spaß! – Komm, Vedgard, wir gehen in den Keller. Jetzt kann’s endlich richtig losgehen!“ Vergnügt hüpfte sie wieder über den Tresen, packte – zu meiner Überraschung – meine Hand und zog mich Richtung Tür, durch die sie anfangs kam. Als wir zusammen die Treppe hinabstiegen und ich darauf achten musste, nicht zu stolpern, sah ich noch einmal zurück zu dem alten Leophas, der sich gemächlich eine weitere Tasse Tee einschenkte und die rostige Gießkanne wieder auf dem Tisch platzierte.
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